Freitag, 11. Mai 2018

5. Oktober 2015; Biharamulo, Old German Boma > The Middle of Nowhere

Niemand scheint geschnarcht zu haben, denn wir erwachen sehr ausgeruht und recken uns wohlig in der Morgensonne, die gerade beginnt, über die Schutzmauer zu lugen. Beim Frühstück besprechen wir nochmal unsere Pläne für heute: wir wollen Kigoma erreichen und dort in einem Strandresort namens Jakobsen's Beach absteigen, um am Ufer des Tanganjikasees zwei Tage bei Wind, Wellen und Sonne unsere Seele baumeln zu lassen. Da das einen strammen Fahrtag bedeutet, lassen wir uns nicht allzu viel Zeit mit dem ersten Mahl des Tages und packen danach ebenso zügig zusammen. 380 Kilometer bis Kigoma, das ist machbar, denken wir zuversichtlich, klettern in unsere fahrbaren Untersätze und düsen los. Doch es kommt alles anders als geplant; ein reiner Fahrtag, über den es eigentlich nicht viel zu erzählen geben sollte, wächst sich im Laufe der nächsten zehn Stunden zu einem der ereignisreichsten Tage dieses Urlaubs aus – leider nicht im positiven Sinne...

Die ersten Kilometer rollen noch relativ eintönig an uns vorüber, auf der perfekten Teerstraße kommen wir schnell voran und wir werden von nichts abgelenkt, da wir die Strecke ja bereits von gestern kennen. Doch kurz vor Rubondo Village, diesem seltsamen Containerdorf, können wir sehen, der schnurgeraden Streckenführung sei Dank, dass im Ort irgendwas passiert sein muss. Eine große Menschenansammlung blockiert die Straße, Blaulicht blinkt hektisch und Polizisten halten Autos an. Eine Großkontrolle, eine Straßenblockade, ein Unfall? Langsam nähern wir uns dem unübersichtlichen Gewimmel und halten Ausschau nach Hinweisen, die diesen Auflauf erklären. Wir können jedoch nichts entdecken, sehen nur, dass eine ziemliche Aufregung herrscht. Ich blicke gerade ratlos aus dem Fenster, als meine Augen kurz, nur ganz kurz, etwas wahrnehmen, was ich so schnell wohl nicht wieder vergessen werde: der verdrehte Körper eines jungen Mannes liegt wie eine weggeworfene Puppe auf dem Teer, auf seinem Kopf klaffen schreckliche Wunden und mir ist im selben Moment klar, dass er tot ist. Schockiert schnappe ich nach Luft und wende meinen Blick sofort ab. In der gleichen Sekunde, wir rollen langsam weiter, schieben sich aufgeregte Menschen in mein Blickfeld, ein Polizist winkt uns voran, wir passieren die Ansammlung, lassen sie hinter uns – und es geht normal weiter. „Und was war da jetzt bitte los?“, fragt Jochen, der offenbar nichts mitbekommen hat. Doch auch Heinz hat es gesehen: „Ein Unfall. Da lag jemand auf der Straße. Der war tot! Der hatte …, sein Kopf …!“, stammelt er. „Aber da war nirgendwo ein Verursacher zu sehen. Nur Leute und Polizei. Seid ihr euch sicher?“ Ja, sind wir, denn wir haben Bilder im Kopf, die da nie mehr wieder rausgehen werden! Und ich bin mir zudem sicher, dass der Unfallfahrer wohl nie gefunden werden wird. Grund dafür ist das tansanische Verkehrsrecht, das drakonische Strafen über Schuldige verhängt – und in einem derartigen Fall ist mit fast hundertprozentiger Sicherheit der Autofahrer der Verursacher und somit der Schuldige. Eine schnurgerade Strecke, keine verbergenden Büsche, keine parkenden Autos, klare Sicht. Eine solche Strecke provoziert überhöhte Geschwindigkeit, man rast aus Freude am schieren Tempo, man will zügig von A nach B kommen, man genießt die schlaglochfreie Strecke – und plötzlich hat man dabei einen Menschen übersehen, ihn touchiert. Ein dumpfer Knall, eine Schocksekunde, eine Realisierungssekunde – und nix wie weg! Hier kümmert sich  in der Praxis niemand um die Verkehrstüchtigkeit von Fahrzeugen, um Bremsen, Beleuchtung, maximale Beladung. Doch wenn sich ein Unfall ereignet, wird plötzlich genau gekuckt – und fast immer etwas entdeckt. Kein Wunder also, dass die Quote der Fahrerflüchtigen in Tansania augenfällig hoch ist, obwohl die Strafen auf „Hit-and-Run“ noch wesentlich schwerer ausfallen.

Noch ist der Teerbelag
mustergültig ...
... und die Landschaft grün.
Dann beginnt es zu stauben.









Traurig und ziemlich schockiert von dem eben Ges(ch)ehenen setzen wir unseren Weg fort und hoffen, dies möge kein böses Omen für den heutigen Tag sein. Doch ohne weitere Zwischenfälle erreichen wir Lusahunga, zockeln mit unter 50 Stundenkilometern durch das Örtchen, wehren winkend die Honig- und Nüsschenverkäufer ab, die sich uns schon wieder, ihre Waren laut anpreisend, aufdrängen, verlassen das Kaff und nehmen den nächsten Streckenabschnitt in Angriff, der uns nach Nyakanazi führt. Auch diese knapp 20 Kilometer sind noch geteert, der Belag jedoch ist, wie so oft Tansania, nicht sonderlich gut erhalten. So macht der Wechsel ausgefahrener Staubabschnitte und kümmerlichen Restteers, den man als solchen meist nicht mehr erkennen kann, das Fahren zu einer äußerst holperigen Angelegenheit, die starke Konzentration erfordert. Eine knappe dreiviertel Stunde kostet uns diese Strecke, dann empfängt uns Nyakanazi. Ein staubiges Nest, geschäftig, heruntergekommen und voller Müll. An den Straßenrändern stehen zahlreiche schmutzige Marabus, die ihr täglich Brot aus dem Weggeworfenen der Menschen picken, es gibt unzählige Kneipen und jeder dritte Shop beherbergt einen Alkoholladen. Kein Wunder, denn Nyakanazi ist ein Ort, an dem sich zwei Hauptrouten treffen, ein wahrer Verkehrsknotenpunkt in diesem entlegenen Teil Tansanias, auch wenn man das kaum glauben kann. Doch in Nyakanazi teilt sich die Straße: nach Osten zweigt die B3 ab; sie führt nach Dodoma, der offiziellen Hauptstadt Tansanias. In südlicher Richtung fährt man auf der B8 aus dem Ort heraus; sie zieht sich am Tanganjikasee entlang, immer mehr oder weniger weit von der Grenze zur DRK (Kongo) entfernt, biegt schließlich in einem sanften Bogen nach Osten und bringt einen direkt nach Tunduma, den Grenzübergang nach Sambia – die Route, die auch wir einschlagen werden. Nun ist dieser westliche Teil Tansanias nicht gerade der strukturstärkste, doch natürlich gibt es auch hier Menschen und Geschäfte, die mit Waren versorgt werden wollen, Lkw-Fahrer, die diese Strecke befahren müssen und so etwas wie einen öffentlichen Nahverkehr, der die hier ansässigen Leute von A nach B transportiert. Und all diese Personen treffen in Nyakanazi aufeinander, froh um eine Pause, froh, ihre verstaubten Kehlen benetzen, den Müll einer langen Fahrt entsorgen zu können. Und dementsprechend sieht es hier aus.

Marabu in Nyakanazi
Desaströser Unfall
Lebensgefährlicher
Gegenverkehr









Auch wir sind froh – froh, diesen ungemütlichen Ort verlassen zu können und auf unserem Weg zum Katavi ein gutes Stück weiterzukommen. Am Ortsausgang verabschiedet uns allerdings noch das Bild eines vergangenen Desasters. Drei Lkws, darunter auch ein Tanklaster, liegen ausgebrannt in einer kleinen Senke vor ein paar Wohn- und Ladengebäuden. Im Umkreis von vielen Metern ist alles verbrannt, verrußt, geschwärzt, der einzige Baum in der näheren Umgebung bietet ein trauriges Bild – und die Menschen und Marabus staksen über den verkohlten Boden, als wäre nichts gewesen. Ich mag mir gar nicht ausmalen, wie viele Leute bei diesem schrecklichen Unfall zu Schaden gekommen sind. Auf der weiteren Strecke jedoch, Teerbelag hat diese Straße noch nie gesehen, relativiert sich meine Schreckensvorstellung – ich bin beinahe erleichtert, dass dieses Unfallzeugnis das einzig sichtbare bleibt. Denn angesichts dessen, was sich auf dieser rumpeligen, staubigen, schmalen, schlaglochdurchsetzten B8 tut, grenzt das an ein echtes Wunder! Die Piste windet sich durch mehr oder weniger dichtes Buschland, man sieht nicht, was einem hinter der nächsten Kurve entgegenkommt: Fußgänger, Radfahrer, ein Kleinkraftrad, ein großer Bus, ein Lkw, ein kleiner Personentransporter? Nur einer Sache kann man sich sicher sein – der Gegenverkehr fährt, aufgrund des grottenschlechten Zustands der Piste, meist auf der falschen Seite, und, trotz des schlechten Zustands der Piste, fast immer viel zu schnell. Da rasen uns völlig überladene Laster auf unserer Seite entgegen und scheren erst im letzten Moment schlingernd nach rechts aus, Minitaxis, auch Dala-dala genannt, zugelassen für maximal sechzehn Personen, schlingern mit siebzig Sachen und sechsundzwanzig Passagieren nebst deren üppigem Gepäck an Bord in maximaler Schräglage um ausgefahrene Kurven, wehrlose Fußgänger materialisieren sich von einem Moment auf den anderen aus einer Staubwolke heraus, hin und wieder taucht plötzlich die Schnauze eines Reisebusses auf und droht uns, aufgrund seiner schieren Breite, von der Straße zu drängen. Es ist ein sehr spezielles Erlebnis. Oder sollte ich das Kind beim Namen nennen und sagen: es ist der Horror?!

Warnschild auf der Horrorpad
Ein schlechtes Omen?
Es ist sicher unschuldig!










Unendlich lange juckeln wir auf dieser Schreckenspiste dahin, versuchen, uns gegenseitig in den allgegenwärtigen Staubwolken nicht aus den Augen zu verlieren, passieren ein paar Dörfer, die uns zumindest einen Ansatz von Ahnung verleihen, wo genau wir überhaupt sind, als Jochen eine Vollbremsung hinlegt. Jochen? „Da war ein Chamäleon!“ Uih, ein Chamäleon! Hurtig springen wir aus dem Auto und pflücken das grüne Tierchen aus dem Straßenstaub. Ein Wunder, dass es noch am Leben ist – sich auf dieser Straße zu bewegen, erst recht mit vier kurzen Beinchen, kann echt böse ausgehen. Und kein Bus-, Lkw- oder Dala-dala-Fahrer wird wegen so einer winzigen Echse bremsen. Während das Chamäleon nun von Hand zu Hand wandert und wir es gebührlich bestaunen, reden wir auf das Reptil ein und erzählen ihm, in welcher Gefahr es gerade geschwebt hat. Das Tier jedoch hat mehr Angst vor uns, als vor der Horrorpiste, und als es sich schwarz zu färben beginnt, setzen wir es behutsam in einen Baum etwas abseits der Fahrspur; natürlich nicht ohne es abermals zu ermahnen. Augenrollend verschwindet das Echslein im Laub, wir verstauen uns erneut in unseren fahrbaren Untersätzen und nehmen wieder Fahrt auf. Mhm, Chamäleons werden doch in vielen Gegenden Afrikas für Unglücksbringer gehalten. Sollten also auch wir ein schlechtes Omen darin sehen? Dieser Gedanke schießt mir unwillkürlich durch den Kopf, als sich Annette wenige Kilometer später über Funk meldet und wir, zwischen all dem Rauschen und Knacksen nur die Worte „Auto“ und „Problem“ verstehen.

Grüner Landy in Staubwolke
Wir schleppen Annettes Landy
Das nächste Kaff naht!









Ne, bitte nicht schon wieder! Langsam rollen wir am Straßenrand aus und warten auf unser Sorgenkind. „Kommen..“, „nicht...“, „Kaputt...“ krächzt es aus dem Walkie-Talkie. Seufzend wenden wir unseren Wagen, ein nicht ganz ungefährliches Unterfangen, fahren zurück und treffen wenig später auf den weißen Land Rover, der, samt seiner gestikulierenden Insassen, am Rande der Piste steht. „Jochen, ich glaub, es ist wieder die Lichtmaschine! Es schlägt und kracht so komisch und ich trau mich keinen Meter mehr weiterzufahren!“. „Ach, was! Das haben wir gleich...“, meint Jochen cool, schiebt seine lamentierende Gattin beiseite, steigt ins Auto und startet es. Es schlägt und kracht vernehmlich. Jochen würgt sofort den Motor ab. „Tja, wir müssen schleppen. Barbara, wann kommt das nächste Kaff?“ Oh, Scheiße! „In ein paar Kilometern. Ist ein größerer Ort und hat laut Karte sogar ’ne Tankstelle.“ „Das ist gut!“ Jochen schaltet nun auf emotionalen Durchzug, kramt das Abschleppseil aus dem grünen Landy, parkt sich in Position, hängt den weißen an und schon kann's weitergehen, im Abschlepptempo... Unendlich langsam und schwer manövrierbar kriechen wir über die Staubstraße, immer den taumelnden Gegenverkehr im Auge, und schlagen uns so tatsächlich unbeschadet zum nächsten Ort durch, der ungefähr 10 Kilometer entfernt ist. Am Ortseingang, man kann weit und breit noch nichts von einem Dorf erkennen, empfängt uns eine recht spaziöse Tankstelle, deren Ausmaße uns zunächst Hoffnung auf eine angegliederte Werkstatt machen.

Altes Problem - neue Panne
Durchreisende an der Tanke
Eigenwilliges Konstrukt










Schaukelnd und ächzend kurven wir auf den Hof der Treibstoffstation, rangieren uns in genehmer Entfernung der Zapfsäulen ein und freuen uns, dass die Sonne so günstig steht, dass die Zapfsäulenüberdachung ihren Schatten drei Meter neben die Zapfgasse und somit auf uns wirft. Sofort eilen einige Einheimische herbei, die sehen wollen, warum wir Touris uns gegenseitig abschleppen. Helfen jedoch können sie uns nicht, denn es gibt, entgegen unserer Hoffnung, doch keine Werkstatt. Immerhin aber dürfen wir hier stehenbleiben und uns selbst um unser Dilemma kümmern. Jochen und Heinz, die ja, wenn man das so nennen darf, schon eine gewisse Routine in Sachen Lichtmaschine haben, gehen das Problem wie gehabt an: Motorhaube auf, bis zu den Ellbogen in den Eingeweiden des Autos versinken, Heinz reicht Jochen das erforderliche Werkzeug – wie eine Krankenschwester dem Chefchirurgen – stöhnen, keuchen, fluchen. Teil um Teil wird die Lichtmaschine auseinandergenommen, Teil um Teil landet auf einem auf dem Boden ausgebreiteten Geschirrtuch, Teil um Teil wird Jochens Gesicht sorgenvoller, bis er schließlich wieder zum bewährten Knetstahl greift und ihn beherzt in den ausgeleierten Anker der Lichtmaschine drückt. Na ja, warum sollte das nicht wieder funktionieren, schließlich hat die erste Reparatur auch über zwei Wochen gehalten! Jochen allerdings reagiert schon wieder unwirsch, wenn ihm einer der zahlreichen Tankstellenbesucher neugierig oder, noch schlimmer, pseudo-fachmännisch über die Schulter schaut und schlaue Kommentare von sich gibt. Kein gutes Zeichen! In solchen Situationen, wenn ich schon nicht helfen darf, verkrümle ich mich gerne und gehe der schlechten Stimmung aus dem Weg – der Jochens und meiner eigenen... Wir sind dem Katavi so nahe und ich könnte es echt nur schwer verkraften, da nun doch nicht mehr hinzukommen, weil das doofe Auto zickt. Also verziehe ich mich, soweit es die Örtlichkeit eben zulässt. In diesem Falle beschränkt sich mein Radius auf den nahen Umkreis der Zapfsäulen, das Gelände der Tankstelle. Doch es gibt genug zu entdecken, was meine Laune sofort wieder hebt: über den Zapfsäulen hängen Werbeplakate, die die Modernität der Tankstelle visuell unterstreichen sollen. Auf einem der Plakate sieht man ein Elektro-Auto der absolut ersten Generation, in frechem Bio-Grün und mit deutscher Aufschrift, auf dem zweiten ein Mercedes, Typ Rohöl-Schaukel aus dem vorvorletzten Jahrzehnt des vergangenen Jahrtausends, die zudem noch ein Münchner Kennzeichen zur Schau stellt! Wo der Tankstellenbetreiber diese Bilder wohl her hat?

Auf der Außenseite eines kleinen Nebengebäudes, das die Elektrik der Gesamtanlage beherbergt, sind auf einer Holzleiste rote Notfallschalter angebracht, wie man sie bei uns beispielsweise von Drechselbänken oder älteren Druckmaschinen kennt. Darunter wurde fein säuberlich per Hand ein Schriftzug aufgepinselt: Emergency switch – Notfallschalter. Weil aber der Platz knapp war, steht da in der ersten Zeile nur „Emergenc“, in der zweiten hingegen „Y switch“. Das gesamte Konstrukt wäre bei uns in Deutschland undenkbar, der Schriftzug nicht regelkonform, doch es erfüllt seinen Zweck. Niemand muss vorher studiert haben, um es im Notfall bedienen zu können und das abgetrennte Y, das einsam und alleine in der zweiten Zeile steht, tut der simplen Verständlichkeit des Notfall-Boards auch keinen Abbruch.

Münchner
Kennzeichen???
Elektroauto???
So wandere ich also eine ganze Weile über den staubigen Hof der Tankstelle, halte hier und da ein Pläuschchen mit Fahrgästen eines tankenden Minibusses und schlage auf vergnügliche Art und Weise die Zeit tot. Als ich schließlich wieder zu meinen Reisefreunden zurückkehre, ist der Schatten des Zapfsäulendachs bereits ein paar Meter weitergewandert und unsere Jungs schwitzen sich in der prallen Sonne einen ab. Doch immerhin sind die Lichtmaschinenteile alle wieder an ihrem vorgesehenen Platz, Jochen gibt sich zuversichtlich und schließt mit einem zufriedenen Grunzen die Motorhaube. Heinz und er waschen sich noch die rabenschwarz verschmierten Hände, dann gibt Jochen das Signal zum Aufbruch. „Das sollte halten! Der Freilauf ist zwar ganz schön ausgenudelt, aber ich hab ordentlich Knetstahl reingetan. Da kann jetzt nichts mehr schlagen.“ Nun ja, sein Wort in Gottes Ohr! Hoffnungsfroh besteigen wir unsere Fahrzeuge und warten gespannt auf den Klang des weißen Landys beim Anlassen. Hui, klingt tatsächlich gut! Vorsichtshalber aber lassen wir Annette vorausfahren, um im Notfall gleich bei ihr zu sein. Doch das Auto läuft problemlos und bald erreichen wir den auf der Karte eingezeichneten Ort namens Kiboko. Noch an der Tankstelle hatten wir beschlossen, uns hier ein Quartier für die heutige Nacht zu suchen und dem Knetstahl somit genügend Zeit zu geben, vollständig auszuhärten. Und tatsächlich entdecken wir nun einige Hinweisschilder, die in Frage kommende Unterkünfte bewerben. Das erste dieser Etablissements liegt in einer steil abfallenden Seitenstraße, ist von einer hohen Mauer umgeben und sieht recht ansprechend aus. Wir kurven durch das offenstehende Tor und finden mit Müh und Not einen Parkplatz auf dem kleinen Innenhof, auf dem sich ein Auto an das andere drängt. Was ist denn hier los? Annette und Jochen gehen zur Rezeption, kehren jedoch bereits nach zwei Minuten kopfschüttelnd wieder zurück. „Alles voll! Hier findet ein UNHCR-Kongress statt und das Städtchen platzt aus allen Nähten. Soll in den anderen Unterkünften auch nicht besser ausschauen...“. Ach du heilige Scheiße, das hat uns gerade noch gefehlt! Trotzdem rangieren wir uns aus dem engen Innenhof und klappern anschließend weitere Herbergen ab. Doch überall das selbe – voll bis unters Dach! Tja, hilft nix, dann müssen wir eben weiterfahren. Vielleicht bietet sich ja unterwegs noch was an, auch wenn ein Blick auf die Karte nicht gerade zuversichtlich stimmt.

Seufzend besteigen wir unsere Blechkisten, kurven auf die Hauptstraße zurück und schicken uns gerade an, Kiboko zu verlassen, als Annette, die erneut vor uns fährt, die Warnblinkanlage anschaltet und an den Straßenrand steuert. „Wieder das selbe!“ Fuck! Nun ist die Kiste also endgültig fahruntüchtig, wir sitzen in einem Ort fest, in dem es keine Übernachtungsmöglichkeit und auch keine Autowerkstatt gibt – danach hatten wir nämlich bei unserer Herbergssuche ebenfalls gefragt. Manno, kann es eigentlich noch blöder laufen? Ratlos stehen wir neben der Straße und beratschlagen, was wir nun tun können. Moment mal. Hier gibt es zwar keine Autowerkstatt, wie man sie aus unseren Breiten kennt, aber wir sind in Tansania und jedes Kaff hat diverse Fundis (Handwerker), die sich in allen möglichen Fachbereichen auskennen. Und da ist doch sicher auch ein Auto-Fundi dabei. Also beschließen wir, uns auf die Suche nach einem solchen zu machen. Annette, Erika und Gabi lassen wir mitsamt dem kaputten Landy an der Hauptstraße zurück und stürzen uns in die Seitenstraßen Kibokos. „Barbara, was heißt Auto?“ Ich krame meine spärlichen Swahili-Kenntnisse zusammen. „Gari.“ „Okay, nach einer Garage brauchen wir nicht mehr zu fragen, also suchen wir jetzt einen Gari Fundi!“ Ab sofort wird jeder Passant, der sich in Hörweite befindet, angesprochen. „Gari Fundi?“

Wir Frauen werden
ruhiggestellt ...
... während die Männer sich
sich sachkundig machen ...
... und loslegen.









Und wir haben Glück: bereits nach kurzer Zeit weist uns ein freundlicher Herr den Weg; eine steile Gasse nach oben, dann rechts, kurz danach wieder links und dann Gari Fundi, Gari Fundi nzuri! Heissa! Ein Auto-Mann, und ein guter noch dazu! Enthusiastisch folgen wir der Wegbeschreibung und landen wenig später tatsächlich, am obersten Ende einer steil abfallenden Straße, bei einem Grundstück, auf dem verdächtig viele Schrottfahrzeuge und auseinandergenommene Karossen herumstehen. Wir steigen aus. Sofort eilen ein paar junge Männer herbei und erkundigen sich, was unser Begehr sei. Gari Fundi? Gari Fundi! Radebrechend, mit Worten, mit Händen und Füßen versuchen wir unser Problem zu schildern. Der Fundi winkt nur ab und bedeutet uns, einfach vorbeizukommen. Dankend verabschieden wir uns, düsen zu Annette, hängen ihr Auto ans Abschleppseil und eine halbe Stunde später schlagen wir alle erneut bei unserem Fundi auf. Der ist sofort zur Stelle, weist uns einen Standplatz zu, krempelt die Ärmel hoch und setzt Prioritäten. Frauen? Die kann er jetzt nicht brauchen. Bei einer benachbarten Bar (ein kleiner Holzverschlag in Flugzeugtoiletten-Größe, ohne Kühlschrank), organisiert er vier Plastik-Stühle, platziert diese im Schatten eines ausladenden Baumes, bittet uns, Platz zu nehmen und wendet sich dann an unsere Männer. Problem? Jochen öffnet die Motorhaube des weißen Landys, deutet auf die Lichtmaschine, gibt das Schadensbild nachahmende Geräusche von sich, der Fundi nickt verständig und macht sich ans Werk. Mithilfe seines eigenen Werkzeugs, das er wohl selbst aus alten Schrottteilen zusammengeschweißt hat, und dem Inhalt unserer Werkzeugkiste schält er sachverständig den Freilauf aus der Lichtmaschine, begutachtet ihn, ruft ein paar Helfer herbei, schildert diesen das Problem, einer spurtet los und kehrt Minuten später mit einer kleinen, dünnen Blechplatte wieder. Mit einer arg mitgenommenen Blechschere wird nun ein Stückchen aus der Platte geschnibbelt, rundgebogen, probehalber eingepasst, begradigt, am Rand vielfach eingeschnitten und schließlich umgebördelt. Ich bin fasziniert: das alles geht per Augenmaß, aber es passt, nach ein paar minimalen Korrekturen, wie maßgeschneidert. Und der Fundi weiß zudem genau, was er da tut. Es wird nicht rumgetan, nicht lange hin- und her überlegt, die Lösung des Problems wird einfach zielstrebig angegangen und mit einfachsten Mitteln bewerkstelligt. Ich ziehe meinen Hut vor diesem Mann und gebe dem auch verbal Ausdruck. Der Fundi nimmt’s zur Kenntnis, lächelt mich milde an – und ich sehe, was er denkt: Frau. Was versteht die schon davon...? Egal! Ich bleibe dabei – das ist genial.

TIA: Reparaturgrube
Selfmade-Werkzeug
Handgemachtes Ersatzteil









Natürlich ist das alles keine Sache von einer halben Stunde, sondern dauert schon seine Zeit. Zeit, die wir unbeteiligten Frauen nutzen, das Ambiente in uns aufzusaugen und uns an diversen Kleinigkeiten zu erfreuen. Da sind zum Beipiel der Fundi und seine Helfer, die sich teilweise zu fünft über die Motorhaube und das zu reparierende Werkstück beugen – und es ist sehr interessant, sie dabei zu beobachten, denn sie alle legen ein sehr unterschiedliches Arbeitsverhalten an den Tag. Einer hält sich gerne im Hintergrund, scheint keinen Schimmer zu haben, was da vor sich geht, will sich aber nicht die Blöße geben, nachzufragen. Ein Zweiter versucht sich zu drücken, indem er Werkzeug herbeischafft, das keiner braucht. Als ihn der Fundi schließlich nach einer Feile schickt, eilt er von dannen und ward nicht mehr gesehen. Ein Dritter assistiert dem Chef mit der Präzision einer OP-Schwester und scheint immer genau zu wissen, was dieser als nächstes vorhat, wohingegen der Vierte versucht, einen chefmäßigen, wissenden Anschein zu erwecken, indem er wichtig herumzappelt, stets Sekunden nach dem Dritten nach dem benötigten Werkzeug greift und dann so tut, als hätte er den Kollegen nur anleiten wollen. Damit niemand merkt, dass er keine Ahnung und zudem auch keine Lust zu arbeiten hat, versucht er, das Ganze mit aufgeblasenen Kommentaren zu vertuschen. Ich amüsiere mich königlich: ich sitze hier am Arsch der Welt, in einer Autowerkstatt, die mit einer in unseren Breiten nicht ansatzweise zu vergleichen ist, die Personalstruktur aber scheint in jeder Firma auf dem ganzen Erdball ähnlich zu sein. Es gibt immer mindestens einen Doofen oder Schlamper, einen Drückeberger, einen G’schaftler oder Möchtegern-Chef und einen Engagierten, der die Unfähigkeit der anderen mit seinem Wissen und seinem Fleiß kompensiert. Und überall auf der Welt gibt es geborene Charmeure, die wissen, was sich gehört - seien sie auch noch so jung oder schüchtern: ein kleiner Junge, 10 oder 12 Jahre alt, bekleidet mit einem T-Shirt und einer Hose, war bereits bei unserer Ankunft neugierig herbeigeeilt, beobachtete die Situation eine Weile, verschwand dann wieder und kehrte fünf Minuten später zurück: angetan mit einem viel zu großen Sakko und sonnengelben Crocs, die er extra über seine staubigen Füße gestülpt hat. Seitdem wohnt er, angelehnt an eine Holzsäule der benachbarten Bar, dem Geschehen bei, verschwindet verschämt-schüchtern hinter dem Balken, sobald seine und unsere Blicke sich treffen, taucht aber sofort danach wieder auf, spielt mit seiner Schüchternheit und uns, zwinkert uns sogar hin und wieder verwegen zu – und, ich könnte fast wetten, errötet dabei zart unter seiner dunklen Haut.

Fundi-Trupp
Jung-Charmeur
Neben den menschlichen Beobachtungen, die uns aufs Trefflichste unterhalten, begeistern uns auch die technischen Besonderheiten, die in unseren Breiten unvorstellbar wären, hier jedoch ungeheuer pragmatisch, erfindungsreich und funktional gelöst wurden und den selben Zweck erfüllen wie unser High-Tech-Krempel: hochgebockte Autos, deren Achsen stabil, aber flexibel auf Ziegelsteinen und Autoreifen ruhen, eine Arbeitsgrube, die in Ermangelung einer gemauerten, auf dem tiefen Abwassergraben der Straße errichtet wurde; zwei dicke Holzbohlen lenken die Vorderreifen des Kundenwagens sicher über den Graben, der Fundi klettert hinunter, inspiziert den Unterboden und erhellt seine Tätigkeit mit einer Lampe, die mit einem meterlangen Kabel an eine weit entfernte Steckdose angeschlossen ist. Primitiv, rudimentär, rustikal? Wie man es auch nennen mag; es funktioniert. Und das auch noch äußerst erfolgreich, wie man an dem betriebsamen Kommen und Gehen auf dem Werkstatt-Gelände unseres Fundis sehen kann.

Über diesen vergnüglichen, aufschlussreichen und auch unseren eigenen Standard relativierenden Beobachtungen verstreicht die Zeit auf äußerst unterhaltsame Weise. Nach etwa drei Stunden wird der kunstfertig unterfütterte Freilauf schließlich wieder mit dem Rest der Lichtmaschine zusammengeführt, die Werkzeuge werden nach Besitzern auseinanderklamüsert, die angefallenen Kosten ermittelt, wir begleichen unsere Schulden, ein angemessenes Trinkgeld inklusive, verabschieden uns herzlich von unserem kundigen Fundi und dem kleinen Charmeur, dem es sichtlich leid tut, dass er nicht beherzteren Kontakt zu uns aufgenommen hat und rollen, derart verarztet, hoffend aus Kiboko heraus. Wenn das jetzt nicht hält, dann haben wir ein richtiges Problem! Doch das Auto läuft, es sind keine komischen Geräusche zu hören, keine Schläge zu spüren, der Fundi scheint ganze Arbeit geleistet zu haben. Dankbar und zunehmend optimistisch machen wir Kilometer, wissen aber immer noch nicht, wo wir heute nächtigen sollen. Eigentlich wollten wir ja den Tanganjika-See erreichen und uns zwei gemütliche Tage an dessen Ufern, im Jakobsen’s Beach Resort machen, ein bisschen bei Wind und Wellen ausspannen, bevor wir in die staubigen Tiefen des Katavi NPs abtauchen, aber daraus wird nun ganz sicher nichts mehr. Also tuckern wir die B8 entlang, soweit, wie die Tageszeit es eben zulässt und halten nach einem Alternativquartier Ausschau.

Nun ja, reich gesät sind größere Ortschaften hier nicht gerade und somit gibt es auch kaum offizielle Unterkunftsmöglichkeiten. Die einzige, die wir finden, eine Art Motel aus wellblechgedeckten Baracken, ist bei näherer Inspektion wahrlich nicht einladend. Die Hütten machen einen heruntergekommenen Eindruck, das Motelgelände ist für jedermann zugänglich und wirkt wenig sicher, im Hof liegt haufenweise Müll herum – und es riecht streng nach Pisse. Nein, hier wollen wir nicht bleiben! Doch allmählich neigt sich der Tag seinem Ende zu und wir müssen irgendwo unser Nachtquartier aufschlagen. Jochen sieht die ganze Angelegenheit ziemlich pragmatisch und schlägt vor, wir könnten doch einfach am Straßenrand, irgendwo in einer kleinen Senke, unsere Zelte aufbauen, schließlich sei nicht so viel Verkehr auf der B8, sodass wir das durchaus wagen könnten. Jochen, sorry, aber tickst du noch ganz richtig? Heinz und wir Frauen zweifeln an Jochens Verstand und fragen ihn, ob er allen Ernstes dieses Risiko eingehen möchte: wir sind hier mitten in der Pampa, würden uns an der einzigen Hauptverbindungsstraße im Westen Tansanias, frequentiert von Schwer-, Privat- und Personenverkehr, quasi wie auf dem Präsentierteller niederlassen und allen Vorbeifahrenden zeigen, dass wir Touristen sind, zwei voll beladene Autos besitzen und uns mehr oder weniger wehrlos in kleinen Stoffhäuschen zur Ruhe begeben haben. Ich will niemandem Böses unterstellen, aber das wäre mehr als fahrlässig. Alle, bis auf Jochen, sind derselben Meinung: wir müssen etwas anderes auftun. Ein bisschen eingeschnappt, weil wir uns so wenig risiko- und abenteuerbereit zeigen, fragt Jochen schnippisch: „Dann macht Vorschläge! Bin ja gespannt...“ Rasch gehen wir die sich uns bietenden Möglichkeiten durch und legen ihm schließlich einige praktikable Lösungen dar. Entweder fragen wir bei einer Mission oder UNHCR-Niederlassung nach, ob wir auf deren Gelände nächtigen dürfen, oder wir wenden uns in einem Dorf an den Dorfältesten und bitten ihn um Erlaubnis, unsere Zelte aufbauen zu dürfen – natürlich gegen Bezahlung, oder wir schlagen uns in die Büsche, mit einem Mindestabstand von einem Kilometer zur B8. „Wenn ihr meint. Dann fahren wir also mal weiter.“

Gesagt, getan. Nach wenigen Kilometern erreichen wir tatsächlich eine Missionsstation, an der Jochen aber zielgerichtet vorbeifährt. Hallo? „Nö, die sieht so geschlossen aus!“ Spricht’s und fährt weiter. Auch das nächste Dorf lässt er links liegen und wir werden allmählich nervös und auch leicht ungehalten. Was soll denn das? „Das gefällt mir alles nicht!“ Dafür hält er kurz darauf in der Nähe eines freien, abgeernteten Feldes, auf dem noch einige Arbeiter zugange sind, und stapft zu Fuß über den Acker, direkt auf die Leute zu. Diese scheinen Jochens Aktion völlig falsch zu verstehen: sie schultern ihre Harken und strömen in Scharen auf den komischen Weißen zu, von dem sie sich offenbar eine Mitfahrgelegenheit erhoffen. Jochen stutzt kurz, winkt abwehrend und sieht dann zu, dass er Land gewinnt, bevor wir auch noch zwanzig mitfahrwillige Landarbeiter an der Backe haben. Mhm, würden wir nicht so dringend ein einigermaßen sicheres Nachtquartier benötigen, wäre diese Situation echt zum Schmunzeln... Doch nach Schmunzeln ist uns im Augenblick wirklich nicht zumute. „Ich habe mein Bestes gegeben. Doch wie ihr seht: hier ist nix zu machen. Also bleibt uns doch nur der Straßenrand, oder?!“ Nein, sicher nicht! „Beim nächsten Weg, der von der Straße weg in den Busch reinführt, biegen wir ab und sehen uns das mal an!“ Keine fünf Minuten später, die Dämmerung senkt sich bereits samten auf uns hernieder, zweigt erfreulicherweise wirklich eine vielversprechende Stichstraße nach rechts ab. Jochen schert willig ein und wir verständigen uns mit unseren Mitreisenden im zweiten Auto: ihr wartet hier, wir erkunden die Lage und rufen euch per Funk, wenn es gut aussieht. Erneut gesagt, getan. Jochen, Heinz und ich mäandern auf einem kurvenreichen Weglein hinein ins Gebüsch. Nach einem halben Kilometer entdecken wir eine kleine Hütte abseits der Fahrspur, aus deren Dach Rauch entweicht. Hah, da wohnt jemand, den fragen wir jetzt! „Barbara, mach du mal, du bist irgendwie besser mit sowas.“ Folgsam steige ich aus dem Auto und nähere mich vorsichtig rufend und grüßend der winzigen Rundhütte, doch niemand antwortet. In meiner Verzweiflung spähe ich schließlich, ohne eine Einladung zum Eintreten erhalten zu haben, in das Innere des Häuschens hinein. Keiner da. Unverrichteter Dinge kehre ich zu Jochen und Heinz zurück. „Ausgeflogen. Lasst uns den Weg aber noch ein Stück weiterfahren. Hier sind wir weit genug von der Hauptstraße entfernt und ich denke, das ist eine große Farm, auf der die Arbeit für heute beendet ist. Wenn wir noch jemandem begegnen, fragen wir, ansonsten bleiben wir einfach da und regeln alles andere morgen Früh.“ Hoffnungsfroh schrauben wir uns weiter in den Busch, bis wir schließlich einen geeigneten Standort unter mehreren großen Bäumen entdecken. Hier hätten alle Zelte Platz, es ist eben und niemand kann uns von der Hauptstraße aus entdecken. „Annette, bitte kommen! Wir haben was gefunden!“ Endlich!

Ein Viertelstunde später sind unsere Mitreisenden bei uns und inspizieren misstrauisch die von uns erwählte Stelle. „Ja, sieht okay aus.“ „Meint ihr, wir dürfen hier echt übernachten?“ „Na ja, besser als direkt neben der Hauptstraße....“ Nein, es ist keine perfekte Lösung, aber das Beste, was wir zu dieser fortgeschrittenen Stunde noch finden konnten – mittlerweile nämlich ist es fast dunkel. Schicksalsergeben ebnen wir sandige Huggel ein, entfernen widerspenstige Grasbüschel, errichten unsere Zelte und lassen uns dann, es ist bereits stockfinster, erleichtert auf unseren Campingstühlen nieder, um ein schnelles Abendessen einzunehmen. Halt, da war ein Geräusch! Angestrengt leuchten wir in die Dunkelheit – und entdecken einen Radfahrer, der ohne Beleuchtung des Weges kommt. Wir winken dem völlig verdutzen Mann, signalisieren, dass wir eine Frage hätten: mit Händen und Füßen gestikulierend, Englisch und Suaheli mischend, versuchen wir, ihm eine Erlaubnis zum Übernachten zu entlocken. Doch er ist nicht zuständig, nicht befugt, nicht interessiert, hat keine Ahnung, was auch immer. Ratlos sieht er uns an und meint nur trocken: „Lala salama!“ Schlaft gut. Dann fährt er weiter. Tja, dann versuchen wir das mal.

Lager fertig, Sonne weg!
Nach einem recht frugalen Abendmahl, wir wollten verständlicherweise kein riesiges, gemütliches Lagerfeuer entfachen, und einem kurzen Abend ziehen wir uns in unsere Schlafsäcke zurück. Wir fühlen uns dabei mehr oder weniger geborgen – Heinz schläft in Schuhen, Gabi nächtigt im Auto – doch immerhin sind wir hier etwas ab vom Geschehen auf der B8 und allesamt rechtschaffen müde. Kein Wunder nach diesem Tag, der uns einiges abverlangt hat...

Mittwoch, 25. April 2018

4. Oktober 2015; Kayonza, Women's Opportunity Center > Biharamulo, Boma Guesthouse Campsite

Früh, sehr früh am Morgen werden wir von verhaltenem Gekicher geweckt und strecken verschlafen unsere Köpfe aus dem Zelt. Dort steht schon wieder ein Pulk von Kindern, dieselben wie gestern, begleitet von neugierigen Freunden, die offenbar gespannt auf unser Erwachen gewartet haben. Unser Erscheinen und der freie Blick auf unsere Schlafzimmer, die sich verwunderlicherweise in von uns selbst mitgebrachten Stoffhäuschen befinden, sorgt für große Heiterkeitsausbrüche. Viele kugelrunde Augenpaare beobachten aufgeregt jede unserer Aktionen, die Morgentoilette wird flüsternd und giggelnd kommentiert, das Frühstück höchst interessiert analysiert, den Höhepunkt aber bildet der Abbau unseres Lagers. Die Kinder sind völlig gebannt von unserem Tun – wir sind ein echtes Unterhaltungs-Highlight! Dann aber verschwinden die Kids von einer Sekunde auf die andere, genau wie gestern Abend werden sie von lauten Rufen und Pfiffen ins Tal hinunter beordert und wir wundern uns. Heute ist Sonntag, da wird doch wohl keine Schule sein, oder? Nein, natürlich nicht, dafür aber ist Kirchgang angesagt! Das helle Bimmeln einer Glocke bestätigt wenig später unsere Vermutung.

Touristen-TV am Zaun
Komische Sachen machen
die da ...
Das Tal
der neugierigen Kinder









Begleitet vom Klang des Sonntagsläutens packen wir unsere letzten Habseligkeiten zusammen, lassen einen Abschiedsblick über das malerische Tal schweifen, in dem sich unter der Wärme der höher steigenden Sonne langsam die letzten Nebelschwaden auflösen und machen uns anschließend zügig auf den Weg. Schließlich haben wir heute wieder einen recht üppigen Fahrtag und, zu allem Überfluss, auch noch einen Grenzübertritt vor uns. Wir werden Ruanda verlassen und im Nachbarland Tansania einfallen, wo wir in Biharamulo, einem ehemaligen deutschen Fort zu nächtigen gedenken. Es sind also rund 220 Kilometer, die wir heute zu bewältigen haben. Keine Monsterstrecke, aber auch nicht gerade ums Eck, und so ein Grenzübertritt ist zudem stets ein Faktor, der die geplante Ankunftszeit um Stunden verzögern kann. Also nix wie los!

Unser Lagerplatz
Kleine Beet-Anlage
Nachhaltige Gebäude-
Konstruktionen









Ein einsamer Torwächter öffnet die Pforten des WOC, dann hat uns die Straße wieder. 80 Kilometer sind es bis zur Grenze, 80 Kilometer, auf denen wir relativ langsam vorankommen, die aber wie im Fluge an uns vorüberziehen. Grund dafür ist, dass auch heute wieder unzählige Menschen auf den Straßen zugange sind – sie sind auf dem Weg zur Kirche oder kommen von dort. In langen Prozessionen wandeln sie gemächlichen Schrittes am Straßenrand entlang und stellen einen wahren Augenschmaus dar, denn sie haben allesamt ihren Sonntagsstaat angelegt: die Herren einen Anzug und die Damen farbenfrohe Kleider afrikanischer oder westlicher Art, allenthalben gekrönt von spektakulären Hutkreationen. Ein wundervoller Anblick!

Überall freundliche Menschen
Festlich gekleidet
Auf Kirchgang









Lkw im Graben
Fischteiche
 Zurückhaltende Ladenzeile









Bis zur letzten Minute genieße ich dieses erstaunliche Land Ruanda, das mich so positiv überrascht hat und wo ich gerne noch länger bleiben würde, gleichzeitig jedoch freue ich mich auch wahnsinnig auf den Katavi Nationalpark, der ja einer meiner Lebensträume ist – und nun mal in Tansania liegt. Da aber müssen wir erst mal hinkommen. Der Gedanke an den damit verbundenen Grenzübertritt ruft ein leichtes Gruseln in mir hervor - wird da wieder so ein Chaos herrschen?

Hier wirds schon bunter
Werbung braucht Farbe!
Auf dem Weg zur Grenze









Nein, kein Chaos! Auf beinahe menschenleerer Straße steuern wir den Grenzposten an, der praktischerweise ein One-Stop Borderpost ist; das bedeutet, dass Beamte beider Länder die Reisenden gleichzeitig abfertigen, man also nicht erst hüben aus- und drüben wieder einreisen muss. Das klingt vernünftig und nach raschem Prozedere. Anfangs scheint sich diese Vermutung auch zu bestätigen: vergleichsweise wenige Lkws, ein paar Pkws, kein nennenswerter Publikumsverkehr, und der Grenzposten hat beeindruckende Ausmaße - ein riesiger Parkplatz, diverse Abfertigungsgebäude und ein Grenzzaun, der das Ganze in genehmer Entfernung umgibt. Das hatten wir hier, mitten in der afrikanischen Pampa, nicht erwartet; schon allein aufgrund seiner Lage dürfte Rusumo keiner der geschäftigsten Grenzübergänge des Landes sein.

Dass Geschäftigkeit an diesem Ort tatsächlich ein Fremdwort ist, bekommen wir recht bald am eigenen Leib zu spüren. Wir, als Personen, sind in Minutenschnelle abgefertigt, haben unsere Stempel im Pass, dann aber beginnt die Prozedur mit den Autos. Und da stoßen wir erneut auf, ich nenne es mal vorsichtig, einen Wesenszug, der so manchen Amtspersonen zueigen ist... Besagte Amtsperson sitzt in einem kleinen, verglasten Kabuff mit Schiebefenster und Schlitz, durch den die erforderlichen Papiere angereicht werden können. Jochen und Annette grüßen freundlich und stecken alle Unterlagen, die für den Grenzübertritt der Autos nötig sind, durch den flachen Schlitz in der Verglasung. Der Officer blättert sich im Zeitlupentempo durch den Formularwust, runzelt gestresst die Stirne, stöhnt, um seine Überlastung zu verdeutlichen, dann sieht er unsere Freunde an, wirft einen Blick auf seine Uhr, zuckt bedauernd die Schultern, schließt beherzt das Schiebefenster, stellt ein Closed-Schild auf den Tresen und macht das Kabuff dicht! Dann verlässt er sein Büro, kehrt Minuten später wieder und fängt in aller Seelenruhe an, Stullen aus einer Plastikbox zu pflücken und sie zu verspeisen. Und das demonstrativ, wenn nicht gar provokativ, vor den Augen von uns Einreisewilligen, die wir nur ein paar kleine Stempelchen und eine Unterschrift benötigen würden. Wir sind fassungslos. Allerdings besitzen wir alle genügend Afrika-Erfahrung, um (zumindest in der Theorie) zu wissen, dass es keinen Sinn hat, jetzt ungehalten zu reagieren oder gar zu rebellieren. Jedes Wort wäre ein falsches und würde die Wartezeit nur verlängern. Wir wünschen also lediglich einen guten Appetit und verkrümeln uns, zunächst mal für eine halbe Stunde, bevor wir uns erneut in die Nähe des Schalters trauen. Doch der Beamte hat noch lange nicht fertig: die Hände über dem Bauch gefaltet, flätzt er auf seinem Bürostuhl, sieht Annette und Jochen kurz herausfordernd an, um gleich darauf wieder einen glasigen Entspannungsblick aufzusetzen und durch uns hindurchzustarren. Annette würde ihn am liebsten aus seinem Häuschen ziehen, stellt sich mit verschränkten Armen vor die Scheibe und fixiert den Officer. „Annette, das bringt doch nix.“ Jochen zerrt sie um die Ecke, außer Sichtweite des Grenzers. „Der spinnt! Das macht der doch mit Absicht!“ „Ja, aber irgendwann wird er schon aufgeben. Jetzt komm!“ Widerwillig gibt Annette nach, schöpft jedoch kurz darauf neue Hoffnung, denn ein weiterer Einreiseanwärter, ebenfalls ein deutscher Tourist auf einem Motorrad, steuert bestimmten Schrittes auf das Bürokästchen des pausierenden Beamten zu. „Jetzt muss er doch was machen!“ Denkste – der Neuankömmling wird ebenfalls geflissentlich ignoriert. Und, noch schlimmer, der Neuankömmling ignoriert auch uns, was Annette noch mehr aufregt. „Kann der nicht mal Hallo sagen, der hat doch gehört, dass wir auch deutsch sprechen!?!“ Annette ist so in Rage, dass sie sich momentan über jede Kleinigkeit aufregt, was aber nichts an der Situation ändert. Tja, es gibt Dinge, die kann und muss man nicht verstehen, man muss sie einfach nur geduldig und souverän aussitzen, jede Provokation vermeiden und hoffen, dass es sich bald zum Guten wendet.

Und das tut es in unserem Fall. Nach sage und schreibe fast anderthalb Stunden bequemt sich der Grenzer endlich, seine Tupperbox von unseren Unterlagen zu räumen, seine Stempel zu zücken, sie an den entsprechenden Stellen mit Vehemenz auf die Papiere zu knallen – eine Angelegenheit von weniger als einer Minute -, uns diese mit einer verächtlichen Handbewegung durch den Glasschlitz zurückzuschieben und den nächsten Einreisewilligen mit einem ungeduldigen Zungenschnalzen herbeizuzitieren. „Next. Hello, next! Come on, hurry!“ Manchmal würde man diese Sorte von Menschen, die in Afrikas Beamtenstuben weit verbreitet, aber auch bei uns nicht völlig unbekannt sind, echt am liebsten von ihren Bürohockern zerren und mit ein paar gezielten Tritten zum Arbeiten bewegen. Doch dann würde man genau das erreichen, was die Herrschaften mit ihrem Verhalten herausfordern – nämlich nichts; sie würden einen am ausgestreckten Arm verhungern lassen und dabei noch befriedigt lächeln. Alberne Machtdemonstrationen von Personen, die gerne mehr Macht hätten und das bisschen, das ihnen zugestanden wird, bis an die Grenzen ihres Handlungsspielraums ausreizen, unbefriedigte Zeitgenossen, die ihren Frust an anderen auslassen und glauben, danach würde es ihnen besser gehen. Eigentlich bemitleidenswerte Leute. Aber sie können einen, aller selbstbeschwichtigender Gedanken zum Trotz, zur Weißglut bringen...

Tansania und seine Straßen
Einsamer Radler
Minitaxi-Stopp










Doch wir haben ja nun diese widerspenstige Hürde erfolgreich genommen. Rasch kontrollieren wir noch, ob wir auch wirklich auf ganzer Linie siegreich waren und alle erforderlichen Stempel und Unterschriften in unseren Unterlagen prangen, dann verlassen wir schnellstens diese Grenze, die uns so viel Zeit gekostet hat. Und kaum kurven wir vom Gelände dieses noch recht neu gebauten Borderposts und seiner feinsäuberlich geteerten Zufahrtswege, schon holt uns die Wirklichkeit afrikanischer Straßen wieder ein. Es ist ein krasser Gegensatz zu Ruanda, was uns hier in Tansania empfängt: eine Teerstraße, die nur noch in Ansätzen als solche erkennbar ist, badewannentiefe Schlaglöcher, üppige Müllansammlungen und riesige Staubfontänen, von uns selbst und vom spärlichen Gegenverkehr erzeugt, die uns in rötlichbraune, auf allen Oberflächen haftende Wolken einhüllen. Nach ein paar Kilometern befinden sich auch plötzlich wieder schnaufend-rußende Lkws vor uns, von denen wir nicht wissen, woher sie kommen. An der Grenze hatten wir so viele auf jeden Fall nicht gesehen. Mühevoll überholen wir die stinkenden Riesenkarossen, eine nach der anderen, bis uns Annette anfunkt – ihr Auto macht wieder Probleme. Ne, nicht wahr, oder? Leider doch. Seufzend stoppen wir am Straßenrand und warten auf Annette – während all die soeben mühevoll überholten Stinker erneut an uns vorbeirollen und uns dabei komplett einstauben.

Die Landschaft ist schön ...
... die Straßen ...
... weniger!









Minuten später rumpelt sie herbei und bringt ihr Sorgenkind mit quietschenden Bremsen hinter uns zum Stehen. „Was gibt’s denn schon wieder für ein Problem?“, fragt Jochen mit leicht genervtem Unterton. Doch Annette kann es nicht konkret in Worte fassen. Es ist einfach was komisch, irgendwas stimmt nicht. Als Fahrerin des weißen Landys hat sie natürlich ein gutes Gespür für fahrtechnische Auffälligkeiten an ihrem Transportgerät, aber ihr fehlt die Erfahrung, diese zuordnen zu können. Und so kommt es, wie es kommen muss: „Ich meine, da schlägt was.“ „Ja wie? Vorne? Hinten? Geräuschmäßig oder spürbar? Wieder die Lichtmaschine, so wie am Anfang?“ „Ich kann’s nicht genau sagen. Aber da ist was!“ „Klar! Und was soll ich da jetzt machen? Mann, die Straße ist ultrascheiße, da schlägt schon mal was. Das ist normal!“ Gereizt setzt sich Jochen in Annettes Auto, startet es und lauscht eine Weile. „Ich kann nichts feststellen. Lass uns weiterfahren und melde dich, wenn du mit was Konkretem aufwarten kannst!“ Tief durchatmend klettern wir erneut in unsere fahrbaren Untersätze und setzen den Weg fort, begleitet von einem unguten Bauchgefühl. Wenn Annette meint, es stimmt was nicht, dann hat sie sicher recht. Leider aber müssen wir das Problem wohl tatsächlich auf uns zukommen lassen, um es eingrenzen und etwas dagegen unternehmen zu können. Heilig's Blechle, möge dieser Kelch bitte an uns vorübergehen und uns, wenn schon, dann bitte nicht ausgerechnet im Katavi ereilen. Doch anscheinend haben wir Glück. Auf den nächsten 50 Kilometern bleibt alles im Lot, Annettes Wagen läuft wie ein Glöckchen, schnurrt wie ein Kätzchen auf der immer besser werdenden Straße und Annette wird übermütig. Sie überholt uns, winkt fröhlich aus dem Fenster und gibt Gas - natürlich im Rahmen der Geschwindigkeitsbegrenzung.

Das jedoch sieht ein Officer der Verkehrsüberwachung offenbar anders. Im Gebüsch nahezu unsichtbar verborgen, hält er seine Radarpistole mit integrierter Videokamera auf den vorbeirollenden Verkehr und pickt sich Annette heraus. 80 Stundenkilometer innerhalb der Ortschaft! Per Funk wird diese Geschwindigkeitsübertretung stante pede an einen polizeilichen Straßenposten im nächsten Kaff, das den schönen Namen Lusahunga trägt, gemeldet und als wir dort ankommen, befindet sich Annette schon in den Fängen der örtlichen Polizei. „Was iss'n jetzt schon wieder?“ „Die haben mich geblitzt, ich bin aber sicher nicht zu schnell gefahren! Achtzig statt fünfzig. Ich bin doch nicht doof!“ Jochen wendet sich an den Polizeibeamten, der ihm den Sachverhalt nochmal geduldig erklärt. Es ist so, wie es ist und es gibt sogar einen Videobeweis. Jochen will sich gerade resigniert der Amtsgewalt fügen, als Annette wie elektrisiert hochfährt. Ein Videobeweis! Den will sie sehen! Sie insistiert so lange, bis der Officer tatsächlich seinen Video-Kollegen herbeiruft, der bald vor Ort eintrifft und selbstsicher sein Filmchen präsentiert. Da, achtzig Stundenkilometer! „Ja, mag sein. Aber da ist weit und breit kein Haus zu sehen! Und da, da, da vorne sieht man deutlich das Ortsschild! Ha, sag ich doch, das war außerhalb der Ortschaft, und da darf man achtzig fahren!“ Ungläubig starrt der leitende Beamte auf den Monitor, sieht sich den Film nochmal an und nochmal, während der Officer, der Annette gefilmt und der Geschwindigkeitsüberschreitung bezichtigt hatte, immer kleiner wird. „Sie können weiterfahren. Hier handelt es sich um ein bedauerliches Missverständnis. Entschuldigung und gute Fahrt.“ Stramm schlägt der Vorgesetzte seine Hacken zusammen, legt die Hand grüßend an seinen Mützenschild und tritt beiseite, um uns ungehindert aus der Parkbucht fahren zu lassen. Hurtig machen wir uns aus dem Staub und sind richtig froh. Annette, weil sie auf bravouröse Art ihre Unschuld beweisen konnte, der Rest unserer Truppe, weil wir endlich den aufdringlichen Erdnuss- und Honigverkäufern entrinnen können, die uns seit Beginn der Diskussion mit „einzigartigen“ Angeboten penetriert hatten, und wir alle zusammen, weil wir den Anschiss nicht mehr mitbekommen müssen, den der Oberbulle nun wahrscheinlich seinem Video-Beamten verpasst. Mit welcher Begründung auch immer... Entweder war das ein abgekartetes Spiel, man pickt sich generell solvent aussehende Verkehrsteilnehmer heraus und versucht diese, mit dem Argument Videobeweis finanziell über den Tisch zu ziehen. Oder der Filmemacher geht krumme Wege auf eigene Faust. Doch wie dem auch sei: heute wird er eingeseift, entweder für seine Dummheit oder aber für seine unerlaubte Abzocke.

Nun ja, uns soll das egal sein. Hauptsache, wir mussten keine ungerechtfertigte Strafe bezahlen, das Auto macht keine Zicken und wir erreichen möglichst bald unseren heutigen Übernachtungsort, der wirklich in einem extrem entlegenen Winkel Tansanias liegt. Umso erstaunlicher ist die Straße, auf der wir die letzten sechzig, siebzig Kilometer diesem Ziel zustreben. In Lusahunga biegen wir auf der einzig sichtbaren Kreuzung links ab, rollen vorschriftsmäßig langsam aus dem Kaff, das innerorts vorwiegend mit staubigen, von kleinen Schlaglöchern durchsetzten Straßen aufwartet und landen kurz darauf auf einem vorbildlich gepflegten Teerband, das sich nahezu schnurgerade Richtung Norden durch die Landschaft fräst. Mhm, ist die Straße in so gutem Zustand, weil sie wenig befahren und somit geschont wird, oder ist sie neu? Das ist schon irgendwie seltsam: viele Hauptverkehrsachsen in Tansania sind grottenschlecht, strotzen vor Schlaglöchern und der Teerbelag hat sich weitestgehend in Luft aufgelöst. Und ausgerechnet hier, im tansanischen Outback, finden wir so eine Musterstraße vor. Doch nicht nur das ist komisch – die ganze Gegend versprüht eine merkwürdig anmutende Atmosphäre. Lange rollen wir durch eine nahezu menschenleere Landschaft, was einem in Tansania selten widerfährt, dann stoßen wir auf eine Ansiedlung namens Rubondo Village, die so gar nichts Dörfliches an sich hat. In Reih und Glied stehen hier die Häuser, die weniger Gebäuden denn Containern gleichen. Ist das ein Retortendorf, die Wohneinheit einer Garnison oder gar ein Flüchtlingscamp? Wir erblicken nichts, was diese untypische Ansiedlung näher erklären würde, und auch meine Recherchen, die ich später zuhause starte, bringen keine neuen Erkenntnisse.

Blick auf Biharamulo
Im Innenhof der Boma
Wandelgang auf der Mauer









Nur eines wissen wir sicher: es ist nicht besonders anheimelnd hier! Deshalb sind wir froh, als wir Rubondo Village hinter uns gebracht haben und bald darauf in belebtere und damit vertraute Umgebung eintauchen – wir haben Biharamulo erreicht, eine afrikanische Kleinstadt, wie wir sie kennen. Viele Menschen, kleine, windschiefe Hüttchen und gemauerte Häuser mit bunten, aber heruntergekommenen Fassaden. Männer sitzen unter Bäumen und diskutieren über mehr oder weniger wichtige Dinge, Frauen balancieren unterschiedlichste Güter auf dem Kopf und Kinder winken uns freudig erregt hinterher. Alles wirkt völlig normal, doch auch Biharamulo hat mit einer Besonderheit aufzuwarten, die allerdings wesentlich weniger gespenstisch ist, als das Containerdorf Rubondo – ein ehemaliges deutsches Fort. The Old German Boma thront etwas oberhalb der Stadt, hat auch schon bessere Zeiten gesehen, wird aber immer noch genutzt. Das Fort wurde Anfang des 20. Jahrhunderts von deutschen Schutztruppen erbaut, um das Land Tansania, das damals Deutsch-Ostafrika hieß und Teil des deutschen Protektorats war, vor Fremdzugriffen zu schützen und dauerhaft zu befrieden. Na ja, so zumindest wurde das damals verargumentiert... Dreizehn Jahre nach Fertigstellung des Forts allerdings endete die deutsche Herrschaft, die sogenannte Schutzeinrichtung wurde verlassen und eine wechselvolle Geschichte, die ich leider nicht in allen Einzelheiten nachvollziehen kann, begann. Heute wird die German Boma, die zwar etwas mitgenommen aussieht, aber immer noch vergleichsweise proper dasteht, als Tagungsstätte mit besonderem Charme, als Gästehaus und Campingplatz genutzt. Und auch wir wollen heute hier übernachten. Gespannt rollen wir mit unseren Autos durch das massive Holztor der Boma, melden uns an der Rezeption vorschriftsmäßig an, bauen unsere Zelt im Innenhof auf frisch-grünem Rasen auf und lassen dann das ungewohnte Ambiente zunächst bei einem Ankunftsgetränk auf uns wirken, bevor wir uns anschließend ein bisschen umblicken.

Im Inneren der Boma
Deutsches Siegel
Krächzender Schildrabe









In der Schule war Geschichte nicht gerade mein Lieblingsfach, aber ein historisches Zeitdokument wie diese Boma mit eigenen Augen sehen und ihren Geist in mich aufsaugen zu können, hat schon etwas. Dicke Gemäuer beherbergen großzügige Räumlichkeiten mit knarrenden Holzböden, nahezu feudale Treppenaufgänge führen ins obere Stockwerk, an den Wänden hängen gerahmte Dokumente in deutscher Sprache, der Innenhof ist komplett abgeschottet vom Leben außerhalb der ihn umgebenden Mauern, auf denen ein schmaler Wandelgang, von kleinen Zinnen geschützt, rund um das gesamte Gelände führt. Damals gingen hier Angehörige der Schutztruppen Patrouille, heute kann man da oben einen kleinen Abendspaziergang unternehmen, der durchaus eine malerische, wenn nicht gar romantische Komponente beinhaltet. Eine faszinierende, befremdliche und doch von einem merkwürdigen Geborgenheitsgefühl geprägte Atmosphäre umfängt uns hier. So krächzt ein Schildrabenpärchen auf einer Eckzinne sein unmelodisches Lied in die beginnende Dämmerung, unterstreicht den leicht morbiden Charme dieses Ortes auf bezaubernde Weise, läutet für uns den Abschluss eines Tages ein, der mitnichten ein spektakulärer, aber dennoch ein aufregender und ereignisreicher gewesen ist. Nach einem opulenten Abendessen und entspannten Gesprächen, deren Wiederklang von den historischen Gemäuern dezent, aber hörbar hallend zurückgeworfen wird, begeben wir uns schließlich ins Bett und hoffen, es möge keiner von uns schnarchen, denn auch dieses Geräusch würde, hier im Inneren der Boma, deutlich verstärkt...


Weitere Impressionen des Tages:

Ladenzeile in Ruanda
Eine Straße wie geleckt
Rechts oder links?









Reisfelder
Vor der Grenze
Durstlöscher-Paradies









Straßenleben in Tansania
Frauen tragen schwer
Geschulterter Laden









German Boma
German Boma
German Boma