Mittwoch, 11. Januar 2017

17. Oktober 2014; Augrabies Falls NP > Upington; Heimflug

Ute und Annette sind schon eine ganze Weile weg, als wir im ersten Sonnenlicht erwachen. Von ihrer Abreise haben wir nichts mitbekommen, haben noch fest geschlafen. Jetzt aber weckt uns das betriebsame Geraschle Jochens, der schon emsig zugange ist, alles in seinen Augen Unnötige im Auto zu verstauen – und für ihn sind ganz viele Dinge nur unnützes Beiwerk... So kommt es, dass wir schließlich an einem recht übersichtlichen Frühstückstisch Platz nehmen und das, was noch zur Verfügung steht, zu uns nehmen - mit den Gerätschaften, die noch nicht verräumt wurden. Na ja, immerhin gibt es reichlich Kaffee und etwas zwischen die Zähne, und der Abwasch fällt auch spärlicher aus als sonst.

Nachdem wir schließlich unsere Kaffeegelüste befriedigt und uns ausreichend sattgegessen haben, geht es an finale Packen. Heinz und ich quetschen rasch unsere Schlafzimmereinrichtung ins Gepäck, säubern das Zelt von innen und von außen, reißen es ab und verpacken es sorgfältig, auf dass unsere Nachfolger heute Abend ein, nun ja, nicht ganz jungfräuliches Stoffhäuschen in Gebrauch nehmen können – die Gäste für die Folgetour werden wir nämlich schon mittags in Upington in Empfang nehmen. Dann assistieren wir Jochen beim Packen des Rest-Equipments, polieren das Auto auf Hochglanz, gehen schnell duschen und werfen uns zum Schluss in unsere Rückreiseklamotten. Zivilisiert duftend und reisefertig nehmen wir zu guter Letzt noch wehmütigen Abschied von unseren gefiederten Freunden, bevor wir uns Jochen zuwenden, der entspannt am Auto lehnt und raucht. „Fertig! Wir können!“. Jochen nickt, wir klettern in den Wagen – und staunen nicht schlecht, als Jochen diesen erst zum Waschhaus lenkt, dann auf dem Campgelände herumsteuert und schließlich bei einem Wasserhahn stehenbleibt.

Hä? „Wir müssen noch Wasser auffüllen, hab aber keinen Schlauch...“, brabbelt Jochen in seinen Bart. Doppel-Hä? „Muss das jetzt sein? Können wir das nicht in Upington an einer Tanke erledigen?“ „Nee, was ma ham, des hamma!“ Aha, fragt sich nur, wie wir das ohne Schlauch bewerkstelligen sollen... Jochen versucht es mit einer abenteuerlichen Konstruktion: eine abgeschnittene Wasserflasche fungiert als Trichter und soll nun das Wasser aus dem Hahn in den Tank leiten; leider aber liegt die Öffnung des Hahns viel zu tief. Seufzend machen wir uns auf dem umliegenden Gelände auf die Suche nach etwas Brauchbarerem und fluchen dabei insgeheim vor uns hin – warum muss so etwas immer auf den letzten Drücker erledigt werden? Schließlich finde ich ein längeres Stück eines alten Leerrohrs; normalerweise werden damit Kabel unter Putz verlegt und es ist wohl noch irgendwelchen Bauarbeiten übriggeblieben. Vorsichtig grabe ich das alte Teil aus dem staubig-harten Boden und bringe es zu Jochen, der glücklich lächelt.

Wir spülen es durch, dichten mit allen verfügbaren Händen den Übergang zum Hahn ab und schon gluckert das Wasser in den Tank. Nach zwanzig Minuten ist dieser endlich voll, Jochen zufrieden – und wir sehen aus wie die Schweine. Rückreiseklamotten, drei Wochen geruchs- und staubdicht durch den Urlaub gerettet, um wie ein zivilisierter Mensch heimfliegen zu können – warum? Achselzuckend sehen Heinz und ich uns an, klopfen losen Staub aus unserer ehemals sauberen Kleidung, hoffen, dass sich bis Upington auch noch der mit Wasser vermatschte Rest entfernen lässt und schlichten uns, etwas schief grinsend, ins Auto. Dann steht ja unserer Fahrt nach Upington nichts mehr im Wege – denken wir...

 Und tatsächlich fressen wir nach dem Verlassen des Augrabies Falls Nationalparks erst mal diverse stoppfreie Kilometer, bis wir, zirka auf halber Strecke, den Ort Keimoes erreichen, wo Jochen nun abermals mehr oder weniger zielgerichtet anhält. Mhm? „Wir brauchen noch Gas. Das sollte es hier geben.“ Sollte... Wir fragen uns durch. Und dann beginnt eine Odyssee, wie sie schöner nicht sein könnte: Laden A, der kein Gas auffüllt, aber so aussieht, schickt uns zurück an den Ortsausgang, zu Händler B. Wir wenden, fahren bis zum Ende des Kaffs, doch benanntes Geschäft existiert offenbar nicht mehr. Also wieder rein nach Keimoes, jemand anderen befragen. Wir werden an das andere Ortsende geschickt. Wieder Fehlanzeige. Erneutes Fragen. Unsere letzte Fahrt, denn auch Jochen verlässt nun allmählich die Geduld, führt uns in ein recht ominöses Viertel von Keimoes, halb Wohngebiet, halb Industriegelände. Kein Mensch auf der Straße, weit und breit kein Gas-Laden in Sicht. Das Ende vom Lied: nach fast einer Stunde der vergeblichen Suche nach einem Gas-Dealer in Keimoes kehren wir dem Ort den Rücken und fahren endlich weiter nach Upington. Hier könne man sicher auffüllen, sagt Jochen. Warum sind wir dann hier rumgekurvt?

Tja, who knows... Trotz unserer mehr oder weniger erheiternden Extrarunden kommen wir schließlich dennoch einigermaßen pünktlich am Flughafen in Upington an, wo Annette natürlich schon ungeduldig auf uns wartet. Sie hatte Ute rechtzeitig abgesetzt, war dann noch beim Einkaufen und harrt nun seit geraumer Zeit unserer Ankunft – gemeinsam mit Jochen wollte sie die getätigten Einkäufe auf beide Autos verteilen. Dazu ist jetzt aber keine Zeit mehr, denn der Mittagsflieger aus Johannesburg ist bereits gelandet und vier neue Gäste müssen in Empfang genommen werden. Heinz und ich, die wir ja Zeit haben, übernehmen die Bewachung beider Fahrzeuge, während Annette und Jochen ihren Pflichten als Veranstalter nachkommen und dem Empfangsterminal zustreben.

Eine halbe Stunde kehren sie wieder; mit Anke, Gabi, Simone und Karl-Heinz im Schlepptau. Ich freue mich sehr, denn Gabi und Anke kenne ich, über meine Arbeit, schon seit Jahren. Freudig umarmen wir uns, alle anderen stellen sich gegenseitig vor, Annette kramt einen Empfangsdrink aus dem Kühlschrank und schon sind wir vergangene und künftige Mitreisende fröhlich am Plaudern. Annette und Jochen kümmern sich währenddessen, wie üblich laut streitend, um die Verteilung der erworbenen Lebensmittel in den beiden Autos. Anke und Gabi sehen mich angesichts des hektischen Gezeters fragend an. „Passt scho, so sind die beiden halt. Aber es klappt alles meistens trotzdem wie am Schnürchen!“

Beruhigt vertiefen wir uns erneut in unsere Erwartungs- und Erlebnisschilderungen, als Annette mich plötzlich fragt: „Sag mal, Barbara, gibt es in Rietfontein eigentlich eine Tankstelle? Ich hab’s hier nämlich nimmer geschafft.“ „Was? Rietfontein? Ihr wollt doch über Twee Rivieren in den KTP, da liegt Rietfontein gar nicht auf der Strecke!“ „Stimmt...“, konstatiert Annette verwirrt, während sich Ankes Mund an mein Ohr bewegt und leise, aber dennoch hörbar flüstert: „Wer ist hier eigentlich der Guide? Das kann ja heiter werden...“ „Das wird es, im positivsten Sinne, ich verspreche es euch!“, versichere ich den neuen Gästen aus vollem Herzen. „So sind die beiden halt, sobald sie auf Zivilisation und Formalitäten treffen. Aber sie wissen genau, was sie tun!“ Mein Gott, jeder hat so seine Eigenheiten! Ich kann verstehen, dass das soeben Erlebte die Neuankömmlinge ein wenig verunsichert, dennoch lege ich meine Hand dafür ins Feuer, dass jede Tour mit Annette und Jochen ein ganz besonderes, eigenes, persönliches und ungewöhnliches Ereignis sein wird. Die beiden lieben den schwarzen Kontinent und nehmen dort, auf ihre eigene, bewundernswerte Art und Weise, ihren Weg - zuverlässig und extrem sympathisch.

 In diesem Sinne nehmen wir nun alle Abschied voneinander; die neue Truppe voller Hoffnungen und zu erfüllender Erwartungen, Heinz und ich voller Wehmut, bereits erfüllter und schon wieder neuer Erwartungen. Nächstes Jahr geht es nämlich nach Uganda, Ruanda und Tansania, und wir freuen uns jetzt schon wie wahnsinnig drauf! So sehr, dass wir auch nach der endgültigen Verabschiedung von unseren Freunden und der neuen Reisetruppe unsere vierstündige Wartezeit am Flughafen von Upington trotz alledem positiv erleben: es werden Dutzende von Mitarbeitern des Monats gewählt, der gesamte Betrieb ist für Stunden wie lahmgelegt, man kann nichts zu trinken erwerben, kein Gepäck aufgeben, keine Sicherheitskontrolle durchschreiten, geschweige denn irgendetwas anderes bewerkstelligen. Amüsiert grinsend beobachten Heinz und ich den Ehrungsrummel und das daraus resultierende Chaos – TIA – This Is Africa! Und trotzdem, auch das ist Afrika, startet der Flieger nach Johannesburg pünklich – mit uns und unserem Gepäck an Bord. Auf Wiedersehen, bis nächstes Jahr!

Donnerstag, 5. Januar 2017

16. Oktober 2014; Erholungs- und Packtag, Augrabies Falls NP

Mann, nicht mal am letzten Urlaubstag kann man hier ausnahmsweise mal ein bisschen länger schlafen! Schon lange bevor die ersten Sonnenstrahlen durch die Bäume lugen, weckt uns heute Morgen das heisere Gebell und durchdringende Gekreische aufgeregt streitender Paviane. Im Prinzip könnte man ja auf Durchzug schalten und noch ein wenig weiterdösen, doch in Anwesenheit dieser frechen Affen, die gerne alles mitgehen lassen, was nicht niet- und nagelfest ist, kann selbst der Faulste nicht in Frieden pennen! Seufzend wälzen wir uns also aus den Schlafsäcken, um das marodierende Treiben der Primaten kontrollierend zu beobachten und notfalls sofort einzugreifen. Gerade noch rechtzeitig, wie sich zeigt! Als nämlich die Reißverschlüsse vernehmlich ratschen und wir unsere Köpfe aus den Zelten strecken, sehen wir zwar nur noch die sehr nahen Kehrseiten einiger Pavian-Männchen, doch die blicken sich derart angelegentlich nach uns um, dass wir genau wissen: sie hatten soeben Kurs auf unser Lager genommen... Nicht mit uns! Grimmigen Blickes verteilen wir uns, den Tisch deckend, zwischen unseren Besitztümern und beginnen schließlich, noch grimmigeren Blickes, unser Frühstück einzunehmen. Die Baboons wissen unser Gebaren wohl zu deuten und ihre Erfahrungen als unwillkommene Campräuber scheinen hinreichend von sehr viel rigoroseren Menschen als uns geprägt worden zu sein: ein paar wenige, direkte Augenkontakte und die entsprechende Körperhaltung genügen in diesem Falle, um die diebische Rasselbande in die Flucht zu schlagen. Ungewöhnlich, aber sehr angenehm!

Doch es gibt auch Lebewesen, die sich durch unser böses Geschau nicht im mindesten beeindrucken lassen - und sie sind ja auch nicht gemeint: mit dem ersten Brottüten-Rascheln versammeln sich all unsere lieben, gefiederten Freunde um uns und sehen uns, mit unwiderstehlich schräg gelegten Köpfchen, fordernd an. So unwiderstehlich, dass auch die emotionale Resistenz unserer Freunde langsam zu bröckeln beginnt... Still lächle ich ob dieser Tatsache in mich hinein und teile mein Frühstück nun bevorzugt mit den frecheren Staren, während ich die schüchternen gerne unseren ornithologischen Auftauern überlasse. Interessant dabei ist, dass ich die Vögel mittlerweile nicht mehr nur aufgrund ihres Verhaltens oder offensichtlicher körperlicher Gebrechen (fehlende Zehen, Fußstümpfe, Milbenbefall, etc.) recht gut voneinander unterscheiden kann, sondern auch durch die Beringung, die die Tierchen fast ausnahmslos tragen.

Beringung? Darüber hatte ich mich schon bei unserer Ankunft gewundert, gestern aber endlich Aufklärung auf einer der Schauwände im Besucherzentrum erhalten: hier läuft ein Forschungsprojekt mit Fahlflügelstaren, um deren Gesang im Sinne der Wissenschaft zu entschlüsseln. Im Besucherzentrum wurde das so simpel und einleuchtend beschrieben, dass ich die Erklärungen erst mal hinnahm, bei näherem Nachdenken jedoch erschienen mir die dort verzeichneten Ausführungen bald recht unlogisch und lückenhaft, sodass ich weitere Erkundigungen einholte. Also: ja, es läuft ein Gesangserforschungsprojekt, und ja, die Vögel wurden zu diesem Behufe beringt. Was auf den Schautafeln jedoch nicht zu lesen ist - weil wahrscheinlich zu weit gefasst – ist die Tatsache, dass hier zwei Forschungsprojekte ineinandergreifen beziehungsweise aufeinander aufbauen. Und gerade das finde ich besonders interessant: eine im Internet gefundene Abhandlung erklärt es mir genauer - ein wenig später. 

Vor einigen Jahren schlossen sich vier Ornithologen zusammen, um den Gesang des bis dato wenig erforschten Fahlflügelstars (Onychognathus nabouroup) auf wissenschaftlicher Basis auseinanderzupflücken. Im Jahre 2011 erhielten sie dafür das Go vom Augrabies Falls NP, wo bekanntermaßen eine größere Schar benannter Vögel wohlhabituiert ihr Unwesen treibt. Super! Doch wie will man den Gesang (im Sinne einer Kommunikation) erforschen, wenn man nicht mal männliche Fahlflügler von weiblichen unterscheiden kann?! Onychognathus nabouroup ist nämlich eine monomorphe Spezies, was bedeutet, dass beide Geschlechter rein optisch nicht auseinander zu halten sind. Folglich musste also erst ein Weg gefunden werden, dieses Problem zu lösen, was sich allerdings recht kompliziert gestaltete, da den Forschern weder allzu viel Zeit noch unerschöpfliche Geldmittel zur Verfügung standen. Dieser Zeit- und Geldmangel schloss leider die gängigsten Methoden, bei Monomorphen Geschlechter auseinanderzudividieren aus, nämlich die zeitintensive Beobachtung geschlechtsspezifischer Verhaltensunterschiede und auch die teure, aber sichere, ausschließliche DNA-Analyse. Deshalb entschieden sich die Wissenschaftler, eine adäquate Menge von Vögeln einzufangen, sie zu vermessen, nach einem bestimmten System zu beringen, um dann die Tiere wieder freizulassen und anschließend die Daten in einer Art „Trockenübung“ auszuwerten.

Unwiderstehlich!
Beringter Fahlflügelstar
Vogelversammlung









Innerhalb von zwei Jahren wurden 65 Stare dergestalt dingfest gemacht, größentechnisch examiniert und mit jeweils einem Metall- und drei bunten Kunststoffringen bestückt. Einigen wenigen Tieren wurden dabei ein paar Federn entnommen, um zumindest eine hundertprozentig sichere Untermauerung für die anschließende Datenauswertung zu erhalten, gleichzeitig untersuchten die Herrschaften aber auch noch zahlreiche Bälge der genannten Staren, die ihnen von Museen und diversen Forschungseinrichtungen zur Verfügung gestellt wurden. Schließlich konnte die Studie in der Studie erfolgreich abgeschlossen werden: die Trefferquote bei der richtigen Geschlechtsbestimmung lag bei durchschnittlich etwa 75 Prozent, was den Forschern offenbar ausreichend erschien.

Ich finde solche Zusatzinformationen ja immer hochinteressant, und zwar in zweierlei Hinsicht. Erstens macht man sich viel zu wenig Gedanken, unter welchen Umständen das Wissen, über das wir so selbstverständlich verfügen, gewonnen wurde. Man nimmt es einfach als gegeben hin, kann sich jedoch nur in den seltensten Fällen vorstellen, welch ein Aufwand dahintersteckt. Und zweitens zeigen solche Studien, zumindest in meinen Augen, auf welch tönernen Füßen die Ergebnisse oft stehen. Eine Trefferquote von 75 Prozent. Hallo?! Das mag ja ausreichen, um eine neue Erkenntnisbasis zu schaffen, nicht aber, um etwas für immer und ewig als absolute Wahrheit zu zementieren. Kein Wunder also, dass man sich als naturinteressierter und wissenschaftsaffiner Mensch immer wieder mit der Revidierung gerade gewonnener Forschungsergebnisse abfinden muss. Man nehme zum Beispiel die jahrelang proklamierte Verwandtschaft der Klippschliefer mit den Elefanten – heute weiß man, dass das nicht stimmt und die Dassies eine komplett eigene Ordnung darstellen. Doch vielleicht wird auch das in zehn Jahren erneut revidiert... Besonders auffällig und (für mich persönlich) anstrengend aber sind solche Umklassifizierungen im Reich der Pflanzen: da wird die Gattung Phyllobolus plötzlich bei Mesembryanthemum eingemeindet, aus einem lautmalerischen Sarcocaulon wird eine weichgespülte Monsonia, aus dem sukkulenten Asterngewächs Kleinia macht man ein Senecio. Da soll man nicht irre werden! Doch auch, wenn sich mein unter schweren Mühen angeeignetes Wissen ständig selbst überholt, fasziniert mich diese Materie natürlich weiterhin – trotzdem und gerade deswegen.

Man kennt keine Scheu
Beim Brosamen-Abgreifen
Kopfhaltung: perfekt!









Dennoch hat mich die intensive Beschäftigung mit derartigen Themen auch eines Besseren belehrt: von Kindesbeinen an liebäugelte ich nämlich mit dem Beruf des Forschers – ob nun Archäologe, Botaniker, Zoologe, forensischer Pathologe, egal, Hauptsache forschen, herausfinden, Puzzleteile zusammensetzen, komplettieren... Dieser Wunsch überkommt mich heute nur noch äußerst selten. Obwohl ich viel Geduld habe, muss ich aber mittlerweile konstatieren, dass das Ausmaß an Zeitintensität bei gleichzeitiger, nur theoretischer Nähe zum Forschungsobjekt sogar meine Ausdauer stark überstrapazieren würde. Konkret gesagt: da sitze ich doch viel lieber inmitten der zutraulichen Vögelchen, klassifiziere sie aus dem Bauch heraus als männlich, weiblich, schüchtern, neugierig und frech, zwietsche sie an, erhalte tirilierende Antworten und genieße so meinen letzten Urlaubstag in vollen Zügen. Besser, als jahrelang Trockenübungen zu absolvieren, oder? Und zum Genießen habe ich heute den ganzen Tag ausgiebig Gelegenheit, denn wir werden uns keinen Meter hier wegbewegen, es sei denn, um nochmal den Shop zu besuchen oder den Wasserfall oder, oder...

Zunächst jedoch, wir sind ja gerade erst aufgestanden, wird ausgiebig gefrühstückt. Zwischen zwei Tassen Kaffee fällt Heinz auf einmal seine Wildkamera wieder ein. Sofort eilt er zum Baum und montiert das gute Stück ab, um den Inhalt der Speicherkarte unter die Lupe zu nehmen. Jawoll, da sind reichlich Bilder von heute Nacht drauf! Neben den üblichen Insekten, die im Licht der LEDs faszinierend-flirrende Flugbögen in die Luft zeichnen, hat die Kamera auch, wie erwartet, eine Katze festgehalten. Aber nein, das ist nicht die Miezie, die wir gestern Abend gesehen hatten, sondern ganz eindeutig eine Hauskatze, gut erkennbar am glücks-gefleckten Fell. Ach Mensch, schade! Enttäuscht blättern wir uns durch weitere Insektenbilder, freuen uns etwas halbherzig über eine Manguste und eine kleine Streifenmaus, als doch noch weitere Katzenschnappschüsse folgen – ja, und da ist sie, die Geistermieze, auf die wir gehofft hatten! Mit großer Spannung examinieren wir jedes einzelne Foto, zoomen rein, sehen uns Details an, zoomen raus und wieder rein. Mhm, ist das jetzt eine Wildkatze oder nicht? Leider können wir es nicht mit hundertprozentiger Sicherheit sagen: die LEDs, die eine geradezu unheimliche Power haben, reflektieren auf dem vor der Katze liegenden, hellen Sandboden so stark, dass das Tier auf allen Aufnahmen ziemlich überbelichtet wurde. Dadurch kann man die Fellzeichnung bedauerlicherweise nur unzureichend erkennen. Nachdem wir aber alle Bilder abgeglichen und die Ausschnitte mit der am besten sichtbaren Fellzeichnung vor unserem geistigen Auge zusammengesetzt haben, sind wir zumindest zu 95 Prozent davon überzeugt, Besuch von einer veritablen Wildkatze gehabt zu haben.

Auch sie ...
... hätten gerne ...
... was abbekommen.









Ach, wie schön, das ist doch ein guter Einstieg in den heutigen Tag. Einer, der noch besser wird, als drei Stunden nach dem Erscheinen der Geisterkatze die Pavianhorde, die uns geweckt hatte, im Dunstkreis der Kamera auftauchte. Meine Güte, was die für Faxen machen, wenn sie sich unbeobachtet fühlen. Und mit welchen Finten sie sich unserem Lager zu nähern versuchten! Dabei hatten sie allerdings immer die am Baum montierte Kamera im Blick; sie erschien ihnen wohl nicht ganz geheuer. Und das ist gut so, denn, wie wir auf den Uhrzeiteinblendungen auf den Bildern erkennen können, hatten sie sich bereits eine halbe Stunde vor unserem Erwachen in unserer Nähe herumgetrieben - wer Paviane kennt, der weiß, was sie in dieser halben Stunde alles hätten anrichten können... Da sie aber dazu, dank der Kamera, keine Gelegenheit hatten, können wir nun, nach dem Frühstück allmählich beginnen, unser von Pavianen verschontes Equipment, das wir aber heute und morgen voraussichtlich nicht mehr brauchen werden, schon mal in unseren Reisetaschen zu verstauen. Im Zeitlupentempo durchstöbern wir unsere Sachen, sortieren aus, lüften die Rückreiseklamotten, packen das Entbehrliche ins Reisegepäck und lassen uns dabei immer wieder gerne von den zutraulichen Staren ablenken, die jeden unserer Handgriffe mit Adleraugen verfolgen. So ein gemächlicher Abschieds- und Packtag hat was!

Kleiner Punk
Liegt was auf dem Boden?
Ich kanns nicht lassen ...









Irgendwann jedoch, so gegen Mittag, ist alles getan, was getan werden konnte und unser Tatendrang erwacht erneut. Ach komm, lass uns doch nochmal zum Shop hochgehen und ein letztes Mal den Wasserfall besuchen. Gesagt, getan! Heinz und ich machen also eine Runde auf dem Catwalk entlang des Hauptfalls, bevor wir erneut dem Shop zustreben. Was wir da wollen? Keine Ahnung. Aber wir kommen auch gar nicht so weit, denn als wir soeben an der Terrasse des Restaurants vorbeischlendern, erblicken wir Ute, an einem Tisch sitzend und uns heftig winkend. „Hey, ich gönn mir einen Snack, wollt ihr mir nicht Gesellschaft leisten?“ Aber ja, gerne! Wohlig seufzend lassen wir uns nieder, durchforsten die reichhaltige Speisekarte, wählen einige Köstlichkeiten aus, geben diese in Auftrag und erfreuen uns anschließend an einem gemütlichen Ratsch mit Ute. Dabei entgeht uns natürlich nicht, dass uns offenbar alle Stare der Campsite hierher gefolgt sind – jeden einzelnen von ihnen erkenne ich wieder und amüsiere mich köstlich, wie die Vögelchen ordentlich aufgereiht hinter uns auf der Balustrade der Restaurantterrasse sitzen und hoffen, an unserem Snack teilhaben zu dürfen. Deutlich weniger amüsiert hingegen zeigt sich das Restaurantpersonal, das, bevor unser Essen serviert wird, mit Wasserzerstäubern anrückt, um die zudringlichen Stare von uns Gästen fernzuhalten. Mit einem fragenden Blick auf Ute (ich erhalte ihre lächelnde Freigabe) winke ich der Zerstäubergruppe ab. Leicht ungläubigen Blicks ziehen die staatsbediensteten Starenvertreiber daraufhin ab und unser Essen wird serviert. Natürlich unter den extrem wachsamen Blicken der Stare...

Klettermaxe
Recken nach dem Leckerbissen
Dassie-Kolonie










Nun sitzen wir also mampfend und mit den Vögeln teilend auf der schattigen Terrasse und genießen unser Dasein, als plötzlich Annette und Jochen auftauchen. Ihren für Sekunden irritierten Blicken entnehme ich deutlich, dass sie glauben, wir hätten uns heimlich verabredet, um uns hier ohne sie zu vergnügen. Auf die Hintergründe, die zu dieser offensichtlichen Vermutung seitens unserer Freunde führten, möchte ich an dieser Stelle nicht näher eingehen, doch irgendwie kann ich ihren Verdacht durchaus nachvollziehen. Aber er ist völlig unbegründet. Eilig bemühe ich mich deshalb, die sich entwickelnde Missstimmung glaubhaft zu entkräften, was mir Gottseidank rasch gelingt. Erleichtert und mit der sich darbietenden Situation versöhnt, nehmen nun also auch Annette und Jochen an unserer Tafel Platz, bestellen ihrerseits und gemeinsam begehen wir dergestalt einen entspannten Nachmittag bei kühlen Getränken, köstlichem Essen und guten Gesprächen – und werden, so ganz nebenbei, auch noch gut von den zutraulichen Staren unterhalten. Doch nicht nur von diesen... Denn in der relativen Kühle der Nachmittagssonne haben sich auch die Dassies wieder auf den Weg nach Futter gemacht und ein paar von den eher schwerfälligen Schliefern klettern nun recht gewandt in den stärkeren Ästen der terrassennahen Büsche umher. Was heißt da eigentlich „recht“ gewandt?! Das ist reichlich untertrieben, denn die doch etwas moppelig wirkenden Schliefer outen sich auch auf dünnem Geäst als ausgezeichnete Kraxel- und Balancekünstler. Wir sind so beeindruckt von deren Fähigkeiten, dass wir kurz am zweifeln sind, ob wir hier wirklich Felshyraxe vor uns haben – schließlich gibt es ja noch zwei andere Spezies, nämlich die Busch- und die Baumschliefer. Aber nein, hier sind nur Fels-Dassies existent, das Verbreitungsgebiet der beiden anderen Spezies ist weit, weit entfernt. Also doppelt Hut ab vor den kleinen Klettermaxen, die sich so geübt in für sie ungewohntem Terrain bewegen – und uns dabei mit entzückenden Ausblicken auf kleine, runde Popöchen, mollig gerundete, pelzige Bäuchlein und schweißig-klebrige Fußballen verwöhnen. Wann sieht man so ein Tierchen schon mal von unten?! Ach, dieser Nachmittag ist doch wirklich ein Genuss auf ganzer Linie!

Nichtsdestotrotz machen sich Annette und Jochen nach dem Essen zu einem Rundgang am Wasserfall auf, während Heinz, Ute und ich noch eine ganze Weile sitzenbleiben und unseren Urlaub revue passieren lassen. Dabei kommen wir zu dem Ergebnis, dass wir alle, trotz unterschiedlicher Interessen, voll auf unsere Kosten gekommen sind, dass auch die kurzen Momente des Sichgenervtfühlens dem Ganzen keinen Abbruch taten und dass wir die Gesellschaft der jeweils anderen „Partei“ in weiten Zügen als Bereicherung empfunden haben. Besser kann es fast nicht laufen, das muss wohl nun auch unser Flüsterteufelchen Mark Twain, der uns im Vorfeld der Reise mit Zweifeln ziemlich gepiesackt hatte, so akzeptieren. Wir sind mit Ute auf Reisen gegangen – und wir mögen sie! Allerdings wird unsere Freude aneinander nicht mehr lange andauern, denn heute Abend ist Zapfenstreich für Ute und uns. Sie ist nämlich auf die Mittagsmaschine von Upington nach Johannesburg gebucht, wohingegen unser Flieger den Norden Südafrikas erst am späteren Nachmittag verlassen wird. Ohne diesen frühen Check-In-Zwang können wir uns also reichlich Zeit lassen, bevor wir mit Jochen nach Upington starten. Ute und Annette jedoch werden sich schon in der Morgendämmerung aus dem Staub machen, während wir anderen noch in den Federn liegen. Nun ja, auch die schönste Zeit hat eben mal ein Ende... Doch noch ist es nicht so weit.

Zusammen kehren wir also für die letzten gemeinsamen Stunden ins Lager zurück, machen es uns bei einem lukullischen Abendessen richtig schön und beschließen dann kurzerhand, nochmal zum beleuchteten Hauptfall aufzubrechen, dort mit einem Bier auf einen gelungenen Urlaub anzustoßen und diesen vom beruhigenden Rauschen des Wassers abrunden zu lassen, bevor wir uns endgültig voneinander verabschieden müssen. Gesagt, getan. Annette und Jochen, die wir frecherweise mit unserem Abmarsch auf dem Abwasch sitzen lassen, gucken etwas verdutzt und auch leicht konsterniert, wünschen uns dann aber doch viel Spaß, widmen sich den lästigen Spülarbeiten und lassen uns ziehen. Und dieser nächtliche Besuch am Wasserfall ist wirklich etwas Besonderes. Mittlerweile hatten wir ja alle reichlich Gelegenheit, uns mit den touristischen Komfort-Einrichtungen von Augrabies Falls ausreichend anzufreunden, sodass wir jetzt die Flutlichtanlage am Catwalk nicht mehr als befremdlich empfinden, sondern einfach und ausschließlich ihren Effekt genießen können: rings um uns herrscht Dunkelheit, ein fulminanter Sternenhimmel spannt sich über uns und das Licht der Scheinwerfer erleuchtet punktuell die einzelnen Katarakte des nach unten stürzenden Oranje. Nein, erleuchten ist das falsche Wort. Die Strahlen der kraftvollen Spots durchdringen das Wasser förmlich, lassen es in verschiedenen, intensiven Grüntönen geheimnisvoll erglühen, die Gischt gleißt wie spritzender Eischnee und im Kegel der Strahler tummeln sich Myriaden lichtgeiler Insekten, die sich Dutzende von lautlos gleitenden Fledermäusen aus der Luft in den Mund pflücken. Und außer uns ist kein Mensch zu sehen! Lange wohnen wir diesem Schauspiel bei, trinken wieder einen Schluck, wandern weiter, schauen erneut. Ein wirklich schöner, allerletzter Abschluss unseres Urlaubs, doch auch der neigt sich seinem Ende zu, denn Ute wird langsam hibbelig – sie muss ja noch zu Ende packen. So schlendern wir langsam ein letztes Mal zum Lager runter – uih, Annette und Jochen sind schon schlafen gegangen -, umarmen uns und lassen Ute schließlich in Ruhe ihre Siebensachen packen. Dann lassen Heinz und ich den Abend am verglühenden Lagerfeuer sachte ausklingen, bevor auch uns, beim vergeblichen Warten auf die Wildkatze, langsam das Sandmännchen heimsucht. Beim immer noch andauernden Packrascheln Utes ziehen auch wir uns schließlich in unsere Schlafsäcke zurück und begeben uns vertrauensvoll in die samtenen Hände unserer letzten Nacht in Afrika.


Weitere Impressionen des Tages:

Augrabies Plattechse
Dassie-Kolonie
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Hauptfall
























Mittwoch, 14. Dezember 2016

15. Oktober 2014; kleine Rundfahrt im Augrabies Falls NP

Als ich heute Morgen aufwache, bestehen diese positiven Gefühle in unveränderter Stärke, allein meine Tatkraft und Entdeckungslust sind wiedergekehrt - und nicht nur die meine. Nach einem opulenten Frühstück, das wir erneut freigiebig mit zahlreichen Vögeln teilen, drängt es uns deshalb zur unverzüglichen Umsetzung unserer gestern gefassten Pläne: wir wollen ein bisschen was vom Nationalpark sehen. Wir, das sind in diesem Falle Ute, Heinz und ich. Annette und Jochen hingegen hatten wohl eher auf einen weiteren faulen Tag spekuliert und kommen entsprechend zäh in die Gänge. Doch wir sind unerbittlich; eine mittlere Runde fahren, dabei ein paar Sehenswürdigkeiten abklappern und die markantesten Naturschönheiten kennenlernen und genießen, das muss schon drin sein! Na gut, seufzen unsere Freunde; und so machen wir uns am frühen Vormittag endlich doch auf den Weg zu einer kleinen Entdeckungstour. Auf westlicher Route verlassen wir das Camp, fontänen durch einen schmalen Schilfgürtel voller Bächlein und nehmen dann, in absoluter Trockenheit, Kurs auf den gut vier Kilometer entfernten Moon Rock, der eine hervorragende Aussicht auf die umliegenden Gestade verspricht. Wenig später klettern wir aus den Autos und jetzt, beim Anblick dieses riesigen Inselbergs, der wie ein gestrandeter Wal aus der ansonsten recht flachen Landschaft ragt, setzt meine Erinnerung an damals wieder ein.

Moon Rock
Blick vom Moon Rock
Klippschliefer









Hier war ich schon mal! Walbuckel, klingende Felsen, Dassies... Während meine Freunde nun den langgezogenen Felsbuckel zielstrebig nach oben stapfen, um die versprochene Aussicht zu degouttieren, lasse ich mir Zeit, meine Erinnerungen erneut erstehen zu lassen. Und ja, es funktioniert! Bei jedem fest aufgesetzten Schritt erschallen die zwiebelschalenartig aufgebauten Felsen wie eine weit tönende Trommel, die mit ihrem hallenden Vibrieren meine empfindungstechnischen Grundfesten schon damals aufs Erfreulichste erschüttert hatten, Gänsehaut inklusive. Herrlich! Meterweise stapfe und trommle ich mich so weiter nach oben, bis ich schließlich die ersten Klippschiefer entdecke. In schmalen Rissen, unter sich schälenden Granitschichten haben die murmeltierartigen Tiere Quartier bezogen - und sind Publikumsverkehr gewohnt: als ich angetrampelt und -getrommelt komme, ziehen sie sich sicherheitshalber zurück, spähen aber schnell wieder neugierig aus ihren Ritzen und wuseln alsbald völlig entspannt um mich herum. Ich lasse mich daraufhin bäuchlings auf den sonnenwarmen Felsen nieder, um so den Pelzknäueln noch näher zu kommen. Das sorgt für kurze Verwirrung bei den Schliefern - so flach sehen sie Menschen wohl nicht oft vor ihren Wohnungen rumlungern. In Windeseile jedoch legt sich die Phase der Irritation und die Neugier gewinnt erneut die Oberhand, die sich, so Aug in Aug, noch viel trefflicher befriedigen lässt. Die Klippdachse, vor allen Dingen die jungen, nähern sich mir auf kürzeste Distanz, so nahe, dass ich immer wieder ihren Atem im Gesicht oder auf den Armen spüren kann. Es ist ein unfassbar schönes Gefühl, den kleinen Tieren mit dem lustigen Gesichtsausdruck so hautnah sein zu dürfen, in ihre Knopfaugen blicken zu können und ihre Gedanken dabei förmlich zu erahnen. Eine Art der Zweisamkeit, die sehr intim, aber dennoch von gegenseitigem Respekt geprägt ist. Keines der Tierchen berührt mich und auch ich widerstehe dem Reiz, Körperkontakt herzustellen (was absolut unklug wäre). So begucken und erfühlen wir uns also, ohne einander körperlich anzutasten, doch es ist trotzdem eine Nähe, die mich zutiefst erfreut. Und auch die Klippschliefer scheinen die ungewohnte Situation zu genießen; wann hat man schon eine derart umfassende Gelegenheit, eines dieser täglich an einem vorbeiwandernden Wesen in solcher Ausgiebigkeit zu beschnuppern. Tja, genau so lange, bis des Wesens begleitende Mit-Menschen vom höchsten Punkt des erstiegenen Walbuckels mit einem Höllengetöse wiederkehren und dabei auch noch bedrohlich lange Schatten in der Vormittagssonne werfen. Schwupp, weg sind sie, die neugierigen Schliefer! Doch halb so schlimm, schließlich hatten wir ja unsere ganz besonderen, gemeinsamen Momente, die Klippdachse und ich, und die kann uns keiner mehr nehmen. Mit einem seligen Grinsen im Gesicht hieve ich mich wieder in die Senkrechte und folge meinen Freunden runter zum Parkplatz, wo wir erneut in die Autos steigen, um das nächste Ziel anzusteuern: den Echo Corner.

Swartrante
Swartrante
Wegelagerer









Die elf Kilometer lange Strecke dorthin führt uns über den sogenannten „Swartrante“, eine lange Kette von Hügeln, deren schwarzes Erstarrungsgestein eine natürliche Grenze zwischen der kargen Oranjeschlucht und dem dahinterliegenden, um einiges fruchtbareren Land bildet. Leider ist das Licht um diese Tageszeit so gleißend, dass der sicher reizvolle Kontrast zwischen den dusteren Felsen und der erkennbar üppigeren Vegetation im Hintergrund nur ungenügend zur Geltung kommt - man kann ihn allenfalls erahnen. Doch der Weg zurück wird uns abermals über Swartrante führen und vielleicht steht da die Sonne schon etwas günstiger; wir lassen es einfach auf uns zukommen... Ohne also den vollen Reiz der Magmahügel zu erfahren, überqueren wir diese und halten auf den Echo Corner zu, der oberhalb einer Schleife des Oranje liegt, wo man, wie der Name schon sagt, ein lang anhaltendes Echo erzeugen können soll. Doch was interessiert uns das versprochene Echo - bei DER Landschaft? Schon als wir wieder hügelabwärts kurven, bezaubern uns steile Felsen, die uns zunehmend von beiden Seiten bedrängen, dann aber, auf den letzten Metern vor Echo Corner, öffnet sich der enge Weg wieder und geleitet uns, von rotblühenden Bäumen gesäumt, hinab in ein Tal, das eine ganz eigene Faszination verbreitet.

Echo Corner
Echo Corner
Schotia africana









Rund um uns ragen schroffe, sandfarbene Bergwände nach oben, zu unseren Füßen glitzert das Wasser des Oranje in kontrastierenden Türkis- und Grüntönen - die tümpelartigen Becken geben sich allerdings nicht als Teil eines mächtigen, fließenden Flusses zu erkennen, sondern strahlen eher die Ruhe tiefer, stiller Tümpel aus - und dieses an sich schon reizvolle Szenario wird zusätzlich durch die üppige Blütenpracht der zahlreich gedeihenden Schotien-Bäume akzentuiert. So schön - und auch dieser Ort verbreitet eine geradezu einlullende Stille, wie sie uns die letzten Wochen schon mehrmals begegnet war. Diese friedvolle Ruhe wird durch nichts gestört: jeder von uns erkundet und genießt die Umgebung auf seine eigene ehrfurchtsvolle Weise, keiner versucht sich an einer Echo-Erzeugung - es käme uns wie Frevel vor. Trotzdem ist die Stille nicht absolut, denn es gibt etwas zu hören, etwas, was sogar ziemlich laut ist - es ist das Summen der Insekten, die sich in schier unglaublicher Anzahl am Nektar der Schotien laben. Aber die dürfen gerne Lärm machen! Von uns hingegen ist wenig zu hören, bald nicht mal mehr Schritte, denn der Erkundungsradius ist aufgrund der steilen Felsen recht eingeschränkt. Allerdings laden die Steine am Rande des Aussichtspunktes zum bequemen Sitzen ein und so erfreuen wir uns irgendwann alle an der Magie des Ortes, indem wir in Denker-Manier auf den natürlichen Stühlen rumlümmeln, den Insekten beim Nektartrinken zusehen und unsere Blicke in den Wassern des Oranje versenken. Herrlich entspannend! Doch nichts währt ewiglich und so verlassen wir nach einer kontemplativen Stunde den Echo Corner, um unserer immer noch vorhandenen Unrast nachzugeben; schließlich soll der Park noch andere, schöne Ecken bereithalten und die wollen wir natürlich besuchen.

Die ersten, bereits bekannten Kilometer führen uns aus dem Tal des Echo Corner heraus, dann befahren wir wieder Neuland, indem wir Richtung Westen abbiegen und dem Weg durch relativ flaches Gelände folgen. Die Landschaft ist hübsch anzusehen, jedoch nicht allzu kontrastvoll, was wohl an der relativ eintönigen Farbe der Felsen und den fehlenden bergigen Erhebungen liegt. Da kommt uns doch ein Wasserloch, das nach längerer Fahrerei ausgeschildert ist, sehr gelegen. Kurz entschlossen kurven wir ein kleines Stückchen nordwärts und stoßen alsbald auf die angekündigte Tränke. Klares Nass plätschert dort verheißungsvoll in eine seichte Betonkuhle, aber trotz des äußerst trockenen Umlandes gibt es auch hier wenig zu sehen. Ein paar kleine Vögelchen, die von der grau-braunen Sorte, können wir beim Trinken beobachten, ansonsten jedoch ist tote Hose, weswegen wir bald auf die Hauptpad zurückkehren und dieser weiter Richtung Westen folgen. Mhm, hier ein einsamer Köcherbaum, dort ein verlassenes Siedelwebernest, ansonsten, soweit die Augen reichen, nichts. Nein, das sieht nicht wirklich vielversprechend aus. Nach ein paar weiteren Kilometern dann stoßen wir plötzlich auf einen Zaun und eine Unterführung, die unter dem Drahthindernis durchführt und sind irritiert. Auch ein Blick auf die Karte gibt keinen letztendlichen Aufschluss über diesen seltsamen Sachverhalt, nur, dass wir uns an einer nicht definierten Grenze innerhalb des Parks befinden und der kürzeste Loop von hier aus satte 27 Kilometer lang ist. Das wollen wir uns nicht antun. Also kehren wir um und steuern stattdessen lieber wieder hinunter zum Oranje, dessen Schlucht landschaftlich um einiges mehr zu bieten hat. Dabei überqueren wir natürlich erneut Swartrante, aber auch hier haben sich die Lichtverhältnisse nur unmaßgeblich verbessert, was uns in unserer Entscheidung umzukehren bestätigt.

Blick auf den Oranje
Blick auf den Oranje
Aussichtsplattform









Und dann, endlich, erreichen wir Oranjekom, einen ausgewiesenen Aussichtspunkt oberhalb des Oranje, von wo aus man eine herrliche Sicht auf die tiefe Schlucht des Flusses und dessen oberflächlich ruhige Wasser hat - daran kann ich mich noch sehr gut von meinem lange zurückliegenden Besuch erinnern. Und natürlich, der Blick hat sich nicht verändert, dafür aber das Drumherum: wir stolperten und kletterten damals auf sehr ausgesetzten Felsen herum, um einen Blick auf die Oranjeschlucht erhaschen zu können. Heute hingegen gibt es hier eine fest gezimmerte Holzplattform mit allem Pipapo, inklusive Toilettenhäuschen, diverser Erklärungstäfelchen und einer Reling, auf der man beinahe Walzer tanzen könnte. Tja, was soll ich jetzt dazu sagen? Sicherlich war das Erlebnis Oranjeschlucht vor 22 Jahren aufgrund der noch nicht vorhandenen Convenience-Einrichtungen irgendwie hautnäher und auch abenteuerlicher, doch der hier präsentierte Besichtigungs-Komfort hat natürlich auch seine Vorteile: man kann jetzt, ohne sein Leben in Gefahr zu bringen, den eindrucksvollen Canyon des Oranje aus allen verfügbaren Blickwinkeln begutachten, sich völlig risikolos über die Reling hängen und alles total entspannt auf sich wirken lassen. Das hat schon was. Andererseits stört die Existenz des touristischen Bauwerks, das etwas leicht Gefängnisartiges an sich hat, mein Oranje-Erlebnis doch so empfindlich, dass ich mir alle Mühe geben muss, es auszublenden. Doch dann, als mir das erfolgreich gelungen ist, kann auch ich die Aussicht in vollen Zügen genießen. Meine Blicke gleiten über das vom Fluss geschaffene Tal, das die Spuren der beharrlichen Fräskraft des Oranje deutlich zur Schau trägt: auf Landniveau dominieren schroffe, raue Felsen, die nur von Wind und Wetter benagt wurden, darunter ragen glattgeschliffene, fast organisch anmutende Gesteinsstrukturen wie mächtige Wurzeln eines riesigen Urbaumes, wie wohlgerundete Finger in die Tiefen des Oranje hinab. Dieser gebärdet sich zu dieser Jahreszeit wie ein besonders sanftes Lamm - das träge dahinfließende Wasser betört vor allen Dingen mit seiner intensiven, changierenden Grün-Blau-Türkisfärbung; nur ein paar kleinere Stromschnellen lassen die unbändige Kraft des Flusses erahnen.

Detailstudie Oranjeschlucht
Blick auf den Oranje
Detailstudie Oranjeschlucht









Meine Blicke gleiten über all das und meine Gedanken lösen sich plötzlich wieder vom Jetzt und Hier, folgen dem mäandernden Lauf des Oranje, fangen sich an riesigen Felsen inmitten des Flusslaufs und schmiegen sich an den alles überspannenden, blauen Himmel. Unbezahlbare Momente, die allerdings von kurzer Dauer sind, denn sie erfordern äußerste Ruhe - und die ist nicht immer gegeben, wenn man zu Fünft unterwegs ist. Irgendwer ist immer am Rumsausen und stört die Ruhe, wenn niemand saust, dann plaudert stattdessen jemand anderes wie ein Wasserfall und irgendwann kommt allgemeine Unruhe auf - man bläst zur Weiterfahrt. Bedauernd klappe ich meine tranceartige Gedankenflut in den Hinterkopf zurück, ergebe mich jedoch willfährig: wir verlassen Oranjekom, um, tja, um dem nächsten Ziel zuzustreben. Wenn es hierbei nach Jochen ginge, wäre dies das Camp, doch diesem heimlichen, weil nicht geäußerten Wunsch wollen wir anderen nicht nachkommen, zumindest nicht sofort. Denn wenn wir schon hier sind, möchten wir gerne auch noch nach Ararat, einem weiteren Aussichtspunkt am Oranje-Ufer, der ohnehin auf dem Weg liegt. Seufzend wird unserem Begehren stattgegeben und so erreichen wir eine Viertelstunde später diese letzte Sehenswürdigkeit auf unserem heutigen Ausflug. Und auch hier wurde oberhalb des Flusses ein touristisches Bollwerk oberster Güte errichtet; der Blick auf den Oranje ist verständlicherweise ebenso imposant wie vom Oranjekom, der ja auch nur ein paar hundert Meter Luftlinie entfernt ist. Für den flüchtigen Betrachter mag sich die Sicht vom zweiten View Point aus deshalb auch kaum von der ersten unterscheiden, doch dem ist nicht so: bei Ararat sind die Felsen noch organischer geschliffen, die Wasseroberfläche, abgesehen von partiellen Verwirbelungen, ist nahezu spiegelglatt und man kann den Oranje förmlich durchatmen hören. Durchatmen, nachdem er sich einen Kilometer weiter östlich aus mehreren Armen, die sich vorher todesmutig in unzählige, enge Kanäle gezwängt und über eine 56 Meter hohe Gesteinsschwelle kaskadierend in die Tiefe gestürzt hatten, wieder zu einem einzigen vereint hat. Bei diesem Anblick mache ich gerade einen erneuten Versuch, meine Gedanken mit den Wassern des unter mir liegenden Flusses auf Reise zu schicken, als ich bemerke, dass nun wohl, neben Jochen, auch Annette und Ute genug haben von der Oranje-Guckerei und merklich mit den Hufen scharren. Nun gut, fahren wir halt, bevor noch jemand vor Langeweile von der Aussichtsplattform springt! Ganz kann ich diese zappelige Unruhe zwar nicht nachvollziehen, füge mich aber dennoch kommentarlos der Hibbeligkeit der Mehrheit - es ist ja nicht so, dass es im Camp nichts zu sehen gäbe!

Innerlich kopfschüttelnd klettere ich ins Auto und schmiede auf dem kurzen Rückweg zum so heiß ersehnten Camp Pläne für den verbleibenden Nachmittag, die, würde ein rechter Schelm sie beurteilen, teilweise durchaus als kleine Retourkutsche für den hastigen Aufbruch vom Ararat gewertet werden könnten: erst mal Kaffeewasser aufsetzen, dann den Tisch decken und danach gemütlich lunchen. Klingt harmlos? Klingt so, ist es aber nicht, denn mit solchen Aktionen, wenn sie nur offensichtlich genug, laut plätschernd und vernehmlich mit Brottüten raschelnd, ausgeführt werden, lockt man mit hundertprozentiger Sicherheit alle Vögel im Umkreis von einem Kilometer an... Mit satanischem Grinsen setze ich so wenig später meine perfiden Pläne in die Tat um und bin dabei außerordentlich erfolgreich! Nicht jeden freut’s, aber immerhin beschert es Heinz und mir einen sehr unterhaltsamen Kaffeetratsch, den zumindest wir und die anwesenden Federtiere ausgiebig genießen.

Die Besucher ...
... formieren sich!
Auf dem Grillrost ...









Kaffeetrunken, sattgegessen und eins mit uns selbst, beschließen Heinz und ich am späten Nachmittag dann doch, unsere Reisegenossen von ihrem ornithologischen Leid zu erlösen und machen uns auf den Weg zum Besucherzentrum, wo wir erst die Wasserfälle und anschließend den Shop besuchen wollen. Also, ab zu den Wasserfällen, besser gesagt zu DEM Wasserfall, dem einzigen, aber immerhin größten, den man von der Besucherplattform aus sehen kann. Motiviert stiefeln wir los und biegen alsbald auf den beschilderten Rundgang zum Hauptfall ab, wo mich auf den ersten, fast autobahnartigen Holzplanken erneut alte Erinnerungen einholen: den Wasserfall gab es natürlich auch damals schon, doch der breite, relinggesicherte und mit kleinen Aussichtsplattformen versehene Catwalk entlang der Schlucht des Hauptfalles ist mir absolut unbekannt. Und wieder, wie schon am Oranjekom, weiß ich nicht so recht, was ich davon halten soll: einerseits lässt sich hier bequem und gefahrlos laufen, man hat alle Möglichkeiten, den Wasserfall aus diversen Perspektiven zu begutachten, ohne dabei in den Abgrund zu stolpern und man kann sich völlig entspannt auf die Reling stützen und in das herabstürzende Wasser starren, ohne, vor lauter Versunkenheit, das Gleichgewicht zu verlieren. Andererseits ist dieser Walkway ein echtes Monstrum, das, egal aus welcher Perspektive, nicht aus dem Blickfeld weichen will und somit die natürliche Schönheit dieses Ortes gründlich stört. Ach, man kann es drehen und wenden, wie man will, es ist eben so, wie es ist und davon will ich mir das Vergnügen nicht verderben lassen. Und es ist wahrlich ein Vergnügen, einen Teil dieses mächtigen Flusses derart laut rauschend und gischtend auf seinem steilen Weg nach unten zu beobachten: das Wasser brandet in schaukelnden Wogen durch die enge Schlucht und, je nachdem, ob es gerade vor- oder zurückwogt und dabei auf das nächste Hindernis trifft, fällt das Ergebnis anders aus. Mal spritzt das Wasser beim Aufprall in einem pfauenradartigen Fächer steil nach oben, mal klatscht es sprühend an die Felsen und hin und wieder sieht es sogar aus, als würde es, beinahe zaghaft schwappend, den Rückweg nach oben antreten. Dieses Zusammenspiel von horizontaler und vertikaler Wasserbewegung, der enormen Fließgeschwindigkeit und der Statik der Hindernisse erzeugt wiederkehrende und dennoch immer neue Gischtformen, die, wenn man sich nur lange genug darin vertieft, spannend wabernde Bilder erzeugen. Daran hätten wahrscheinlich auch Chaosforscher und Statistiker ihre wahre Freude! Und auch auf den Felsen am Rande der Schlucht tut sich einiges. Neben einigen Klippschliefern, die man fast zahm nennen könnte, tummeln sich hier unzählige Oranje Flat Lizards; die grellbunten, in Orange- und Blautönen leuchtenden Männchen huschen wie farbige Blitze über das graubraune Gestein und buhlen wippend um die Gunst der wesentlich unscheinbarer gefärbten Weibchen, verteidigen gleichzeitig ihre Territorien und liefern sich, ganz nebenbei, immer wieder beeindruckende Kurzkämpfe. Ach, ist das schön! Weniger angenehm hingegen ist die Präsenz lästig surrender, flusstypischer Fliegen, die in Myriaden über das Fall-Plateau wölken und es sich mit Vorliebe in Mund- und Augenwinkeln, in Ohren und Nasenlöchern bequem machen.

In Bezug auf diese ätzenden Schwirrteile beweist der Catwalk dann allerdings völlig unvermutet seine wahren Qualitäten: nachdem wir uns wacker sattgesehen haben, beschleunigt er unsere Flucht auf ein beachtliches Tempo, das ohne die Holzplanken nicht möglich wäre und geleitet uns in Windeseile, weg vom penetranten Surrzeug, hinauf zum klimatisierten und somit völlig insektenfreien Shop. Der wiederum bietet das Sortiment, das man von einem größeren, südafrikanischen Nationalpark-Laden erwartet: kalte Getränke, gefrorenes Grillgut, Biltong in allen Geschmackssrichtungen und Variationen, hiesigen Wein, Andenkenschnickschnack, oberflächliches Kartenmaterial, noch oberflächlichere „Spezialliteratur“, Zeitschriften und - was erspähen da meine schweifenden Augen - Klamotten, unter anderem von Hooligan Kids! Strahlend vor Freude wühle ich mich durch einen Drehständer, reich behangen mit Röckchen, Hosen, T-Shirts, Jacken und Kleidern, in typischer Weise mit kindgerechten Safarimotiven bestickt, und wähle schließlich ein besonders schönes Jäckchen für mein Patenkind Alisa aus, die total auf diese Klamotten steht. Hah, da wird sich die Kleine aber freuen, so, wie ich jetzt gerade! Freudig hüpfe ich, mit meiner Beute unter dem Arm, zu Heinz und schaue, ob auch er etwas gefunden hat. „Ne, leider ned. “, schüttelt er den Kopf, „Nix G’scheids dabei...“. Schade! Schließlich aber erstehen wir doch, quasi als Trostpflaster, ein paar gekühlte Softdrinks und ein einheimisches Outdoor-Magazin und verlassen dann den Shop, um wieder dem Camp zuzustreben. Dort lümmeln unsere Freunde noch immer untätig herum und sind, bis auf Ute, kaum aus ihren Campingstühlen herausgekommen.

Bienenschwarm
Der bettelt uns nicht an ...
... der hingegen schon!










Wir lassen uns zu ihnen plumpsen und kredenzen erst mal die Kaltgetränke, die wir aus dem Shop mitgebracht haben. Mit großem Genuss lassen wir uns die kühle Zuckerplörre die Kehlen hinabrinnen und setzen gerade an, von unserem Ausflug zu erzählen, als ein stakkatoartiges Hämmern unsere Aufmerksamkeit auf sich zieht: das muss ein Specht sein! Schon gestern hatten wir etwas klopfen und fiepen gehört, konnten es aber nicht genau lokalisieren. Heute jedoch können wir die Geräuschquelle ganz deutlich orten - es ist der große Baum vor dem Waschhaus. Vorsichtig nähern wir uns diesem und entdecken an dessen Stamm tatsächlich den Klopfer. Uih, das ist ein Goldschwanzspecht! So einen haben wir noch nie vorher gesehen! Fasziniert beobachten wir den bunten Vogel, der wie auf Schienen am Stamm entlangrutscht, hier und dort an der Rinde hämmert, um dann mit vollem Schnabel in einem Loch zu verschwinden. Augenblicklich ertönt aufgeregtes Fiepen - aha, der Specht hat Nachwuchs - hatten wir uns gestern doch nicht getäuscht! Glücklich über diese Entdeckung lassen wir den Elternvogel lieber wieder in Ruhe und kehren zum Tisch zurück, wo wir den Baum dennoch nicht aus den Augen lassen. Zumindest so lange nicht, bis hinter uns, auf einem breiten Grasstreifen, eine Schar von Klippschliefern auftaucht. Die Dassies ziehen, wie Kühe grasend, über die Wiese, werfen sich immer wieder in die grünen Halme, wälzen sich wonniglich, verfolgen sich gegenseitig mit kaninchenartigen Hopsern und gebärden sich äußerst ausgelassen.

Der Klippschlieferprozession, die langsam zu ihren Wohnfelsen am Oranje zieht, folgt eine kleine Manguste in aufgeregter Jagdstimmung und zu guter Letzt schlendert auch noch eine Pavianhorde angelegentlich an uns vorbei. Dergestalt blendend unterhalten, verfliegt der ohnehin schon angebrochene Nachmittag wie im Nu und ehe wir uns versehen, gehen auf dem Campinggelände die Lichter an und der vorletzte Abend unseres Urlaubs bricht an. Zeit zum Kochen! Doch zur Ruhe kommen wir auch beim Schnibbeln, Braten oder Essen nicht, denn ständig raschelt es im Gebüsch. Trotz der Beleuchtung auf dem Platz können wir leider nicht feststellen, wer da ständig um uns herum zugange ist - sicher ist nur, dass wir, trotz des Fehlens anderer Besucher, nicht alleine sind! Plötzlich erblicken wir dann doch etwas. Eine extrem scheue, kleine Katze, die wir nur schemenhaft erahnen können, umkreist uns, zeigt sich aber nicht richtig. Was ist das? Eine verwilderte Hauskatze, eine Wildkatze? Über lange Zeit sehen wir das Tier immer wieder auftauchen und gleich darauf erneut in der Dunkelheit verschwinden, ohne feststellen zu können, um was es sich genau handelt. Doch wofür haben wir eine Wildkamera dabei? In der Gewissheit, dass das Katzentier unser Lager besuchen wird, sobald wir in unseren Zelten verschwunden sind, montiert Heinz den Starenkasten an einem strategisch günstigen Baum. Nun heißt es abwarten. Und das übernimmt in diesem Falle ab sofort die Wildkamera für uns, denn wir, die wir den ganzen Tag nicht viel getan haben, sind mittlerweile so müde, dass wir bald zu Bett gehen, um wohlig erschöpft unserem letzten Urlaubstag entgegenzuschlafen. Pass gut auf, Kamera, und gute Nacht!


Weitere Impressionen des Tages:

Schotia africana
Echo Corner
Swartrante









Swartrante
Oranjeschlucht
Oranjeschlucht









Detailstudie Oranjeschlucht









Verlassenes
Siedelwebernest
Oranjeschlucht
Oranjeschlucht
Oranjeschlucht