Donnerstag, 7. März 2019

12. Oktober 2015; erneuter Flugversuch von Mbeya nach Dar und München via Dubai

Ein neuer Tag, ein weiteres Frühstück am Boden, obwohl wir es doch in der Luft hätten zu uns nehmen sollen, weitere Stunden auf dem Gelände des ICC. Doch auch diese Zeit geht vorüber. Pünktlich, wie von Mr Idrissa angekündigt, kurvt eine spaziöse Limousine auf dem Hof des ICC ein, um uns abzuholen, wir verabschieden uns ein weiteres Mal von Annette und Jochen und lassen uns zum Flughafen chauffieren. Kaum eingecheckt und in der Abfertigungshalle eingetroffen, begrüßt uns Mr Idrissa. „Hallo, herzlich willkommen. Hat alles geklappt mit der Abholung? Übrigens: heute Abend gehen zwei Flüge nach Dar, und ich habe Sie, obwohl Sie auf den späteren gebucht wurden, auf den früheren umgelegt. Jetzt kann nichts mehr schiefgehen. Gute Heimreise und kommen Sie bitte wieder!“ „Mr Idrissa, darf ich Sie umarmen?“ Er grinst verschmitzt, nickt lächelnd – und wir drücken uns. Dabei erspähe ich das Schildchen auf seiner Brusttasche: Omar Idrissa, Leitung Flughafensicherheit. Na, wenn das nicht Unterstützung von höchster Stelle ist! Nochmal bedanken wir uns bei dem hilfsbereiten Herrn, der am heutigen Tag natürlich alle Hände voll zu tun hat, dann ziehen wir weiter zum Gate, wo schon ein Riesengedränge herrscht. Als der erste, also unser Flug aufgerufen wird, reihen wir uns vor der Tür auf und zeigen unsere Tickets vor. Die Dame vom Bodenpersonal sucht unsere Namen in der Liste, zunächst vergeblich. Dann wird sie fündig. „Ah, hier. Herr Idrissa hat persönlich dafür gesorgt, dass Sie in der ersten Maschine mitfliegen können. Guten Flug!“ Hui, wenn Blicke töten könnten – ein paar der Passagiere, die mit uns fliegen, schauen uns äußerst grimmig an, so grimmig, dass es uns beinahe unangenehm ist, diese bevorzugte Behandlung erfahren zu haben. Doch es ist, wie es ist und wir sind heilfroh, dass wir nun doch noch nach Dar kommen, wenn auch mit einem Tag Verspätung.

Pünktlich um 18.25 Uhr heben wir ab, machen es uns bequem und sind schon sehr gespannt, wie es wohl in Dar Es Salaam laufen wird. Die Emirates-Dame aus der Frankfurter Zentrale hatte uns ja versichert, wir seien umgebucht und müssten uns um nichts mehr kümmern. Klingt gut, ist aber bloß die halbe Wahrheit, wie wir bei unserer Ankunft in Tansanias heimlicher Hauptstadt feststellen müssen. An der Gepäckausgabe nämlich geht’s schon los: unser Gepäck ist nicht dabei! Dafür kann die Emirates natürlich nichts, uns aber wirft es völlig aus der Bahn. Zumal die zuständige Angestellte am Lost-and-Found-Schalter nichts von einer zweiten Maschine aus Mbeya weiß, in deren Frachtraum wir unsere Habseligkeiten vermuten. „Eine zweite Maschine aus Mbeya? Sicher nicht!“ Spricht’s und lässt uns wie begossene Pudel am Band stehen. Doch Gabi und ich lassen nicht locker, nerven die gute Frau solange, bis sie schließlich zum Telefonhörer greift – und siehe da: „Es kommt tatsächlich noch ein Flug aus Mbeya. In einer dreiviertel Stunde. Warten Sie hier, an diesem Gepäckband, dann werden Sie sehen, ob ihre Koffer an Bord sind.“ Na super! Herr Idrissa hat es so gut mit uns gemeint, doch unsere Gepäckstücke konnte er offenbar nicht mehr umdirigieren. Somit ist unser Vorteil, mit der ersten Maschine geflogen zu sein, komplett dahin und wir müssen uns was überlegen. Also teilen wir uns auf. Erika und ich warten hier, Gabi und Heinz gehen inzwischen los und kümmern sich um unseren Weiterflug. Gesagt, getan. Während Gabi und Heinz in den Tiefen des feucht-warmen Julius Nyerere Airports verschwinden, harren Erika und ich der Ankunft der zweiten Maschine. Eine knappe Stunde später flackert der Flug auf der Anzeigetafel auf, das Band beginnt sich zu drehen und alle unsere Reisetaschen bahnen sich als erste ihren Weg durch die Gummilamellen des Einlaufschachts. Gott sei Dank, ein Problem weniger!

Rasch schnappen wir uns die vier Gepäckstücke und eilen schwer beladen vom Domestic Terminal zum internationalen. An dessen Eingang wollen wir gerade die Sicherheitskontrolle durchlaufen, als Gabi und Heinz um die Ecke gehetzt kommen. „Ah, ihr seid schon da, super! Da können wir unsere Ausweise ja gleich wieder wegwerfen!“ Ausweise? Ja, denn die beiden durften ohne Gepäck nicht in die internationale Abflughalle, schon gar nicht mit der Prämisse, vielleicht wieder raus zu müssen, um uns zu treffen. Also schickte man sie in einen entlegenen Trakt des Terminals, wo man ihnen Besucherausweise ausstellte, die diese gepäcklosen Rein-Raus-Wünsche legalisieren sollten. Alles umsonst! Nun sind wir wieder beisammen, das Gepäck ist vollzählig, wir wollen nur noch rein, nicht aber wieder raus, die Ausweise sind somit obsolet – und wir keinen Schritt weiter. Genervt eilen wir, so schnell wie irgend möglich, durch den ersten Security Check und suchen nach einem Schalter der Emirates, wo ja, laut Aussage der Frankfurter Dame, unsere neuen Ticket bereitliegen sollen. Schalter gefunden, Anliegen vorgetragen. „Was, heute? Nein, Sie wären gestern geflogen. Heute ist der Flug voll, tut mir leid.“ „Das kann nicht sein, weil...“ Geduldig erklären wir dem zuständigen Herrn die Sachlage mit allen Details, werfen Herrn Idrissa und die Emirates-Zentrale in die Waagschale, um unserem Ansinnen das nötige, amtliche Gewicht zu verleihen. Und nochmal, und nochmal. Die Antwort bleibt Nein. Das kann nicht wahr sein. Ein weiteres Mal schildern wir die Fakten, um Fassung ringend. Auch der Typ am Schalter ist am Rande seiner Contenance und dreht seinen Bildschirm zu uns nach vorne. „Da, sehen Sie selbst. Nichts. Sie waren auf gestern gebucht!“ Tatsächlich. Alle unsere Namen sind mit dem gestrigen Datum versehen. Doch halt, da ist ein Scroll-Balken! „Haben Sie schon weitergeblättert?“ „Weitergeblättert?“ „Da, der Scroll-Balken! Draufklicken, weiterblättern!“ Langsam wird auch unser Ton kolonial... Der Schaltermann tut wie geheißen – und siehe da: schwarz auf weiß steht dort zu lesen, dass wir sehr wohl auf heute umgebucht wurden! „Ah!?“, ist der einzige Kommentar, den der Typ dazu äußert, bevor er sich entgeistert in seinen Bildschirm vertieft. „Könnten wir dann bitte unsere Tickets bekommen?“ „Äh, ja. Nein, doch. Kostet 167 Dollar pro Person. Wie wollen Sie bezahlen?“ „Kreditkarte.“ „Aaah, ja.“ Er dreht den Monitor seufzend zu sich rüber, adlert auf der Tastatur herum und ist sichtlich überfordert. „Moment, ich muss meine Vorgesetzte informieren.“ Er greift zum Hörer, bittet schnaufend und stöhnend um Beistand.

Zehn Minuten später – dem Herrn ist die Wartezeit, während der wir schweigend vor ihm stehen, offensichtlich extrem unangenehm – kommt die herbeigerufene Dame. Wie ein Wirbelwind fegt sie hinter die Theke des sperrigen Mitarbeiters, lässt ihre Finger auf der Tastatur tanzen und drei Minuten später haben Heinz und ich ein neues Ticket, ausgefülltes Kreditkarten-Formular, zur Unterschrift bereit, inklusive (hier ist das noch so ein Durchschlagteil, das mit der Karte durch einen Plastikhobel geritscht wird). „Wo ist das Kreditkartengerät?“, herrscht die fixe Dame den drögen Schalterfuzzi an. „Ääh...“, sagt der. Bereits bei seinem zweiten „ä“ hat sie den Telefonhörer in der Hand, erteilt Anweisungen. „Gleich kommt jemand. Erledigen wir inzwischen den Rest. Zusammen oder getrennt? Wah, Männer!“ Mit einem strafenden Seitenblick auf ihren Untergebenen hämmert sie die Daten von Gabi und Erika in den Computer, füllt die Kreditkartenformulare aus und zwirbelt sie durch den Hobel, der von einem beflissen-verschüchterten Jüngling zeitnah herbeigeschafft wurde. „Fertig! Eine gute Reise wünsche ich Ihnen allen.“ Juhu, wir sind durch! Wir bedanken uns herzlich bei der effekiven Dame, nicken auch dem bräsigen Schalterbeamten zu, beneiden jedoch ihn nicht um den Einlauf, den er wohl gleich bekommen wird, und ergreifen, mit allen erforderlichen Papieren ausgestattet, die Flucht.

Ausgebremst durch all diese Unwägbarkeiten, wird die Zeit nun allmählich knapp. Doch ohne weitere Hindernisse bringen wir den Weg zu unserem Abfluggate hinter uns, bis, ja, kurz davor, eine weitere Herausforderung auf uns zukommt: ein Fingerabdruck-Scanner! Ne, bitte, nicht wahr, oder!? Ritschrasch für die Kreditkarte, aber High-Tech als letzte Hürde vor dem Gate! Das Gerät jedoch funktioniert einwandfrei, wir dürfen anstandslos passieren und lassen uns schließlich schwitzend, gestresst, aber dennoch ungemein erleichtert in der Abflug-Lounge nieder. TWA, TIA, This was Africa, This is Africa! Auch wenn vieles, was man hier erlebt, speziell der offizielle Kram, nicht gerade erquicklich ist, so macht es doch einen Teil des sehr speziellen Zaubers dieses Kontinents aus. Und wir alle sind ihm derart verfallen, dass es uns recht bald wohl wieder hierher führen wird. Jetzt aber geht es erst Mal nach Hause, in die Heimat, die für mich immer an erster Stelle stehen wird – zweite Heimat Afrika hin oder her... Trotzdem: Afrika, bis bald! Meinen fünfzigsten Geburtstag werde ich, nächstes Jahr, mit Sicherheit hier feiern und auch danach wird es mich immer und immer wieder auf diesen Kontinent ziehen!

11. Oktober 2015; ICC Guesthouse, geplanter Abflug nach Deutschland via Dar Es Salaam

Viele hundert Kilometer haben wir gestern runtergeschrubbt, viel gesehen, ein wenig gelitten – und waren rechtschaffen müde. Da kam ein richtiges Bett mit Kissen, Decke und Leintüchern, ein Zimmer mit Toilette und Dusche natürlich wie gerufen. Nach dem Abendessen und kurzem Geplauder genossen wir diesen Komfort in vollen Zügen, begaben uns frisch gewaschen und duftend in leicht durchgelegene Betten und erwachen heute, zu etwas späterer Stunde als in den letzten Wochen, ausgeruht und hungrig. Zum Frühstück treffen wir uns im Restaurant, lassen uns schmecken, was das Buffet zu bieten hat und verbringen dann den Tag, wie es uns gefällt – oder auch nicht. Jochen hechtet nach Mbeya Town, um die, von unserem Outback-Fundi so bravourös reparierte Lichtmaschine gegen eine nagelneue austauschen zu lassen. Eine Aufgabe, die etwas Zeit und Geduld erfordert, aber unvermeidlich ist, denn Annette und Jochen werden nach unserer Abreise noch weitere vier Monate durch Afrika touren; eine fabrikneue, passende Lichtmaschine lässt sie dieses Vorhaben natürlich mit einem besseren Gefühl angehen, als die notdürftig reparierte es je schaffen würde. Annette kümmert sich derweil um Ordnung in den Papieren, die für die folgenden Monate erforderlich sein werden, wäscht das erstaunlich kleine Kontingent an Wäsche, das sie und Jochen für ihren monatelangen Afrika-Aufenthalt mit sich führen, sortiert das Equipment und reinigt die Autos vom Staub und Schlamm der vergangenen Wochen. Wir hingegen, die wir ja heute Abend abreisen werden, verdümpeln den Tag in halbherzigem Nichtstun. Uns ein bisschen umsehen, das Game View Hotel des ICC, das auf dem selben Gelände liegt, aber scheinbar kaum gebucht ist, in Augenschein nehmen, kurze Freundschaft mit einem neugierigen Straußenpaar in einem Gehege neben dem Hotel schließen, etwas essen, etwas trinken, packen, nochmal duschen – und schon ist es Zeit für unsere Fahrt zum Flughafen. Da Jochen noch immer in Sachen Lichtmaschine unterwegs ist und somit ohnehin nur ein Auto zur Verfügung steht, bringt uns Annette dorthin. Wir drücken uns, umarmen uns, wünschen den beiden viel Glück und freuen uns aufs nächste Jahr, in dem wir, zumindest Heinz, Erika und ich, erneut mit unseren beiden Freunden in Afrika unterwegs sein werden. Dann ist es so weit: wir stehen mit Sack und Pack am Flughafen, Annette winkt uns ein letztes Mal zu, verschwindet gen Mbeya – und wir in den seichten Tiefen des Airports.

Ach, ist ja schnuckelig hier! In beinahe familiärer Atmosphäre checken wir ein, geben unser Gepäck auf und machen es uns anschließend in einem der zwei Gates bequem, die eher einer kolonialen Großraumbar ähneln, denn einer Abflughalle. Gemütlich sitzen wir um einen Tisch, versorgt mit einem kühlen Getränk, und harren unseres Aufrufs. Ein Blick auf die Uhr verheißt ihn zeitnah. Also gehe ich vorsichtshalber nochmal aufs Klo. Während ich gerade meine Hose wieder nach oben ziehe und meine Hände wasche, höre ich eine für mich unverständliche Durchsage, allgemeines Stühlerücken und wildes Stimmengemurmel. Ah, der Aufruf zum Boarding! Die sind ja hier pünklich wie die Maurer, freue ich mich noch, als ich mein Papierhandtuch in den Eimer werfe und die Toilettentür öffne. Doch weit gefehlt! Die Lautsprecherstimme hat soeben verkündet, dass unser Flug nicht stattfindet, da es auf der unbeleuchteten Landebahn Mbeyas bereits zu dunkel für die Landung unseres Zubringers nach Dar sei, dass man dies sehr bedaure und alle Fluggäste bitte, sich ins Nebengebäude zu begeben, wo alle nötigen Formalitäten abgewickelt würden. Neeee, oder? Unbeleuchtete Landebahn??? Wo gibt’s denn sowas? Doch nicht hier, auf einem nigelnagelneuen Flughafen, der erst Ende 2012 eröffnet wurde!

Nun ja, wir werden wohl nie erfahren, ob wirklich keine Beleuchtung vorhanden ist, ob sie nur kaputt ist, oder ob etwas anderes hinter der Absage unseres Fluges steckt – und es würde ohnehin nichts an der Tatsache ändern, dass wir unseren Anschlussflug in Dar Es Salaam nun nicht erreichen werden. Shit! Verärgert drängen wir aus dem Abfertigungsgebäude und nehmen, wie angewiesen, Kurs auf den Nebentrakt, vor dem sich bereits eine lange Schlange gebildet hat. Brav reihen wir uns ein und stauen uns im Zeitlupentempo zu dem Büro, in dem angeblich die Formalitäten erledigt werden sollen. Meine Güte, das dauert! Und „kuschelig“ ist es zudem, denn auch jetzt, am frühen Abend, sind die Temperaturen noch beachtlich. Erschwerend kommthinzu , dass die vorwiegend einheimischen Passagiere, die mit uns in der Schlange stehen, eine deutlich andere Vorstellung von Individualdistanz haben, als wir das tun. Von vorne wärmt mich zum Beispiel das ausladende Gesäß einer veritablen Mama Afrika, von hinten die durchgeschwitzte Plauze eines älteren Anzugträgers und zu meiner Rechten reibt eine beleibte Dame ihren Busen aufgeregt hibbelnd an meinem Oberarm. Herrschaft, das nervt! Endlich, ich fühle mich für den Rest meiner Tage genug bekuschelt, landen wir im Büro, in dem drei Flughafenangestellte vor einem verdächtig dicken Buch sitzen und dort die Namen aller Passagiere hineinkrakeln. „Flugtickets!“, werden wir aufgefordert. Wir reichen den Herrschaften die gewünschten Dokumente. Aha, Mrs Schneider, Barbara – das geht gerade noch und mein Name beziehungsweise Vorname wird in die jeweils korrekte Spalte eingetragen. Bei Erika, die einen Umlaut im Familiennamen beherbergt, wird es schon schwieriger und bei Gabi, Doppelname mit Umlaut, geht dann gar nichts mehr. Einer diktiert, einer schreibt, der Dritte liest mit, dennoch landet der Vorname in der Familiennamens-Spalte und umgekehrt. Gabis Einspruch wird unwirsch ignoriert, unsere mehrmalige Nachfrage, ob das jetzt alles sei und wie es denn weiterginge, verständnislos kopfschüttelnd abgewürgt, und dann komplimentiert man uns aus dem Büro – finished! Super, wir wurden nun mit Bleistift in eine nichtssagende Liste eingetragen, man hat keine Details über unseren Anschlussflug notiert und auch keine Kontaktdaten. Und wann wir wie aus Mbeya wegkommen sollen, wissen wir auch nicht.

Etwas ratlos versammeln wir uns vor dem Flughafengebäude und besprechen soeben unser weiteres Vorgehen, als ein älterer weißer Herr auf uns zustürmt, uns bittet, auf sein Gepäck aufzupassen – er müsse dringend die Toilette aufsuchen –  und dann wie der Blitz im Abfertigungsgebäude verschwindet. Wir blicken ihm gerade noch verdattert hinterher, als wir plötzlich sein erregtes, mit einer starken Kolonial-Attitüde behaftetes Geschrei vernehmen. In blasiertem British-English beschimpft er einen uniformierten Schwarzen: Unverschämtheit, so was wäre bei uns undenkbar, Schadenersatz, verklagen, Bananenrepublik, primitiv. Das und Schlimmeres wirft er dem armen Mann an den Kopf, der dennoch redlich bemüht ist, dem Erbosten nach Kräften beizustehen. Doch dieser ist mit der erbrachten Leistung nicht zufrieden, lässt den Flughafenbediensteten einfach stehen und stürmt schließlich schnaubend in einen dunklen Seitengang der Abfertigungshalle. „Den schnapp ich mir!“, rufe ich und sause in die Halle. Natürlich meine ich nicht den arroganten Weißen (obwohl ich mir auch den gerne zur Brust nehmen würde), sondern den offenbar sehr hilfsbereiten Flughafenbeamten. Und der scheint tatsächlich, wenn auch nicht sofort, ein Volltreffer zu sein: ich schildere ihm unser Problem, er setzt alle Hebel in Bewegung, unseren Anschlussflug umzubuchen, scheitert aber, denn trotz aller Connections, die er spielen lässt, kann er das fehlende Transportabkommen zwischen FastJet Airlines und der Emirates, die uns von Dar nach München bringen soll, leider nicht herbeitelefonieren. Doch immerhin kann er uns sagen, dass wir morgen Vormittag auf einen Ersatzflug gebucht sind und erkundigt sich auch noch, wo wir die Nacht zu verbringen gedenken. Es gingen zwei Shuttle-Busse in die Stadt, alle Passagiere würden dort kostenlos in Hotels untergebracht. Ich danke ihm überschwänglich, tue aber kund, dass wir unsere Freunde im ICC kontaktieren und dort auch übernachten würden. Dann informiere ich meine Reisegenossen, wir rufen Annette an, die völlig überrascht ist, uns aber sofort abholen will, und harren der Dinge – immer noch das Gepäck des kolonialen Typen in unser Obhut habend. „Wenn der nicht bald kommt, dann müssen wir es in die Halle rollen und seinem Schicksal überlassen.“ Zwanzig Minuten später biegt Annette auf den Parkplatz und wir wollen gerade die Reisetasche des Briten ins Gebäude verfrachten, als auch dieser wieder auftaucht. „Unfassbar! Alle unfähig. Typisch Afrika!“. Er reißt seine Tasche an sich, stürmt aus dem Gebäude, dreht sich nochmal kurz um und ruft uns zu: „Viel Glück!“. Bitte, gerne geschehen!

Kurz darauf kommen wir erneut im ICC an, laden unser Gepäck aus, beziehen unsere alten Zimmer und treffen uns anschließend im Restaurant, um Annette und Jochen Bericht zu erstatten, etwas zu essen und schließlich unseren Rückflug bei der Emirates umzubuchen. Wir haben gerade über deren Frankfurter Zentralniederlassung alles in trockene Tücher gebracht, als ein Mann an unserem Tisch auftaucht. „Hello, good evening. You remember me?“ Oh ja! Diesmal funktioniert sogar meine hirneigene Gesichtserkennungssoftware – es ist der hilfreiche Herr vom Flughafen. „Es tut mir so leid, aber auch der Vormittagsflug wurde gestrichen. Sie sind nun auf morgen Abend gebucht, selbe Zeit wie heute, das jedoch ganz sicher. Ich wollte Ihnen diese Nachricht persönlich überbringen, Ihnen sagen, dass ich dafür gesorgt habe, dass Sie ein Shuttle zum Flughafen bringen wird und mich für die Unannehmlichkeiten vielmals entschuldigen. Einen schönen Abend wünsche ich, trotz allem.“ Er nickt höflich und wendet sich zum Gehen. „Halt, stopp! Vielen, vielen Dank. Das ist sehr freundlich von Ihnen, Herr …?! Nehmen Sie doch bitte Platz und trinken Sie noch etwas mit uns!“ „Idrissa, mein Name ist Omar Idrissa. Vielen Dank für die Einladung, aber ich muss noch nach Mbalizi, dort wohne ich, und morgen wieder früh raus. Gute Nacht also und bis morgen. Sicher!“, zwinkert er uns zu und verschwindet in der Dunkelheit. Wir sind völlig geplättet. Da kommt dieser Mann, nimmt einen gehörigen Umweg auf sich, nur um uns über unsere erneute Verspätung zu informieren, organisiert uns einen Zubringer und entschuldigt sich auch noch, obwohl ihn der Brite am Flughafen so herablassend behandelt hatte. Ja, gut, wir haben mit dem arroganten Insel-Indianer nichts zu schaffen, aber auch wir sind weiß. Und eine derartige Gemeinsamkeit reicht in vielen Fällen schon aus, um über einen Kamm geschoren zu werden. Nicht aber in diesem Fall. Danke, Herr Idrissa, danke dafür, kommen Sie sicher nach Hause und schlafen Sie gut!

10. Oktober 2015; Katavi Nationalpark > Mbeya, ICC Guesthouse

Doch in den Stunden, die wir, eingehüllt von unseren Träumen und Schlafsäcken, im Zelt verbracht haben, muss wohl doch eine da gewesen sein. Jochen, der als erster aufgestanden ist, saust nämlich fluchend im Camp umher. „Verdammt, das Dreibein, wo ist das hingekommen? Es war doch gestern noch da!“ Heinz und ich strecken unsere verwuschelten Köpfe aus dem Zelt. „Barbara, Heinz, ihr seid doch noch länger gesessen. Das Dreibein ist weg, das war bestimmt eine Hyäne. Habt ihr was gesehen?“ „“Ne, alles ruhig, aber lass mich mal nachschauen.“, antwortet Heinz und eilt zu seiner Wildkamera, die er in der Nähe des Feuers aufgebaut hatte. Rasch blättert er sich durch die Bilder, die heute Nacht geschossen wurden. „Ja, da, eine Hyäne!“ Er klickt weiter. „Ja, da war eine, aber ein Beweisbild mit Dreibein gibt es nicht!“ „Verdammt! Ich bin mir sicher, dass es gestern Abend noch da war. Wah, diese Hyänen, die klauen echt alles!“ Aufgebracht nimmt Jochen Kurs auf den umliegenden Busch, um dort das Dreibein zu suchen. Heinz und ich sehen uns nur an – wir nämlich sind uns sicher, dass das Dreibein in den letzten beiden Tagen nicht in Verwendung war, stattdessen aber in Sitalike vergessen wurde und dort bereits einen neuen Besitzer gefunden hat. Doch Jochen ist von seiner Idee mit der diebischen Hyäne nicht abzubringen und durchstreift unermüdlich das Gebüsch. Bald aber muss er seine vergebliche Suchaktion abbrechen – die Elefanten sehen auf einen Morgenimbiss bei uns vorbei. Na gut, dann gibt es jetzt auch bei uns erst mal Frühstück! In aller Ruhe lassen wir uns Kaffee, Toast, Eier und Müsli schmecken und kauen mit den Dickhäutern um die Wette. Nach einer Stunde beenden wir dieses erste Mahl des Tages, spülen das Geschirr und räumen all die kleineren Sachen rund um unsere „Küchenzentrale“ zusammen. Das geht mit wenig Lärm und Gewurstel vonstatten und stört die Elefanten nicht im geringsten. An die Zelte, die etwas tiefer im Busch stehen, trauen wir uns allerdings erst heran, als die grauen Riesen ihren Snack beendet haben und friedlich weiterziehen. Man muss ja nichts provozieren...

Letzter Morgen im Katavi
Die Sonne geht auf
Frühstück, Packen ...











Abschiedsgiraffe


Als schließlich alles abgebaut und verstaut ist, lassen wir einen letzten Blick auf der Suche nach Vergessenem über die Campsite schweifen, gehen nochmal strullern und machen uns dann abreisebereit. „Halt, das Dreibein! Das kann doch nicht so weit weg sein!“ Erneut will Jochen losstapfen und das vermisste Teil suchen. „Jochen, das haben wir bestimmt in Sitalike liegen gelassen! Und wenns doch die Hyäne weggeschleppt hat, dann kann das jetzt sonstwo sein. Das finden wir nie!“ „Na gut, muss ich halt ein neues kaufen. Ist ja heuer erst das vierte Mal!“ „Tststssss, diese bösen Hyänen!“, frotzeln wir belustigt. „Ja, macht euch nur lustig. Kann schon sein, dass ichs ein paar mal nicht eingepackt hab. Übersieht man halt leicht.“, gibt Jochen grummelnd zu und schwingt sich resigniert hinters Steuer. Fröhlich kichernd tuckern wir vom Platz, nehmen Kurs auf die Hippobrücke, winken den Nilpferden einen wehmütigen Abschiedsgruß zu und fügen uns dann unserem Schicksal – ein langer Fahrtag nach Mbeya liegt vor uns. Zunächst geht es noch durch die südlichen Gefilde des Parks, doch außer einer Handvoll Tsetsefliegen gibt es hier nicht viel zu entdecken. Danke Katavi, danke Tsetses, ihr macht mir den Abschied wirklich so leicht wie nur irgend möglich! Doch bald haben wir auch den Park und seine Fliegen hinter uns gelassen und tauchen wieder in die Zivilisation ein. Zunächst in abgeschwächter Form – die Straße führt erst noch eine ganze Weile durch wenig besiedeltes Land und mündet erst bei Kisi (nach ca. 180 Kilometern) auf die B8, die wir ja schon nördlich des Katavi genießen durften. Und natürlich ist alles wie gehabt: der Straßenzustand lässt zu wünschen übrig, der Gegenverkehr wird üppiger und die Anzahl der Menschen, die zu Fuß unterwegs sind, nimmt zu. Plötzlich aber wird es noch schlimmer, zumindest was den Straßenzustand betrifft. Bagger, Lkws und Planierraupen bauen sich vor uns auf, eine Staubwolke manifestiert sich wie aus dem Nichts und die B8 löst sich über viele, viele Kilometer in eine rumpelige, nur langsam zu befahrende Feldpiste auf. Eine Detoure – die temporäre Umfahrung eines Straßenabschnitt-Neubaus. Endlose Kilometer, gefühlt endlose Stunden holpern wir über diese unsägliche Umgehungsstrecke, immer die neu entstehende Straße, die teilweise schon sehr vielversprechend aussieht, im Blick. Meine Güte, nimmt das heute noch ein Ende? Ziemlich gut durchgerüttelt und völlig genervt erblicken wir plötzlich von einer Hügelkuppe aus – das Ende der Baustelle. Dem Himmel sei Dank! Rasch nutzen wir noch die Gunst der Stunde, sprich den guten Ausblick, und entleeren unsere Blasen, bevor die Detoure wieder auf die B8 führt und kaum noch Möglichkeiten für eine Pinkelpause bietet. Dann geht es weiter; die B8 hat uns wieder.

Langsam, langsam!
Besser wär’s gewesen!
Die Detoure














Und erstaunlicherweise ist sie in sehr gutem Zustand. Ein weitestgehend intakter Teerbelag mit nur wenigen Schlaglöchern bringt uns immer weiter Richtung Süden. Nun aber passieren wir ein Dorf, eine Ansiedlung nach der anderen. Die wenigsten sind in unserer Karte verzeichnet, was jedoch nicht heißt, dass es nicht auch in namenlosen Orten Hindernissen zu überwinden gälte. Vor jedem Kaff, egal, ob da ein Haus steht, oder drei, oder vierzig: Break marker und unterbodengefährdende Speed Bumps bremsen den Verkehr runter – prrrrrhrrrt, prrrrhrrrt, prrrrhrrrrt, kadunck, kadunckkadunkck, kadunck, prrrrhrrrt, prrrrhrrrt. Erst wird man von zahlreichen Teer-Rippen lautstark daran erinnert, die Geschwindigkeit zu reduzieren, dann holpert man schlagend über mehr oder weniger hohe, halbrunde, willkürlich gestaltete Asphaltwälle, um anschließend erneut in den Genuss waschbrettartig angeordneter Teerspaghetti zu kommen, die den geneigten Autofahrer daran erinnern sollen, das verminderte Tempo beizubehalten. Eine gute Sache eigentlich, denn sie dient dem Schutz der hier ansässigen Bevölkerung. Der positive Aspekt dieser geschwindigkeitsreduzierenden Konstruktionen jedoch wird ad absurdum geführt, indem sie jeweils nur am Ortseingang zu finden sind, nie aber an dessen Ende. Und das bedeutet: an besagten Stellen brettert uns der Gegenverkehr ungehindert auf unserer Spur entgegen, die Humps, Bumps und Rippel nonchalant umfahrend. Wir haben ordentlich zu tun, unsere Stoßdämpfer vor größerem Schaden zu bewahren – obwohl wir vorschriftsmäßig und brav fahren - und uns gleichzeitig vor Frontalzusammenstößen in Acht zu nehmen – weil die anderen eben nicht vorschriftsmäßig und brav unterwegs sind. Es ist anstrengend und ermüdend, besonders für Jochen und Annette als Fahrer, aber auch für uns Beifahrer. So ermüdend, dass Jochen irgendwann, einige Kilometer vor Sumbawanga, einem größeren Ort, die Bremse reinhaut und kurz Pause machen will. Wir alle atmen auf und freuen uns über diesen kleinen Moment des Verschnaufens. Stehen, gehen, Füße vertreten, Gliedmaßen zurechtschütteln – und nebenbei noch die örtliche Botanik unter die Lupe nehmen... Hui, hier wuchert Thunbergia, die aus unseren Sommer-Blumenampeln allseits bekannte Schwarzäugige Susanne einfach so, wild, am Straßenrand, seltsam knorrige, blätterlose Bäume recken ihre Äste gen Himmel und verzaubern uns mit medusenhauptartig verzweigten, fingerigen Blütenwürsten, die aus den kahlen Astgabeln tentakeln, weiter vorne auf der Wiese wachsen maisgelbe, wachsartige, in dichten Kugeln arrangierte Blüten auf den Spitzen mäßig belaubter Stängel. Und da hinten, was ist das? „Können wir weiter?“, kräht Jochen, der gerade seine Zigarette ausgeraucht und den ausgedrückten Stummel im Auto entsorgt hat. „Unbedingt, ich muss noch heute zu ’ner Bank!“, antwortet Annette – und schon sitzen wir erneut in unseren Blechkisten und rumpeln weiter über die B8.

















Cussonia arborea
Gnidia kraussiana
Thunbergia alata













Dann erreichen wir Sumbawanga, einen quirligen Ort, der sich über Kilometer auf beiden Seiten der Straße entlangzieht und mit zahlreichen Geschäften aufwartet. Geschäfte, wie sie bunter und interessanter nicht sein könnten. Elektroartikel, Lebensmittel, Getränke, Bauzubehör, Möbel, Telefonkarten, Fleischereien, Apotheken, Internetcafes. All diese Shops sind dicht aneinander gereiht und erfreuen uns mit teilweise sehr kreativen und abenteuerlichen Beschriftungen, alle handgemalt, deren Bedeutung sich uns natürlich nicht immer sofort erschließt. Spätestens aber, wenn man die dazugehörigen Zeichnungen, Illustrationen und Gemälde betrachtet, weiß man, womit man es zu tun hat. Es ist ein Eldorado für mich als Werbegrafikerin, doch auch meine Reisefreunde haben eine Mordsfreude, immer wieder Neues zu entdecken. Was wir auch entdecken, sind Unmengen von Wahlplakaten. Sie fielen uns natürlich auch schon vereinzelt auf, als wir nach Tansania einreisten, nun aber sind sie allgegenwärtig. Klar, der Wahlkampf geht in die heiße Phase, in zwei Wochen ist es so weit und die Tansanier wählen einen neuen Präsidenten. Und irgendwie scheint im Vorfeld schon klar zu sein, wer gewinnen wird – achtzig Prozent der Plakate nämlich zeigen einen selbstzufrieden lächelnden Mann namens Magufuli. Er gehört der aktuellen Regierungspartei „Chama cha Mapinduzi“ (CCM) an, der Partei der Revolution, ist Doktor der Chemie und erwarb sich während seiner Amtszeit als Minister für Landwirtschaft und öffentliches Bauwesen bereits recht aussagekräftige Spitznamen: Jembe, die Feldhacke, oder Bulldozer wird er gerne genannt, denn er ist bekannt, einen harten Kurs zu fahren. Sein oberstes Ziel ist, der Korruption in Tansania Einhalt zu gebieten. Das wäre ja ein ehrenvoller und erstrebenswerter Ansatz, doch der Bulldozer, so befürchten viele, wird wohl seine Feldhacke auch in anderen Bereichen zum Einsatz bringen, und so an den Grundlagen der Demokratie kratzen. Das kann ich natürlich nicht wirklich beurteilen, doch irgendwie ist mir der Mann unsympathisch. Wenn man schon Magufuli heißt! Das klingt wie eine Kombination aus „magnificent“ und „powerful“ und somit nicht gerade nach Bescheidenheit. Aber das ist mein ganz persönlicher, von Intuition geprägter Eindruck, der mitnichten aussagekräftig ist. Ein Eindruck, der übrigens noch verstärkt wird. Verstärkt durch die aggressive Wahlwerbung, die nicht nur aus Plakaten an jedem zweiten Baum, an jeder zweiten Hütte besteht, sondern auch akustisch penetriert. Auf der heutigen Fahrt sind uns bereits einige Trecker mit Anhängern und Kleinlaster begegnet, auf deren Ladefläche sich laut gröhlende Menschen befanden, von denen jeweils einer in ein Mikrofon schrie und mittels der auf dem Fahrzeug installierten Lautsprecher die Kunde vom fantastischen, gerechten, großartigen Magufuli in die Runde verkündete. Okay, das ist Wahlwerbung auf afrikanisch, doch Magufulis überdurchschnittlicher Anteil an diesem Getöse ist eben doch ein wenig sehr auffällig. Noch aber heißt es abwarten. In spätestens zwei Wochen wird man sehen, wer gewinnt und nächstes Jahr um die Zeit kann man dann Bilanz ziehen.
















Wir sind übrigens gerade auf der Suche nach einer Bank, als schon wieder so ein blechern tönendes Gespann auf der Hauptstraße Sumbawangas daherkommt. Dröhnend quäkt überlaute Musik aus den Lautsprechern, unterbrochen von der sich geradezu überschlagenden Stimme eines schweißglänzenden Mannes, der in einem viel zu warmen, schwarzen Anzug steckt. Wahlkampf? Nein, diesmal nicht. Diesmal ist es ein Hochzeitszug, wie man an der in tausend Lagen gerüschten Tülls gehüllten Braut erkennen kann. Der Bräutigam sitzt fast verschüchtert neben seiner fröhlich die Arme schwenkenden Angetrauten, die wie Sardinen auf den Anhänger gepackten Gäste johlen und der Anheizer schreit sich die Seele aus dem Leib. Na, alles Gute wünschen wir dem jungen Glück! Während das Gespann mit der unüberhörbaren Fracht an uns vorüberzieht, werden wir endlich fündig – eine Bank. Wir stoppen unsere Autos, rangieren uns auf den Parkplatz des Kreditinstituts, und während wir uns dort die Beine vertreten, eilt Annette in die heiligen Hallen, um etwas Geld abzuheben. Allerdings läuft sie auf ihrem Weg vom Parkplatz zur Bank beinahe dem Hochzeitszug den Rang ab: für diesen heutigen Fahrtag hatte sie sich nämlich in besonders bequeme, luftige Klamotten geworfen, unter anderem in ein extrakurzes T-Shirt-Röckchen, das kaum die obere Hälfte ihrer Schenkel bedeckt. Und dieser kaum nennenswerte Stoffstreifen sorgt nun für mehr oder weniger positive Irritationen seitens der Einheimischen inner- und außerhalb der Umzäunung des bankeigenen Parkplatzes. Von anerkennendem Pfeifen über missbilligendes Kopfschütteln bis hin zu empörtem Zungenschnalzen reichen die Reaktionen. Annette ist peinlich berührt und verschwindet hurtig im Bankgebäude. Puh, hoffentlich bekommt sie in diesem Aufzug das gewünschte Geld und wird nicht vorher wegen mangelnder Schicklichkeit gleich wieder rauskomplimeniert. Doch alles geht gut, Annette verstaut die Kohle, stürzt aus der Bank und hechtet förmlich in ihr Auto. „Shit, daran hatte ich heute Morgen echt nicht gedacht! Peinlich, peinlich!“ Mhm, ja, wäre mir auch peinlich gewesen, aber es ist nun mal, wie es ist. Und nur halb so schlimm, denn schließlich kennt uns hier ja keiner. Doch um weiteren Imageschaden am Bild des weißen Touristen tunlichst zu vermeiden, bleibt Annette bei unserem nächsten Stopp in Sumbawanga vorsichtshalber im Auto. Wir anderen besorgen noch ein paar Softdrinks, baridi, also kalt, für die weitere Fahrt und machen uns dann erneut auf den Weg.
















Sumbawanga, Mbeya, 227 Kilometer. Ist ja nicht mehr so weit, den schlimmsten Teil der Strecke haben wir wohl schon geschafft. Und tatsächlich: wir kommen rasch voran und erreichen gegen halb vier Uhr die ausufernden Vororte der Grenzstadt Tansanias zu Sambia – Tunduma. Doch ab jetzt wird „rasch“ zum Fremdwort. Dichter Lkw- und Pkw-Verkehr, unzählige Bajaji (eine Art überdachter Motor-Rikschas), schwer bepackte Straßenhändler, die sich zwischen den Fahrzeugen durchwinden, und wuselnde Fußgänger verstopfen zunehmend die Fahrbahn. Sie alle sind Teil des florierenden Treibens und Handels in dieser Grenzstadt, die, fast wie Kampala, etwas Molochartiges an sich hat. Dabei hat Tunduma nur etwa 45000 Einwohner, also einen Bruchteil dessen, was andere Städte zu bieten haben, und ist somit fernab vom Titel einer Großstadt. Doch das Gewimmel, in das wir uns nun stürzen müssen, steht dem einer Millionenstadt in nichts nach. Und je dichter wir uns an den Verursacher dieses Übels, den Grenzübergang, herantasten, desto schlimmer wird es. Lange noch vergnügen wir Passagiere uns mit der Vielfalt an Geschäften und dem bunten Gewimmel der Menschen auf den Straßen, während Jochen und Annette am Steuer unserer Autos schon eine Weile Blut und Wasser schwitzen, dann aber bricht auch uns der Schweiß aus. Wir haben die Abzweigung zur Grenze passiert, schwenken nun gen Osten, auf die Piste nach Mbeya und ab da bricht der blanke Verkehrshorror aus. Auf der Gegenspur stauen sich über Kilometer schwerbeladene Lkws, Stoßstange an Stoßstange, Fahrerhaus an Anhänger, auf unserer Spur bewegen sich vorwiegend Pkws im Zeitlupentempo voran – und in der schmalen Lücke zwischen den beiden Fahrbahnstreifen versucht alles andere an Fahrzeugen, das diesen Namen verdient (oder auch nicht), ein Durchkommen zu finden. Außenspiegel schrappen fast hörbar aneinander, es wird gehupt, geschrien, geschimpft, immer wieder kommt das Geschnecke zum Erliegen, weil ein paar Wahnsinnige glauben, man könne auch auf der engen Zwischengasse noch eine zweite Spur eröffnen. Nö, geht nicht! Okay, dann wird eben auf den Seitenstreifen ausgewichen, ohne Rücksicht auf Verluste durch minimale Lücken gedrängt, manövriert, und ein anderer Ausweg gesucht. Und es gibt fast immer einen, sei er auch noch so klein! Natürlich gehen diese Drängelaktionen nicht ohne lautstarkes Gehupe und Geschrei vonstatten – besonders ungeduldige Fahrer, Beifahrer und Passagiere brüllen auf die Fahrer, Beifahrer und Passagiere ein, die vermeintlich im Weg stehen und umgekehrt. Am Straßenrand versuchen kleine Händler ihre Waren loszuwerden und plärren gegen diesen Lärm an. Es ist der reine Wahnsinn und macht es Annette und Jochen nicht unbedingt einfacher, sich auf den aberwitzigen Verkehr zu konzentrieren. Irgendwann aber haben wir es dann doch geschafft. Das Gedränge entknotet sich zusehends, alle Fahrzeuge nutzen wieder die beiden, zum Fahren vorgesehenen Spuren und die Gesamtlage wird immer übersichtlicher, je weiter wir aus der Stand herauskommen. Puh, jetzt sind es nur noch rund 100 Kilometer bis Mbeya; und die hoffen wir rasch hinter uns bringen zu können. Was auch gelingt. Nun gut, einen kleinen Hänger haben wir noch: zirka auf der Hälfte der Strecke bewegt sich die Straße eine kleine Anhöhe hinunter. Eine Art gemäßigter Passstraße schlängelt sich in großzügigen Kurven nach unten und alles wäre wunderbar, gäbe es da nicht einige Faktoren, die den Zustand des Teerbelags massiv zu seinem Nachteil verändert hätten. Erstens: es ist eine von Chinesen gebaute Straße, deren Halbwertszeit aufgrund ihrer Konstruktion und der verwendeten Materialien deutlich kürzer ist, als man es durchschnittlich gewohnt ist. Sorry, Chinesen, aber das muss auch mal gesagt werden! Zweitens: die Route liegt an einer Hügelflanke, die von morgens bis abends in der prallen Sonne liegt, beschattenden Bäume - Fehlanzeige. Drittens: es handelt sich um die einzig nennenswerte Verbindungsstrecke zum Nachbarland Sambia. Folglich ackern hier Tag und Nacht schwer beladene Lkws rauf und runter – die tiefe Furchen in die chinesische, mit butterweichem, sonnendurchglühtem Teer bedeckte Fahrbahn gefräst haben. Schätzungsweise bis zu 30 Zentimeter ragen neben und zwischen unseren Reifen nach oben, was ein Überholen unmöglich macht. Und das bedeutet: Geduld aufbringen und nicht zu tief atmen, denn die hiesigen Laster rußen zumeist wie eine in die Jahre gekommene Diesellok. Doch immerhin haben wir das Glück, uns nach unten zu bewegen; die Schwerkraft ist auf unserer und unseres Vordermanns Seite. Wehe dem, der diese Strecke nach oben muss... Annette und Jochen steht genau dieses Abenteuer in wenigen Tagen bevor und wir können uns lebhaft vorstellen, wie sehr sie sich darauf „freuen“.
















Aber, wie gesagt: wir Glückspilze kurven heute nach unten und bringen auch dieses Wegstück den Umständen entsprechend zügig hinter uns, sodass wir tatsächlich zur Abenddämmerung in unserem heutigen Nachtquartier einlaufen, dem Ifisi Community Centre. Am Stadtrand gelegen, nur rund sieben Kilometer vom Flughafen entfernt, bietet dieses, von der evangelischen Kirche betriebene Etablissement dem geneigten Reisenden einfache, saubere Unterkunftsmöglichkeiten zu akzeptablen Preisen. Erleichtert, endlich hier angekommen zu sein, klettern wir etwas sitzsteif aus unseren Autos, melden uns an, werfen unser Gepäck in die Bungalowzimmer, deren Terrassen auf auf einen schattigen, begrünten Innenhof hinausführen und treffen uns anschließend auf der Hauptterrasse vor dem Restaurant des ICC. Aaah, jetzt ein kühles Getränk, ein bisschen was essen und dann ab ins Bett!


Weitere Impressionen des Tages:














































































































9. Oktober 2015; Katavi, Camping am Katuma River

Aaah, herrlich! Früh am Morgen krabbeln wir aus den Zelten und werden bereits von unserem Elefantentrupp empfangen, der sich gestern schon im Camp herumtrieb. Und so entspannt, wie die Dickhäuter an ihren Bäumchen herumrupfen, knuspern auch wir unser Frühstück – trotz oder gerade wegen der Anwesenheit der Elefanten. Dann machen wir uns auf den Weg. Die Elis ziehen in den Busch hinter der Campsite, wir hingegen mäandern am Katuma entlang und nähern uns der Flussbiegung, an der die Lodge liegt. Golden fingert die Sonne über die dahinterliegende Ebene, kein Mensch, kein Fahrzeug ist weit und breit zu sehen. Ein paar Hornraben stapfen durchs Gras, eine Herde graziler Impalas blickt uns aus großen, braunen Augen an, fluffige Wasserböcke ziehen zum Fluss, Zebras wärmen sich in der aufgehenden Sonne, Vögel flirren in Schwaden aus den Ähren der in der Morgensonne golden wogenden Halme, es ist still, trotzdem aber bebt die Luft vor Lauten: wukkwukk – Zebras, wwwwhoooop – die typisch kehlig-wummernde Kommunikation von Hornraben vibriert durch unsere Körper, ssssrrrtffffrrrttt – Schwärme von Blutschnabelwebern steigen und sinken in hörbaren Choreografien durch die bodennahen Lüfte.


Sanftes Morgenlicht
Aufwärmen für den Tag
Löwenpäuschen











Wir schwelgen im überaus reichen Tierleben dieser frühen Morgenstunden, kurven durch kleine Wäldchen, zockeln am Fluss entlang und erreichen schließlich die weite Ebene westlich der Wildlife Lodge, Katisunga Plains genannt. Goldgelbes Gras wogt, ein strahlendblauer Himmel tut sich vor uns auf, Blutschnabelweber tanzen über die Grasähren und wir sind so hingerissen, dass wir beinahe etwas übersehen hätten: zwei männliche Löwen liegen unmittelbar vor uns auf dem Weg! Die beiden Großkatzen halten ihre üppig bemähnten Köpfe genüsslich in die wärmenden Strahlen der noch milden Morgensonne und nehmen uns nur sehr angelegentlich zur Kenntnis. Ah, Autos, Menschen, kennen wir, interessiert uns aber nicht! Uns hingegen erfreuen die Löwen umso mehr (diesmal auch Heinz und mich), denn sie sind extrem nahe und lassen sich von uns nicht aus der Ruhe bringen. Und auch, wenn sie, irgendwie löwentypisch, völlig untätig herumliegen, so ist diese Nähe doch sehr faszinierend. Annette stoppt den Wagen direkt neben dem blonderen der beiden Kater, der somit keine drei Meter von mir entfernt ist. Ich höre sein Atmen, ich höre das Schmatzen, wenn er nach dem Gähnen wohlig seinen Kiefer zurechtrückt, ich sehe den Wind durch jedes einzelne seiner Mähnenhaare streichen. Ab und zu wirft er uns einen Blick zu, schaut uns direkt in die Augen, um sich gleich darauf wieder abzuwenden und in die Ebene zu starren. Eine atemberaubende Situation! Normalerweise fühle ich mich ja in der Gegenwart von Wildtieren, denen man zu nahe auf die Pelle rückt, ziemlich unwohl. Ich will sie nicht belästigen, sie nicht stören – ich möchte sie einfach nur sehen. Und das aus jeder für die Tiere angenehmen Entfernung, egal, wie viele Meter der Distanz das auch immer bedeuten mag. Doch diese beiden Löwen, obwohl wir ihnen so nahe sind und das auch noch in einem Park, der von sehr wenigen Touristen besucht wird, zeigen keinerlei Anzeichen von Unwohlsein. Ihr Schwanz liegt ruhig neben dem Körper, das Rückenfell zuckt nur, wenn eine Fliege darauf landet und ein Kitzeln erzeugt. Einziges Zeichen, dass sie unsere Anwesenheit wahrnehmen und sich, wenn überhaupt, ansatzweise gestört fühlen, ist ein vereinzelter Kontrollblick in unsere Richtung.


Erschöpft von der Nacht?
















Bei dieser Bewegung des Kopfes, des mächtigen, von einer wuscheligen Mähne gekrönten Schädels, der sich einem aus derartiger Nähe zuwendet, kann man die Größe eines ausgewachsenen Löwenmännchens schon ganz gut erahnen. Als unser Blondie sich allerdings kurz erhebt, um sich zu drehen und gleich darauf wieder laut atmend niederplumpsen lässt, kommt sein imposantes Gardemaß erst richtig zur Geltung. Puh, stünde das Kätzchen direkt neben mir, seine Augen wären wohl ziemlich genau auf meiner Brusthöhe! Somit könnte er auch locker mal einen Blick in unser Auto werfen, das mit geöffnetem Fenster neben ihm parkt. Wie gut, dass er so entspannt ist und nicht auf solche Ideen kommt!

Ein hübsches Kerlchen ...
... mit keckem Schopf ...
... und Riesenpfoten











Bevor er das aber vielleicht doch noch tut, verlassen wir die beiden Großkatzen und setzen unsere Morgenrunde fort, die uns erneut zu dem steilen Uferabbruch mit der darunterliegenden Hippopfütze führt. Dort herrscht das selbe dichte Treiben, das wir auch gestern schon beobachten konnten. Heute allerdings sind viel mehr Krokodile an Land. Wahrscheinlich liegt das an der noch recht frühen Tageszeit – die Reptilien wärmen sich in der Morgensonne, bevor sie sich zu Wasser lassen und ihrem Tagesgeschäft nachgehen. Auch die zahlreichen Storchenvögel scheinen zu wissen, dass die Croc ihre Betriebstemperatur noch nicht erreicht haben, denn sie staksen mit einer Sorglosigkeit zwischen den Panzerechsen umher, die uns fast den Angstschweiß auf die Stirne treibt. Doch alles bleibt ruhig und wir genießen diese Morgenidylle in vollen Zügen, bevor wir schließlich langsam weiterfahren.

Waran auf Beutezug
Nimmersatte
Croc pflügt durchs Wasser











Unser Weg führt uns abermals zur Brücke, dazwischen jedoch halten wir mehrmals an, denn wir haben einige interessante Pflanzen entdeckt. Die erste ist ein fast mannshoher Busch mit silbrig-grünen, glatten Blättern und hellvioletten Blüten. Erika hat solch ein Exemplar bereits auf einer anderen Tour vor einigen Jahren gesehen und erzählt uns, ihr damaliger Führer hätte gesagt, das Gewächs sei so giftig, dass man bereits erblinden könnte, ginge man zu nahe an die Pflanze heran. Das ist natürlich blanker Unsinn, doch ein Körnchen Wahrheit steckt ja bekanntlich in jeder Legende. Was wir hier sehen, ist eine Calotropis procera, auch Sodomsapfel, Satansbaum oder, viel harmloser, Kielkronen, genannt. Sie gehört zur Familie der Hundsgiftgewächse und sondert tatsächlich einen nicht gerade bekömmlichen Milchsaft ab. Reibt man sich diesen versehentlich in die Augen, kann es zu schweren Reizungen bis hin zur temporären Erblindung kommen, das bloße Hinsehen aber richtet keinen Schaden an. Wäre auch schade, denn die Pflanze ist sehr hübsch und ihre Blüten entfalten ihre wahre Schönheit erst, wenn man sie von nahem betrachtet. Da sind die Blüten unseres nächstes Gewächses, das wir ein Stück weiter, hoch oben in einem Baum entdecken, schon etwas plakativer: eine epiphytische Leoparden-Orchidee (Ansellia africana) hat sich hier niedergelassen und einen riesigen Horst gebildet, der gerade üppig blüht. Allerdings relativiert sich diese Pracht etwas, denn im lichten Schatten des Baumgeästs verschmelzen die prächtigen, sonnengelben Blüten mit ihren kastanienbraunen, streifigen Flecken fast mit ihrer Umgebung. Doch einige Bulben des Horsts sind abgebrochen und zu Boden gefallen, sodass wir diese Kunstwerke der Natur doch genauer und von Angesicht zu Angesicht betrachten können. Heinz, der nicht nur ein Faible für Sukkulenten, sondern auch für Orchideen hat, ist in seinem Element und sammelt sogleich einige Bruchstücke der Pflanze auf. „Die nehm’ ich mit auf unsere Campsite und pflanze sie dort aus. Wenn ihr mal wieder hierherkommen solltet, Annette, müsst ihr schauen, ob sie angewachsen sind!“

Calotropis procera
Ansellia africana
Ansellia-Blüte











Hach, ich bin begeistert von unserem Morgenausflug – was wir in diesen wenigen Stunden schon wieder alles gesehen haben! Eine Tatsache jedoch verleidet mir die Freude an unserer Pirsch ein wenig: es sind vereinzelte Tsetse-Fliegen unterwegs und die haben es, wie sollte es anders sein, natürlich akkurat auf mich abgesehen. Gerade halte ich ein Stück der Orchidee ins Sonnenlicht, damit meine Reisegenossen die fantastischen Blüten fotografieren können, als mich eines dieser Biester ins linke Handgelenk beißt. Aua! Und noch eine, die sich eine dünnhäutige Stelle an meinem rechten kleinen Finger ausgesucht hat. „Können wir bitte weiterfahren?!? Hier hat's Tsetses!“ Das alte Spiel beginnt von Neuem: „Barbara, wo sind hier Tsetses? Ich kann keine entdecken!“ Fluchend zerre ich meine Armbanduhr vom Handgelenk und halte selbiges, in Minutenschnelle auf den anderthalbfachen Umfang anschwellende, misshandelte Körperteil meinen Freunden unter die Nase. „Oh, shit, gibt’s ja nicht!“

Hurtig fliehen wir in die Autos und verlassen diesen tsetseträchtigen Ort Richtung Norden, wo wir noch einen kurzen Stopp auf der Brücke einlegen. Meine Freude am unter uns liegenden Hippopool allerdings hält sich momentan in Grenzen, denn mein linker Unterarm sieht mittlerweile aus wie eine prall gefüllte, unförmige Wurst und fühlt sich auch so an. Also beenden wir unsere Morgenrunde und streben dem Camp zu, wo ich bisher noch keine Stechliegen ausmachen konnte. Bevor wir allerdings ins traute Heim zurückkehren, machen wir noch einen raschen Schwenk zu den Sanitäranlagen hinter der Brücke. Hier gibt es Toiletten und einige wenige Duschgelegenheiten, die wir heute Nachmittag gerne in Anspruch nehmen würden, um uns den Staub der vergangenen Tage vom Körper und vor allen Dingen aus den Haaren zu waschen. Die Ablutions sehen gepflegt aus, sie sind nicht abgesperrt, doch es hat kein Wasser. Schade! Gerade wollen wir wieder von dannen fahren, als ein Caretaker wie aus dem Nichts auftaucht und uns nach unserem Begehr fragt. Ach, Wasser?! Ja, heute, am frühen Nachmittag, da käme ein Tankwagen und dann wäre alles wieder betriebsbereit.

Elefanten beim Camp
Geschirrspülen mit Aussicht
Meerkatze erntet Blüten











Prima, das klingt gut! Erfreut kurven wir zurück ins Lager, stillen unseren Hunger mit einem kleinen Snack und freuen uns auf ein paar relaxte Stunden im Schatten unserer Camp-Bäume. Mit Lesen, Faullenzen und dem Beobachten der uns umgebenden Tierwelt verbringen wir die heißeste Zeit des Tages. Dieses sehr entspannende Wohlfühlprogramm unterbrechen wir lediglich für einen kleinen Ausflug zum Sanitärblock, der ja, zumindest laut Auskunft des Caretakers, mittlerweile wieder mit Wasser versorgt worden sein sollte. Den Tankwagen wenigstens haben wir bereits vor einer Stunde vorbeituckern hören. Bei den Ablutions angekommen, klettern wir wohlgemut aus den Autos und überprüfen die Situation an den Tanks – leer! Im selben Moment taucht der Caretaker etwas zögerlich hinter dichtem Gebüsch auf, winkt hektisch und brüllt: „Sorry, no water today!“. So schnell, wie er gekommen ist, verschwindet er auch wieder. Offenbar meidet er näheren Kontakt mit uns, denn er hat sein Versprechen nicht gehalten und scheint nun zu befürchten, dass es Ärger mit uns verwöhnten Touristen geben könnte. Doch da kennt er uns schlecht! Rasch checken wir den Füllstand der kleinen Wassertonnen vor den Toiletten, deren Inhalt eigentlich zum Spülen gedacht ist, und bedienen uns schließlich kurzerhand daraus, um wenigstens eine grobe Grundreinigung unserer Extremitäten zu vollziehen und den schlimmsten Staub aus den Haaren zu waschen. Ah, das tut gut! Nun sind wir zumindest partiell erfrischt und nicht mehr ganz so klebrig und staubig. Mit wohligem Gefühl und flauschig wehenden Locken kehren wir ins Camp zurück, um dort unseren faulen Nachmittag fortzusetzen.

Und kaum haben wir uns wieder in unsere Stühle gefläzt, erscheinen erneut die Elefanten. Es ist der selbe Trupp wie gestern und heute Morgen – unser Camp scheint eine feste, mehrmals täglich besuchte Station auf ihrer Suche nach Futter zu sein. Genüsslich rücken wir unsere Sitzgelegenheiten zurecht und delektieren uns am Nachmittagsprogramm des Katavi Bush TV, wie es spannender und anschaulicher nicht sein könnte. Wir lauschen dem Kommunikations-Grummeln der Dickhäuter, beobachten ihre gezielten Rüsselbewegungen, mit denen sie vorsichtig die saftigsten Blätter von den Bäumen pflücken und versuchen, ihre Verwandtschaftsverhältnisse zu ergründen – aus einer Entfernung von weniger als zehn bis fünfzehn Metern. Hinter uns hüpfen derweil viele bunte Vögel durchs Gebüsch und eine kleine Meerkatzenhorde, die keinerlei diebische Anwandlungen zeigt, tobt über uns durch die Bäume. Wir verleben Momente, die absolut unvergleichlich und unbezahlbar sind, deren Zauber man niemandem erklären kann, der so etwas noch nicht selbst erlebt hat. Und allein für solche Momente hat sich die strapaziöse Fahrt hierher voll und ganz gelohnt – von den Nilpferden will ich gar nicht reden!

Gegen halb vier, die sengende Mittagshitze weicht allmählich erträglicheren Nachmittagstemperaturen, ziehen die Elefanten flussaufwärts von dannen und auch wir denken langsam darüber nach, welche Runde wir jetzt drehen könnten, um unseren letzten Tag im Katavi gebührlich zu begehen. Annette schlägt vor, zum Lake Chada zu fahren, der östlich unseres Camps liegt. „Ist schön da, aber auch nicht recht viel anders als hier. Und es hat viele Tsetses.“ Okay, dann ist der Fall für mich ja klar. Natürlich will ich meine Freunde nicht davon abhalten, andere Teile des Parks zu erkunden, aber noch mehr Tsetses brauche ich wirklich nicht! Mein malträtierter Arm ist, dank einer Antihistaminikumgabe und heftigen Kortisongeschmieres, gerade wieder auf Normalmaß abgeschwollen, und ich empfinde keinerlei Sehnsucht nach weiteren Tsetses. Und wenn die Runde zum Lake Chada sich ohnehin nicht großartig vom Camp-Loop unterscheidet, dann erst recht nicht. „Fahrt ihr ruhig, ich bin hier bestens aufgehoben. Und ihr braucht kein schlechtes Gewissen zu haben, ich bin ganz gerne mal allein. Allein mit mir und meinem Katavi!“. Damit jedoch sind nicht alle meine Freunde einverstanden und eine Diskussion entbrennt. Jochen hat kein Problem, mich im Camp zurückzulassen, Annette ist nicht wohl dabei und Heinz will ohne mich sowieso nirgendwo hin. Hei, ist das schwierig...

Ich bin nahe dran, das Hin und Her kurzerhand zu beenden, indem ich mich bereit erkläre, die Chada-Runde doch mitzufahren, als mich ein heimliches Rühren in meinen Gedärmen der finalen Entscheidung enthebt. „Egal, was ihr beschließt, ich komm mit. Aber jetzt muss ich erst mal dringend aufs Klo. Sorry!“ Entschuldigend greife ich mir den Spaten, die Klorolle und mache mich, die Umgebung sichernd, auf den Weg. Mhm, die Elefanten sind flussaufwärts abgezogen, also gehe ich in die entgegengesetzte Richtung. Aufmerksam scanne ich die Umgebung, taste mich durchs Gelände und entdecke schließlich ein Plätzchen, das ideal für mein Vorhaben scheint: nicht weit vom Camp, offene Sicht über mehr als 180 Grad, kein Tier weit und breit. Sehr gut! Einen mächtigen Baum im Rücken, hebe ich ein Loch im sandigen Boden aus, hänge die Papierrolle auf einen abgebrochenen Ast und tue schließlich, weswegen ich diesen Ort aufgesucht habe. Lächelnd beende ich meine Verrichtung – auch das ist immer wieder ein ganz spezieller Moment, das Freiluftkacken im Busch – säubere mich und will gerade wieder in die Senkrechte gehen, als rechts von mir, keine drei Meter entfernt, ein Elefant auftaucht. Es ist die Leitkuh unserer Camptruppe, das erkenne ich an einem Riss in ihrem Ohr. Von rechts? Ihr seid doch nach links weggegangen, vor mehr als einer halben Stunde! Und ich habe so genau geschaut, ob ich hier auch wirklich allein bin. Wo kommt ihr plötzlich her? Die Leitkuh bedenkt mich mit einem kurzen Blick – ich seh dich sehr wohl – setzt ihren Weg aber völlig unbeeindruckt fort. Langsam schaukelt sie an mir vorüber, rupft hier ein paar Blättchen von einem Baum, zupft dort einige trockene Grashalme ab und rüsselt sich zwischendrin die Spitzen frischer Palmblätter ins Maul. Ihr folgt, natürlich, die ganze Familie. Auch sie, die Kleinen wie die Großen, rupfen, zupfen und rüsseln in aller Gemächlichkeit. Wir sehen dich! Wie zur Salzsäule erstarrt, verharre ich reglos hockend über meinem Loch. Solange ich mich nicht bewege, ist alles gut! Doch plötzlich weht ein Windstoß durchs Gebüsch, meine sorgsam auf einem Ast aufgehängte Klorolle beginnt sich, wie von Geisterhand bewegt, zu drehen und ein immer länger werdendes Stück Klopapier flattert fröhlich in der Brise. Im Zeitlupentempo wandert meine rechte Hand zur Rolle. Vorsichtig stoppen, noch vorsichtiger zurückrollen! Geschafft - die Elefanten haben nicht reagiert! Tja, und so kauere ich hier, mitten im Busch, in reichlich entwürdigender Pose, die rechte Hand an der flatterhaften Rolle, die linke hilfesuchend am Stiel des Spatens, Fliegen umsurren immer aufdringlicher meine entblößte Körpermitte, ich kann mich nicht wirklich dagegen wehren – und genieße die gesamte Situation, so abwegig das auch klingen mag, trotzdem in vollen Zügen.

„Barbara! Alles okay? Wo bleibst du?“, schallt es vernehmlich durchs Gestrüpp. Ich getraue mich nicht, eine hörbare Antwort zu geben, hoffe aber inständig, niemand möge sich auf die Suche nach mir machen... „Barbara!?!“ Minuten, die sich wie Stunden anfühlen, ziehen ins Land, ein paar Mal noch wird nach mir gerufen, dann verstummen die Nachfragen und die Elefanten verschwinden endlich im Gebüsch, entfernen sich aus meiner Sichtweite. Einen Sicherheitsaugenblick warte ich noch ab, dann bekleide ich mich möglichst geräuschlos, schaufle das Loch zu und begebe mich wieder zu meinen Freunden, die schon besorgt auf mich warten. „Gehts dir nicht gut? Du warst so lange weg!“ „Alles okay. Ich hatte nur Besuch auf'm Klo...“ „Besuch?“ „Ja, Elefanten.“ „Was? Wie weit warst du denn bitte weg? Wir haben hier nix gesehen.“ „Ich auch nicht, bis sie direkt vor mir standen...“. „Wie jetzt?“ Grinsend erzähle ich meinen Freunden von meinem Notdurft-Abenteuer, während sie sich vor Lachen ausschütten, gleichzeitig aber auch etwas erschrocken reagieren. „Wir haben nichts, aber auch gar nichts gesehen! Meine Güte, was da alles hätte passieren können! Doch da sieht man's mal wieder: wir Menschen sind einfach blind...“ „Na ja, ist ja alles gut gegangen und spannend war's zudem. Und was machen wir nun, jetzt, da ich alles erledigt habe?“ „Ach, wir haben beschlossen, die bewährte Camprunde zu drehen. Lake Chada ist doch ein bisschen weit weg und, wie gesagt, auch nicht recht viel anders als hier.“ Perfekt! Mit dieser Lösung können wir alle gut leben und ich, mit meiner Tsetseangst, bin wenigstens nicht schuld daran, dass wir von dem recht großen Park nun doch nur wenig gesehen haben werden. Aber wie sagt man so schön: warum denn in die Ferne schweifen, liegt das Gute doch so nah.

Unstimmigkeiten im Tümpel
Unruhe verbreitet sich
Streit an Land











Und das Gute liegt, wie auch schon auf den vergangenen Ausflügen, natürlich wieder direkt vor den Toren unseres Camps. Zuerst fahren wir zur Brücke; die Hippos dümpeln wie gehabt in ihrer schlammigen Brühe, sind aber heute besonders aktiv – zumindest ein paar junge Bullen. Ständig geraten sie in Streit und gehen sich gegenseitig an, ohne Rücksicht auf die Artgenossen, die einfach nur gerne abhängen würden. Das bringt Unruhe in die gesamte Nilpferdschar, man grunzt, droht, schnappt und drängelt mit einer Vehemenz, die die kläglichen Wasserreste fast zum Kochen bringt. Dann schreiten die Bosse ein. Mit eindeutigen Drohgebärden und angedeuteten Attacken auf die streitsüchtigen Jungspunde sorgen sie ganz schnell für Ruhe und Ordnung: geht ans Ufer und kabbelt euch dort, oder gebt Frieden! Die jungen Bullen gehorchen erstaunlich schnell und lassen sich grummelnd ins Wasser sinken, wo sie brav verharren, ihre Kontrahenten jedoch nicht aus den Augen lassen. Zwei der angriffslustigen Jugendlichen aber wollen nicht von dem jeweils anderen ablassen und kämpfen fröhlich weiter. Erneut weist sie einer der Chefs in ihre Schranken: raus oder Ruhe, zefix! Brüllend und mit aufgerissenen Mäulern pflügen die Streithähne durch die Hippo-Gruppe und setzen ihr Kräftemessen tatsächlich am Ufer fort. Für uns ist das natürlich ein ganz besonderes Schauspiel: zwei Kolosse, sichtbar von der Ohrspitze bis zur Fußsohle, stemmen sich gegeneinander, verrichten erstaunlich schnelle Beinarbeit und verharren schließlich mit bedrohlich geöffneten Mäulern, Schnauze an Schnauze, und blasen sich gegenseitig den Odem ihrer Aggressionen in den Schlund. Toll!

Statement mit Kot
Folgen eines Streits
Waran mit totem Wels











Im Hippobecken ist derweil wieder gesittete Chill-Atmosphäre eingetreten, was sich ein kleiner Waran zunutze macht. Die Echse, die plötzlich auf der rechten Uferseite aufgetaucht ist, hat auf der linken Seite, also direkt zu unseren Füßen, einen toten Wels entdeckt. Und jetzt, da die Hippos endlich mit ihrem hibbeligen Geschwappe aufgehört haben, sieht das Reptil seine Chance gekommen. Mit vorsichtigen Schritten, aber dennoch sehr zielstrebig und rasch, überquert es den schlammigen Streifen am Rande der Brückenpfeiler und schnappt sich schließlich zufrieden seine Beute. Der Wels ist noch als solcher erkennbar, gerade noch, hat jedoch schon deutlich an Frische eingebüßt – er scheint schon eine ganze Weile zu liegen. Dem Waran ist das einerlei; mit einem genüsslichen Schnapper verbeißt er sich in den verrottenden Fisch und verspeist diverse Happen, bevor er mit seiner Beute unter der Brücke verschwindet.

Es ist eng im Tümpel

Nimmersatt mit Fischerglück 











Es ist doch immer wieder faszinierend, was man erleben kann, wenn man sich Zeit nimmt, länger an einem Ort zu verharren und nicht, auf der Jagd nach Action, von einem Platz zum anderen hetzt. Es verhält sich fast wie bei der Regentheorie: kriegt man mehr Tropfen ab und wird nässer, wenn man durch einen Schauer eilt, oder kann man durch Stehenbleiben die auftreffende Regenmenge minimieren? Wir jedenfalls sind an Ort und Stelle geblieben und ziemlich „nass“ geworden! Trotzdem ziehen wir jetzt weiter, zu unserem Steilabbruch auf der anderen Flussseite, um uns von den dortigen Hippos, Krokodilen und Vögeln gebührlich zu verabschieden. Wir genießen das friedliche Bild der Nilpferde, die hier in einer wesentlich kleineren Gruppe in tieferem Wasser Zuflucht vor der Trockenzeit gefunden haben, freuen uns über die teilweise stattlichen Panzerechsen und die zahlreichen Storchenvögel, die wieder in aller Seelenruhe zwischen den massigen Leibern der Hippos und den zahnbewehrten Kiefern der Crocs umherstaksen. Ewig könnte ich diesem vergleichsweise unspektakulären Schauspiel der Natur beiwohnen, denn es ist trotz allem spannend – und so beruhigend. Doch langsam senkt sich die Sonne gen Horizont und Annette möchte unseren letzten Sundowner im Katavi gerne in den Katisunga Plains zu sich nehmen, Sonnenuntergang, Weite und Rundumblick inklusive. Also machen wir uns auf den Weg. Bald jedoch müssen wir schon wieder anhalten, denn ein Löwenrudel liegt, direkt zu unserer Linken, dösend im Schatten. Zwei Kater (die von heute Morgen?), ein paar Damen und vier Heranwachsende rekeln sich wohlig im trockenen Gras, die Pfoten genüsslich gen Himmel gereckt. Eines der Männchen hebt sein Haupt und sieht uns aufmerksam an. Ob auch er nachdenkt, wer wir sind – die Menschen von heute Morgen? Eine Weile bleiben wir bei den Löwen, dann aber reißen wir uns los und tuckern raus auf die Ebene. Keinen Moment zu früh! Die Sonne schickt sich bereits an, am Horizont zu verschwinden, sendet noch ein paar letzte, güldene Strahlen über die Plains, bringt deren Gras zum Leuchten. Vögelschwärme steigen in großen Gruppen auf und streben ihren Schlafplätzen zu, die Geräusche eines vergehenden Tages umfangen uns, Annette hechtet zum Kühlschrank, um den Sundowner zu servieren und, mit den Dosen in der Hand, blinzeln wir alle träumerisch in den Sonnenuntergang, hängen unseren Gedanken nach und lassen, zumindest ich, diese Tour etwas wehmütig revue passieren.

Die Weibchen mit Nachwuchs
Der Boss
Ein Tag geht zu Ende











Wir haben eine Menge gesehen und erlebt, schöne und weniger schöne Dinge, ich durfte zwei neue Länder, Uganda und Ruanda, kennenlernen, wir sind tausende von Kilometern gefahren, um schließlich, ganz zum Schluss, an einem meiner absoluten Lebenstraumziele anzukommen – dem Katavi Nationalpark. Und auch, wenn wir nur zwei Tage hier sein konnten, so hat es sich doch gelohnt. Ich fühle mich sagenhaft wohl in dieser fast menschenleeren Wildnis, so wohl, wie ich es im ganzen Urlaub nicht getan habe. Auch wenn es nicht so überfüllt war wie auf dem Rummelplatz oder in manchen Gegenden des Krüger Nationalparks, so waren wir doch bis vor Kurzem, bevor wir hier angekommen sind, ständig von Menschen umgeben. Und ich musste mal wieder feststellen, dass das etwas ist, was mir nicht wirklich behagt. Und noch etwas hat sich erneut gezeigt: ich bin ein Kind der Weite, der Trockenheit, der Wüsten; wird es grün, feucht und bergig, genieße ich zwar die Üppigkeit der Vegetation, kann dieser aber weniger abgewinnen als den pflanzlichen Überlebenskünstlern in ariden Regionen – und ich fühle mich durch die Berge irgendwie eingeengt. Damit will ich mitnichten sagen, dass mir diese Tour nicht gefallen hat, im Gegenteil, doch meine Sehnsüchte hat sie nicht befriedigt. Bis auf diese letzten Tage im Katavi, die in mir wahre Glücksgefühle erzeugt haben. Tja, so ist das nun mal... Verständlich also, dass ich mit einer gewissen Wehmut in diesen Sonnenuntergang starre und nur ungerne an morgen, den Tag unserer Abreise aus dem Katavi, denke. Doch ich lasse mir die Stimmung nicht verderben. Mit glänzenden Augen sauge ich die Bilder der Ebene, durch deren Grashalme gerade die letzten langen Strahlen der untergehenden Sonne fingern, in mich auf, und freue mich auf einen Abend und eine Nacht voller Natur-Geräusche, bevor uns der Lärm der Zivilisation wieder in seine Zangen nimmt.

Der gleißende Ball der Sonne verschwindet am Horizont, das diffuse Zwielicht ermahnt uns, zum Lager zurückzukehren und wir leisten diesem Ruf natürlich Folge. Bald darauf überqueren wir den Katuma an der Trockenfurt, werden dabei aufmerksam von ein paar Giraffen beobachtet, und wenig später erreichen wir unser Camp, aus dem sich soeben der letzte Elefant ins umliegende Gebüsch zurückzieht. Wohlig erlebnissatt beginnen wir mit den Vorbereitungen fürs Abendessen, entzünden ein knisterndes Feuer und genießen diesen letzten Abend in der Wildnis, der trotz aller Ruhe und Besinnlichkeit keine Langeweile aufkommen lässt. Schon während das Fleisch auf dem Grillrost brutzelt, geht die Action los: eine riesige Gottesanbeterin, die sich offenbar vom hellen Schein unserer Glut angezogen fühlt, fliegt immer wieder torkelnd Richtung Grillstelle. Heinz, der heute den Steakmeister gibt, fängt sie mehrmals ein, trägt sie, soweit es die Dunkelheit erlaubt, aus der Gefahrenzone, kann aber schließlich nur noch bedauernd die Schultern zucken, als das Insekt in einem unbemerkten Augenblick doch sein Ziel erreicht und mit einem lauten Knistergeräusch sein Leben aushaucht. Dann, wir essen gerade, setzen die Geräusche der Nacht ein: es raschelt im Gebüsch, man hört Löwen brüllen und ein wenig später gesellt sich auch das typische Huhuhen von Tüpfelhyänen dazu. Inmitten dieser Lautkulisse, die viel Spielraum für Träumereien und Fantasien lässt, verbringen wir einen gemütlichen Abend zwischen Lauschen und anregenden Gesprächen, bevor uns die Bettschwere übermannt. Einer nach dem anderen sucht sein Zelt auf, nur Heinz und ich können uns nicht losreißen – ein bisschen noch wollen wir am Feuer sitzenbleiben und in die Dunkelheit spähen – vielleicht bekommen wir ja doch noch eine Hyäne zu Gesicht, sie klingen so nah.

Bis weit nach Mitternacht verharren wir in unseren Stühlen, unterhalten uns flüsternd, schweigen und genießen diese letzte Nacht, die uns mit samtener Wärme und spannenden Lauten umfängt, bis auch wir unserer Müdigkeit nachgeben und uns in den Schlafsäcken einkuscheln. Eine Hyäne hat sich leider nicht mehr blicken lassen...


Weitere Impressionen des Tages:

Elefanten haben Vorfahrt













Einsamer Büffel









Lodgefahrzeug
Corythaixoides personatus
Gypohierax angolensis, juvenil









Streithansln











Der Streit im Wasser...
... nimm ernste Formen an...
...und bringt Unruhe









Friedliches Grasen
Giraffen im Graben











Kleine Meinungsverschiedenheit...
... bei den Nimmersatten










Pelikane
Kloblick
Zug zu den Schlafbäumen