Mittwoch, 20. Dezember 2017

28. September 2017, Queen Elizabeth NP, Gamedrive, Crater Drive, Bootsfahrt

Heute haben wir volles Programm, trotzdem aber stehen wir gemächlich auf und frühstücken erst mal gemütlich, bevor wir uns auf den geplanten Gamedrive in den Ostteil des Parks und die Kraterrundfahrt begeben. Wir sitzen gerade in unserem Pavillon, genießen das erste Mahl des Tages und die Rundumsicht, als plötzlich mehrere Marabus quasi direkt vor unserer Haustür landen. Sofort lege ich meine Stulle beiseite und nähere mich vorsichtig den skurrilen Vögeln, die ich seit langem schon ganz fest ins Herz geschlossen habe. Sie haben es mir einfach angetan mit ihren nackten Hälsen, der runzeligen Haut, den schlotterigen Kehlsäcken, ihrer angeborenen, leicht missmutigen Körperhaltung und den spärlichen, haarartigen Federn auf dem Kopf. Natürlich will ich es mir nicht entgehen lassen, diese einmaligen Gelegenheit zu nutzen (wann kriegt man die Tiere schon zum Frühstück serviert?), Kontakt mit ihnen aufzunehmen und mal auszutesten, wie nah sie mich an sich heranlassen.

Zum Fressen!
Und zum Knutschen!
Langsame Annäherung









Meine Freunde amüsieren sich königlich über mein Marabu-Faible und meine zarten Annäherungsversuche, ich hingegen freue mich einfach nur, dass ich mich einem besonders grießgrämigen Vogel fast bis auf Streichelweite nähern kann. Beruhigend rede ich auf das in seiner Skurrilität so bezaubernde Tier ein und flöte es mit seinem Namen (bei mir heißen alle Marabus Lola) an und mache ihm diverse zärtliche Komplimente. „Lola, ja, ich bin's nur, ich find dich so schön und deine Federchen auf dem Kopf sind so putzig. Schön, dass du mich besuchen kommst! Ich würde dir so gerne das Köpfchen kraulen und das Kehlsäckchen schnuddeln. Ach, bist du eine feine Lola!“ Lola nimmt mein Gesäusel mit stoischer Ruhe hin, äugt nur ab und zu zu mir rüber und zeigt erst Anzeichen beginnender Unruhe, als ich knappe anderthalb Meter neben ihr stehe. Sofort stoppe ich und rede weiter. Lola schließt ihre Augen und gibt mir viel Zeit, sie ausreichend zu bewundern. Meine Freunde hingegen sind etwas ungeduldiger. „Barbara, wir wollen dann mal los! Möchtest du hierbleiben oder mitkommen? Aber der Vogel bleibt da, der hat keinen Platz im Auto!“ Schweren Herzens verlasse ich meine wunderschöne Lola und schlichte mich zu den anderen ins Auto, nicht ohne den Marabus mitzuteilen, dass ich heute Nachmittag wieder hier sein werde und sie zu bitten, auf mich zu warten. „Also, was du an diesen Vögeln findest! Sie sind ja schon nett, aber schön ist was anderes...!“ Tja, das liegt offenbar wirklich im Auge des Betrachters. Ich finde meine Lolas auf jeden Fall unwiderstehlich und winke ihnen liebevoll zu, als wir von der Campsite rollen.

Morgenstimmung
Uganda-Kobs
Kronenkraniche









Beim Verlassen des Lodgegeländes stellen wir befriedigt fest, dass unsere Grillhähnchen-Briten abgereist sind. Super, die versauen uns die heutige Bootstour schon mal nicht mit ihrer GoPro-Teleskopstange! Doch jetzt wollen wir ohnehin erst mal den festlandigen Teil des Parks erkunden. Zu diesem Behufe fahren wir zurück zum zweiten, dem tsetse-verseuchten Gate, überqueren die Zufahrtsstraße und befinden uns nun im östlichen Sektor des Queen Elizabeth NPs, Kasenyi genannt, der uns sofort mit zahlreichen Tieren empfängt. Kobs, Warane, diverse Vögel, eine große Büffelherde und, uih, was ist da hinten? Eine beträchtliche Autoansammlung verheißt eine Sichtung, die von allgemeinem Interesse zu sein scheint. Bald sehen wir, um was es sich handelt: ein größeres Löwenrudel räkelt sich auf einer weiten Ebene, die von einigen niedrigen Bäumen und Termitenhügeln bestanden ist. Mehrere Männchen, diverse Weibchen und ein paar Halbwüchsige liegen faul in der fahlen Morgensonne herum, strecken die Pfoten gen Himmel oder schmiegen sich einfach ins Gras. Gut sichtbar, aber dennoch ziemlich weit weg - mhm, Löwen, faule Löwen, Tele-Löwen. Natürlich freuen Heinz und ich uns auch, sie zu sehen, für uns aber würde ein Viertelstündchen des beobachtenden Beiwohnens völlig ausreichen. Doch wir kennen unsere Freunde... Und wie erwartet bleibt es nicht bei einer Viertelstunde. Begeistert starren sie durch ihre Ferngläser und brechen bei jedem Ohrenwackeln in schieres Entzücken aus. Als sich schließlich einer der Jugendlichen erhebt und etwas halbherzig versucht, einen Minibaum zu erklettern, sind sie nicht mehr zu halten. Der Junglöwe aber gibt seinen Kraxeltest recht schnell wieder auf und lässt sich ermattet in den Schatten des Bäumchens plumpsen. Schicht im Schacht für die nächsten dreißig Minuten! Aber er könnte es ja nochmal probieren... Nun ja, jedem das seine; auch Heinz und ich mit unseren Spleens wollen schließlich immer wieder ertragen werden.

Aaaah, er kuckt!
Uih, er steht!
Das wars dann schon wieder!









Sieht auch recht untätig aus!
Die Manguste ist etwas
umtriebiger
Chlorophytum sp.









Doch die Löwen sind nun tatsächlich für längere Zeit so untätig, dass nicht nur wir uns zu langweilen beginnen. In einem Lodge-Fahrzeug, das direkt vor uns steht, fangen zwei junge Männer an herumzualbern und einen imaginären Film zu drehen. Der eine steht auf, hängt sich von außen ans Auto und mimt den Hardcore-Survival-Experten, der andere interviewt ihn dabei und macht laut schreiend und heftig gestikulierend auf die Riesen-Raubtiere im Hintergrund aufmerksam. Und der begleitende Guide unternimmt – nichts! Milde lächelnd lässt er seine Klienten tun, wonach ihnen ist, vertieft sich stattdessen lieber sich in seine Morgenzeitung. Dieses seltsame Treiben wird dann auch unseren großkatzenaffinen Freunden letztendlich zu viel und wir verabschieden uns von den Löwen, um langsam wieder in den westlichen Teil des Parks zurückzukehren, wo die Kraterlandschaft auf uns wartet. Langsam zockeln wir Richtung Gate und wundern uns dabei immer wieder über einheimische Radfahrer, die, schwer beladen mit Bananenstauden, mitten durch den Nationalpark pedalen. Gut, wir haben im Vorfeld schon mehrmals gelesen, dass man es hier, im Queen Elizabeth Nationalpark nicht so genau nimmt, was Radfahrer anbelangt - der Park ist sogar unter europäischen Radlern als problemloses Ausflugsziel bekannt -, wir staunen aber trotzdem. Für uns Autofahrer hat man schließlich die Mühlen der Bürokratie gleich dreifach mahlen lassen, weswegen wir uns nicht erklären können, warum man ausgerechnet mit Radfahrern so lax umgeht. Außerdem haben wir gerade Löwen gesehen, und, auch wenn sie stinkfaul waren, möchte ich nicht wissen, was passiert, wenn ein Radler unvermutet auf ein Rudel der Raubkatzen trifft. Und noch dazu einer, dessen Gefährt mit über hundert Kilo Bananen beladen ist. Auf die gelben Früchte jedenfalls dürften Löwen eher nicht scharf sein. Andererseits ist mir auch noch nichts von etwaigen Unfällen zu Ohren gekommen. Nun ja, die Jungs werden schon wissen, was sie tun – hoffentlich!

Perlenkette aus Flamingos
Teil der Kraterlandschaft
Wasser-Verunreiniger









Wir für unseren Teil fühlen uns in unseren Autos jedoch deutlich sicherer und verlassen dergestalt den Ostsektor des Parks, um uns nun auf den, zumindest von mir, heiß ersehnten Crater Drive zu begeben. Und ich habe mich nicht umsonst gefreut: ein erstaunlich gut befahrbarer Weg führt in großen Bögen zwischen den Kratern hindurch, schraubt sich immer wieder auf einen Rand hinauf und erlaubt wundervolle Aussichten auf einige der malerischen Calderas, von denen jede anders aussieht. Der erste Krater, an dem wir anhalten, der Kitagata Crater (zumindest vermute ich das), ist mit Wasser gefüllt und blickt uns an wie ein dunkelblaues Auge, umgeben von üppig grünen Flanken. Links, tief unten am Ufer, staksen in einer langen Reihe rosarote Flamingos herum und wirken wie ein kostbares Perlencollier, das sich um den Kratersee schmiegt. Weiter rechts steht ein einsamer Büffel bis zu den Knien im eigentlich wunderbar klaren Wasser, doch um ihn herum breitet sich in konzentrischen Kreisen eine trüb-braune Brühe aus. Der Bulle hat schlicht und einfach in den Kratersee gekackt – doch selbst das sieht aus dieser Entfernung und unserer Vogelperspektive irgendwie pittoresk aus. Lange stehen wir hier oben, saugen die Szenerie in uns auf und lauschen dem leisen Vogelgezwitscher; sogar das gelegentliche Schnauben des Bullen und das Plätschern seiner Beine im Wasser kann man hören. Es ist wunderschön! Doch der Kitagata ist ja nicht der einzige Krater, sodass wir uns nach geraumer Weile wieder auf den Weg machen, um zu schauen, was diese Wunderwelt noch alles zu bieten hat. 

Kraterrand
Grüne Caldera
Kapernbusch









Und es folgt einiges: hübsche Täler mit interessanter Vegetation zwischen den Kratern, kleine wasserlose Krater, die auffällig pflanzenlos daherkommen, größere Krater mit winzigen Weiherchen an deren tiefster Stelle und schließlich eine sehr ausladende, leicht unregelmäßig geformte Caldera, deren Hänge in intensivem Grün erstrahlen. Die Vulkanschüssel ist so schön anzusehen, dass wir beschließen, hier Pause zu machen. Wir pfeifen uns einen kleinen Snack ein, während wir den Ausblick in vollen Zügen genießen und unsere Blicke in die Caldera schweifen lassen, wir wandern am Kraterrand entlang, sitzen staunend auf einem kleinen Felsen, erkunden die umgebende Botanik und fühlen uns rundherum wohl. Nach dieser sehr entspannenden Ruhepause jedoch müssen wir uns dennoch losreißen, denn schließlich haben wir für heute Nachmittag einen Bootsausflug auf dem Kazinga Channel gebucht und dazu möchten wir auf keinen Fall zu spät kommen. Also klettern wir wieder in unsere fahrbaren Untersätze, schunkeln in einem ausladenden Bogen zwischen neuen, noch nicht gesehenen Kratern auf die Hauptstraße zurück und steuern unser Camp an, wo wir kurz noch ein paar Dinge erledigen müssen, bevor wir erneut zur Mweya Safari Lodge hinunter fahren.

Anlegesteg
Bettelndes Weberkind
Das irritierte Chamäleon









Annette und Jochen, die die Bootstour schon vor ein paar Wochen absolviert hatten, setzen uns hier, am lodgeeigenen Anlegesteg, ab und brausen wieder von dannen (so eine Bootstour ist ja durchaus nicht ganz billig - auch wenn man sie sich immer und immer wieder gerne gönnen würde). Wir hingegen, die wir die Tour zum ersten Mal machen, begeben uns an Bord des bereits für den Publikumsverkehr geöffneten Boots. Es ist eine ziemlich große, rechteckige Aluschüssel mit flachem Rumpf, zwei Schatten-Decks und einem laut tuckernden, heftig rauchenden Motor. Wir sind so ziemlich die ersten Passagiere, weshalb wir uns die Plätze aussuchen können. Natürlich klettern wir nicht nach oben (da hätte man vielleicht den besseren Überblick), sondern platzieren uns in unmittelbarer Relingnähe auf dem unteren Deck, direkt neben der Fallreep. Hier sitzen wir, wenn wir richtig kalkuliert haben, ganz vorne, sobald das Boot auf dem Kazinga Channel Fahrt aufnimmt, solange es jedoch noch am Steg liegt, haben wir alle im Auge, die nach uns an Bord klettern. Menschenkucken ist  immer interessant! Allerdings werden wir bald von etwas noch viel Interessanterem abgelenkt: direkt neben uns sitzt ein kleiner Webervogel im Schilf und bettelt mit leisen Tschilp-Lauten um Futter – mit Erfolg! In regelmäßigen Abständen kommen seine Eltern herbeigeflogen und versorgen ihn mit Köstlichkeiten, die der flausche Jungweber mit unersättlicher Gier und erstaunlichem Aufnahmevermögen in sich reinstopft. Kein Wurm ist ihm zu groß und kaum ist ein Brocken geschluckt, schon bettelt er wieder. Wir amüsieren uns köstlich, seine Eltern, für die die Nachwuchsaufzucht Schwerstarbeit bedeutet, wohl weniger. Und auch ein Chamäleon, das Gabi einen halben Meter neben dem Vögelchen entdeckt, scheint etwas irritiert durch den permanenten Flugverkehr.

Wir nehmen Fahrt auf
Hippomama mit Nachwuchs
Badende Büffel









Über unseren Beobachtungen bekommen wir fast nicht mit, dass der Fallreep eingezogen wird und sich das Boot zum Ablegen bereit macht. Erst ein leichtes Schaukeln und das Aufröhren des Motors bringt uns zurück in die Welt der bevorstehenden Bootstour. Uih, es geht los! Artig lauschen wir den einführenden Worten des Bootsguides und halten unsere Nasen gespannt in den lauen Fahrtwind. Das Schiff zieht einen weiten Bogen und tuckert dann am gegenüberliegenden Ufer entlang, wo es vor Tieren nur so wimmelt. Büffel, Kobs, Buschböcke, Elefanten, Warzenschweine, Pelikane, Kormorane, Sattelstörche und viele andere Vögel haben sich hier versammelt, um die Vorzüge des Wassers zu genießen. Es wird getrunken, geplanscht, gebadet, gedümpelt, gefischt und gefressen. Die eigentlichen Flussbewohner, Krokodile und Nilpferde, sind an diesen Rummel gewöhnt und ertragen ihn klaglos.

Unruhige Hippodame
Man sieht schon ein Füßchen!
Kann man die werdende Mutter
nicht in Ruhe lassen?
Es gibt doch genug andere Hippos!











Wir sind schon eine ganze Weile unterwegs und genießen diese Fahrt in vollen Zügen, als uns plötzlich ein Hippo auffällt, das ein Problem mit irgendetwas zu haben scheint. Die anderen Tiere sind es wohl nicht, also muss es unser Boot sein. Nichtsdestotrotz halten wir in gerader Linie auf das Nilpferd zu, das immer unruhiger wird. Es flieht in seichteres Wasser und plötzlich sehe ich, was los ist: es ist eine Kuh, die gerade ein Kalb gebiert! Wenn man ganz genau hinsieht, kann man ein kleines Stumpelbeinchen erkennen, das sich bereits seinen Weg nach draußen gebahnt hat. Aufgeregt aber möglichst unauffällig mache ich meine Freunde darauf aufmerksam, denn ich will unter allen Umständen vermeiden, das diese Geburt auch bei den anderen Aufsehen erregt. Doch leider dauert es nur noch eine knappe Minute, bis auch der Guide überrissen hat, was Sache ist. „She's giving birth!“, schreit er. Innerhalb von 15 Sekunden ballen sich alle Passagiere auf einer Seite des Boots, sodass dieses sich kurzfristig deutlich neigt, und starren wie gebannt auf das arme Hippo, das sich fast nicht mehr zu helfen weiß. Bah, ich bin echt sauer! Klar ist das ein einmaliges Erlebnis, mit dem man bei den Touris extrem punkten kann, aber man hat doch als Guide auch eine Verantwortung den Tieren gegenüber. Und es ist deutlich sichtbar, dass sich die Nilpferdkuh zutiefst beunruhigt und bedrängt fühlt! Endlich sieht auch der Guide das ein und heißt den Bootsführer abdrehen. Himmel, das wurde echt Zeit! Einige der Fahrgäste murren zwar, zeigen sich dann aber als einfühlsame Tierversteher und geben schließlich Ruhe. Die weitere Tiervielfalt jedoch, die uns auf dem Weg bis zur Mündung des Kazinga Channels in den Edwardsee begegnet, ruft bei vielen Gästen nicht mehr das selbe Interesse hervor, wie sie das vorher, vor dem gebärenden Nilpferd, tat. Schade eigentlich, denn es gibt wirklich viel zu sehen …


Am Ende des Kanals
Vogelvielfalt am Ufer
Buschbock









Graufischer-Pärchen
Zwei „Dickhäutige“
Croc beim Sonnenbad








Dann haben wir das Ende des Kanals erreicht, das Boot dreht und nimmt zielstrebig den Rückweg in Angriff. Und wie schon auf dem Launch Trip im Murchison Falls NP geht das auch hier mit größerer Geschwindigkeit vonstatten. Schließlich hat man ja bereits alles auf dem Hinweg gesehen... Nur das Hippo ist offenbar nicht in Vergessenheit geraten. Angespannt warte ich darauf, welche Entscheidung der Guide wohl treffen wird, sobald wir uns der Geburtsbucht nähern. Und es war so klar wie Kloßbrühe – zielstrebig steuert unsere Transportschüssel die Uferregion besagter Flussbiegung an. Und wieder sammeln sich die meisten Passagiere auf der uferzugewandten Seite der Reling, um nur ja nichts zu verpassen.

Das Neugeborene
Ja, und da ist sie – mit ihrem frischgeborenen Kalb, das mit runden, noch leicht verschleierten Kulleraugen in die Welt schaut. Zugegeben, es ist herzallerliebst mit seinen umgeklappten Öhrchen und seinem runden Kindergesicht, aber ich fühle mich trotzdem unwohl, weil wir die junge Mutter und ihr Baby meiner Meinung nach schlicht und einfach in Ruhe lassen sollten. Trotzdem nähert sich das Boot immer weiter. Ich winde mich, wir winden uns, alle anderen sind begeistert. Plötzlich sehe ich aus dem Augenwinkel heraus ein weiteres Hippo auftauchen, auf der anderen Seite des Boots. Nur kurz ist es an der Oberfläche, verschwindet gleich darauf wieder in einem Strudel schäumenden Wassers und Sekunden danach rummst es in wütendem Zorn von unten gegen den Bootsrumpf, taucht wie ein Torpedo erneut auf und schiebt sich schnaubend zwischen Mutter, Kind und unser Boot. Erregt starrt es uns Eindringlinge an, signalisiert, das es zu einem weiteren Angriff bereit ist. Der Guide ist völlig verdutzt, gibt dem Kapitän dennoch Befehl zum Rückzug und faselt irgendwas ins Mikro, um die recht aufgebrachten Passagiere zu beruhigen. Tja, so was kommt von so was! Ich kann den Druck der Guides verstehen, den Gästen etwas Tolles bieten zu müssen, bei solchen Aktionen jedoch hört sich mein Verständnis auf. Und auch die Denke der Gäste kann ich nicht nachvollziehen. Safari, Safari, nur die Sensation zählt, auf Biegen und Brechen will man etwas Spannendem, etwas Einzigartigem beiwohnen, vergisst dabei jedes Feingefühl, jeden Anstand und ist dann empört, wenn die eigene Sicherheit in Gefahr gerät. 

Doch nachdem das Boot eilig den Rückzug angetreten hat und die junge Mutter nebst ihrem Neugeborenen und dem vehementen Beschützer nun endlich allein in ihrer Bucht sein dürfen, beruhigen sich die Gemüter der Passagiere wieder. Eine Weile wird noch über das eben Erlebte geplaudert, man hört Worte wie „gorgeous“, „amazing“, „awesome“... Das übliche halt. Minuten später allerdingsist das außergewöhnliche Erlebnis bei den meisten wieder vergessen und der Großteil der Bootsausflügler versinkt erneut in die typische „Schon-gesehen“-Apathie der Rückfahrt. Bald darauf erreichen wir den Steg der Lodge, sodass auch der Gelangweilteste Erlösung erfährt, und die Passagier-Schar klettert von Bord. Gabi, Erika, Heinz und ich lassen uns Zeit – Annette und Jochen sind schließlich noch nicht zu sehen -, und verlassen als letzte Gäste das Schiff. Gerne hätte ich den Guide ja noch gefragt, wie er die ungute Situation mit der Hippomutter empfunden hat, doch der Knabe will sich partout nicht zeigen. Na ja, auch egal, ich werde mit meiner kritisch gemeinten Frage ohnehin nichts ändern. Morgen Vormittag ist die nächste Tourifuhre dran und ich bin sicher, so sicher wie das Amen in der Kirche, dass das Ausflugsboot in die Geburtsbucht einfahren wird, um unseren Nachfolgern noch einmal ein wenige Stunden altes Nilpferd zeigen zu können. Und das mit oder ohne meine unbequeme Nachfrage...

Tja, das ist Safari-Industrie, eine Geld-Maschinerie, die eben nach den gewinnbringendsten Sichtungen trachtet. Einerseits verständlich, denn es ist das große, einmalige Abenteuer, das man, heraufbeschworen durch zahlreiche Tierfilme, hier in Afrika zu erleben erwartet. Dafür hat man ’ne Menge Geld ausgegeben, das, und das darf man auch nicht leugnen, zumindest zum Teil dazu beträgt, diese phantastische Natur, die bei uns in Europa oder in Amerika schon lange deutliche Schlagseite hat, zu erhalten. Andererseits sehe ich immer wieder, dass so vielen Touristen ein gewisser Grundrespekt, ein Genießenkönnen abseits der filmprovozierten Erwartungserfüllungen fehlt, was mir echt weh tut. Und der unterbezahlte heimische Guide, der vielleicht wieder ein ganz anderes Verständnis der Situation hat, muss halt mitziehen, um dem Touristen das zu bieten, wofür der bezahlt hat. Es ist auf der ganzen Linie verfahren!

Zurück am Anlegesteg
(Senna didymobotyra)
Mit diesen Gedanken setze ich mich gerade stirnrunzelnd auseinander, als wir am Anlegesteg herumwandeln und auf unsere Freunde warten, die kurz darauf die Abfahrt heruntergepest kommen, um uns wieder aufzusammeln. Natürlich wollen die beiden genau wissen, was wir alles erlebt haben. Und, wie nicht anders zu erwarten, begeistern sich auch Annette und Jochen ganz außerordentlich für die Nilpferdgeburt. Nun ja, war ja auch ein tolles Sighting, aber eben nicht unter diesen Umständen! 

Neugierige Mangusten
Alles wird inspiziert
Beinahe zutraulich …









Dafür gefällt mir unsere nächste Sichtung um Längen besser: wir kurven soeben auf das Plateau unserer Halbinsel, als eine Schar wuseliger Zebramangusten unseren Weg quert. Wir müssen anhalten, um die quirligen Kerlchen nicht in Gefahr zu bringen – eine Tatsache, die die Mangusten gleich nutzen: sie huschen unter die Autos, kommen jedoch auf der anderen Seite nicht mehr zum Vorschein. Verdutzt steigen wir aus und sehen nach, wo die Gustis abgeblieben sind. Und was wir da erblicken, bringt uns zum Schmunzeln. Die kleinen Tierchen haben den Unterboden und die Radkästen unserer Gefährte erobert und klettern neugierig auf Reifen, Spurstangen und dem Auspuff herum. Doch jetzt, wo wir uns außerhalb der Autos befinden, gibt es noch etwas viel Interessanteres – nämlich uns. Die Mangusten inspizieren uns gründlich, schnuppern an unseren Schuhen, buddeln unter unseren Sohlen, sehen uns knopfäugig an und kommentieren all das mit herzallerliebsten Quieklauten; eine äußerst wortreiche und drollige Art, sich untereinander zu verständigen. Vor lauter Begeisterung gehe ich zu Boden und quieke mit, was von den Mangusten mit völligem Selbstverständnis zur Kenntnis genommen wird. Ich bin hingerissen! Leider aber haben die niedlichen Streifenmungos nach fünf Minuten genug von uns und machen sich quietschend von dannen. Vorsichtshalber spähen wir noch einmal gründlich unter die Autos, um uns zu vergewissern, dass alle Gustis abgezogen sind, bevor wir den letzten halben Kilometer zum Camp fahren, wo wir heute unseren letzten Abend verbringen werden.

Und schon von weitem sehe ich, dass die Marabus wieder (oder noch?) da sind! Während es sich meine Reisegenossen im Pavillon gemütlich machen, ziehe ich es vor, meinen Sundowner inmitten dieser putzigen, gefiederten Griesgrame zu einzunehmen und sie noch ein wenig zu beflöten. Aber auch dieses Tête-à-tête hat bald ein Ende, denn die Dämmerung senkt sich über die Mweya Peninsula herab und meine geliebten Lolas sehen zu, dass sie rechtzeitig ihre Schlafbäume erreichen. Bedauernd winke ich ihnen hinterher, werde jedoch sofort von Heinz mit einer ablenkenden Aufgabe betraut: er möchte gerne noch seine Wildkameras aufhängen, irgendwo hinter unserem Zelt, da, wo die Büffelautobahn vom Ufer heraufführt. Ich soll sozusagen Schmiere stehen, damit er nicht von einem der Rinder oder anderem Getier überrascht wird, während er die Kameras montiert. Das mache ich doch gerne! Gemeinsam robben wir also vorsichtig durchs Gebüsch und suchen zwei geeignete Stellen für die Anbringung der Starenkästen, genießen nebenbei den wundervollen Ausblick auf den See und machen gleichzeitig noch einen kleinen Abendspaziergang. Was nicht schadet, denn bei Safari-Urlauben kommt naturgemäß die körperliche Betätigung meist ins Hintertreffen. Na ja, wir verausgaben uns nicht, aber ein bisschen Bewegung war es auch und der nächste Sundowner und das Abendessen schmecken so umso besser. Hach ja, das war ein toller Tag heute, trotz des unerfreulichen Zwischenfalls! Erlebnistrunken und glücklich begeben wir uns zu späterer Stunde in die Zelte und lauschen noch eine Weile den Geräuschen der Nacht, bevor uns Morpheus zu sich holt...



Weitere Impressionen des Tages:

Kobherde
Faule Löwen
Waran in der Morgenkühle









Zebramanguste
Hibiscus-Gewächs
Büffel-Notdurft









Hammerköpfe
Ist das bequem?
Sattelstorch









Nilgänse mit Küken
Seeadler kurz vor dem ...
... Start
(ein amerikanischer Passagier
fragte: „Is this an American
Fish Eagle...?“)









Croc mit Schaumkrönchen
Jagender Graufischer
Übermut oder Unmut?









Gemeinschaftsbad
Ne, lieber allein!
Hippos in Streichelweite









Kormorane, Pelikane
und, und, und ...
Fischerdorf am Kanal
Fischersleute









Unser Pavillon
vom Wasser aus
In den Uferbäumen ...
... gibts auch viel zu sehen!









Bokmakierie
Weber bei der Gefiederpflege
Die Gattin ist fleißig