Freitag, 30. Oktober 2009

Kurzchillen in Südtirol 3

Samstag, 3. Oktober 2009

Ach, welch wohlig Nachtruh liegt hinter mir, gestützt von meiner getunten Gartenliege, umfangen von Daunen, die sich noch immer da befinden, wo sie gestern Abend beim Schlafengehen auch waren. OK, ich will nicht übertreiben: ich habe gut geschlafen, Punkt. Immerhin! Geweckt werde ich vom Gekruschle Monis, die schon ihre Schilddrüsentablette geschluckt hat und nun mit den Hufen scharrt, weil sie sich schon so auf’s Frühstück freut. Gemächlich schäle ich mich aus dem Bett – das Bad ist ohnehin gerade besetzt – und freue mich auf einen neuen Tag. Chrissie kommt kurz darauf frisch geduscht aus dem Bad, ich übernehme die nächste Schicht und Moni flitzt schon mal los. Herrjeh, das ist ja schon fast Stress hier! Nach meiner Morgentoilette werfe ich mich in meine Klamotten und nun schreiten auch Chrissie und ich hinab in den Frühstücksraum. Moni mampft schon eifrig und unsere Mitgäste sitzen heute auch noch plauschend an ihrem Tisch. Unser „Guten Morgen“ schallt in den Raum und wird höflich, aber irgendwie recht distanziert erwidert. Wir sind offenbar noch nicht in den Inner Circle der Innergatter Gästevolez vorgedrungen. Während wir die von Anneliese übrigens ganz hervorragend bestückte Kaffeetafel kahlessen, werden wir Zeugen typischer Frühstücksraum-Blabla-Gespräche, bei denen sofort die Besserwisser- und Vielschwafler-Hierarchien klar werden. Unsere Augenbrauen wandern mal rauf, mal runter, die Mundwinkel zucken immer wieder verdächtig, aber alles in allem benehmen wir uns vorbildlich: wir lästern nicht, wir flüstern nicht und versinken auch nicht unter dem Tisch vor Lachen. Nein, man kann uns definitiv nichts vorwerfen. Trotzdem scheinen die „Normal-Gäscht“ unsere Andersartigkeit zu wittern und bald verlassen sie mit einem knappen „Scheena Dog no“ die Frühstücksstube. Wir hingegen zelebrieren die erste Mahlzeit des Tages in aller Ausführlichkeit: mit der Tasse auf den Balkon, wieder rein, ein neues Semmelchen streichen und noch ein Tässchen mit Aussicht genießen...

Zwischendrin muss ich mal kurz auf’s Zimmer hoch und begegne auf dem Rückweg einer der Gäschtinnen, die voll gerüstet mit Wadlstrümpf, Bundhose und kariertem Multifunktionshemd aus ihrem Zimmer gestapft kommt. „Ah,“ sag ich, betont leutselig „wo geht’s denn heut hinauf?“ „Wir machen heute den Dingskogel über’n Blasteig gleich droben beim Sowiesoabzweig. Nix großes, nur ein paar Stunden.“, tönt die Gäschtin. „Und wo geht’s ihr heut rauf?“ „Wir gehen nicht,“ provoziere ich sie, „wir fahren lieber. Wir sind zum Chillen da, gehen das Ganze gemütlich an und wollen eigentlich nur ein paar Tage entspannt rumhängen.“ Mit einem sehr zitronigen Lächeln wünscht sie uns viel Spaß beim – äh – Rumhängen und trampelt die Treppe hinunter, nicht ohne noch ein vernehmliches „Tstststs“ von sich zu geben. Werden wir haben, gute Frau, aber apropos Zitrone, erst mal müssen wir die Vertretungs-Annelies ausquetschen, wo sich gut rumhängen lässt. Kurz vor dem Einschlafen hatten wir gestern abend noch die Idee geboren, den heutigen Tag auf einer richtigen Alm verbringen zu wollen und zwar auf einer, die mit dem Auto zu erreichen ist. Auch Anneliese findet unsere Frage sichtlich eigenartig, gibt uns aber bereitwillig Tipps. Es gibt eine Alm auf unserer, der Ostseite des Tals, zu der man keinen Meter zu Fuß gehen muss und eine auf der Westseite, die eine Viertelstunde leichten Fußmarsches erfordert. Ganz eben ginge es da hin, sagt Anneliese, ein Kind der Steilhänge Südtirols...

Bei noch ein paar Tassen Tee und Kaffee erwägen wir die Vor- und Nachteile der Empfehlungen, können uns aber nicht letztendlich entscheiden. So beschließen wir, erst mal talwärts zu fahren und von dort aus die Sonnensituation der beiden Talseiten in Augenschein zu nehmen. Außerdem hatten wir noch die dekadente Idee, eine Flasche Prosecco zum Begießen unseres Mädls-Wochenendes zu erstehen. Aber zunächst müssen wir das Auto vom Parkplatz bekommen. Als wir gestern Abend aus Meran zurückkamen, wehte ein sehr starker Wind, der den Walnussbaum derart beutelte, dass ein wahrer Regen von Nüssen auf Chrissies Auto niederzugehen drohte. So wurden wir gebeten, das Auto nach unserem Dorfbesuch besser auf Annelieses Parkplatz abzustellen, der sich noch weiter unten befindet. Die Ausparkerei auf dem engen und steilen Hofgelände ist gar nicht so einfach, vor allen Dingen mit einem Heckantrieb. Der Motor jault, die Reifen drehen hilfesuchend auf dem unebenen, kiesigen Untergrund, aber nach mehrmaligem Rangieren, dem beliebten Kupplung-Gas-Handbremsen-Spaß, sind wir aus der Hofeinfahrt raus und juckeln runter ins Tal. Im Supermarkt erwerben wir eine Flasche Prickelwasser und begutachten den Sonnenstand. Der Osthang liegt noch völlig im Schatten, die Wiesen und Wälder der Westseite hingegen präsentieren sich schon in schmeichelndem Sonnenlicht. Somit ist unsere Entscheidung gefallen und wir steuern den Naserhof an, der knapp vierhundert Höhenmeter über dem Talboden liegt. Eine sehr schmale, kurvenreiche Straße windet sich durch Wald und Weiden, vorbei an einsamen Berghöfen, hinauf, der Sonne entgegen. Der Teer geht in Schotter über und bald darauf erreichen wir einen winzigen Parkplatz, von dem aus wir uns nun zu Fuß auf den Weg machen. Eben, hat sie gesagt, die Anneliese! Doch hier ist nichts eben: langsam, aber stetig zieht sich der Forstweg bergauf. Wir amüsieren uns schnaufend über die unterschiedlichen Interpretationen des Wortes „eben“ und deren noch unterschiedlichere lokale Bedeutungen. Aber klar, wenn man an einem Ort aufwächst, wo die Wiese hinter dem Haus wie eine senkrechte grüne Wand vor einem aufragt, dann ist dieser Weg in der Tat vergleichsweise eben. Doch tatsächlich, nach der vorhergesagten Viertelstunde erreichen wir den Naserhof. Vielleicht sind wir doch nicht so unsportlich oder die gute Anneliese hat vorab gleich ein paar Schlaffiminuten draufgerechnet. Egal. Nicht ganz so egal: ein paar Autos auf dem hofeigenen Parkplatz zeigen deutlich, dass wir auch weiterfahren hätten können. Doch was soll’s, wir sind ja jetzt da. Ein hübscher Berghof aus dunkelbraunem Holz, mit üppigen Blumen vor den Fenstern und Hirschgeweihen unter dem Giebel drückt sich in einen waldigen Hang, eine sonnige Terrasse, an deren Rand etliche Liegestühle platziert sind, empfängt uns. Schnurstracks steuern wir, mit der Pulle unter dem Arm, auf die Liegen zu und machen es uns gemütlich. Herrlich, von hier aus kann man bis Meran sehen, den Blick schweifen lassen und im wahrsten Sinne des Wortes herumhängen.












Hier oben merke ich zum ersten Mal richtig, wie sehr mich die Enge des Tals einschnürt, bedrückt. Gut, gestern waren wir in Meran, da ist das Tal auch luftiger und weiter, aber der Blick wird trotzdem durch Häuser und die umliegenden Berge gestoppt. Jetzt sieht man den Horizont! Blinzelnd behalte ich diesen im Auge, kuschle mich in meine sonnengeküßte Liege und atme befreit durch. Alle drei liegen wir da wie die Flundern und genießen die Sonne, die Weite, die Ruhe. Moni hievt sich nach einer Weile wieder aus der Liege, weil sie auf die Toilette muss. Höflich fragt sie den Wirt, „ob man denn hier auch auf’s Klo gehen könne.“ „Ja,“ entgegnet dieser finster und mißgelaunt, „auf’s Klo gehen kann man bei uns auch!“ Trotz Monis eiligem Versprechen, wir würden schon noch was bestellen, wird der Knabe nicht freundlicher. Was haben wir jetzt schon wieder falsch gemacht? Zugegeben, der Naserhof ist keine klassische Alm, die von einer „Zenzi“ betrieben wird, sondern ein durchaus gastronomischer Betrieb, ein klassisches Geheimtipps-Ausflugsziel, eine rustikale Jausenstation. Geld wird hier durch Gäste-Umsatz gemacht. So weit, so gut. WIR sind mit einer mitgebrachten Prosecco-Pulle unter dem Arm zielstrebig über die Terrasse gelatscht, haben geradezu invasorisch drei Liegen in Beschlag genommen, machen keinerlei konsumtechnische Anstalten und wollen dann auch noch die Sanitäranlagen mit mitgebrachtem, fremderworbenem Urin entweihen. Nicht die korrekte, feine englische Art und sicher ein Grund, unfreundlich zu reagieren. Oder war es eher Monis Frage? Da kommen drei Stadttussen, die sich hier breitmachen und auch noch blöd fragen, ob man denn dieserorts auf ein Klo gehen könne. Im Klartext übersetzt, interpretiert: „Da, wo wir herkommen, gibt es ja sowas wie Toiletten. Obwohl wir vermuten, dass man bei euch eher hinter den nächsten Busch bieselt, fragen wir doch mal sicherheitshalber an.“ Vielleicht hat der Wirt es auch so verstanden... Wir hingegen meinten es weder so noch so! Trotzdem haben wir hier offenbar erst mal verschissen. Um bei der Fäkalsprache zu bleiben: der Typ schaut uns mit dem Arsch nicht mehr an. Und da wir hier sowieso nur „rumhängen“ und sonst nichts zu tun haben, machen wir es uns zur Tages-Aufgabe, die Sache wieder geradezubiegen, nicht ohne unser eigen Wohl in den Vordergrund zu stellen. So also dösen wir weiter provokant in unseren Liegen, Moni klettert ein bisschen hinter der Hütte umher, Chrissie besucht ein Pony, das unterhalb der Terrasse auf einer tischtennisplattengroßen, ebenen Fläche steht und sie zur Begrüßung ziegenartig anmeckert, anstatt zu wiehern und ich inspiziere die Hofumgebung. Schließlich finden wir bei unseren Liegen wieder zusammen und haben Durst.












Unsere Prosecco-Pulle haben wir nach dem Grantel-Anfall des Wirtes gleich mal verschwinden lassen; diese nun zu öffnen, wäre die blanke Provokation. Deshalb schreiten wir aus praktischen Gründen zur von Moni bereits versprochenen Bestellung. Und ich, die „Diplomatie-Königin“ schlechthin bin die Auserwählte, den Miesgelaunten um diese Dienstleistung bitten zu dürfen. Ohne viel Schleimerei und schmeichelnden Federlesens ordere ich bestimmten aber höflichen Tones die Getränke: „Entschuldigung, könnten wir bitte drei Radler haben?“ Da ist alles drin; kein aktives Fordern, sondern defensives Bitten nebst Flehen um Gnade, ein Anflug weiblichen Zweifelns durch den Konjunktiv und, vor allen Dingen, keine direkte Anrede. Obwohl es in der Bergwelt eher üblich ist, sich zu duzen, wage ich selbiges in dieser zarten Annäherungsphase nicht, aber auch ein „Sie“ scheint mir nicht geeignet, zu viel Distanz zu erzeugen. Der Wirt grunzt bestätigend und ich schäme mich fast für meine berechnenden Worte; aber sie scheinen ihre Wirkung zu tun, denn kurz darauf bekommen wir unsere Radler ohne großes Murren direkt an die Liegen serviert. Die Übergabe ist ein wenig ruppig und er meidet jeglichen Blickkontakt. „Mei, danke, ist das ein Service“, bedanke ich mich und nach diesem ersten „Sieg“ fallen wir chillsüchtig und mit neu erworbener Rumhäng-Berechtigung wieder in unsere Liegen zurück. Mit fortschreitender Tageszeit laufen immer mehr Gäste auf dem Naserhof ein: eine Wandergruppe, die ihre recht früh beendete Tagestour hier feucht, sehr feucht, ausklingen läßt – Bauarbeiter, die in abartiger Geschwindigkeit von der sicher 150 Höhenmeter unter uns liegenden Baustelle den steilen Hang heraufgegemst kommen – ein ziemlich betagtes Ehepaar mit Walking-Stöcken, das alle Anwesenden bereitwillig und mit krächzender Stimme informiert, sie wären „von ganz unten“ losmarschiert – ein nicht ganz so betagtes Paar; sie sehr füllig mit erbärmlich dick angelaufenen Krautstampferbeinen in Kompressionsstrümpfen, der dazugehörige Gatte ist die Hälfte von ihr und superagil. Sie trinkt Schnäpse, er nippt an einer Apfelschorle.

Und mit all diesen erwähnten, aber auch den anderen, hier nicht belästerten Gästen plauscht unser Wirt bereitwillig im Rahmen seiner Plauderfähigkeiten – nur nicht mit uns. Aber warte, wir kochen dich schon noch weich, du Zwiderwurz! Bevor wir jedoch zur nächsten Sympathie-Gewinnungs-Phase (SGP) schreiten, lauschen wir interessiert. Da wird über das Wetter gesprochen, das für diese Jahreszeit wohl außergewöhnlich warm ist: normalerweise könne man dieserzeit nicht im T-Shirt hier rumlaufen. Merkst was, Wirt? Wenn Engel reisen... Doch was bei allen Gesprächsthemen auffällt ist, dass sich zeitlich vergleichend unterhalten wird: letztes Jahr, wie immer, war ja meistens anders, ihr wißt ja aus den Jahren davor, servus, bis nächstes Jahr, ja, nächstes Mal aber nicht im Oktober, sondern schon im August, usw. Mein Gott, das sind allesamt Stammgäste, Wiederkehrer! Und wir, die absoluten Neulinge, liegen hier einfach untätig und genießend herum! Es wird Zeit für Phase II! Genug haben wir gelauscht und unverschämterweise die Sonne nebst Aussicht genossen, jetzt haben wir Hunger. Wir nehmen mit unseren geleerten Radlerhumpen an einem der Terrassentische Platz, wälzen die Speisekarte und harren geduldig der Erhörung unserer Wünsche durch den Wirt. Der hat uns genau gesehen, tut aber geflissentlich so, als hätte er das nicht. Nach einer Viertelstunde des Wartens saust er demonstrativ mit abgewendetem Blick an unserem Tisch vorbei, doch gnadenlos wir er von uns angesprochen: „Entschuldigung, dürften wir bitte was bestellen?“ (Auf bayrisch klingt das alles viel netter, sympathischer; aber das schreibt sich originalgetreu nur schwerlich und verstehen werden es auch nur die wenigsten.) Er nickt kurz, rauscht an uns vorbei, verschwindet, taucht wieder auf, nimmt einen Umweg über einen anderen Tisch, plauscht, landet schließlich doch bei uns. Holla die Waldfee! Schon hat er unsere Bestellung aufgenommen und kaum fünf Minuten später haben wir das Gewünschte auf dem Tisch, sogar Chrissies Sonderwunsch – Hauswurst mit Brot statt Kartoffelsalat. Wir alle drei übrigens haben Hauswurst geordert; diese ist beachtlich feststoffig, feuerrot und ohne emulgierenden Senf nicht ganz so magenfreundlich. Der Senf übrigens ist aus München, wie wir: ein erneutes Merkst-was, Wirt? Der Kartoffelsalat hingegen ist perfekt: speckige Erdäpfel, ein gerüttelt Maß an Salz-Zucker-Essig-Dressing, kleine rote Paprikaschnirpsel und ein Topping aus almgarteneigenem Schnittlauch! Mein Lob für den Salat – SGP II – wird beim Abservieren genervt schnaubend abgetan. Doch wir haben dich, du Wirt! Bevor wir allerdings zur Königsdisziplin – SPG III – schreiten, lassen wir uns, die Wurst verdauend, wieder in unsere Liegestühle zurückfallen und die genießen die letzten Sonnenstrahlen.












Viel zu schnell wandert der wärmende Planet in hohem Bogen über den Himmel, gerade noch stand der zentrale Sonnenkreis voll vor dem blauen Hintergrund – Minuten später wird der äußere Strahlenradius bereits von den Westgipfeln des Passeiertals angeschnitten und es wird merklich kühler. Bereits unsere Fleecejacken über der Brust zusammenraffend, werden wir Zeugen eines weiteren, sehr interessanten Plausches: „Oh mei,“ beklagt sich der Wirt bei einer größeren Gästeschar „jetzt geht die schwere Zeit los, wenn das Törggelen anfängt. Da kommen auch noch abends Gäste!“ Unvorstellbar, unzumutbar! Gäste, die eine typisch südtirolerische, jahreszeitabhängige Brotzeitkomposition erfahren, genießen und bezahlen wollen, erdreisten sich, das erst abends, als Ausklang des Tages in Anspruch zu nehmen! Unser Mitgefühl ist beim armen Wirt, dennoch müssen wir ihn jetzt auch noch mit unserem ureigensten Anliegen behelligen: wir möchten gerne zahlen, bevor die Sonne weg ist und wir noch mehr hören müssen. SGP III nicht aus den Augen verlierend, bitte ich den leidgeprüften Gastronomen um Begleichung unserer Außenstände. Und? „Trinken die Damen no a Schnapsei?“ (Auch er vermeidet die direkte Anrede...) Jawohl, SGP III vollzogen, pares inter pares, wir sind an Bord – zumindest an der Reling der Stammgäste angelangt! Prost! Großzügig wird der spendable Gastwirt entlohnt und wir begeben uns auf den „weiten“ Weg zu unserer Karosse, nicht ohne nochmal das Pony zu besuchen. Der arme Vierbeiner freut sich unbändig über unseren Besuch und gibt Laut: das kleine Pferdchen meckert wie eine Ziege; es scheint nicht unter seinesgleichen aufgewachsen zu sein! Oh, armes Kleines! Das Pony hat einen beachtlichen Unterbiss, seine ebene Standfläche ist winzig, ohne Bewuchs, links, rechts, dahinter geht es steil bergab und alles fressbar Grüne ist Ampfer.












Wir verabschieden uns von dem bemitleidenswerten Steilwand-Geschöpf (Hufe und Skelett-Stand waren erstaunlicherweise OK, laut Moni) und traben zu unserem Auto. Fast „eben“ geht’s hinunter, wir steigen ein und poltern die Schotterpiste talwärts. Kurz vor der Mündung auf die geteerte Straße werden wir von einem Pkw ausgebremst, der übervorsichtig die ganzen restlichen Höhenmeter vor uns hereiert. Und wer sitzt drin? Das recht betagte Ehepaar, das angeblich von „ganz unten“ hochmarschiert ist und sich dafür bewundern ließ. Wie auch immer, Hut ab, aber wenn’s danach geht, sind wir heute auch erst mal runter, rüber und dann von ganz unten wieder rauf! Und jetzt umgekehrt: ganz runter, rüber und wieder rauf zum Innergatterhof, besinnen, wärmer anziehen, wieder runter, essen gehen. Die Wahl im Ort ist begrenzt und wir wagen uns bequemlichkeitshalber erneut in die Braugaststätte mit der Anmach-Gasse. Letztere bleibt uns heute erspart, denn in der Gaststube, die rechts vor der Pfeif-Meile abgeht, ist heute noch ein Tisch für uns zu finden. Wir speisen fürstlich, nahezu unbehelligt von jeglichem Gassenvolk, allein der Barfüßer strebt, heute in Socken und Schuhen, hinter der Bar hervor und erkundigt sich, ob es mir heute wärmer wäre. Ja, das ist es, allein schon meine Nase glüht vor Sonnenbrand, so sehr, dass ich gefühlt eine mittlere Kleinstadt damit beheizen könnte! Abgespeist und angebrannt kehren wir auf den Innergatterhof zurück, Frau PP ist auch wieder von ihrem Familientreffen da, freut sich, dass dem so ist, der Hof noch steht und wir gut Sonne abbekommen haben. Wir freuen uns auch: über den wunderbaren Tag in der Sonne, die Weite unserer Blicke, die hemmungslosen Lästereien, die wir unzensiert zelebrieren durften. Darüber, dass wir einfach nur wir sein konnten, nichts tun mussten, keine Pflichten hatten und vielleicht auch ein paar Sorgen gedanklich von der Sonne, dem Wohlgefühl beim wirklichen Rumhängen und einem kniggetechnischen Sorgenkind namens Wirt, verlagern bzw. umschichten lassen konnten. Schee war’s heut wieder, unglaublich schee, entspannend, wohltuend! Und der Prosecco ist halt jetzt noch fällig, als Betthupferl...

Freitag, 23. Oktober 2009

Kurzchillen in Südtirol 2

Freitag, 2. Oktober 2009
Meran

Noch nie, ich schwöre, noch NIE habe ich in einem Bett gelegen und mir den Morgen herbei gesehnt. Heute Nacht ist das erste Mal. Die Matratze viel zu weich, das Kissen mehrfach zu groß und außerdem ist da noch der nächtliche Kampf mit dem Leintuch und der darunter liegenden Wolldecke, die sich bei jedem Umdrehen unter mir zu einer zunehmend härteren Wurst rollen. Die Arme aus dem Bett – zu kalt, die Arme wieder unter die Decke – zu warm. Gen Morgen sind dann im Zuge der ganzen Rumwälzerei alle Daunen der Zudecke am Fußende versammelt und obenrum, auch mit Armen unter der Decke, hält die Kälte eines unbeheizten Zimmers in einer Oktobernacht bei mir Einzug. Mehrmals bin ich versucht aufzustehen und das verdammte Bett auseinanderzunehmen. Doch ich will die Mädls nicht stören, die friedlich vor sich hinschnarchen und hin und wieder auch im Schlaf sprechen.

Endlich wird es langsam hell im Zimmer und im Ehebett rappelt, raschelt, knistert, schnauft es – Moni und Chrissie sind wohl auch wach geworden. Die Mädls tappern nacheinander schlaftrunken ins Bad, während ich mit Wonne die schreckliche Liegestatt in ihre Einzelteile zerlege. Kein Wunder, dass ich darin versunken bin! Das Untergestell ist das einer besseren Gartenliege und darauf thronen zwei zammgflackte Matratzen mit null Spannkraft. Eine davon wandert sofort in die Nische hinter meinem bettlichen Kopfende und wenn ich mir noch ein Spannbetttuch bei Frau PP besorgen kann, sieht die Sache sicher schon viel besser aus.

Frisch geduscht und voller Tatendrang schreiten wir in den Frühstücksraum hinunter, wo uns schon eine reich gedeckte Tafel empfängt. Jedes Zimmer hat hier seinen eigenen Tisch – wir scheinen mal wieder die wahren Spätaufsteher zu sein, denn alle anderen Tafeln sind schon abserviert bzw. die Rosenheimer Gäste räumen im Moment unseres Eintretens in die Stube ihr Tischlein gerade selbst ab. Aha!? Wir setzen uns erst mal und eine gut gelaunte Frau PP versorgt uns mit Kaffee, Tee und – auf unsere Tourifragen hin – auch mit Informationen, wo wir was unternehmen könnten. Dass wir mit Wandern so gar nix am Hut haben, kann sie zunächst gar nicht fassen, wartet dann aber professionell mit dem Vorschlag auf, wir könnten doch nach Meran fahren, da wäre heute Markt. Mit dem Auto hin, einen ebenen Stadtbummel machen – genau das Richtige für uns Faulschnecken! Frau Pirpamer liefert uns noch eine präzise Beschreibung, wo man in der großen Stadt Meran am besten parkt. Dann gestehe ich ihr meine Schlafmisere, worüber sie sich königlich amüsiert, vor allen Dingen über meinen Kampf mit der Leintuch-Wolldecken-Wurst. Ich finde es eigentlich nicht so lustig – doch böse sein kann ich ihr auch nicht, so fröhlich, wie sie kichert. Und sie verspricht mir, gleich nachher ein Spannbetttuch auf mein nächliches Unterlagenmonster aufzuziehen. Juhu! Gemütlich frühstücken wir zu Ende, fügen uns den Sitten des Hauses und tragen brav unser Geschirr selbst in die Küche.

Auf dem Küchendiwan liegt wohlig eine Karthäusermieze, bei der Moni sofort hängenbleibt. Chrissie erledigt derweil die Anmeldeformalitäten und wir ratschen ein wenig mit unserer herzigen Wirtin. Witwe sei sie seit kurzem, nach dem Tod ihres Mannes wurde weitestgehend die Viehwirtschaft aufgegeben, die Tochter Anneliese hätte den Stall für Pferde umgebaut und verdiene nun ein Zubrot mit Einstellpferden. Den Grund, warum sie selbst heute Morgen Lockenwickler auf dem Kopf trägt, erklärt sie uns auch: Morgen früh müssten wir mit ihrer Tochter vorlieb nehmen, denn sie sei auf einem Verwandtschaftstreffen im Ötztal. Verwandtschaft vom Mann, fügt sie erklärend hinzu. Sie sei ja seit seinem Tod kaum noch aus dem Haus, unter Leute gegangen, aber das Leben müsse weitergehen und dieses Treffen wäre eine schöne Gelegenheit. Große Lust hätte sie trotzdem nicht, aber, tiefer Seufzer, sie müsse ja mal wieder unter Menschen. Richtig wohl ist ihr bei dem Gedanken, ihre „Gäscht“ ihrer Tochter anzuvertrauen offenbar nicht, aber wir versichern ihr, wir würden es schon überleben und Anneliese mache ihren Job sicher ganz hervorragend. Wir sind so oder so in guten Händen, aber Frau Pirpamers Herzlichkeit und rührende Offenheit ist ganz besonders sympathisch. Nur zögernd beenden wir unseren Plausch, Moni bugsiert schweren Herzens die Kuschelmieze von ihrem Schoß und wir gehen rauf in unser Zimmer, um uns optisch für Meran zu präparieren.

Stadtfein besteigen wir das Auto und Chrissie kutschiert uns, nach dem wir glücklich von unserem steilen Parkplatz losgekommen sind, ins 16 km entfernte Meran. Kilometer für Kilometer verändert sich die Landschaft, das Tal weitet sich. St. Martin ist ein richtiges Alpendorf, aber je tiefer wir Richtung Stadt hinunterkommen, desto mediterraner wird der Baustil der Häuser. Apfelplantagen mit verlockend rotbäckigen Früchten säumen die Straße, die Erntezeit scheint in vollem Gange, denn überall sieht man Pflücker und mit Obstkisten beladene Minitraktoren. Bald kommen wir in Meran an und finden, dank Frau PPs exakter Wegbeschreibung auch sofort das zentrale Parkhaus. Ganz in der untersten Etage ergattern wir einen der 28 Restplätze, schrauben uns über eine Treppe vier Stockwerke wieder nach oben und sind gleich mitten in der Stadt. Schön ist es hier. Die Sonne scheint, prachtvolle Häuser strahlen Mittelmeerflair aus (obwohl sie nicht rostig sind...), Palmen stehen in vielen Gärten. Wir bummeln eine Straße leicht bergauf und landen auf einem Kirchplatz, auf dem zwei Marktstände ein kunterbuntes, kulinarisches Sortiment darbieten. Auch, wenn das ja noch nicht der eigentliche Markt sein kann, verlockt mich das Angebot zum sofortigen Kauf von vier Päckchen Teigwaren in ausgefallener Form und Färbung: eine Tüte gestreifter Farfalle, die wie Bonbons aussehen als Geburtstagsgeschenk für meine Kollegin Beate, bunte Herzerlnudeln für mein Schneckerl Heinz, 50 cm lange „Schwiegermutterzungen“ für mich und nochmal Farfalle in perfekten deutschlandfarbenen Streifen. Letztere sind ein kleiner Seitenhieb für Heinz, der bald Geburtstag hat und der sich, weil er weiß, dass er mich damit necken kann, einen Südwester-Hut für unseren bevorstehenden Afrika-Urlaub gekauft hat. Wenn schon deutsch-kolonial, denke ich mir boshaft grinsend, dann schon richtig! Moni spendiert uns allen samtig schimmernde, saftige Riesenpfirsiche und anschließend machen wir noch einen Abstecher in die Kirche. Hinter der Eingangstüre sitzt ein devot grüßender Bettler, der auf finanzielle Zuwendungen der Kirchenbesucher hofft. „Buon giorno“, tönt es unablässig aus seinem Mund, doch die christliche Spendierfreude scheint sich bei den zahlreich durch die Tür strömenden Kirchenbesichtigern in Grenzen zu halten. Auch wir zeigen uns knickerig, allein Moni investiert ins Heil, allerdings nicht beim Bettler. Sie stiftet zwei Kerzen, eine für ihre Tochter Pia und eine für ihren neuen Zahnarzt, der, nach langer Suche, sich bereits beim Erstbesuch als „Da-geh-ich-gerne-hin-Doktor“ herausgestellt hat. Ein guter Dentist ist sicher eine Kerze wert!












Danach entfliehen wir Frostbeulen der Kühle der wunderschönen Kirche und fragen uns nach dem Weg zum eigentlichen Markt durch. „Uh“, sagt meine Nudelverkäuferin (für meinen Einkauf kann sie uns als Gegenleistung schon mal sagen, wo die Konkurrenz zu finden ist), „das ist ganz schön weit, mindestens eine Viertelstunde zu Fuß!“ Es würde aber auch ein Bus fahren. Viertelstunde! Pah! Nein, beschließen wir Supersportler, wir gehen zu Fuß. Der Weg führt vorbei an prächtigen Villen, die von mächtigen Platanenbäumen beschattet werden. Zwischen den Villen stehen immer wieder, wie überall in europäischen Städten, 70-er-Jahre Bausünden von abgrundtiefer Häßlichkeit. Gnädig werfen die Platanen ihre Schatten über die abscheulichen Wohnkästen. Mir ist es immer wieder ein Rätsel, wie man für so etwas jemals eine Baugenehmigung bekommen konnte!

Nach 10 Minuten des Fußmarsches, wir befinden uns schon lange in einer Gegend, gehen in eine Richtung, in der wir den Markt nie vermutet hätten, passieren wir eine hübsche Villa, in der ein Dr. Vögele seine Praxis hat. Der Name und eine Hintergrundgeschichte, auf die ich an dieser Stelle nicht näher eingehen möchte, erzeugen bei uns Heiterkeitsausbrüche von einer Albernheit, die man normalerweise nur 14-Jährigen zutraut. Auf jeden Fall wird das Schild fotografisch festgehalten; Passanten sehen uns verwundert an – zu recht – aber es ist einfach zu witzig und so schön, mal wieder richtig albern zu sein! Kichernd setzen wir unseren Weg fort, vorbei am Bahnhof und kurz darauf sind wir am Markt angelangt. Betörende Düfte umschmeicheln unsere Nasen: Käsesorten aller Farben, Formen und Konsistenzen aus ganz Italien, Würste, Speck und Geräuchertes, Obst und Gemüse, Backwerk und Süßkram, soweit das Auge reicht! Wir schlendern erst mal nur mit den Augen genießend durch das verlockende Angebot. Erst wollen wir den ganzen Markt sichten und dann zuschlagen. An die Fressalienmeile schließt sich die Lederabteilung an. Gürtel, Jacken, Taschen, Geldbeutel. Geldbeutel! Schon lange suche ich einen neuen, denn mein alter löst sich schön langsam in seine Bestandteile auf, obwohl ich ihn schon mehrfach geflickt habe. Ich liebe meine alte rote Börse und – da bin ich ganz eigen – die neue muss sowohl in der Farbe als auch bei der Inneneinteilung mit der alten übereinstimmen. Seit zwei Jahren suche ich bereits und noch nie konnte ein Teil meinen Anforderungen entsprechen. Ein bisschen lustlos, weil ich nicht an einen Erfolg glaube, stöbere ich bei zwei Händlern: natürlich Fehlanzeige. Dann halt nicht! Da fällt mir im Weiterschlendern etwas Rotes ins Auge, es schreit mich förmlich an. Wie vom Magneten angezogen steuere ich darauf zu, öffne das rufende Portemonnaie, ein Strahlen geht über mein Gesicht und 30 Sekunden später ist es mein. Die Verkäuferin ist mindestens ebenso überrascht wie ich; sie, weil ich nicht gehandelt habe (aber über 20 Euro für echtes Leder kann man sich nicht beschweren) und ich, weil ich tatsächlich fündig geworden bin. Das kostbare Stück wandert zu meinen Nudeln und ich bin glücklich.

Auf den nächsten Metern ändert sich das Sortiment erneut und wir sind bei den Textilien angelangt. Von kitschigen Dirndln über rustikale Strickjacken, Altdamen-Blusen und windigen Fähnchen gibt es hier alles. Die richtige „Abteilung“ zum Stöbern und Lästern. Doch komisch: der ein oder andere Standlbesitzer zeigt seltsame Räumaktivitäten. Die werden doch nicht schon schließen?!? Minuten später bestätigt sich unser bis dato vager Verdacht, als wir das Gespräch zweier Marktleute mitbekommen. Hier ist um 13.30 Uhr Zapfenstreich. Verdammt, es ist schon 12.45 Uhr und wir wollen doch noch Köstlichkeiten einmarkten! Also beschleunigen wir unseren Schritt, bis wir bald darauf das hintere Ende des riesigen Marktes erreichen, drehen um und gehen auf der anderen Seite der Standlgasse wieder Richtung Fressalien. Moni macht noch einen kurzen Abstecher in die Tiefen eines bereits im Abbau begriffenen Textilstandes und greift nach einem kuschelig aussehenden Nachthemd, das sich beim Entfalten als zirkuszeltgroßer Erotikkiller herausstellt. Stirnrunzelnd will sie es gerade wieder beiseite legen, als der geschäftstüchtige Verkäufer bereits anhebt, sie über die Vorteile dieses wunderbaren Kleidungsstücks zu informieren. Entweder ist der Mann blind, oder sein Verkaufsinstinkt führt ihn über Leichen... Wir flüchten weiter zum nächsten Stand, wo Moni doch noch ein Kleidungsstück ersteht, das um Welten besser zu ihr passt als das Oma-Nachthemd von vorhin: ein hübsches zweifarbiges T-Shirt mit allerlei Applikations- und Bändchen-Raffinessen, das ihre Mutter, so Moni, sicher kurz und bündig als „Hadern“ bezeichnen würde. Also nix wie den Hadern in die Tüte gepackt und weiter zu den kulinarischen Köstlichkeiten.

Die Fressalienhändler haben es noch nicht ganz so eilig mit dem Aufräumen und wir können uns in aller Ruhe noch mit Schinken, Speck und Käse eindecken, natürlich nicht, ohne vor dem Kauf immer auf ein Probierstückerl zu bestehen. Schön langsam reicht es uns dann auch mit unserem Einkaufsbummel und mit mehr oder weniger schwer beladenen Taschen machen wir uns zurück auf den Weg Richtung Innenstadt. Und Durst haben wir! Lange ist kein Lokal in Sicht, aber schließlich, kurz vor dem Erreichen des Stadtkerns, werden wir doch noch fündig: eine, naja, nicht gerade gemütliche Pizzeria, wo man draußen sitzen kann und sicher nicht zum Essensverzehr gezwungen wird. Ächzend lassen wir uns nieder und genießen das kühle Bier, das uns ein semifreundlicher Kellner kredenzt. Der Lärm der Freiheitsstraße in unserem Rücken macht es manchmal fast unmöglich, sich zu unterhalten. Doch wir lassen uns weder den Gerstensaft noch den Tag vermiesen und trinken in Ruhe aus. Als wir zahlen wollen, bemerken wir, dass außer uns keine Gäste mehr da sind, die Tür der Pizzeria geschlossen und die Kellner selbst am essen sind. Nur unwillig folgt der bei der Nahrungsaufnahme gestörte Ober unserem Ansinnen, doch bitte bezahlen zu wollen, aber mei, dann hätte er halt vorher kassieren sollen.












Wir packen unsere Errungenschaften und stürzen uns, nachdem wir einen Stadtplan studiert haben, der keine sehenswerten Punkte mehr aufwies, wieder in unsere Tiefgarage und fahren zurück zum Innergatterhof. Dort angekommen, wirft sich Moni in ihren „Hadern“ und wir stürmen zum Gästebalkon auf der Westseite des Hauses, um noch die letzten Sonnenstrahlen auszukosten. Chrissie und Moni lesen blinzelnd, ich schreibe meine Postkarten und, kaum ist es 17.30 Uhr, verschwindet die Sonne hinter den gegenüberliegenden Bergen und es wird saukalt. Fröstelnd flüchten wir in unser Zimmer, mümmeln uns in kuschelige Jacken und Chrissie schenkt auf dem Balkon schon mal großzügig Bailoni zum Aufwärmen in die Likörgläser. Moni allerdings stolpert beim Betreten des Balkons über ein Tischbein, alle drei Gläser fallen um, rollen vom Tisch und zerschellen auf dem mit Kunstrasen gepolsterten Boden. Was für eine klebrige Sauerei! Wir versuchen, den ärgsten Schaden zu begrenzen, wischen, waschen, tupfen, aber es klebt wie Affenscheiße – vor allen Dingen der Boden. Das können wir leider auch nicht ändern, aber besonders schade ist's halt um den guten Marillenlikör... Moni holt aus dem Frühstückszimmer neue Stamperl und wir kommen doch noch zu unserem Likörchen. Wie in der Opernloge, wenngleich einer klebrigen, sitzen wir da und beobachten den Bruder von Frau PP beim abendlichen Schafefüttern, inspizieren genau die vorbeifahrenden Autos, die sich die steile Bergstraße hinter dem Haus nach oben schrauben. Wir müssen unbedingt noch erkunden, wo die Straße genau hingeht! Aber heute nicht mehr, denn schön langsam rührt sich der Hunger bei uns und wir beschließen, diesmal die Braugaststätte an der Hauptstraße zu besuchen. Eine halbe Stunde später sind wir da und werden von einem etwas befremdlichen Eingangsbereich empfangen. Nach der Eingangstüre geht es rechts in einen Gastraum, in dem aber schon alle Tische besetzt ist. Also müssen wir vorbei an der zentralen Bar, der gegenüber sich mehrere Sitzgelegenheiten befinden – alle mit Blickrichtung auf die Bar. An der Bar und auf diesen Sitzgelegenheiten haben sich einheimische Burschen unterschiedlicher Alterstufen platziert, deren größtes Vergnügen es zu sein scheint, passierende Touristinnen zu begaffen. Und da müssen wir jetzt durch. Es wird lauthals kommentiert und gepfiffen, einigen fallen fast die Augen aus dem Kopf und ein Barfüßiger(!) in kurzen Hosen bietet sich nur zu gerne an, mich zu wärmen, als ich in meine Fleecejacke gehüllt an ihm vorbeirausche. Komisches Lokal!

Doch wenigstens die Speisekarte sieht normal aus und auch die Kellnerin ist nur freundlich. Wir nehmen ein leckeres Mahl zu uns und Moni versucht anschließend, ihre Postkarten zu schreiben. So recht will ihr nichts einfallen und wir ziehen sie deswegen ein bisschen auf. Damit sie in Ruhe schreiben kann, stellen wir ihr die Speisekarte wie einen Paravent auf, aber trotzdem will's mit der Konzentration nicht so richtig klappen. Na gut, beschließen Chrissie und ich, gehen wir halt für ne Weile vor die Tür, machen ein Rauchpäuschen. Ungeschoren schaffen wir Burschenpassage, beim Rausgehen, doch auf dem Rückweg hat man schon auf uns gewartet. Wieder wird gejohlt und gepfiffen und mein Barfüßer versucht sogar seine Wärmversuche in die Tat umzusetzen, indem er mir dreist an den Hintern fasst. In jüngeren Jahren hätte ich ihm wahrscheinlich eine geschallert, aber heutzutage weiß ich, dass es besser ist so zu tun, als hätte man es gar nicht bemerkt. Ein wenig befremdlich allerdings finde ich es schon, schließlich sind wir hier in einem angesehenen Haus und nicht in der versifften Dorfkneipe. Dennoch hat sich unser Opfer gelohnt, denn als wir wieder beim Tisch sind, hat Moni ihre Urlaubspost vollendet. Gemütlich trinken wir noch aus, flitzen geschwinde durch die Anmachgasse, zahlen an der Zentralkasse und fahren mit vollen Bäuchen wieder rauf zu unserem Hof. Auf dem Balkon ist es recht frisch, im Zimmer auch und so kuscheln wir uns kurzerhand unter unsere warmen Daunendecken, um noch ein bisschen zu lesen. Meine Matratze ist tatsächlich mit einem Spannbetttuch bezogen und mein vorsichtiger Liege- und Wendeversuch fühlt sich vielversprechend an! Gute Nacht, du geruhsamer Chill-Tag, der du doch so ereignisreich gewesen bist!

Donnerstag, 8. Oktober 2009

Kurzchillen in Südtirol

Donnerstag, 1. Oktober 2009
München > San Martino in Passiria

Meine langjährige Freundin Moni, ihre Freundin Chrissie und ich haben vor ein paar Wochen beschlossen, ein verlängertes Mädls-Chill-Wochenende einzulegen. Chrissie hat sich um die Unterkunft gekümmert und heute geht es los – nach Südtirol. Moni holt mich ab, wir fahren zu Chrissie, laden das Gepäck in ihren BMW um und machen uns auf den Weg. Bei den Klängen von Simply Red und diesigem Wetter tuckern wir die Salzburger Autobahn entlang, voller Vorfreude auf die kommenden Tage. Die elende Baustelle vor dem Inntaldreieck ist leider noch nicht weitergewandert und wir stehen im Stau. Nur langsam tasten wir uns zur Ausfahrt auf die Innsbrucker Autobahn vor, danach geht es wieder zügig weiter. Kurz vor der Grenze nach Österreich müssen wir an einer Raststätte Halt machen, denn schließlich brauchen wir noch ein Bickerl. Zuerst aber mal ab auf's Klo. Ich bin ja schon seit Ewigkeiten auf keinem Autobahnklo mehr gewesen und staune nicht schlecht, dass hier völlig neue Sitten herrschen. Man muss 50 Cent zahlen, kriegt dafür ein Ticket, darf durch die Schranke und landet schließlich auf einem Picobello-Örtchen mit automatischem Brillenputzgerät, Lichtschrankenwasserhähnen und Sensorhandtuchspendern. Das 50-Cent-Ticket kann man dann, sofern man etwas konsumiert, wieder zu Geld machen. Schlaue Strategie! Wer völlig überteuerte Getränke oder sonstigen Kram kauft, darf kostenlos biesln, die Nur-Biesler löhnen. Allerdings wird das Struller-Billet nicht auf's Bickerl angerechnet... Da wir aber ein Frühstück nachzuholen haben, können auch wir unsere Toiletten-Belege sinnvoll reinvestieren.

Gestärkt bringen wir unser Bickerl vorschriftsmäßig an der Frontscheibe des Autos an und tauchen ab nach Österreich, immer am Inn entlang, rauf auf den Brenner. Sobald man Österreich verläßt und italienischen Boden unter den Reifen hat, verändern auch die ehemals silbrigen Leitplanken ihre Farbe: sie sind rostig. Warum? Geradezu philosophische Gedankengänge bescheren uns schließlich die Lösung für diese nicht zu übersehende Tatsache. Nein, die Italiener sind nicht gschlampert oder wurstig, im Gegenteil. In jedem Dekogeschäft, auf jeder Gartenmesse kann man mannigfaltigen Zierrat in mediterraner Optik erstehen, um seiner Wohnung oder dem vorgelagerten Grün das erträumte südliche Flair zu verpassen. Und 90 Prozent des Atmosphäre erzeugenden Tands sind rostig. Und wenn's nicht von selber rostet, wird’s halt so angemalt. Die Leitplanken also empfangen uns nördliche Gäste gleich mit einer gehörigen Portion Südlichkeit – Urlaubsfeeling ab Grenzübertritt. Wenn das mal nicht touristischer Wohlfühlservice ist! Um das erleben zu dürfen, zahlt man doch auch gerne 8 Euro Maut. In Sterzing, sprich Vipiteno (wir wollen das Italo-Flair ja beibehalten), verlassen wir die Dolce-Vita-Planken und kreiseln uns für 1,10 Euro Maut um das 6000-Einwohner-Kaff in Richtung Jaufen-Pass, Verzeihung, in Richtung Passo di Monte Giovo. In engen Tornantes (Kehren) windet sich ein schmales Sträßlein aus dem Valle Isarco (Eisacktal) den Berg hinauf. Begegnen sich zwei Autos, quetschen sich beide Fahrzeuge an den äußersten Fahrbahnrand, um aneinander vorbei zu kommen. Moni erzählt, dass sie mit ihrem Freund Helmut den Pass im März diesen Jahres schon mal überquert hatte, auf dem Weg zu einem romantischen Wochenende in Venedig. Die Straße war schneefrei, doch zu beiden Seiten der Fahrbahn türmten sich noch die Hinterlassenschaften des Winters. Plötzlich hatten die beiden einen keuchenden Kieslaster vor sich und, wie Männer halt so sind, gab Helmut Gas und überholte den Lkw, ohne sehen zu können, ob wohl Gegenverkehr kommt. Moni erstarrte in ihrem Beifahrersitz und bemerkte nach geglücktem Überholmanöver nur trocken in seine Richtung: „Du hast ja wohl völlig den Arsch offen!“ Auf italienisch hätte das sicher charmanter geklungen... Helmut war völlig schockiert ob der rüden Bemerkung und murmelte die nächsten Serpentinen immer wieder fassungslos vor sich hin. Aber er ist nicht der einzige Popo-aperto, wie wir feststellen. Immer wieder überholen uns motorisierte Biker im Fahrspaß-Delirium an völlig unübersichtlichen Stellen und sogar wir überholen mehrfach: Eigenleistungs-Biker, sprich Radler, die sich den Berg mit hochroten Köpfen und sehnigen Wadln hochquälen. Letztere werden von uns ganz unsportlich in die Arsch-Offen-Kategorie 2 eingeschubladet, auch wenn wir insgeheim den Hut vor dieser Leistung ziehen.













1150 Höhenmeter schrauben wir uns rauf, das rußende Wohnmobil, das seit geraumer Zeit aus dem letzten Loch pfeifend vor uns herkeucht, macht auf den letzten Metern schlapp und wir passieren unbehindert den höchsten Punkt des Passes, lassen die Konsumstation verachtungsvoll links liegen und halten erst ein paar Kilometer weiter unten an einer kleinen Parkbucht. Argwöhnisch hatten wir die ganze Zeit schon das Außenthermometer auf dem Tacho beobachtet: es sank von 22,5 Grad in Sterzing auf jetzt 12 Grad und wir machen uns auf ordentlich Gänsehaut gefasst. Doch es fühlt sich gut an! Frische Luft, Windstille, Sonne, ein paar spärliche Blümchen, ein abschüssiges Bankerl und ein grandioser Ausblick auf die diesigen Südtiroler Berge. Zeit für die ersten Fotos. Jeweils zu zweit quetschen wir uns auf die Bank und versuchen, den Schein unberührter, nur von einer Passstraße zerschnittenen Bergwelt zu wahren, indem wir das Baustellenschild hinter uns geschickt aus dem Bild bannen. Das „Assessorat für öffentlich Arbeiten“, so steht da geschrieben, überholt die Steinschlag- und Lawinenverbauungen. Ich lese laut vor - völlig fasziniert vom Grammatik-Fehler in der Amtsbezeichnung (sorry, Berufskrankheit...), verhasple ich mich und aus dem Steinschlag wird ein Schleimschlag. Das erste Wort, das uns auf ewig an diese Tage erinnern wird, ist geboren. Ach, albern sein ist so schön! Kichernd steigen wir wieder ins Auto und juckeln den Jaufen talwärts. Wir sind schon wieder ziemlich weit unten, als wir in der gefühlten Kehre 289 an einem rammelvollen Parkplatz vorbei kommen. Sekunden später sehen wir den Grund für diese Rastlust: in einer haarnadeligen Tornante hat sich ein Gastwirt niedergelassen, der sein Etablissement sinnigerweise „Kurfenwirt“ getauft hat. Ja, Kurfenwirt mit F, mit einem besonders ausladenden noch dazu! Sicher eine südtirolesische Sprach-Besonderheit... Mich würde ja brennend interessieren, wie viele Menschen den „Virt“ schon auf das orthografische Malheur hingewiesen haben, warum auch der Schildermacher nix gesagt hat oder ob das Wort mit „F“ vielleicht doch eine Dialekt-Eigenheit darstellt. Doch so kurz vor dem Ziel, es ist schon nach 16 Uhr, halten wir uns nicht mit Sprachforschung auf.












Wenig später haben wir das Valle di Passiria erreicht, lassen den ersten Ort, Sankt Leonhard hinter uns und steuern auf Sankt Martin zu. „Sie passieren das Ortsschild, folgen für 313 Meter der Jaufenstraße, dann biegen Sie links in die Jaufenstraße ab, folgen ihr für weitere 898 Meter, dann scharf links und Sie haben ihr Ziel in der Jaufenstraße erreicht.“ So steht es auf dem Ausdruck des Routenplaners geschrieben. Wir passieren das Ortsschild, biegen kurz darauf links ab und landen mitten im Industriegebiet. Also nochmal. Wieder raus auf die Hauptstraße und bei der nächsten Gelegenheit nach links. Innergatterhof steht da auf einem kleinen Schild. Ja, da wollen wir hin! Auffi auf'n Berg, scharf links und schon sind wir da. In weißen Lettern prangt der Name unseres gebuchten Gastgeberhofes auf einer wettergegerbten Holzverkleidung unter dem Giebel des malerischen Hauses, halb verdeckt von einer üppig wuchernden Clematis, umrankt von roten Geranien, gelben Pantoffelblumen, blauen Männertreu und weißen Margeriten. Vorsichtig lenkt Chrissie das Auto die schmale Hofeinfahrt hinunter und parkt es auf einem freien, eben betonierten Stellplatz unter einer Pergola. Wir steigen aus und sehen tausend Sachen auf einmal: Die Pergola wird von Kiwipflanzen schattierend berankt, die schon üppig Früchte tragen, es gibt mindestens 5 Katzen auf dem Hof und ein Stallgebäude, aus dem uns mehrere Haflinger erwartungsvoll entgegenblicken. Oberhalb des Hofes bimmeln Schafe auf der Weide, neben uns fallen Nüsse vom Walnussbaum, Hühner scharren zufrieden in sandigen Kuhlen des ungepflasterten Stallvorplatzes, es gibt noch andere Gäste – laut Autokennzeichen aus Reutlingen und Traunstein. Immer noch schauend, touristisch staunend, bewegen wir uns wie ferngesteuert auf die Eingangstüre des Hofes zu. Diese öffnet sich und eine junge blonde Frau, die sich uns sofort händeschüttelnd als Annelies vorstellt, begrüßt uns herzlich. Wir stellen uns unsererseits vor und werden informiert, dass ja die Mama für die „Gäscht“ zuständig wär. Die Mama wird herbeigerufen und begrüßt uns nicht minder herzlich. Sofort zeigt sie uns unser Zimmer, den Frühstücksraum, klärt uns über die Absperrsitten der Haustür auf und bittet uns bedauernd, unseren ebenen Parkplatz zu räumen, denn hier gäbe es ältere Parkrechte. Fröhlich laden wir unser Gepäck aus, knuffen hier eine Mieze, drücken dort eine Kiwi, Chrissie parkt das Auto unter dem Walnussbaum und wir beziehen unser Zimmer. Gemütlich ist es, mit einem Balkon, der zur Bergseite zeigt, einem En-suite-Bad-WC, einem Doppel- und einem Beistellbett. Wir lassen unser Gepäck fallen und versammeln uns als erstes auf dem Balkon. Chrissie packt drei Kristall-Stamperl und eine Monsterflasche Bailoni aus. Ein Prosit auf unseren Südtiroler Chillout! Steil ragt eine Schafweide hinter unserem Balkon auf, darüber türmen sich meterhohe Fichten, die gerade noch einen Blick auf ein Ecklein Himmel freigeben, eine graue Jungmieze jagt imaginäre Mäuse über einem stillgelegten Brotbackofen, eine Walnuss fällt scheppernd auf Chrissies BMW herab und wir sind angekommen!












Bei der Bettenaufteilung sind wir uns nach dem Bailoni schnell einig, Moni und Chrissie nehmen das Ehebett, ich die Beistellliege im Eck, ausgepackt wird später, jetzt müssen wir erst mal inspizieren und eruieren. Wir suchen die Mama, um zu erfragen, wann es denn Frühstück gäbe. Uuhh, von acht bis halb zehn! Uuha, verdammt früh, aber wir werden es schon hinkriegen. Was wir nicht hingekriegt haben, bis jetzt, ist, uns den Familiennamen der Hofbewohner zu merken. Bierbamer, Pribacher, Pirnpamer oder so? Einmal hat die Mama sich vorgestellt, einmal hat Moni nachgefragt – wir können doch nicht nochmal fragen! Eine Inspektion der näheren Umgebung löst unser Problem. Nebenan im Stallgebäude, ganz frisch renoviert, lugen ein paar Haflinger aus ihrer Box und jede Boxentür ist mit einem Schild gekennzeichnet. Auf der ersten Box links sagt das Schild: Annelies Pirpamer. Also, geht doch! Moni, die eingefleischte Pferdefrau stromert im Stall und dahinter herum, Chrissie, eigentlich nicht weniger eingefleischte Pferdefrau und ich beobachten die Mutterschafe nebst unterschiedlich alten Lämmlein auf der Wiese unter dem Hof. Da ist ein Einzellamm, das gerne in höchsten Bocksprüngen einem Huhn hinterher jagt und vier ganz wackelige kleine, die so unsicher auf ihren knubbeligen Beinchen stehen, dass sie immer wieder umfallen. Ach, ist das schön!

Die Mama Pirpamer, deren Namen wir immer wieder gebetsmühlenartig vor uns hermurmeln, um ihn nie mehr wieder zu vergessen, tritt mit einer Gießkanne bewaffnet vor ihren Hof und beginnt, ihre üppigen Blumen und den Gemüsegarten zu gießen. Wir hinterher. Wir benehmen uns, als hätten wir noch nie einen Gemüsegarten gesehen, noch nie Feigenbäume(!), noch nie Buschbohnen. Mama PP, wie wir sie mittlerweile in Gedanken nennen, lächelt uns gießenderweise an und meint: „Ah, seid ihr schon am Spionieren?“ Gleich aber dreht sie sich wieder um, denn ihre Aufmerksamkeit wird abgelenkt von zwei älteren Herren, die die schmale Teerstraße hinter dem Haus emporkommen. Einer geht stoisch voran und winkt, der andere schreit immer „hoh, hoh“ und folgt in 30 Metern Abstand. Das Hoh-hoh klingt nach Viehtrieb, Kühen, die abends von der Weide nachhause gebracht werden, aber es ist keinerlei Tier zu sehen. „Hoh, hoh“, ruft der hintere. Mama PP winkt zurück und wendet sich wieder zu uns um. „Das ist mein Bruder“ meint sie erklärend, „und der andere hört sehr schlecht!“ Sagt's und kichert. Mei, ist das sympathisch hier! Der Bruder und der Hoh erreichen den Hof, begrüßen uns und werden von Mama PP ins Haus gebeten. Vorher gibt sie uns noch einen Abendtipp: „Was habt ihr denn heut’ noch vor? Ihr wollt sicher Spaß haben. Da ist ein Konzert am Platzl im Ort, geht doch da hin, da ist es sicher lustig!“

Naja, erst mal sind wir hungrig und Chrissie rangiert den heckgetriebenen BMW wieder unter dem Nussbaum hervor, um uns ins Dorf zu kutschieren. Groß ist es ja nicht und wir landen trotzdem, aber eher zufällig, direkt am Platzl. Alles, was wir brauchen ist hier. Ein Parkplatz, ein Supermarkt, eine Wirtschaft, ein paar Geschäfte zum Alibi-Bummeln. Letzteres machen wir zuerst und schlendern ungefähr 50 Meter eine Kopfsteinpflastergasse entlang. Uih, ein Postkartenladen. Nix wie rein und kaufen. Was du heute kannst besorgen... Postkarten gibt es genug, nur Briefmarken sind Mangelware. Moni hat zwei Karten gekauft und bekommt die letzten Marken, ich hab sechs Karten und die Ladeninhaberin ist untröstlich: keine Marken mehr. Sie sei allein im Laden, der Mann unterwegs, aber er käme gleich wieder und dann besorge sie mir neue Marken. Naja, wart' ma halt, wir haben ja Zeit. Nervös lugt die Gattin des absenten Ladenaufpassers immer wieder um's Eck. Nein, er kommt nicht. „Immer, wenn man die Männer braucht, sind sie nicht da!“ entschuldigt sie sich. „Wo gibt es denn die Marken?“ frage ich. Kann ja nicht weit sein, wenn sie verspricht, so schnell wieder da zu sein, sobald der Streungatte wieder da wäre. „Ah, gleich da vorne im Supermarkt, ist nicht weit.“ Nicht nur nicht weit, nein, sondern so nahe, dass ich den Eingang von hier aus sehen kann. Mein Vorschlag, mir selbst meine Marken dort zu holen und mein Angebot, ihr auch noch ein paar mitzubringen, bringt sie richtig in Verlegenheit. Völlig konfus und peinlich berührt lehnt sie mein Angebot ab, bietet mir noch an, ich könne ja später nochmal kommen, dann hätte sie die Marken für mich. Ich kapier’ schön langsam gar nichts mehr; nur das, dass die Leute hier extrem zuvorkommend, freundlich und auf Touris geprägt sind. Und obwohl alle Welt zum Wandern hier ist, erspart man dem Gast jeden überflüssigen Schritt, ohne nachzudenken, dass derjenige im Endeffekt ja, in diesem Falle, 2x 50 Meter zu latschen hätte. Ich versichere der Ladeninhaberin, dass es kein Problem sei, mir die Marken selbst zu besorgen, bedanke mich ganz herzlich bei ihr und wir drei Mädls nehmen Kurs zurück auf den Supermarkt. Eine kurze Inspektionsrunde informiert uns über das Sortiment und schon habe ich, zurück an der Kasse, meine Marken erstanden. Danach nochmal fünf Schritte und wir sitzen im Gasthaus Lamm, dem Mitterwirt.

Eine gemütliche Holzstube umfängt uns, eine Speisekarte mit ausgesuchten Gerichten wird kredenzt und wir sind happy. Chrissie wählt „canederli“ auf Salat. Canederli, welch schönes Wort! Wir sind hier in Südtirol, also auf italienischem Staatsgebiet. Doch wenn man die Kultur, die Landschaft, die Leute hier sieht, versteht man, warum sie nicht zu Italien gehören (wollen). Canederli ist eine sprachliche Konzession an die Zweisprachigkeit der Gegend und bedeutet nichts anderes als „Knödel“, die es in Südtirol in allen möglichen Geschmacksrichtungen, Wärme- und Bratgraden gibt. Canederli! Chrissie bekommt ihre Canederli auf Salat, ich einen Hirschrücken mit gebratenen Canederli und Moni hausgemachte Bergheu-Nudeln mit Graukäse. Fast alles sehr lecker, doch Moni scheint experimentelle Küche bestellt zu haben, denn die Nudeln schmecken, als wäre das Bergheu nebst Kuhfladen und Mutterboden in die Nudeln eingearbeitet worden. Sandig, fad; auch der Graukäse, der auf Geheiß des freundlichen Kellners heftig untergearbeitet wurde, macht's nicht wirklich schmackhafter. Aber satt sind wir danach, auch Moni. Mit gefüllten Canederli-Friedhöfen fällt uns dann auch Mama PPs Konzertvorschlag wieder ein und wir sehen uns draußen vor der Wirtschaft, am Platzl um. Konzert? Das einzige, was wir entdecken, ist eine Kirche nebst Plakat an deren Mauer: Konzert, heute, in der Kirche. Aber die Mama hatte doch gemeint, wir suchen Spaß, wollten es lustig haben. Kirchenkonzert? Egal, wir sind jetzt, um kurz vor neun, eh so bettschwer, dass wir es gerade noch hinauf auf den Innergatterhof, hinein in unser Zimmer, hinaus auf den Balkon, auf einen weiteren Bailoni schaffen. Da sitzen wir nun und alles ist still. Auf einmal hören wir eine Schafglocke: bim-bim-bim-bim-(...)-bimmm-bimmmm-bimmmmm-bimm. Monoton, beharrlich, lange. So lange kann kein Schaf auf diesem steilen Hang auf drei Beinen stehen und sich mit dem vierten kratzen. Da muss ein Bock sein, der für neue Lämmlein sorgt... Grinsend gehen wir zu Bett, 21.15 Uhr. Ein bisschen noch lesen und dann schlafen. So denk ich mir, wenn auch mit leichtem Stirnrunzeln, als ich bis zur Nasenspitze in der Matratze meines Beistellbettes versinke...

Mittwoch, 25. März 2009

Nur noch ein paar Mal schlafen!

Fast nichts ist schöner als schlafen, aber in diesem Falle verkürzt es mir lediglich die Wartezeit. Die Wartezeit, bis mein erstes gedrucktes Buch über meine 2008er-Tour bei mir eintrifft. Vorgestern endlich hatte ich die Layout- und Reinzeichnungsphase abgeschlossen, die ausgewählten Bilder nach Fogra 39L von RGB in CMYK gewandelt, erneut verknüpft, ein Druck-PDF geschrieben und das Machwerk zum Drucker meiner Wahl hochgeladen. Stolze 164 Seiten wird das Buch dick mit matt-kaschiertem Hardcover, 150-Gramm-Bilderdruck-Papier im Innenteil, auf dem an die 350 Fotos zu sehen sein werden. Auflage? Naja, 3 Stück... Ein Exemplar für meinen Freund, eines für meine Eltern, eines für mich. Und all das, damit ich nicht immer den Computer anwerfen muss, wenn ich mir Urlaubsbilder ansehen möchte. Trotz aller Digitalität bin ich halt immer noch eine Analoge! Und so ungefähr soll das Buch mal aussehen:


Dienstag, 24. März 2009

Tourplan Namibia-Botswana 2009

Im November 2009 geht es erneut auf Tour, diesmal zu acht und mit zwei Autos. Je mehr Beteiligte, desto mehr Wünsche sind unter einen Hut zu bringen, aber da wir uns alle kennen (mehr oder weniger), haben Annette und Joachim eine Route ersonnen, die mit Sicherheit allen gerecht wird. Wir alle, das sind Annette und Joachim, Annettes Bruder Tommi, Patricia und Sven, Jürg, mein Freund Heinz und ich.

Wie immer bin ich voller Vorfreude, ganz besonders aber, da nicht nur unser letztjähriger Reisegenosse Jürg aus der Schweiz wieder mit an Bord ist, sondern auch mein Süßer. Für ihn ist es seine erste Reise auf den schwarzen Kontinent und ich bin schon wahnsinnig gespannt, wie es ihm gefallen wird. Er ist Natur- und Tierfan, liebt die Stille, hat Adleraugen, ist Singvogelspezialist und beherbergt mehr als 300 exotische Pflanzen/Sukkulenten in seinem Haus. Für ein oder zwei Zebras, ein paar Elefanten, so sagt er halb ernst, halb spaßig, könne er auch in den Zoo gehen. Ich bin bereit, seine Kinnlade wieder nach oben zu klappen, wenn die ersten Elefanten live an ihm vorbeimarschieren, er die ersten Zebras auf offener Wildbahn riechen und sehen kann, ein Halsbandbartvogel auf seinem Frühstücksteller landet, ein Graubülbül ihn morgens wachzwitschert, er sich zwischen all den Köcherbäumen den Hals ausrenkt und den Blick nicht mehr vom Boden wenden kann, weil da etwas wächst, was er nur von seiner Fensterbank oder aus Büchern kennt.

7. November 09 - Ankunft in Windhoek, Einkäufe, Übernachtung Ondekaremba Farm, Campsite
8. November 09 - Roys Camp nahe Grootfontein
9. November 09 - Mahangu Safari Lodge nahe der Popa Falls
10. November 09 - Camp Kwando nahe Kongola, Sundowner-Bootsfahrt auf dem Kwando, Besuch einer Dorfschule
11. bis 12. November 09 - Chobe National Park, Ihaha
13. November 09 - Chobe NP > Linyanti
14. November 09 - Linyanti > Khwai Community Camp
15. bis 16. November 09 - Khwai Community Camp > Moremi GR, 2 Nächte Xakanaxa
17. November 09 - Moremi GR > Maun, Maun Rest Camp
18. November 09 - Maun > Central Kalahari GR, Kori Camp
19. bis 20. November 09 - CKGR, Kori Camp > Piper Pan
21. November 09 - CKGR, Piper Pan > Kalahari Rest nahe Kang
22. November 09 - Kalahari Rest > Mabuasehube, Khiding Pan
23. November 09 - Mabuasehube, Khiding Pan > Wilderness Trail, Mosomane Pan
24. November 09 - Wilderness Trail, Mosomane Pan > Wilderness Trail, Nossob
25. November 09 - Nossob > Twee Rivieren, Rooiputs
26. November 09 - Twee Rivieren, Rooiputs > Köcherbaumwald
27. November 09 - Köcherbaumwald > Berseba, Brukkaros Campsite
28. November 09 - Berseba, Wandern, Sukkulenten suchen > Windhoek, Ondekaremba Farm
29. November 09 - Windhoek > Heimflug

Mittwoch, 20. August 2008

Reisebericht Botswana-Sambia: 23. Juni - 3. August 2008

BOTSWANA
23. Juni 08 - Ankunft in Maun, Übernachtung im Maun Rest Camp
24. Juni 08 - Heliflug Delta, Fahrt nach Kaziikini, Übernachtung Campsite
25. bis 28. Juni 08 - Moremi Game Reserve, 2 Nächte Xakanaxa, 1 Nacht North Gate
28. Juni 08 - Khwai Community Campsite
29. bis 30. Juni 08 - Chobe NP, Savuti Campsite
01. Juli 08 - Chobe NP, Linyanti Campsite
02. Juli 08 - Chobe NP, Ihaha Campsite

SAMBIA
3. bis 4. Juli 08 - Livingstone, Victoria Fälle, Livingstone Safari Lodge, Campsite
5. bis 6. Juli 08 - Lochinvar National Park
7. Juli 08 - Zambezi Breezer Lodge, Campsite
8. bis 9. Juli 08 - Mvuu Lodge Campsite, Lower Zambezi National Park
10. Juli 08 - Lusaka
11. Juli 08 - Mkushi Forest Inn
12. bis 13. Juli 08 - Kasanka National Park
14. Juli 08 - Livingstone Memorial, Lake Waka Waka
15. Juli 08 - Bangweulu Swamps, Nsobe Camp
16. Juli 08 - Lake Waka Waka
17. Juli 08 - Samfya
18. bis 19. Juli 08 - Lumangwe Falls
20. bis 22. Juli 08 - Isanga Bay Lodge (Mpulungu, Lake Tanganjika)
23. Juli 08 - Kapishya Hot Springs
24. bis 26. Juli 08 - Mutinondo Wilderness (Wandern, Reiten)
27. bis 30. Juli 08 - South Luangwa NP via Escarpment Road; Übernachtung Wilderness Camp, Autosafaris, Night Safari
31. Juli 08 - Great East Road, Bridge Camp am Luangwa
01. bis 02. August 08 - Lusaka (Shoppen, Stadtbesichtigung, Marktbesuch)
03. August 08 - Heimflug

22.-23. Juni 2008 - Anreise München-Maun (Warum schnell, wenn’s auch mit BA geht?)

So, das Ränzlein ist erneut geschnürt und ich bin bereit für meine 17. Afrikareise. Mein Freund Heinz bringt mich zum Flughafen und wir verabschieden uns schweren Herzens für 6 Wochen. Davon abgesehen ist meine Vorfreude ungetrübt – bis jetzt. Normalerweise gibt es über eine hübsch gebuchte Fluganreise nichts zu berichten: Einsteigen, fliegen, umsteigen, weiterfliegen, ankommen und gut ist’s. British Airways – The Way To Fly...

Nicht so aber diesmal! Nachdem ich die letzten Minuten mit Heinz ausgekostet habe, eile ich zu meinem Gate, ein paar Minuten vor offiziellem Closing. Alle Passagiere sitzen noch da, die Fluganzeige leuchtet vorbildlich, allein das Gate ist nicht besetzt. Daran soll sich auch die nächsten 120 Minuten nichts ändern. Zur Abflugzeit um 16.15 Uhr rattert die Anzeige zwar auf ein „Delayed; 17.45 Uhr“, danach aber passiert nichts mehr. Keine Durchsage, keine Zeitangabe, nichts. Um 18.00 Uhr erscheinen die Boarding-Mädls, sind aber nicht wirklich ansprechbar, denn sie hängen, sobald jemand Erkundigungen einholen will, angestrengt am Telefon; eine telefoniert, die andere gestikuliert und nickt problemgeschwängert. Gegen 18:20 Uhr wird urplötzlich in hektisch-imperativem Tonfall zum Boarden aufgerufen, alle schlichten sich eilig in die Maschine und mit über 2,5 Stunden Verspätung heben wir endlich ab.

Meine Hoffnungen, in London den Anschlussflug nach Johannesburg zu bekommen, sind gegen Null gesunken, steigen aber wieder, als an Bord die Ursache für die Verzögerung bekannt gegeben wird: ein heftiges Unwetter über Heathrow hat alles lahmgelegt. Alles? Also wohl auch meinen JHB-Flug. Der Pilot gibt Gas und wir holen 20 Minuten der Verspätung rein. Ankunft in Terminal 5, der neuen Prunklocation der britischen Luftfahrt. Ich rase hoffnungsvoll durch den Transitbereich, um dann am Securityschalter bedauernd belehrt zu werden, dass mein Anschlussflug zwar erhebliche Verspätung, das Gate aber schon geschlossen hätte – und das vor ungefähr 5 Minuten. Alles Flehen hilft nix; aufs Höflichste werde ich ersucht, ein Rebooking für den nächsten Flug zu erwirken, der um 21.15 Uhr gehen soll. Gesagt, getan. Der Rebooking-Fuzzi versichert mir hoch und heilig, dass von nun an alles fast beinahe nach Schedule ginge.

Ich rase durch das mir unbekannte, neue Terminal und lese auf dem nächsten Monitor: mein Flug ist pünktlich angeschlagen, obwohl schon deutlich über der Zeit, aber die Gate-Information fehlt. Mir schwant Böses, was sich auch bestätigt, als ich mir einen Flughafen-Uniformierten greife. Ja, ob ich’s denn nicht vernommen hätte, dass ALLE Flüge extremely delayed wären?! Doch, doch, schon, nur der Fuzzi vorhin hatte was anderes gesagt. Justament in diesem Augenblick blinkt ein wunderschönes „Delayed“ hinter meinem Flug auf. Toll! Per SMS informiere ich Annette, Joachim und Jürg, die mich morgen in Maun erwarten.

Naja, gut, denke ich mir, dann nutze ich halt die Zeit, um meinen Weiterflug von JHB nach Maun vorzuorganisieren und suche nach einem BA-Schalter. Mehrere dieser hochtechnisierten Arbeitsplätze thronen prominent im riesigen Transitbereich von T5 – sind aber nicht besetzt, obwohl der Slogan „At your service“ über jedem Schalter prangt. Sämtliche Personen, die wenigstens semi-offiziell nach BA aussehen und mir über den Weg laufen, werden befragt, verweisen mich aber allesamt auf die verwaisten Schalter. Das macht Freude! OK, beschließe ich fatalistisch-genusssüchtig, postiere ich mich halt irgendwo, in Sichtweite eines Monitors und mach’s mir bei einem Bierchen gemütlich. Doch nicht mal das ist mir vergönnt! Dieser polierte Stein-Stahl-Glastempel, der sich da Terminal 5 nennt, hat zwar viele Restaurants, in denen man Getränke erwerben kann, aber mehr als ein Kombucha-Drink in Lindenblüte/Hollunder-Geschmack, rechts-, links- und sonst wie drehenden Joghurtschlabbers oder einer Latte Macchiato, die hier offensichtlich schon fast unter’s Drogengesetz fällt ist hier nix zu holen. Bin kurz davor, dass mir der Kragen platzt, aber, oh Wunder, auf ein Mal flackert eine Gateinfo über den Bildschirm. So mache ich mich auf den Weg, folge den Beschilderungen, besteige diesen imponierenden Zubringerzug, dessen Stationsschilder einen eindrücklich warnen, nur einzusteigen, wenn man auch wirklich sicher ist – ansonsten würde die Korrektur des Irrtums mindestens 25 Minuten kosten – und komme schließlich pünktlich vor den Toren meines genannten Gates an.

Auf dem Display leuchtet noch mein ursprünglicher Flug, die Passagiere für den neuen dürfen aber nicht in den Wartebereich, denn das Boarding für den alten ist noch nicht komplett abgeschlossen! So wenigstens informiert mich ein ebenfalls rebookter Passagier, dessen Hals vor Zorn kaum noch in seinen Hemdkragen passt. Ich kann es auch nicht fassen! Natürlich ist kein Personal mehr da und als man uns endlich durchlässt, setze ich mich auf einen Plastikschalen-Stuhl, der noch warm ist von einem Vorgänger, der vielleicht, welch Ironie, jetzt auf meinem reservierten Platz in der Ursprungs-Maschine sitzt.

Doch was soll ich machen? Statt um 19.05 Uhr, respektive rebooked auf 21.15 Uhr, fliege ich endlich um 23.30 Uhr Richtung JHB. Insgesamt also satte 4 Stunden 25 Minuten später als geplant. Immerhin fliege ich; schade ist nur, dass meine Umsteigezeit in JHB, von mir großzügig geplant auf 3 Stunden 50 Minuten, nun um mehr als eine halbe Stunde überreizt wird. Da ich es nicht ändern kann, ergebe ich mich meinem Schicksal und avisiere die Purserette meines Fluges, ich hätte noch mit ihr zu reden, wenn sie denn mal Zeit hätte, sich meiner anzunehmen. Als nach dem Servieren des Essens, dessen Überreste-Beseitigung, dem Anlaufen des Unterhaltungsprogramms endlich Ruhe einkehrt, schmiegt sich ein graumelierter Saftschubser an meine Armlehne und überreicht mir einen Fragebogen, den ich bitte gerne bezüglich meiner Zufriedenheit mit der BA ausfüllen solle. Mhm?! Ein Zufalls-Generator hätte mich auserwählt, als eine von 15 Personen an Bord dieser Maschine, an dieser Umfrage teilzunehmen. Mhm!! Ich beglückwünsche den armen Steward zur randomisierten Auswahl des Computers seines Arbeitgebers. Besser hätte man es nicht treffen können!

Auf meine diesbezüglichen Gratulationen hin macht Stephen, so heißt der Serviceknabe, turbobedauernde Kulleraugen und verspricht mir, er werde alles in die Wege leiten, was zu meinem möglichst unbehelligtem Weiterkommen mit der Air Botswana nötig wäre. Ich solle ihn doch beim Aussteigen noch mal darauf ansprechen, nicht, dass es in Vergessenheit geräte... Klar, Stephen, du machst das! Als ich um 11.00 Uhr vormittags (also 50 Minuten NACH dem planmäßigen Abflug nach Maun) von Bord und an ihm vorbei gehe, strahlt er mich wieder erkennend an und verkündet mir, ich solle doch zum Air Botswana-Schalter gehen, die würden alles für mich regeln. Auf meine Frage, ob das in trockenen Tüchern ist, gesteht er mir, er hätte niemanden erreichen können (hat er es überhaupt versucht?), aber die Leute wüssten schon, was zu tun wäre. Auf die Idee, zur Air Bots zu gehen, wäre ich nun selbst nicht gekommen... Trotzdem danke, Stephen!

Im Eiltempo passiere ich die Immigration, pflücke meine Reisetasche vom Band (uih, es ist eines der ersten Gepäckstücke, unglaublich) und erspähe im Transitbereich einen Air Bots-Schalter. Kurz schildere ich mein Problem. Der Gesichtsausdruck der Schaltertante ändert sich von geschäftlich auf strahlend und sie sagt: Madam, you are VERY lucky! Meine Maschine nach Maun hat eine derartige Verspätung, dass ich mir nichts, dir nichts, mitfliegen kann! Gelobt sei Afrika, wo es, nicht nur sprichwörtlich, keine „Hurry“ gibt!

Statt um 10.10 Uhr fliegt das Maschinchen, bis auf den letzten Platz besetzt, erst um 13.30 Uhr und ich bin endlich in Maun! Annette, Jochen und Jürg holen mich vom Airport ab und wir fahren zum Maun Rest Camp.

Mann, bin ich froh, dass ich da bin! Das Maun Rest Camp gefällt mir auf Anhieb; es liegt am direkt am Thamalakane-Ufer, es sind kaum andere Reisende da, die Vögel zwitschern in den Bäumen, die Grillen zirpen, es riecht nach Afrika und ich bin DA!

Zur Übernachtung war ursprünglich das Audi Camp angedacht, aber da Annette und Jochen Wochen zuvor dort nächtens überfallen und ausgeraubt worden waren, wurde nach einer sichereren Alternative gesucht. Die örtliche Polizeistatistik ergab, dass Maun Rest Camp „am wenigsten oft von allen Camps“ überfallen wurde. Das hat doch was, oder? Nein, im Ernst; wie ich schon letztes Jahr feststellen musste, hat sich Maun derart zum Nachteil verändert was mein persönliches Wohlempfinden anbelangt. Es glänzt, es teert, es touristet, es shopt, es kreditcardet, es klimatisiert – kurzum: es ist zu einer Drehscheibe des boomenden Tourismus in Bots geworden. Da steigen mehrmals am Tag mehr oder weniger arglose „wandelnde Lebensversicherungen“ aus; die ganz Geldigen werden ausgeflogen; solche wie wir übernachten in-um-und-um-Maun-herum und je mehr wir uns in unserem relativen Reichtum afrikaselig zusammenrotten, umso angreifbarer und leichter ausraubbar werden wir.

Auch wenn wir „relativ“ sicher sind, wir schließen alles so weg, dass im Normal- und auch im Spezialfall keiner drankommt und genießen den Abend miteinander.

24. Juni 2008 - Maun, Heliflug > Kaziikini


Ganz früh, noch bevor die Sonne rauskommt, stehen wir heute auf, denn etwas ganz Besonderes steht auf dem Programm: ein 90-minütiger Heliflug über das Okavango-Delta. Pünktlich um viertel nach sieben stehen wir bei Okavango Helicopters bereit, dick eingepackt in Pullis und Windjacken, da es relativ frisch ist und beim Fliegen sicher noch kälter wird. Unsere Pilotin Annie lotst uns durch den Mauner Airport, wo wir durch die Sicherheitskontrolle müssen. Joachim hat wie immer sein recht beachtliches Taschenmesser dabei, muss es durch das Röntgen schieben, um es sich danach wieder in die Tasche stecken zu dürfen.

Auf dem Rollfeld steht schon unser Helicopter, ein Bell. Annie stellt uns vor die Alternative: ein Flug mit geschlossenen oder ausgehängten Türen. Natürlich wollen wir letzteres, auch wenn es dann ganz schön zugig wird. Wir quetschen uns in den Heli, setzen die Kopfhörer auf und schnallen uns an. Joachims Gurt macht Zicken, er will nicht zu bleiben. Das macht ein leicht mulmiges Gefühl, angesichts der ausgehängten Türen, aber schließlich ist er zu und wir vertrauen darauf, dass er es auch bleibt.

Und dann geht es los! Es ist ungeheuer laut und wahnsinnig windig. Die ersten Flugkilometer sitzen wir noch etwas verkrampft und stemmen uns mit den Füßen gegen den Türrahmen. Annie steuert auf das Delta zu und fliegt ein paar enge Kurven. Wenn man ein paar Mal im 45-Grad-Winkel über der Türöffnung hängt, nur gehalten vom Gurt, dann verliert sich die Verkrampfung und die Faszination gewinnt die Oberhand.

Ich bin ein ausgesprochener Fan von Michael Polizas „Eyes over Africa“ und häufiger Gast bei google Earth, aber das Delta mit eigenen Augen von oben sehen zu können, ist unvergleichlich. Diese Farben, das wogende Gras, die Papyrusinseln, das Glitzern des Wassers in der aufgehenden Sonne! Unzählige glasklare Wasserwege, Tümpelchen und Tierpfade malen grafische Strukturen in die unter uns liegende Landschaft. Wir überfliegen riesige Herden von Zebras, Gnus und Lechwes, sehen unzählige Vögel, die sich, vom Hubschrauber gestört, in die Lüfte erheben, Giraffen, die in elegantem Lauf vor uns Reißaus nehmen. Überall stehen Elefanten, im Wasser, zwischen den Bäumen, im Gras. Am faszinierendsten aber sind die Hippos; da das Wasser unglaublich klar ist, sieht man nicht nur ihre Köpfe, sondern auch den ganzen Rest des Körpers unter Wasser. Es ist unglaublich schön und die Zeit vergeht, im wahrsten Sinne des Wortes, wie im Fluge. Viel zu schnell sind wir wieder zurück in Maun, fahren zum Camp, wo wir andächtig schweigend unser Frühstück einnehmen. Auch, wenn so ein Heliflug kein ganz billiges Vergnügen ist: es lohnt sich auf der ganzen Linie und ist unvergesslich!

Nach dem Frühstück aber holt uns die Erledigungs-Liste wieder auf den Boden des Reisealltags. Zunächst statten wir dem Audi Camp einen Besuch ab, wo Annette und Joachim sich nach möglichen Entwicklungen in Sachen Überfall kundig machen wollen. Man erinnert sich an den Vorfall, aha, immerhin, der Campmanager aber ist plötzlich ein anderer als vor vier Wochen. Neuigkeiten gibt es nicht, man verweist uns auf den Satellite Post der Polizei vor den Toren Mauns. Auch dort gibt es keine neuen Erkenntnisse. Interessant ist nur, dass das „Auftragsbuch“ der Beamten randvoll ist – für jeden Tag existieren eine Vielzahl von Delikt-Einträgen. Und immer wieder ist das Audi Camp betroffen. In der Woche vor dem Überfall auf Annette und Joachim fanden bereits drei andere statt. Zweimal drangen die Diebe über den nicht wirklich protektiven Zaun ein, öffneten eines der herumstehenden Zelte (mit schlafenden Menschen darin) und entwendeten, was sie gerade in die Finger bekamen. Der dritte Überfall war geplanter und richtig übel. Mehrere Täter zwangen des nächtens sämtliche Zeltbewohner aus selbigen hervor zu kommen, sich auf den Boden zu legen, um dann in Ruhe alles ausräumen zu können. Ein Tourist muckte wohl auf und wurde ins Bein geschossen. Am Rande: das Audi Camp zeigt keine Tendenzen zu weitergehenden Sicherheitsmaßnahmen. Also Vorsicht!

Wir fahren weiter zur Polizeizentrale in Maun-City. Während Jürg und ich vor dem Stacheldrahtzaun beim Auto warten, steuert ein grauhaariger Herr nebst jungspündigem Begleiter schnurstracks auf uns zu. „West- oder Ostroute?“ fragt er uns ohne jegliche Begrüßung. „Mhm“, denke ich nach, „mittendurch, mehr oder weniger.“ Diese Antwort kommt, ohne genau zu wissen, was er denn will. Dann schwallt er los: „Ah, interessant, und wie denn dann? Seid ihr auch über Somalia gefahren und habt dort dies und jenes erlebt, weil ja und überhaupt, blabla...?“ Ach, er meint eine Durchquerung des gesamten afrikanischen Kontinents. Damit können wir im Moment nicht dienen. Als ich ihm zu verstehen gebe, dass wir schnöde Botswana-Sambia-Touris sind, dreht er wort- und grußlos auf dem Absatz um und hastet von dannen. Sein jugendlicher Begleiter zuckt entschuldigend die Schultern und dackelt dem Afrika-Checker hinterher.

Annette und Joachim haben in der Zwischenzeit herausgefunden, dass ihr Fall bei der Zentrale gar nicht aktenkundig ist. Auch die Vorlage des Original-Protokolls bringt kein Licht ins Akten-Nirwana. Also auf der ganzen Linie eine Nullnummer! So sind wohl Imagetank, Kamera, diverse Papiere und Kleidungsstücke für immer verloren, eingeschleust in den Kreislauf unergründlicher Hehlerkreise.

Kurz machen wir noch einige Besorgungen in Maun, unter anderem erstehe ich bei PEP eine Wolldecke für umgerechnet gut 2 Euro, um mich gegen die kommenden kalten Nächte gebührlich zu wappnen, bevor wir Richtung Kaziikini aufbrechen. Weit ist es nicht, aber die Strecke wird gerade überarbeitet und über Kilometer liegen, in regelmäßigen Abständen, Schotterpyramiden am Rande der Straße. Das macht die Angelegenheit etwas staubiger als üblich und sehr eng bei Gegenverkehr. Doch am späten Nachmittag sind wir da, schlagen unsere Zelte auf. Die Sonne geht unter und es wird, mit Verlaub, SAUkalt! Ein Schmetterling, der sich auf einem Ast in Augenhöhe niedergelassen hat, ist in eine Starre verfallen, die bis zu unserer Weiterfahrt am nächsten Morgen anhält. Armer Kerl, aber extrem entgegenkommend beim Fotografieren!

Dunkelheit und zunehmende Kälte senken sich auf uns herab, diverses Getier raschelt im umgebenden Gebüsch, wohlig hülle ich mich in meine neu erworbene Decke und schlafe beglückt dem nächsten Tag entgegen.

25.-28. Juni 2008 - Kaziikini > Moremi, Xakanaxa, North Gate

25. Juni – Kaziikini > Xakanaxa
SAUkalt, ja so war es heute Nacht! Hach, was war ich froh um meine Wolldecke, die zwar etwas streng riecht, mich aber nicht im Stich gelassen hat. Der Schmetterling sitzt immer noch regungslos im Ast, als wir nach Frühstück und Packaktion weiter Richtung Moremi fahren.

Nun hatten wir ja im Vorfeld einigen Hickhack bei der Buchung der Moremi-Camps und unsere letztendliche Bestätigung sicherte uns die erste Nacht in South Gate, dann folgte eine Nacht außerhalb und die dritte bekamen wir am North Gate. Schön, aber nicht wirklich befriedigend. Doch wir wären nicht in Afrika, würde sich dieses „Problem“ nicht einfach in Luft auflösen. Am South Gate informiert man uns bedauernd, es hätte im Moment kein Wasser und somit würde man uns bitten, doch nach Third Bridge oder Xakanaxa weiterzufahren. Fehlende Buchung für eine Nacht? Ach was! Sucht euch ein Camp aus und bleibt dort zwei Nächte! Nichts anderes wollten wir und entscheiden uns für Xakanaxa, nicht ohne einen kleinen Freudentanz aufgeführt zu haben.

Dieser Buchungswahnsinn speziell für den Moremi hat ja so einen gewissen abenteuerlichen Charme; solange man bekommt, was man will. Aber beim zunehmenden Ansturm der Touristenmassen führt sich das ganze selbst ad absurdum. Ein bisschen Besserung verheißt wohl, dass nun an jeder der innerhalb liegenden Campsites eigene Gates errichtet werden, an denen man in Zukunft vorsprechen, die Reservierungen nachweisen und sich registrieren muss. Wenn das dann auch über vernetzte Computer abgeglichen wird, könnte sich die Situation regeln, klären und sichtlich entspannen. Doch noch ist hier alles nicht so weit und wir freuen uns riesig, unsere fehlende Nacht so mir nix, dir nix, bekommen zu haben.

Genüßlich zockeln wir nach Xakanaxa, errichten dort auf einer Reservesite unser Lager (die Site ist kein bisschen schlechter als die „richtigen“, allein die Wasserstelle fehlt) und starten noch zu einem Afternoon-Drive. Dieser führt uns vorbei an marodierenden Elefanten, fluffigen Wasserböcken, über eine Furt nach Dead Tree Island, zurück an im Abendlicht schimmernden Vögeln und glitzernden Wasserflächen, bevor wir gen Sonnenuntergang wieder auf unserem „Notplätzchen“ landen. Nach einem gemütlichen Abendessen sitzen wir noch am wärmenden Lagerfeuer, bereit ins Bett zu gehen, als eine einsame Hyäne in ein paar Meter Entfernung an uns vorbei läuft und uns keines Blickes würdigt. Die Hippos schnorcheln geräuschvoll im nahen Schilf und - die Welt ist in Ordnung!

26. Juni - Xakanaxa
Am nächsten Morgen machen wir uns auf zu einem Morning Drive, der etwas länger als geplant ausfallen soll. Erst sehen wir ein paar Elefanten, dann einige Wasserböcke und viele Lechwes, Frankolins, Giraffen, Hammerköpfe und Impalas. Friedvoll juckeln wir durch die Märchenlandschaft des Moremi, als wir auf einmal einen feststeckenden Geländewagen sichten. Nachdem der Fahrer fast eine Stunde auf passierenden Verkehr gewartet hatte, freut er sich über unser Rettungsangebot. Er steckt nicht zwar in der Scheiße, dafür aber in zähem Schlamm. Bis über die Achsen hat sich der Toyota festgefahren, in trügerisch grasig anmutenden Boden, der dann doch ungeahnt muddy war. Die Versuche, den weißen 4x4 nebst bärtig-strubbeligen Südafrikaner vorwärts raus zu ziehen scheitern, zu tief steckt der Wagen im Schlamm. Joachim wendet unseren Landy und hängt den Abgesoffenen an die Winde.

Das Stahlseil strafft sich auf’s Äußerste, der Toyota bewegt sich trotzdem keinen Millimeter. Ich hab echt Angst, dass das Seil reißt und uns um die Ohren fliegt, doch auf einmal ruckt der Toyota, es schmatzt laut und vernehmlich und er ist aus dem Gröbsten raus. Natürlich haben sich in der Zwischenzeit auch Zuschauer eingefunden, die das Schauspiel und dessen glücklichen Ausgang interessiert beobachten. Doch alles ist vorbei, der stecken gebliebene Südafrikaner ist raus aus dem Schlamm-Massel und wir packen zusammen. Annette hat sich währenddessen fest geplauscht mit einem alleinreisenden Leipziger, der sich auf unserem weiteren „Morning Drive“ an unsere Fersen heftet.


Die Sonne steigt höher, wir sehen viele Tiere, unter anderem auch einen Elefanten, der sich offensichtlich das linke Vorderbein gebrochen hat und sich erbärmlich hinkend dahinschleppt. Immer wieder stützt er sein Körpergewicht auf den Rüssel und entlastet das kaputte Bein. Welche Schmerzen müssen das sein?! Und wie wird lange wird es dauern, bis er diesen Zustand überstanden hat, wie durch ein Wunder vielleicht wieder gehfähig oder, viel eher wahrscheinlich, geschwächt, von Raubtieren zur Strecke gebracht wird, schmerzvoll um sein Leben flüchtend, bis er dem Tode erliegt. Die Natur, so sagt der Mensch, ist grausam. Was der Mensch nicht oder selten wahrnehmen will ist, dass ER allein die Vorgänge als grausam bezeichnet und sich SELBST komisch bis weich-eiig verhält. Nicht, dass ich (bin ja Mensch) mit einem gebrochenen Bein jubilierend meinen Exitus durch Predatoren erwarten möchte, doch der Humanoide ist bisweilen schon sehr eigenartig in seinen Überlebensbemühungen. Ein paar Kilometer nach dem bedauernswerten Ele treffen wir auf eben diese Spezies.

Fünf vollbepackte RSA-4x4s, ein steil aufragender Termitenhügel. Schützend, mit den Fahrzeugschnauzen nach oben, haben sich die Südafrikaner aufgestellt und wägen sich in dadurch offenbar in voller Sicherheit vor jeglichem Ungemach der Natur. Hoffentlich bricht sich keiner was beim Fotografieren dieser so „sicheren“ Formation! Kopfschüttelnd fahren wir weiter, die Sonne steht schon im Zenith, als wir an einem Schild ankommen: Bodumatau Track. Egal, welchen Weg wir nun zurück nehmen: wir sind jetzt richtig weit entfernt von unserem Camp. So beschließen wir ein verspätetes Frühstück einzunehmen, bevor wir wieder zurück Richtung Xakanaxa fahren.

Der Weg führt uns durch trockene, tierarme Gegenden zurück ans Wasser. Auf einer Lichtung, wieder in relativer Nähe unseres Camps, verlieren wir uns in der Beobachtung von zahlreichen Goldbugpapageien (Poicephalus meyeri). Jürg, der passionierte Fotograf, hüpft aus dem Auto, legt sich ins Gras, schleicht sich an, schießt tolle Fotos. Verschlampert aber im Eifer des Gefechts sein hellgelbes Microfaserhandtuch, das das auf dem Schoß stets bereitgehaltene Kameraequipment vor Staub schützte.

Bevor er das merkt, sind wir schon an der Lagune, wo uns eine Löwensichtung verheißen wurde. Kreuz und quer fahren wir die Wege auf und ab. Sichere Aussage ist nur: die Katzen sind einer Büffelherde gefolgt. Lange Zeit sehen wir weder Bovine noch Felidae, nur den Droppings der Büffel können wir nachfahren. Doch plötzlich haben wir sie gefunden. Ein Rudel vollgefressener Löwen, zwei Männchen, viele Weibchen und einige Junge. Keine ganz kleinen mehr, aber mit dem riesigen Büffelschädel mühen sie sich alle ab und, so knuffig sie sind, die Kleinen, so nervenzersägend maunzen sie. Es ist kaum zu glauben, welch unsäglich scheußliche Töne aus so etwas Liebreizenden hervor kommen können. Lange beobachten wir das Treiben der Katzen und stellen amüsiert fest, dass auch wir beobachtet werden. In sicherer Entfernung haben sich an die 10 Giraffen wie die Orgelpfeifen postiert und äugen mit neugierig gebogenen Hälsen zu uns herüber.

Der Büffel, fein säuberlich abgenagt, gibt nicht mehr viel her und die ersten Löwen machen sich aus dem Staub. Ein koreanisches Zweimann-Fernseh-Team, stationiert auf der Ladefläche eines Pick-Up, ist so fixiert auf die noch am Kadaver nagenden Löwen, dass den beiden der Aufbruch entgeht. Der Kameramann hängt mit einer Pobacke über der Ladeklappe und erliegt beinahe einen Herzstillstand, als der Tonmann ihm sagt, es marschiere gerade ein Löwe unter seinem Allerwertesten durch. Doch die Katze interessiert das überhaupt nicht, der Koreaner aber verlagert vorsichtshalber sein Gesäß komplett auf die Ladefläche. Das war weise, denn nach und nach verdünnisieren sich alle Löwen mehr oder weniger exakt über die Stelle, wo vorher noch sein Hintern in den Weg ragte.

Wir folgen den Löwen noch zu einem Wasserloch, wo sie einen Digestif zu sich nehmen und schließlich in den Büschen verschwinden. Naja, nun könnten wir ja schön langsam mal zum Camp zurück fahren, denken wir uns, doch ein paar Kilometer weiter treffen wir auf besagte Büffelherde. Ein einem unendlich erscheinenden Strom ergießen sie sich aus einem Waldstück, kämpfen sich durch eine Furt und verteilen sich im nächsten Wald. Und all das direkt vor unseren Augen. Die Sonne steht schon tief, das Licht ist warm und verbreitet eine nahezu märchenhafte Stimmung. Der Staub, den die Büffel aufwirbeln, zeigt sich in Form von güldenen Wolken in seiner schönsten Seite.

Unser Vorhaben allerdings, jetzt noch nach Jürgs verlorenem Tuch zu suchen, können wir vergessen. Die Büffel, mehrere hundert, verteilen sich im Waldstück des erlittenen Verlustes; unter jedem Baum stehen mehrere der massigen Rinder. Doch das eben Erlebte entschädigt auch Jürg voll und ganz und er schreibt sein Tüchlein einfach ab.

Die Sonne geht unter, wir nehmen noch einen klassischen Sundowner am Rande der Lagune, bevor wir erlebnissatt zum Camp zurück kehren. Eigentlich hätten die heutigen Ereignisse vollauf gereicht, um sagen zu können: Das war ein Wahnsinns-Tag! Aber nach dem Abendessen soll es weiter gehen. Die Camper vom Nachbarplatz leuchten aufgeregt umher und bald erspähen wir in deren funzeligem Lichtkegel einen Leoparden. In gemütlichem Schritttempo hält dieser auf uns zu, passiert uns in ein paar Metern Entfernung, ohne uns zu beachten und verschwindet im Dunkel. Ein wunderschöner Anblick und ein echter Adrenalinschub.

Kaum haben wir uns wieder eingekriegt, kommt aus der anderen Richtung ein Hippo daher. Laut rupft es Gras vom Wegesrand und zerkaut es geräuschvoll. Zielstrebig steuert der Koloss auf unsere Site zu und wir verschanzen uns sicherheitshalber hinter dem Landy. Das Hippo mampft genüsslich um unsere Zelte herum, umrundet den Tisch und macht sich nach über eine halben Stunde dann zu unseren Nachbarn auf. Mittlerweile ist es schon wieder empfindlich kalt geworden und wir begeben uns in die Zelte, die wir wieder gefahrlos erreichen können. Eine Viertel Stunde später kommen die zwei Hyänen, die wir schon lange Zeit nur gehört hatten. Eine der beiden hat unseren Nachbarn ein 2-kg-Mayo-Glas aus Plastik geklaut, zerkaut dieses nun laut splitternd neben unseren Zelten und leckt auch noch den letzten Rest aus den Splittern. Wenn das mal nicht einen gehörigen Durchfall gibt! Die zweite Hyäne hätte immer gerne was ab, wird aber nicht ran gelassen und vertrollt sich schließlich frustriert. Und ich schlafe selig grinsend, begleitet von den Schmatzgeräuschen der Hyäne, dem nächsten Tag entgegen.

27. Juni – Xakanaxa > North Gate
Nach einem solchen Tag muss ein gemäßigterer folgen, denkt man, denn es kann ja nicht immer im Erlebnisgalopp dahingehen. Schaun wir mal. Auf jeden Fall brechen wir heute unsere Zelte in Xakanaxa ab und ziehen um zum North Gate. Unterwegs sammeln wir Brennholz, erkunden den genauen Aufbau einer Tsetsefalle, widmen uns der genaueren Bestimmung diverser Raubvögel, die für mich immer noch recht schwer zu unterscheiden sind. Paradise Pools können wir diesmal leider nicht besuchen, denn immer noch steht zu viel Wasser. Doch es ist noch so wasserreich, dass sich überall in der Landschaft andere Paradise Pools gebildet haben, die uns mit ihrer reichen Kroko-, Hippo- und Vogelbevölkerung belohnen.

Kurz bevor wir am North Gate einlaufen, fallen uns zahlreiche Marabus und Geier am Himmel auf. Das Zentrum des Kreisens liegt so nahe am Weg, dass wir die paar Meter ins Gebüsch fahren, um zu sehen, was da los ist. Ein toter Junglöwe liegt dahingestreckt im Gras. Eigentlich sieht er aus wie der Stolper-Teppich in Dinner For One, wären da nicht die blutroten Rippen, die in die Luft ragen. Irgendwas ist komisch an der Situation; all die Aasvögel sind hier, tun sich aber nicht gütlich am Kadaver. Gerade als wenn sie sich nicht trauten. Wir vermuten, der Junglöwe ist einer Konfrontation mit einem Leoparden zum Opfer gefallen und der sitzt hier noch irgendwo in einem der Bäume. Wie gesagt, eine Vermutung, bestätigt bekommen wir das nicht. Der Tag schreitet voran und wir sollten dann doch besser ins Camp, unsere Zelte aufbauen.

In North Gate angekommen sind wir erst mal ein wenig entsetzt. Es sieht hier aus! Bei Hempels unter dem Sofa ist es wahrscheinlich gepflegt dagegen! Überall liegt Müll, das Camp ist eine einzige Dreckhalde und zudem noch Baustelle. Offenbar haben Affen allen Abfall, dessen sie habhaft werden konnten, seit Tagen in der Gegend verteilt und niemand hat auch nur ein Teil aufgeräumt. Unfertige Gebäude sind zu sehen, die Baumaschinen haben die Wege zerwühlt und zu allem Überfluss ist auch noch M7, der Platz der in unserer Reservierung steht, winzig, uneben und verdreckt. So beschließen wir uns auf einer freien, müllfreien Fläche innerhalb des Camps nieder zu lassen. Zum ersten mal seit Tagen tu ich mir den Luxus einer Dusche und Haarwäsche an und bin, wie immer, begeistert. Unglaublich, wie schnell die Haare trocknen, unglaublich, wie extrem dusch-gelig man riechen kann, obwohl man denkt, vorher auch nicht schlecht gerochen zu haben.

Am späten Nachmittag besuchen wir nochmals unseren Teppichlöwen; die Situation ist unverändert. Alle Aasfresser sind versammelt, keiner traut sich ran. Auf unserem Abenddrive begeistern uns noch zahlreiche Vögel, Kudus, Warane, Tsessebes und ein malerischer Sonnenuntergang am Hippo-Pool. Die Eindrücke haben uns mal wieder satt gemacht, aber die Mägen knurren. Im Camp bringen wir das Lagerfeuer zum Lodern, werfen alufolinierte Kartoffeln in die Glut und würzen vorfreudig die Steaks. Nicht lange und wir fühlen uns extrem beobachtet. Das hyänentypische „Uuuhah“ haben wir schon ein Weile vernommen, aber, wenn wir nun mit unseren LEDs in die umliegenden Büsche leuchten, können wir sie auch sehen. Zumindest deren glühende Augen. Schon letztes Jahr trieb sich hier eine ganze Horde Hyänen um unser Lager herum, aber diesmal sind es deutlich mehr. 14 unterschiedliche Augenpaare können wir mit Sicherheit festmachen, aber es sind sicher mehr. Und sie kommen immer näher, ziehen ihre Kreise immer enger. Wir beugen uns zu Sicherheit der Übermacht, räumen bedauernd unsere Steaks wieder in die Coolerbox und begnügen uns mit den Beilagen-Kartoffeln. Doch lieber nur eine Folien-Kartoffel mit Salz und Knoblauch und auf das Fleisch verzichten, als die kleinen, gierigen Biester anzulocken. Wäre es eine Hyäne allein gewesen, vielleicht auch drei oder vier, kein großes Problem, aber bei der stattlichen Anzahl?! Steaks vertagt, Kartoffeln verspeist, wir im Zelt. Kurz darauf erscheint der Inspektionstrupp. Es wird geschnüffelt, geknuspert, gesucht – aber nichts gefunden. Und weg sind sie wieder. Wahrscheinlich rüber zum nächsten Nachbarn, der vielleicht doch ein Zipfelchen Boerewors, ein paar Zwiebelringe oder wenigstens ein Glas Mayo hat liegen lassen. Uuuhah, gute Nacht, ihr Schönen und viel Glück!

28. Juni 2008 - North Gate > Khwai Community Camp

Eigentlich wollten wir den Tag heute ganz ruhig angehen. Eigentlich. Wir schlürfen gerade unseren Morgentee und heizen das Toastfeuer an, als sich ein recht offiziell aussehender Wagen mit einem noch offizieller aussehenden, uniformierten Fahrer nähert. Finstergesichtig starrt er zu uns herüber und mir fällt wieder ein, dass unser Stellplatz so gar kein offizieller ist. Als er sich auch noch erklärend zu seinen Safarigästen beugt und mit dem Finger auf uns deutet, ist es klar - es gibt Ärger. Und da hält er schon an. Uih, kann der böse schauen. Unfreundlich weist er uns auf unsere Verfehlung hin. Unsere Müllargumente tut er verächtlich ab. Wir seien Gäste seines Landes und hätten uns den bestehenden Regeln zu beugen. Und was den Müll anbelangt - unsere Generation hätte die Paviane gefüttert, jetzt hätten wir es auch auszubaden. Ja, prinzipiell hat er natürlich recht, aber ist man ein guter Gastgeber, wenn man seinen Gästen ein verdrecktes Schlafzimmer anbietet? Und sie dann auch noch schilt, wenn sie auf dem Balkon nächtigen? Nein, definitiv nicht. Es hat aber keinen Sinn, weiter zu argumentieren und den Finsterling noch mehr zu verärgern, zudem er drohend hinzufügt: Er sage einem Kollegen Bescheid und wenn wir Guys in 20 Minuten nicht verschwunden wären, gäbe es richtig Ärger. OK, Bwana Ranger, sicher doch!

Warum er nun ausgerechnet eine zwanzigminütige und keine halbstündige Frist angesetzt hat, erschließt sich uns nicht. Doch wir sind ein eingespieltes Team und in afrikanischen 20 Minuten sind die Zelte abgebaut, alles verpackt und verstaut, das Toastfeuer mit Sand bedeckt und wir sitzen im Auto. Der erste Weg führt uns zurück zum Teppichlöwen. Die Marabus sitzen zwar noch in den umliegenden Bäumen, der Kadaver aber ist weg und zwar rest- und spurlos. Schade, dieses Rätsel werden wir nicht mehr lösen.

Ein paar Stündchen kurven wir noch in der North Gate-Gegend herum. Wir beobachten eine Wasserbockmama mit ihrem Kalb, das einen Riesenspaß beim Impala-Jagen hat. Immer wieder attackiert das Kleine die verdutzten Impalas, pickt sich ein Opfer heraus und hetzt diesem mit übermütigen Bocksprüngen hinterher. Die Mama sieht das ebenso gelassen wie die Sporengänse am nahen Tümpel, deren eigentlich unscheinbares Gefieder metallisch in der Morgensonne glänzt. Ein paar Kilometer weiter verzaubert uns die kunstvolle Nahrungssuche eines Pied Kingfisher. Unermüdlich startet er von seinem Ast, überfliegt spähend die Wasseroberfläche, hält rüttelnd im Flug inne, um schließlich mit einem eleganten, pfeilschnellen Stoß kurz einzutauchen. Seine Manöver sind nicht immer von Erfolg gekrönt, aber es ist sehr spannend, ihn zu beobachten.

Auf der anderen Tümpelseite steht eine nette Ansammlung etwas größeren Federviehs. Mehrere Marabus machen mit ihren eingezogenen Hälsen einen recht verfrorenen Eindruck, während sich die Rosa- und die Rötelpelikane schon eifrig putzen, zwei Sattelstörche dösen noch vor sich hin. Ein echt drolliger Anblick, von dem wir uns jedoch alsbald lösen müssen, denn gegen 11.00 Uhr sollten wir den Park verlassen haben.

Recht pünktlich rollen wir über die Knüppelbrücke am Gate, tragen uns aus und fallen dann erst mal im Khwai Shop ein. Ein winziger Laden, in den ich immer wieder gerne reingehe. Auf wenigen Quadratmetern erhält man alles, was man braucht oder eben auch nicht. Von Wasser und Bier über Obst und Gemüse bis hin zu Konserven, Kosmetik und Parfum gibt es hier vieles zu bestaunen. Bleichcreme für die pflegebewusste Afrikanerin steht gleich neben der schwülstigen Duftwasser-Packung „Tropic Amorous Feelings“ und dem Dolce&Nobleman EdT für den modernen Verführer. Insektensprays schmiegen sich an riesige Tastic-Reisbeutel, Grillkohleanzünder stehen im Dialog mit Einwegrasierern, Frühstücksflocken und Kopfschmerztabletten. Der interessierte Kunde wird bereits mit an die Hausmauer gemalten Logos über das unglaubliche Sortiment in Kenntnis gesetzt. Drinnen wird man zuvorkommenst bedient und sogar unsere Frage nach dem Weg zum Office der Khwai Community wird mit einem durchdringenden Pfiff der Verkäuferin praktisch und schnell beantwortet. Sofort eilt ein junger Mann herbei, hilft uns, unsere Einkäufe zu verstauen, setzt sich auf unser Reserverad und dirigiert uns zum Trust-Büro.

Dort erledigen wir die Formalitäten, transportieren unseren netten Helfer noch ein Stück des Weges, bevor wir in der Nähe des Khwai River unser Frühstück nachholen. Zwar ohne Toast, der Genuß des Anblicks vorbeiziehender Elefanten, Giraffen und ein paar neugieriger Warzenschweine aber ist ungleich größer.



Direkt am Fluss geht faunatechnisch dann richtig die Post ab. Elefanten auf beiden Uferseiten, Gnus, Impalas, Lechwes, Giraffen, Hippos im Wasser und an Land, Krokos, Jacanas, Reiher, Coucals, Enten, Gänse, Libellen, Greifvögel, Papageien, Paviane. Hier gibt es keine 10 Meter am Stück, auf denen man mal nichts sehen würde. Diese Vielfalt, die Tierdichte, die paradiesische Landschaft hier am Khwai haut mich jedes Mal wieder vom Hocker. Langsam tasten wir uns am Flussufer voran, halten immer wieder an, beobachten, staunen, fotografieren. Wir erreichen Hippo Island, ein beliebter Strandabschnitt für sonnenhungrige Nilpferde. Hintern an Hintern rösten die Dicken regungslos vor sich hin, einige schon gefährlich rosa. Sie klettern frühmorgens aus dem Wasser, brezeln sich in die Sonne und verschwinden erst gen Sonnenuntergang wieder im Wasser. Ein merkwürdiges Verhalten, aber typisch für diese Stelle am Khwai. Die meisten der Sonnenanbeter haben leuchtend weiße Spritzer Vogelkotes auf dem Körper und im Gesicht, sind durch nichts und niemanden aus der Ruhe zu bringen. Nur manchmal wird unwillig aufgegrunzt, wenn sich ein Kollege im Schlaf zu heftig bewegt. Stunden und Tage könnte ich hier verbringen!

Doch wir nähern uns, zumindest laut der von Jürg im Trustbüro festgehaltenen GPS-Koordinaten der Abzweigung zum Community-Camp. Sie ist wirklich schwer zu finden. Es existieren zahlreiche Abzweigungen nach links, doch so ganz ohne GPS die richtige zu treffen, ist fast unmöglich. Natürlich ist auch nichts beschildert. Dank der Koordinaten aber landen wir beim zweiten Anlauf einen Treffer. Nach wenigen Kilometern durch den üppigen Wald passieren wir eine Lichtung, die von einer Riesengruppe südafrikanischer Camper besetzt ist. Auf unsere Frage, ob sie denn wüssten, wo sich „Magotho II“ befände, antworten sie uns nur, sie wüssten nicht mal, ob sie etwa auf „Magotho I“ stünden, aber wir sollten ruhig weiter fahren, da käme dann schon noch ein Plätzchen zum Hinstellen. Hinter der nächsten Biegung stehen wir vor den Toren eines Luxus-Bushcamps, in dem keine Trespassers erwünscht sind. Wir umkurven dieses Lager und erspähen wenig später tatsächlich eine weitere Lichtung, die sich als Campsite eignen würde.

Wir inspizieren den Platz, der weder gekennzeichnet noch mit irgendwelchen Plumsklos bestückt ist und beschließen, es müsse wohl eine Campsite sein, denn es lauern schon diverse Meerkatzen in den Bäumen; ein sicheres Indiz, dass hier öfter mal Menschen logieren, essen und leichtsinnigerweise Dinge herum liegen lassen. Also deklarieren wir diesen Platz kurzerhand zu „Magotho II“, bauen unsere Zelte auf und verbringen den Nachmittag im kühlenden Schatten der riesigen Bäume.

Gegen 16 Uhr, als das Licht am schönsten ist, starten wir zu einer neuen Pirschfahrt an den Khwai. Annette bleibt im Camp, denn die Meerkatzen scheinen nur darauf zu warten, alles in Ruhe auseinander nehmen zu können. Sie versäumt nichts wirklich Spektakuläres, aber schön ist es trotzdem. Ein Käuzchen sitzt in einem abgestorbenen Baum und sieht uns schläfrig an, auf die Haut der wenigen noch am Hippostrand verbliebenen Nilpferde malt das Wasser wellenartige Reflexe. Ein Elefant nimmt ein ausgiebiges Duschbad und ein Marabu stakt unermüdlich durch einen schlammigen Tümpel. Beinahe hätte er einen Fisch erwischt, aber im letzten Moment glitscht er ihm wieder aus dem Schnabel. Und wir Menschen, wir stehen daneben, mit einer Dose Bier in der Hand, beobachten ihn in seinen fruchtlosen Bemühungen auf der einen Seite, den Sonnenuntergang auf der anderen.

Dunkelheit senkt sich herab und wir packen für den Rückweg den Suchscheinwerfer aus. Vielleicht sehen wir ja noch was Interessantes, zumindest aber können wir rechtzeitig erkennen, ob ein Elefant oder Hippo den Fahrweg kreuzt, was prompt auch geschieht. In gebührendem Abstand bleiben wir stehen und lassen den Dickhäuter passieren, der sich trotzdem recht unwohl zu fühlen scheint. Aber er verschwindet friedlich im Gebüsch, nicht ohne uns noch ein paar Mal ohrenwedelnd beäugt zu haben.

In völliger Finsternis kehren wir zurück und Annette hat ihre Sache gut gemacht. Erfolgreich hat sie unser Hab und Gut gegen die Meerkatzen verteidigt, die jetzt schon alle in den umliegenden Bäumen ihren Frust im Traum abbauen. Dafür kracht seit etwa einer Stunde ein Elefant durch den nahen Wald. Da man ihn aber nur hört, nicht aber sieht, machen wir uns beruhigt an unsere Nahrungszubereitung und -Aufnahme und denken alsbald ans Zubettgehen, denn die nächtliche Kälte greift schon wieder mit ihren spitzen Klauen nach uns. Zudem sind wir wohlig müde ob der ganzen Eindrücke. Der Elefant lässt ein knurrendes Rumpeln vernehmen, eine einsame Hyäne ein Uuuah und ich beschließe, die zwei Dosen Castle Lager, die ich zu mir genommen habe, so weit wie möglich wieder abzulassen, denn die Vorstellung, nächtens, in der Kälte dringend zu müssen, behagt mir nicht wirklich. Der nahe Elefant nimmt mir die Entscheidung irgendwie ab und ich erleichtere mich einen Meter hinter meinem Zelt, immer das Bodengefälle und die Umgebung im Auge behaltend. Danach kuschle ich mich in meinen Daunenschlafsack.

Aber hallo, was ist das? Keine 15 Minuten später ist die Hyäne zur Stelle. Und sie findet meine versickerte Pfütze wohl ungemein interessant. Lautstark schnüffelnd, buddelnd und kieksend macht sie sich unweit meines zur Ruhe gebetteten Kopfes zu schaffen. Nächstes Mal gehst du zum Pinkeln ein paar Meter weiter weg vom Zelt, schwöre ich mir noch, als ich auch schon einschlafe.