Donnerstag, 7. Januar 2010

Tour-Route Afrika 2009

7. November 09 – Ankunft in Windhoek, Einkäufe, Übernachtung Ondekaremba Farm, Campsite
8. November 09 – Windhoek > Roys Camp nahe Grootfontein
9. November 09 – Roys Camp > Popa Falls Community Camp
10. November 09 – Popa Falls Community Camp, Mahango NP > Camp Kwando nahe Kongola, Mudumu NP
11. bis 12. November 09 – Camp Kwando > Chobe National Park, Ihaha
13. November 09 – Ihaha, Chobe NP > Linyanti
14. November 09 – Linyanti > >Richtung Khwai > Wild campen im Chobe
15. bis 16. November 09 – Aus dem verbotenen Abseits > Moremi GR, 2 Nächte Xakanaxa
17. November 09 – Moremi GR > Maun, Maun Rest Camp
18. November 09 – Maun Rest Camp > Central Kalahari GR, Kori Pan
19. bis 20. November 09 – CKGR, Kori Pan > Piper Pan
21. November 09 – CKGR, Piper Pan > Thakadu Camp, Ghanzi
22. November 09 – Thakadu Camp, Ghanzi > Mabuasehube, Khiding Pan
23. November 09 – Mabuasehube, Khiding Pan > Wilderness Trail, Mosomane Pan
24. November 09 – Wilderness Trail, Mosomane Pan > Wilderness Trail, Nossob
25. November 09 – Nossob > Rooiputs
26. November 09 – Rooiputs via Twee Rivieren > Garas Quivertree Camp nahe Keetmanshoop
27. November 09 – Garas Quivertree Camp > Berseba, Brukkaros Campsite > Hardap Damm
28. November 09 – Hardap Damm > Windhoek, Puccini Guesthouse
29. November 09 – Windhoek, Puccini Guest House > Heimflug

6.-7. November 2009 – Anreise München > Windhoek

Meine 18. Afrikareise steht bevor und wie immer bin ich voller Vorfreude, ganz besonders aber, da nicht nur mein letztjähriger Reisegenosse Jürg aus der Schweiz wieder mit an Bord ist, sondern auch mein Süßer Heinz. Für ihn ist es seine erste Reise auf den schwarzen Kontinent und ich bin schon wahnsinnig gespannt, wie es ihm gefallen wird. Er ist Natur- und Tierfan, liebt die Stille, hat Adleraugen, ist Singvogelspezialist und beherbergt mehr als 300 exotische Pflanzen/Sukkulenten in seinem Haus. Für ein oder zwei Zebras, ein paar Elefanten, so sagte er halb ernst, halb spaßig, könne er auch in den Zoo gehen. Ich bin bereit, seine Kinnlade wieder nach oben zu klappen, wenn die ersten Elefanten live an ihm vorbeimarschieren, er die ersten Giraffen auf offener Wildbahn riechen und sehen kann, ein Bartvogel auf seinem Frühstücksteller landet, ein Bülbül ihn morgens wachzwitschert, er sich zwischen all den Köcherbäumen den Hals ausrenkt und den Blick nicht mehr vom Boden wenden kann, weil da Pflanzen wachsen, die er nur von seiner Fensterbank oder aus Büchern kennt. Zumindest hoffe ich, dass es so oder so ähnlich sein wird.

Gen Vormittag machen wir uns auf den Weg zum Flughafen, wo wir vor dem Check-In Annette und Jochen treffen, die schon auf uns warten. Die Strecken MUC-LHR und LHR-JHB fliegen wir gemeinsam, danach trennen sich unsere Wege kurzfristig. Wir marschieren zum Schalter, weil wir nur ungerne am Automaten einchecken wollen, schließlich soll unser aller Gepäck nach Windhoek durchgehen, auch wenn Annette und Jochen in Johannesburg die Airline wechseln. Am Schalter sitzt eine jüngere Dame mit Hochsteckfrisur, die unheimlich gschaftlig mit dem Kopf wackelt, aber strikt bestreitet, das Gepäck durchchecken zu können – nicht mal bei Heinz und mir, die wir doch alle drei Strecken mit der selben Airline fliegen. Das kann eigentlich nicht sein, aber die Tussi wackelt immer heftiger, je mehr wir nachbohren. Also lassen wir's; laut ihrer Aussage müssen wir schon froh sein, überhaupt zusammenhängende Sitze zu bekommen, noch dazu mit meinem „Spezialwunsch“, doch gerne einen Gangplatz haben zu wollen. Schließlich kriegt der Wackeldackel unsere Sitzwünsche doch noch gebacken und wir, befreit von unserem sperrigen Gepäck, steuern die nächste Cafeteria an, um uns die Zeit bis zum Abflug noch mit Ratschereien und einem Urlaubs-Anfangs-Getränk zu verkürzen.

Bald darauf dürfen wir boarden, der Flug nach London verläuft ereignislos, der kredenzte Snack präsentiert sich wie immer britisch-geschmacklos. Hungrig kommen wir in London an und wollen dort gerne unser Frühstück nachholen. Allzuviel darf man ja von insularischer Gastronomie nicht erwarten, aber wir finden ein Restaurant, das auf einem protzigen Leuchtschild „Great British Food“ verspricht – eigentlich ein Widerspruch in sich. Eine Kellnerin, die mitbekommt, wie ich das Schild fotografiere, muss in britisch-selbstironischer Art schallend lachen. Und ihre Selbstironie ist durchaus nicht fehl am Platze. Das zeigt sich, als wir staubtrockene Burger serviert bekommen, die selbst mit einer großzügigen Portion Ketchup kaum rutschen wollen. Doch was soll's, wir haben keine kulinarischen Höchstleistungen erwartet und der Magen ist gefüllt. Gestärkt marschieren wir in Richtung Abfluggate, um dort festzustellen, dass, obwohl wir im neuen Terminal 5 sind, mal wieder Busfahren angesagt ist – soweit ist es also doch nicht her mit der ausgeklügelten Fluggast-Logistik des neuen Heathrow-Terminals. Nach einigem Rumgekurve kommen wir am Flieger an, klettern an Bord und steuern unsere 4 Plätze ganz im hinteren Bereich der Maschine an. Schräg vor mir sind drei nebeneinander liegende leere Sitze, das Flugzeug füllt sich, nicht aber diese Plätze. Ich lauere – übrigens auch andere Fluggäste – aber, als sich die Tür schließt, bin ich die erste, die dieses Geschenk in Beschlag nimmt. Eigentlich nicht meine Art, aber Anstand bringt einen hier auch nicht weiter. Als kurz nach dem Start die Anschnallzeichen erlöschen, gesellt sich Heinz zu mir; somit haben wir zu zweit drei Sitze und Annette und Jochen gar vier. Der Flug verspricht einigermaßen kommod zu werden, aber der Schlaf will nicht zu mir kommen. Ich tigere immer wieder ganz nach hinten, starre aus dem Fenster, laufe wieder zurück, sehe fast alle anderen Passagiere schlafen. Heinz rüsselt in seine Decke gekuschelt, Annette und Jochen liegen eingerollt auf ihren Sitzen, doch ich kann machen, was ich will – ich kann einfach nicht schlafen. Gegen vier Uhr morgens bin ich fix und alle, die Tränen der Erschöpfung rinnen mir übers Gesicht. Heinz, der gerade wieder aufgewacht ist, läßt mich meinen Kopf auf seinen Schoß betten und innerhalb von Minuten bin ich weg. Bis zum Frühstück schlummere ich durch und fühle mich danach, auch wenn es nur eineinhalb Stunden waren, wie neugeboren. Da kann mich auch das britische Frühstück in Form eines hautlosen Würstchens mit Plastikrührei nicht schockieren – aber ekelig ist es schon.

Bald darauf setzen wir zum Landeanflug an und mein Schneck kann einen ersten Blick auf „meinen“ Kontinent werfen. Was Heinz sofort auffällt, sind die Hochsicherheits-Wohnsiedlungen, die es in allen Preiskategorien gibt – mit und ohne Pools, mit kleinen oder größeren Gärten, mit Garagen oder ohne. Allen gemein ist, dass jeweils eine hohe Mauer das gesamte Wohngebiet umgibt. Ein ungewohnter, irgendwie beklemmender Anblick, aber ansonsten unterscheidet sich der Großraum Johannesburg optisch nicht großartig von anderen Stadtgebieten dieser Erde. Die Landebahn ist zudem noch vertrauterweise nass – es hat wohl gerade geregnet. Durch kühle, frische Luft marschieren wir über die Rollbahn, der Immigration entgegen, die neuerdings ohne ausgefülltes Formular vonstatten geht. Das Gepäck kommt kurz darauf vollzählig an und wir vier machen uns auf die Suche nach einem Check-In-Schalter für unsere Anschlussflüge. Annette und Jochen fliegen SAA, der Schalter ist schnell gefunden, das Gepäck wieder eingecheckt. Heinz und ich müssen zur BA, aber einen Schalter können wir nicht entdecken. Ein Koffermann drängt seine Dienste auf und schiebt, nach kurzer Frage, wohin wir denn flögen, unseren Wagen zielstrebig auf eine Rolltreppe. Eigentlich habe ich wenig Lust auf seine Aufdringlichkeit, also entreiße ich ihm unseren Kuli ein Stockwerk höher wieder. Ah, da hinten, ganz hinten, leuchtet ein BA-Schild! Endlich angekommen, stellt sich heraus, dass man hier nur domestic einchecken kann, aber die nette Schalterdame weiß, wo der internationale BA-Check-In ist – in einem anderen Terminal. Also wandern wir den ganzen Weg wieder zurück, hängen noch ein paar Kilometer dran und werden tatsächlich fündig. Leider hat der Schalter noch nicht offen, wir sollen doch in 2 Stunden wieder kommen. Schicksalsergeben rollern wir unseren Kuli aus dem Gebäude, um eine Rauchpause an der frischen Luft zu machen und uns ein bisschen umzusehen. Es wird immer noch rege gebaut, überall stehen Kräne herum, wuseln die Bauarbeiter. Mittlerweile sieht der Flughafen oder wenigstens das Segment, das wir zu sehen bekommen, wirklich so aus, als könne er bis Juni 2010 fertig werden. Eine stolze Leistung!

Annettes und Jochens Flug geht um einiges früher als unserer, so also verabschieden wir uns bald – wenn auch nur für ein paar Stunden. Heinz und ich treiben uns noch ein wenig herum, bis auch wir endlich unser Gepäck einchecken dürfen. Zum Gate wollen wir noch nicht, aber beim Rumstromern haben wir ein Freiluftrestaurant entdeckt, das wir jetzt zum Zeittotschlagen aufsuchen. Funkelnagelneu ist hier alles, architektonisch sehr modern, auch die schräg nach außen liegenden raumhohen Glasfronten des Restaurants. Allerdings scheinen schon mindesten zwei Leute die sich selbst öffnende Tür nach draußen verfehlt zu haben, denn in Kopfhöhe ist auf beiden Seiten der Tür das Glas kreisförmig gesplittert. Das muss gekracht haben! Heinz und ich kommen unfallfrei nach draußen und lassen uns in feuchter Morgenfrische auf der Terrasse nieder. Heinz ist gleich ganz angetan von den zahlreichen Schwalben, die in halsbrecherischem Flug zwischen den Pfeilern der angrenzenden Tiefgarage durchjagen und von ein paar vorwitzigen Bachstelzen, die auf der Suche nach Krümeln um die Tische wippen. Bei all den Beobachtungen vergeht die Zeit schnell und wir machen uns auf dem Weg zu unserem Gate. Noch einmal fliegen und wir sind endlich da! Beim Warten am Gate treffen wir auch Jürg, der mit einer Maschine aus Zürich gekommen ist. Ach, ist das schön, ihn wiederzusehen! Und es gibt viel zu erzählen, so viel, dass die Zeit bis zum Boarden bei weitem nicht reicht.

Heinz und ich sitzen in einer Dreierreihe, neben mir nimmt ein Schwarzer Platz, der dauernd Selbstgespräche führt und kommunikationssuchend zu mir herüberlugt. Der Knabe macht einen ziemlich irren Eindruck und ich will ihn um keinen Preis an der Backe haben. Jeden Blickkontakt meidend vertiefe ich mich demonstrativ in mein bald serviertes Mittagessen. Ein Nudelsalat ist dabei, der appetitlich aussehend in einem durchsichtigen Plastikschälchen ruht. Das Behältnis ist versiegelt, zum Öffnen muss eine Ecke aus dem Rand gebrochen werden, dann erst kann man den Deckel abheben. Aus den Augenwinkeln beobachte ich belustigt, wie mein seltsamer Nachbar sich vergeblich abmüht, an den Nudelsalat zu kommen, aber das Patent will sich ihm partout nicht erschließen. Wütend schleudert er die Schale wieder auf's Tablett, widmet sich seinem Auflauf, behält aber permanent die anderen Fluggäste im Auge. Und die haben allesamt ihren Nudelsalat schon verzehrt. Murmelnd, schimpfend und brabbelnd macht er sich wieder am Schälchen zu schaffen. Er kann einfach nicht glauben, dass alle anderen das Ding aufbekommen haben, nur er nicht. Aber wieder scheitert er. Vor lauter Frust läßt er sich gleich noch ein zweites Bier servieren, wickelt dann seine Nudeldose in eine Serviette und läßt das Corpus Delicti seines Scheiterns verstohlen in seiner Sitztasche verschwinden. Beim Aussteigen wandert es noch verstohlener in sein Bordgepäck und Heinz und ich amüsieren uns königlich bei der Vorstellung, dass er heute abend bestimmt versucht, das Rätsel mit Hilfe seiner Freunde zu knacken oder aber einfach seine arme Frau damit beauftragt und so tut, als hätte er selbst nie ein Problem damit gehabt.

Rasch sind die Einreiseformalitäten erledigt, das Gepäck ist auch da und Jochen erwartet uns schon in der Ankunftshalle. Bei strahlendem Sonnenschein und 31 Grad überqueren wir den Parkplatz, wo der grüne Landy steht. Wir verstauen das Gepäck und Heinz sieht sich neugierig um. Er traut seinen Augen kaum, als er in der Reihe hinter uns eine silbernen Wagen entdeckt, auf dessen Heck ein Nummernschild mit der Aufschrift „ADOLF-NA“ prangt. Es gibt sie also immer noch, die ewig gestrigen Deutschen Namibias. Mich wundert hier nichts mehr, allenfalls die wenig konsequente Wagenfarbe – braun wäre doch wirklich passender gewesen – aber Heinz staunt nicht schlecht. Es wird Zeit, dass er auch die schönen Seiten des Landes zu sehen bekommt!

Auf der Fahrt zur Ondekaremba Farm eröffnet uns Jochen, dass es einige Probleme mit unserem zweiten Landy, einem Mietwagen von Just done it! gibt. Von zwei Dachzelten wurde lediglich eines abmontiert und an einem Hinterrad sind die Schrauben so rundgenudelt, dass es im Notfall nicht gewechselt werden könnte. Annette und Thommy sind noch in Windhoek beim Verleiher, um diese Dinge beheben zu lassen. Das klingt zunächst zwar nicht erfreulich, aber auch nicht unlösbar. Zunächst.

Kaum kommen wir auf unserer Campsite an, eilt uns schon ein Farmangestellter mit einer Nachricht entgegen. Jochen solle sofort nach Windhoek kommen, es gäbe noch mehr Probleme. Umgehend macht er sich auf den Weg, wir hingegen werden uns in der Zwischenzeit um den Aufbau unseres Lagers und unserer 5 Zelte kümmern. Das aber ist gar nicht so einfach, denn der frühe Nachmittag ist die heißeste Zeit des Tages. Die daraus resultierende Thermik erzeugt einen strammen Wind und nur mit vereinten Kräften gelingt es uns, unsere Stoffhütten aufzustellen. Dabei kommen wir, trotz des Windes, ganz schön in Schwitzen und ich beschließe, mich nach getaner Arbeit endlich in adäquate Klamotten zu werfen. Ich löse den Gurt meiner Tasche und mache eine Entdeckung, die nichts Gutes verheißt: das Schloss fehlt und die Schlitten des Reißverschlusses sind völlig zerstört. Das ist sicher kein Transportschaden, zumal die Schlitten offenbar sorgfältig wieder unter den Gurt geschoben wurden. Beim Öffnen der Tasche bestätigt sich mein Verdacht eines mutwilligen Aufbrechens. Alles wurde offensichtlich durchwühlt und wahllos wieder zurück gestopft. Sorgfältig sichte ich meine Besitztümer und stelle erstaunt fest, dass nichts fehlt – nicht mal meine nagelneuen Turnschuhe und auch nicht meine zwei Medikamentenboxen. Fast nichts! Aus meinem Erste-Hilfe-Pack ist das Fieberthermometer verschwunden und taucht auch in den tieferen Tiefen der Tasche nicht wieder auf. Es war ein digitales Fieberthermometer, kann also nicht entfernt worden sein, weil es Quecksilber enthält, sondern es ist schlicht und einfach geklaut worden. Seltsamer Dieb, seltsame Beute, aber ich bin heilfroh, dass nicht mehr fehlt. Heinz und Jürg kontrollieren sofort ihr eigenes Gepäck – auch hier zeigen sich Spuren, die auf rüde Öffnungsversuche hindeuten, aber der jeweilige Inhalt ist vollzählig. Gott sei Dank!

Nun können wir uns erfreulicheren Dingen widmen und inspizieren die nähere Umgebung. Heinz ist gleich voll in seinem Element, als er einige Webervögel und Granatastrilde im Gebüsch hinter unserer Wasserstelle entdeckt. Die bunten Vögelchen sind recht unscheu und ihre Unbekümmertheit entlockt meinem Schneck etliche begeisterte Quiekser. Bei einer Kurzwanderung rund um die Campsite sichtet er dann auch noch blühende Lilien, von denen er mir aufgeregt berichtet. Und ich bin mindestens genauso aufgeregt wie er, aber auch sehr glücklich, dass Namibia doch so einiges in petto hat und auch preisgibt, was über „Adolf“ hinausgeht – und dass es meinem Schnüff gefällt.





Wie im Flug vergeht die Zeit und gegen 18.45 Uhr setzt die kurze afrikanische Dämmerung ein. Doch noch immer keine Spur, kein Zeichen unserer Mitreisenden. Bei uns macht sich schön langsam der Hunger bemerkbar, also durchforsten wir die Kisten im Lager. Annette war zwar heute schon einkaufen, das wissen wir, ist aber samt ihren Schätzen immer noch in Windhoek. Zwei der drei Kisten sind abgeschlossen, in der dritten finden wir lediglich abgelaufene Brühwürfel und eine Packung noch älterer Kekse. Viel ist das ja nicht... Tatkräftig entfachen wir ein Feuer (die Gasflasche ist leer), machen uns einen Topf mit Wasser heiß und füllen unsere knurrenden Mägen mit dünner Brühe und bröselnden Keksen. Trotz der Frugalität unseres Mahles und der Ungewißheit, wann und in welchen Zustand das zweite Auto mit unseren Mitreisenden hier eintreffen mag, genießen wir das prasselnde Lagerfeuer, die Stille und unsere Gespräche. Mittlerweile ist es 20 Uhr; ab und zu hören wir Motorengeräusche, sehen Scheinwerfer in der Ferne, aber unsere Hoffnung auf die Rückkehr der Restcrew will sich nicht erfüllen.

Todmüde gehen wir schließlich um halb neun zu Bett und hoffen, dass die Probleme mit dem Mietwagen nicht unsere Reisepläne über den Haufen werfen. Kaum haben wir uns gemütlich eingekuschelt, kommen die anderen endlich zurück – mit guten Nachrichten! Nach langem, zähem Ringen mit dem völlig uneinsichtigen und auch wurstigen südafrikanischen Verleiher konnte doch noch alles in Ordnung gebracht werden. Ein engagierter Mechaniker einer benachbarten Werkstatt hatte sich selbstlos ins Zeug gelegt, das zweite Dachzelt abmontiert, die rundgenudelten Schrauben aufgeschweißt, um sie öffnen zu können und alles soweit ins Lot gebracht, dass die Karre unseren Anforderungen weitestgehend entspricht. Der Vermieter selbst allerdings hatte sich schon lange aus dem Staub gemacht, weil seiner Ansicht nach ja alles passte. Prinzipiell ist die Karre nun nach unseren Vorstellungen mit einem Dachgepäckträger, zwei Reserverädern und wechselbaren Reifen ausgestattet, weist aber noch genug Macken auf, die in den folgenden Wochen noch in Erscheinung treten sollen. Der hilfsbereite Mechaniker kennt leider die Nöte der Kunden seines wurstigen Nachbarn und kann dessen Geschäftspolitik ebenso wenig verstehen wie wir.

Doch das Auto ist ja jetzt soweit ok, wir alle sind versammelt und begrüßen uns erleichtert und freudig, bevor wir über Annettes Einkäufe herfallen: bei Käsebrot und Wurst, Restbrühe und kühlem Bier lassen wir uns die ganze Geschichte erzählen, berichten von unseren Erlebnissen und gehen schließlich alle satt, müde und voller Vorfreude auf die nächsten Wochen zu Bett.

8. November 2009 - Ondekaremba Farm > Roys Camp (Grootfontein)

Gegen sieben Uhr wälzen wir uns schön langsam aus den Zelten und halten unsere Nasen in die Morgensonne. Ich habe geschlafen wie ein Stein, aber Heinz hat immer wieder den für ihn ungewohnten Geräuschen einer afrikanischen Nacht gelauscht, die er teilweise nicht zuordnen konnte. Leider bin ich ihm dahingehend auch keine Hilfe, denn ich habe absolut nichts gehört. Auch Sven hatte ein Nacht-Erlebnis: er musste aus dringenden Gründen vor's Zelt und berichtet uns von einem riesenhaften Tier, das im fahlen Mondlicht auf ihn zugestürmt war. Wir haben keine Ahnung, was er das gesehen haben mag, zumal es auf der Farm kein Großwild gibt. Ein paar Minuten später allerdings, als gerade eine Rotte von Warzenschweinen ganz in unserer Nähe vorbeisaust, deutet er wiedererkennend auf den Eber: „Sowas war das!“ Naja, riesenhaft kann man die Schweindln nicht gerade nennen, aber im Dunklen sieht so manches unheimlicher aus als es wirklich ist. Und wenigstens wissen wir jetzt, was genau Sven da erschreckt hatte.

In aller Ruhe genießen wir unser Frühstück, bevor wir zum Einräumen der Autos schreiten. Annette fragt Heinz und mich, ob wir gerne im grünen Landy mitfahren möchten. Im Vorfeld unserer Tour hatte ich mir hin und wieder Gedanken gemacht, wie das wohl mit der Aufteilung laufen würde und, ehrlich gesagt, eher damit gerechnet, dass sie Sven und Patricia fragen würden. Denn die beiden fröhlichen Rheinländer haben unbestritten ein höheres Unterhaltungspotential als Heinz und ich, die gerne mal eine Runde schweigen und genießen. Aber natürlich fahren wir gerne mit Annette und Jochen im Auto und richten uns dort auch gleich mit Sack und Pack wohnlich ein. Besonders ich – die Rücksitztasche vor meinen Knien wird sofort mit allem Notwendigen bestückt, was für mich immer greifbar sein muss: Landkarten, Bestimmungsbücher, Fernglas, Sonnencreme, Sonnenbrille – ich hasse zielloses Suchen und Wühlen, ich gebe es ja zu...

Nach dem Einrichten und Zusammenpacken machen wir noch einen Abstecher zum Farmgebäude, um die Übernachtung zu bezahlen. Auf dem Parkplatz vor den Toren des Farmhauses haben Kap-Borstenhörnchen zahlreiche Bauten gebuddelt, in die sie sich bei unserer Ankunft flugs zurückziehen. Heinz möchte die putzigen Gesellen unbedingt näher sehen und fotografieren. Zu diesem Behufe legt er sich hinter einem Steinhaufen auf die Lauer. Nicht lange und die ersten Hörnchen spitzen neugierig aus ihren Löchern. Aber so richtig fotogen wollen sie sich nicht zeigen, dazu sind sie doch ein bisschen zu scheu. Nicht weiter schlimm, versichere ich meinem Schneck, denn ich kann ihm versprechen, dass wir in der Kalahari ganz sicher noch mehr davon sehen werden.

Wir machen uns auf den Weg – unser heutiges Tagesziel ist Roys Camp in der Nähe von Grootfontein und das sind mehr als satte 500 Kilometer. Eilig durchqueren wir Windhoek City, bis wir auf der Ausfallstraße nach Norden sind und schrubben Meilen. Heinz beobachtet alles sehr aufmerksam und sammelt erste afrikanische Eindrücke, die ihn verständlicherweise noch deutlich europäisch anmuten. Nach zwei Stunden der Fahrerei machen wir ein Päuschen an einem schattigen Rastplatz links der Straße. Heinz’ kundigem Auge fällt sofort der Schattenspender auf: ein Pfefferbaum (Schinus molle), der in Afrika ganz und gar nicht heimisch ist. In seinem Geäst wächst eine weitere Pflanze, die wir als halbparasitäre Afrikanische Mistel (Tapinanthus oleifolius) identifizieren. Die Mistel hat wunderschöne rote Kelchblüten und Heinz’ Augen funkeln begehrlich: vielleicht gibt es ja schon Samen zu ernten, die er zu Hause aussäen kann... Aber nein, schade, soweit ist die Mistel noch nicht. Ohne Beute, aber mit einem Snack im Bauch, entfliehen wir dem dem heftigen, trockenen Wind der Mittagszeit, der einem Sand ins Gesicht bläst, die Haut zu gefühltem Pergament dörren lässt und setzen unseren Weg fort. Für unsere Augen ist die nächsten zwei Stunden nicht viel Abwechslung geboten. Schnurgerade durchdringt die Teerstraße verbuschtes Weideland, häßliche Zäune umgeben karges Farmland. Allein die Machart der Zäune ist ein klein wenig unterhaltsam: mal sind fünf, mal sind sechs oder sieben „Drahtspanner“ zwischen den Zaunstützen angebracht, mal ist es ein schulterhoher Rinderzaun, mal ein doppeltmannshoher Gamezaun. Ich messe auf unserem Meilenzähler mit, rechne Farmgrößen hoch und setze die Gamefarmen für Touristen ins statistische Verhältnis zu Erwerbsbetrieben rein landwirtschaftlicher Art, die offenbar immer weniger werden. Naja, das südliche Afrika erlebt seit vielen Jahren einen zunehmenden touristischen Boom und wenn ich einen Blick auf die ebenso boomenden TV-Afrika-Filmschnulzen werfe, wundert es mich nicht: Afrika ist exotisch in Flora und Fauna, es ist hip und angesagt, der gemeine Schnulzenseher macht keinen Unterschied zwischen Oryx und Okapi, zwischen Aloe arborescens und Aloe zebrina, geschweige denn Aloe dichotoma, dem allseits geschätzten und geliebten Köcherbaum. Und wenn ich namibischer Farmer in agrarischen Nöten wäre, dann würd’ ich vielleicht auch meinen Zaun aufdoppeln und Buntböcke auf meinem Gelände halten, wo sie für den Touri offenbar ohne Widerrede hingehören – nach Afrika. So, wie halt Damhirsche, Rentiere und Elche in Europa zu sehen sind...

Kilometer um Kilometer zieht sich die B1 dahin und sogar Heinz, für den alles neu ist, findet die Fahrt schön langsam recht öde. Gegen 15 Uhr erreichen wir Otjiwarongo, dessen Straßen von blühenden Flammenbäumen gesäumt sind. Das ist eine willkommene Abwechslung und zugleich ein so farbenprächtiger Anblick, dass wir einfach anhalten müssen. Zwischen den Blüten hängen bis zu 50 cm lange Schoten, die Patricias Begehren wecken. Sven nimmt Anlauf, um im Sprung eine Schote abzureißen, aber es fehlen jedes Mal ein Paar Zentimeter. Da tritt Jürg, unser „Längster“ in Aktion und mit einem Riesensatz erhascht er eine Schote für Patricia. Die wenigen Passanten und Autofahrer, die an diesem Sonntagnachmittag unterwegs sind, wunder sich sicher sehr über unser seltsames Verhalten, schließlich sind diese Baumfrüchte für sie etwas alltägliches, nicht aber für uns.
















Nach diesem erfolgreichen Beutezug setzen wir unseren Weg fort – wir müssen uns ein bisschen sputen, denn es liegen erst rund zwei Drittel der heutigen Tagesstrecke hinter uns. Also nehmen wir uns vor, nicht mehr zu stoppen, was bis kurz hinter Grootfontein auch funktioniert. Doch dort schießt plötzlich ein Polizist aus den Büschen und winkt uns mit seiner Kelle an den Fahrbahnrand. Oh, shit, wir waren zu schnell! Streng klärt und der Beamte über unser Vergehen auf, entschuldigt sich aber im selben Atemzug, dass er leider nur noch uns, nicht aber unseren genau so schnellen Vordermann erwischt hat. Das hilft uns jetzt auch nichts: 80 km/h dürfe man hier fahren, wir hatten 93 Sachen draufgehabt, so sagt der Officer. Wird schon stimmen, wenn er das sagt. Doch wir haben weder das 80er Schild gesehen noch können wir das mit der Geschwindigkeit präzise nachvollziehen – unser Tacho nämlich zeigt Meilen an. Wir müssen zahlen, aber immerhin kommen wir glimpflich davon. 100 Nam-Dollar kosten die 13 km/h zuviel, noch zwei mehr, und wir hätten das doppelte löhnen dürfen. Während Jochen brav bezahlt, winkt ein Polizeikollege einen weiteren Fahrer heraus. Der ist über 30 km/h zu schnell gewesen und muss dafür eine Nacht in den Knast. Der arme Kerl, der offenbar auf Business-Fahrt ist, wird ganz blass um seine schwarze Nase, fügt sich aber notgedrungen seinem Schicksal und wir sind heilfroh, dass uns das nicht ereilt hat.

Vorschriftsmäßig bringen wir die letzten Kilometer bis Roys Camp hinter uns, wo wir einen Rasenplatz zugewiesen bekommen. Rasen!!! Irgendwie ein bisschen übertrieben in dieser Trockenheit, aber es fühlt sich gut an. Wir bauen unsere Zelte auf; aus den Augenwinkeln sehe ich, wie wir feindselig von unseren Campnachbarn beäugt werden. Und wenn ich mir unsere Gruppe so ansehe, wird mit auch klar, warum: wir sind zu acht, haben fünf Zelte und sehen wohl nach Lärm aus. Ein ungewohntes Gefühl, so angesehen zu werden, aber ich kann es ein wenig verstehen. Schließlich habe ich ähnlich Gedanken und gerunzelte Brauen, wenn ich einer Overlander-Gruppe ansichtig werde...

Wir sind zwar keine Overlander, lassen uns aber trotzdem gemütlich mit einem verdachtverstärkenden Bierchen auf dem Rasen zu einem Ankunfts-Sundowner nieder, bevor wir Körperpflege und Essensvorbereitungen in Angriff nehmen. Als ich aus der Dusche komme, habe ich das unangenehme Gefühl, fast zu erfrieren. Die Luft ist so trocken, dass das Wasser auf meiner Haut in Sekundenschnelle verdunstet; die entstehende Kälte läßt mich frösteln – bei immer noch mindestens 25 Grad! Auch meine Haare trocknen schneller, als irgend ein Turbofön das leisten könnte und fühlen sich an wie altes Stroh. Bald kommen wir ja in feuchtere Gefilde, tröste ich mich und kehre knistertrocken zu unserer Truppe zurück. Hier wird bereits eifrig gezündelt, geschnibbelt und mariniert. Bald darauf gibt es Abendessen, das wir in geselliger Runde – unter den bösen Blicken unserer Nachbarn – genüßlich einnehmen. Ein Bierchen noch zum Abschluß, dann gehen wir alle, bis auf Sven, Annette und Jochen, gegen 22 Uhr schlafen. Die drei unterhalten sich leise weiter, ansonsten ist alles still. Mann, denke ich mir noch beim Einschlafen, sind wir brav und, liebe Nachbarn, ihr habt umsonst grimmig gekuckt.

9. November 2009 - Roys Camp (Grootfontein) > Popa Falls Community Camp (Divundu)

Das lachende Wiehern von Zebras weckt uns und Heinz murmelt schlaftrunken neben mir: „Das war’s, was ich auf der Ondekaremba Farm gehört habe!“ Dieses Rätsel also wäre gelöst und wir schälen uns voller Tatendrang aus unseren Schlafsäcken. Annette ist schon ein Weilchen wach und hat bereits das Geschirr von gestern Abend gespült. Wir winken uns zu und ich marschiere erst mal Richtung Ablution Block. Dort steht die Nachbarsfrau am Waschbecken, sieht mich verächtlich an und ignoriert meinen Morgengruß. Seltsam! Zurück im Lager, klärt Annette mich auf: die Dame kam sich gestern Abend, 15 Minuten nach unserem Abgang, noch beschweren – über den unerträglichen Lärm, den wir verbreiten würden. Seit 21 Uhr versuchten sie und ihr Mann zu schlafen, würden aber kein Auge zubekommen, weil wir ja unbedingt Party feiern müssten. Annette entschuldigte sich natürlich um des lieben Friedens willen, aber wir blieben weiterhin in Ungnade. Beim morgendlichen Spülen traf Annette dann eine andere Nachbarin und fragte nach, ob wir wirklich so gelärmt hätten. Nein, wir wären extrem leise gewesen, bescheinigte uns die Dame, es gäbe nicht den geringsten Grund zur Beschwerde. Na also! Die beiden Frauen kamen ins Plaudern, tauschten Reiseerlebnisse und weitere Planungen aus und die freundliche Nachbarin warnte Annette angesichts unseres bevorstehenden Chobe-Besuchs. Sie und ihr Mann waren vor einer Woche dort, aber leider sei der Park aufgrund heftiger Regenfälle geschlossen gewesen. Das sind ja tolle Nachrichten! Doch wir werden sehen, schließlich kommen wir erst in zwei Tagen dort an und es kann sich in der Zwischenzeit viel verändert haben – hoffentlich zum Guten.

Nach dem Frühstück packen wir in aller Ruhe zusammen und während Patricia und ich noch rasch die Grillroste schrubben, geht Heinz auf Beutezug. Überall tummeln sich exotische Vögel, die ihn vor Begeisterung strahlen lassen und zudem wachsen auf dem Campgelände auch noch Makalanipalmen (Hyphaene petersiana), die gerade reife Nüsse abwerfen. Mit roten Bäckchen, einem Sack voller Palmnüsse und seligem Grinsen kehrt Heinz zurück und ich freue mich so zu sehen, dass es ihm offenbar richtig gut gefällt und er ornithologisch und botanisch auf seine Kosten kommt. Sorgfältig werden die Kostbarkeiten verstaut und wir machen uns auf den Weg. Heute geht es ins Popa Falls Community Camp nahe Divundu, das ist nicht ganz so weit wie die gestrige Strecke, doch recht abwechslungsreich wird sie wohl auch heute nicht werden.

Und tatsächlich: auf schnurgerader Teerstraße geht es dahin, ich spiele mein altes Farmzaun-Spiel und wir freuen uns über jede Kuh und jeden Esel, der am Fahrbahnrand steht. Und da sind auch noch andere Tiere, riesige „Flugobjekte“, die wie betrunken durch die Luft torkeln und häßliche Flecken machen, wenn sie dummerweise gegen die Windschutzscheibe knallen. Diesem Phänomen gehen wir bei der nächsten Pinkelpause auf den Grund: es sind Pillendreher, die überall auf der Straße sitzen und Herbivoren-Kot zu perfekten Kugeln formen, die sie dann rasch mit den Hinterbeinen in Sicherheit rollern. Wenn man sich den Käfern nähert, nehmen sie einen abwehrend ins Visier, erheben sich mit lautem Gebrumm in die Luft und flüchten. Nicht selten prallen sie einem dabei direkt ans Bein und fallen füßchenrudernd auf den Boden zurück. Nähert sich hingegen ein Auto – viel zu schnell für Wahrnehmung der etwas retardierten Käfer – bleiben sie sitzen und werden meist Opfer der Reifen. Eine ganze Weile beobachten wir die Skarabäen bei ihrem emsigen Treiben. Besonders hübsch sind sie ja nicht, mit ihren kotverklebten, mattbraunen Chitinpanzern und ihrer wenig anmutigen Gestalt. Aber die Leistung, die sie vollbringen ist schon beachtlich. Ihre Mistkugeln sind teilweise dreimal so groß wie sie selbst und auf dem glatten Teer schon schwer zu bewegen. Erreichen sie aber dann endlich die mit trockenem Gras bewachsene Straßenböschung, geht die Knochenarbeit erst richtig los. Doch die Dung Beetles legen sich mit aller Macht ins Zeug und lassen sich nicht beirren.

Um eine schöne Tierbeobachtung reicher, klettern wir wieder in die Autos und fahren weiter. Aber schon nach ein paar Kilometern legt Jochen eine Vollbremsung hin, wendet den Landy und hält neben einem kleinen grünen Chamäleon. Vorsichtig pflückt er es von der Straße, um es in einen sicheren Busch am Straßenrand zu setzen. Doch Moment, erst mal muss es uns Modell stehen, das kleine Echslein mit den flinken Augen. Es ist grasgrün und scheint sich auf Jochens Hand recht wohl zu fühlen. Sven will es ebenfalls einmal halten, aber diesen Wechsel findet das Tierchen offenbar ziemlich stressig – sofort bekommt es schwarze Flecken und flüchtet sich auf Svens Schulter. Auch bei mir will es nicht bleiben, erst als Heinz es nimmt, beruhigt sich der kleine Kerl und färbt sich schnell wieder grün. Ich sehe mir das Chamäleon ganz genau aus der Nähe an, als es ruckelnd ein Greifärmchen nach vorne streckt und mir kurzerhand auf die Nase klettert. Über Brille und die Stirne bahnt es sich zielstrebig seinen Weg in meine Haare, wo es sich sofort verheddert und erneut Stressflecken bekommt. Vorsichtig nestelt Heinz das Tierchen aus meinem Haarwald, was mit empörtem Fauchen quittiert wird und setzt es in einer Pflanze ab, wo es sich beruhigt und mit lebhaft rotierenden Augen vorsichtig zwischen den Blättern hervorlugt. Jetzt, wo es gut getarnt in Sicherheit ist, können wir ja weiterfahren. Eine ganze Weile noch fühle ich den Weg, den es über mein Gesicht genommen hat: es ist, als ob vier winzige Nassrasierer-Köpfchen über meine Haut gefahren wären. Es tut nicht weh, überhaupt nicht, aber es ist ein seltsames Gefühl...

Je weiter wir uns nun Rundu nähern, desto offener wird das Land. Nicht etwa, weil das Buschwerk lichter würde, sondern weil es kaum noch Zäune gibt. Dafür sieht man immer mehr Ansiedlungen, kleine strohgedeckt Rundhütten und auch Menschen – wir kommen schön langsam in den „schwarzen“ Teil Namibias! In Rundu halten wir für einen Einkauf vor dem örtlichen Supermarkt und Heinz bekommt einen ersten Eindruck afrikanischen Treibens: bunt gekleidete Frauen balancieren Waren auf ihren Köpfen, schleppen in Tüchern friedlich schlafende Säuglinge mit sich herum, zerren Kleinkinder hinter sich her. Aus jedem der umliegenden Geschäfte dröhnt Musik oder lautstarke Verkaufsanimation – die Lautsprecher scheppern blechern, machen ihrem Namen alle Ehre. Mit Neugier und gebührendem Respekt fotografiert Heinz in die Runde und saugt alles in sich auf – staunend und vielleicht auch etwas befremdet. Befremdet von unserer Vorsicht; denn wir haben fast automatisch unsere Autofenster hochgekurbelt, die Türen verriegelt und lassen die Landys nicht aus den Augen, obwohl wir keinen Meter davon wegstehen. Befremdet auch von der winzigen Bushman-Frau mit ihrem noch winzigeren Baby auf dem Rücken, die uns mit trüben, hoffnungslosen Augen anblickt und gebetsmühlenartig ihre Bitten um Geld und Essen herunterleiert. Auch mich nimmt so ein Anblick immer wieder mit. Menschen, die seit Urzeiten hier ansäßig sind, über ein unerschöpfliches Wissen über die Pflanzen und Tiere dieser unwirtlichen Klimaregion verfügen, werden entwurzelt, ihres Landes beraubt, verachtet. Und dann sieht man sie hier, in Käffern wie Rundu – verdreckt, in zerlumpten westlichen Klamotten, ohne Hoffnung, innerlich abgestorben. Es ist so bitter, was Menschen anderen antun! Wenn es keine Menschen gäbe, ginge es der Welt sicher besser, denn wir werden nie einen Weg zueinander, geschweige denn zur Natur finden, selbst wenn wir es uns hin und wieder einbilden.












In diesem Sinne setzen wir unseren Weg fort, natürlich ausgestattet mit allem Komfort, den Menschen unseres Kulturkreises für nötig erachten – der Natur entgegen, so wie wir sie halt gerne genießen und erfassen möchten. Wir sind eben auch nur Menschen... Und in meinem Menschsein freue ich mich, dass ich jemanden wie Heinz gefunden habe, mit ihm und anderen unterwegs sein und die Welt erkunden kann. Das eintönige Motorengeräusch brummt mich aus meinen kritischen Gedanken, am Fahrbahnrand drängen sich kleine gelbe Kugeln in mein Blickfeld. Auch die anderen haben sie bemerkt und zunächst gehen wir davon aus, dass hier wohl gerade Tsamma-Melonen ihre Überreife erreicht haben, denn es sind keine grünen Ranken zu entdecken. Doch immer öfter sehen wir jetzt Gefäße, in denen diese Kugeln, zu kleinen Pyramiden getürmt, zum Verkauf dargeboten werden. Bei der nächsten Schüssel halten wir an und sehen uns nach den dazugehörigen Verkäufern um. Schon kommen einige Kinder aus dem Busch geschossen, ihnen folgt in gemächlichen Schritten ein Mann, der unsere Neugier befriedigt. Das seien Baboki – mhm lecker. Er greift sich eine Frucht, öffnet sie mit wenigen gekonnten Messerhieben und lutscht genüßlich augenrollend auf einem Klumpen des wenig appetitlich aussehenden, schmutziggelben, gehirnartigen Fruchtfleisches herum. Mit einem lauten „Plöpp“ spuckt er die Reste dann auf den Boden. Annette kauft ihm kurzentschlossen zwei der angeblich so schmackhaften Früchte ab – wir werden sie als Abenddessert verkosten. Bei der Weiterfahrt versuchen wir, die Früchte botanisch korrekt zuzuordnen. Es ist eindeutig eine Strychnos-Frucht, präzise gesagt Strychnos madagascariensis (Black Monkey Orange). Wir sind alle schon sehr gespannt, wie das Zeug schmeckt, Heinz freut sich auf die Samen und ich mich noch mehr auf die harte Fruchtschale. Das könnte ein nettes Behältnis für ein Teelicht werden!

Doch erst mal sind wieder Kilometer angesagt, bis wir frühnachmittags eine Snackpause an einem staubig-schattigen Rastplatz einlegen. Auch hier liegen zuhauf geköpfte Baboki-Schalen und ausgespuckte Kerne herum – es scheint wirklich eine sehr beliebte Saisonfrucht zu sein. Ein kleiner Pinkel-Ausflug in die nähere Botanik fördert noch mehr Preziosen der Natur zutage: überall sind reife Samen von Zambezi Teak (Baikiaea plurijuga), Wild Teak (Pterocarpus angolensis), False Mopane oder Copalwood (Guibourtia coleosperma) und Manketti Trees (Schinziophyton rautanenii) zu finden. Wir sammeln und bestimmen mit solcher Begeisterung, dass wir kaum zum essen kommen und Heinz’ Sämereienkollektion erneut beträchtlich aufgestockt wird. Halbwegs gestärkt und voll botanischem Enthusiasmus setzen wir unseren Weg auf der glühend heißen, fast schattenlosen Straße in Richtung Popa Falls fort. Schattenlos, ja, doch allmählich türmen sich immer mehr Wolken am Horizont, sehen sehr nach Gewitter aus und lenken unsere Gedanken wieder sorgenvoll dem angeblich gesperrten Chobe NP entgegen. Da müssen wir heute Abend wohl Alternativen erwägen. Kurz darauf passieren wir tatsächlich ein kleines Regengebiet, die Luft riecht frisch und erdig, danach glüht die Sonne wieder ungetrübt vom Himmel und es ist noch heißer als vorher.

Schwitzend, klebend und gut durchmariniert kommen wir gegen 16 Uhr in Divundu an, wo wir ursprünglich in der Mahangu Safari Lodge übernachten wollten, letztendlich aber doch das Popa Falls Community Camp vorzogen, das Annette und Jochen bereits als sehr schön und recht einsam kennengelernt hatten. Dass es einsam und wenig besucht ist, muss nicht verwundern, ist es doch recht schwer zu finden. Weit und breit existiert kein Hinweisschild und wenn die beiden nicht genau wüßten, wo man abbiegen muss, man könnte auch zehnmal an der Abzweigung vorbeifahren und würde sie trotzdem nicht entdecken. Zwischen zwei heruntergekommenen Häusern führen kaum erkennbare Reifenspuren – Straße kann man das nicht nennen – über ein staubiges Feld, vorbei an containerartigen Baracken bis hin zu einem Gelände, das ganz offensichtlich ein Knast ist. Mehr oder weniger schwere Jungs lungern im Schatten spärlicher Bäume gelangweilt herum, spielen bei der Gluthitze Fußball oder hängen neugierig winkend am hohen Stacheldrahtzaun. Spätestens hier würde man wahrscheinlich wieder wenden, aber wir wissen ja, dass es der richtige Weg ist. Eine Weile geht es noch durch dichten Busch, Zweige schrappen am Auto entlang und dann sind wir da. Freundlich werden wir von einem Campangestellten empfangen und dürfen uns eine der 4 Campsites aussuchen. Annette und Jochen wählen Site 3, der ihnen letztes Jahr als der schönste erschien. Und in der Tat, das ist er! Üppige tropische Vegetation beschattet einen großzügigen Platz, es gibt eine überdachte Spül- und Kochzeile, ein platzeigenes Klo- und Duschhäuschen und eine wirklich spatiöse hölzerne Flussterrasse.

Aus allen Poren triefend errichten wir unser Lager und lassen uns dann gemütlich auf unserer Terrasse nieder. Leise raschelt Papyrus im lauen Wind, kleine Schwärme von Blutschnabelwebern ziehen malerisch an noch pittoreskeren Wolken vorbei, der Kavango gluckert, Ibisse krächzen und wir genießen die Zeit bis zum Sonnenuntergang. Auf einmal marschieren Menschen, offensichtlich Touris – im Gänsemarsch über unseren Platz, grüßen recht zurückhaltend und verschwinden auf der anderen Seite im Gebüsch. Ein kurzer Blick durchs Buschwerk auf den Nachbarplatz bringt Aufklärung: es ist eine Reisegruppe, die mit Bushways, einem botswanischen Veranstalter unterwegs ist und offenbar noch eine kurze Wanderung zu den Popa Falls macht. Also keine Overlander, Glück gehabt, aber das hätte hier an diesem Ort auch sehr verwundert. Beruhigt wenden wir uns dem einsetzenden Sonnenuntergang zu, der aber trotz der markanten Wolken recht unspektakulär ausfällt. Dafür beginnen die Frösche mit ihrem Konzert und wir mit der Zubereitung des Abendessens, welches wir uns wenig später in dieser exquisiten Atmosphäre doppelt munden lassen. Und dann geht es der Baboki an den Kragen. Heinz köpft die steinharte Frucht gekonnt mit dem Leatherman und schiebt sich unerschrocken ein paar der fruchtfleischummantelten Kerne in den Mund. „Mhm, lecker!“, mümmelt er zwischen den Kernen hervor und hält uns an, doch auch zu probieren. Etwas zögerlich – das Zeug sieht echt nicht appetitlich aus – kosten wir alle und ich bin wirklich erstaunt, wie gut es schmeckt. Zwar ist das Fruchtfleisch recht faserig und auch spärlich, gibt aber beim Lutschen einen mango-limettenartigen Geschmack ab, sehr saftig und fruchtig.

An den Kernen saugend und knabbernd, nehmen wir endlich das Thema Chobe in Angriff. Annette und Jochen haben sich den ganzen Tag Gedanken über mögliche Alternativrouten gemacht, die Annette uns nun in allen Einzelheiten darlegt. Es gibt einige Möglichkeiten, den Chobe zu umfahren, jede Alternative hat so ihre Vor- und Nachteile, birgt ihre Risiken und Ungewissheiten. Ungewiss ist aber auch nach wie vor, ob der Chobe NP nun gesperrt ist oder nicht. Mensch, wir haben doch einen botswanischen Tourguide als Nachbarn! Warum nicht den erst fragen, bevor wir uns hier die Köpfe heiß diskutieren? Gesagt, getan. Der Guide ist recht erstaunt ob unserer Frage, denn der Chobe ist uneingeschränkt befahrbar und von einer Sperrung in den vergangenen zwei Wochen ist ihm absolut nichts bekannt. Keine Ahnung, welcher Fehlinformation unsere nette Nachbarin da auf den Leim gegangen ist; wir sind jedenfalls heilfroh, dass wir planmäßig weiterfahren können. Entspannt lassen wir den Abend auf der Flussterrasse ausklingen, kriechen dann in unsere Zelte, die allesamt kleine Saunahäuschen sind und marinieren dem nächsten Morgen entgegen.

10. November 2009 - Popa Falls Community Camp > Mahango NP > Camp Kwando nahe Kongola

Früh raus aus den Federn ist heute angesagt, wollen wir doch vor unserer Weiterfahrt noch den nahe gelegenen Mahango NP besuchen. Das Aufstehen fällt mir nicht schwer, vielmehr flüchte ich fast aus dem Zelt, denn die Nacht war unerträglich schwül und alles klebt an mir. Zumindest eine kleine Erfrischungs-Katzenwäsche täte jetzt Not, aber am Waschhaus kommt mir Tommi seufzend entgegen – kein Wasser! Wie auch schon gestern Abend, doch da dachten wir noch, die Pumpe sei über Nacht abgeschaltet worden. Verschwitzt und ungewaschen trinken wir rasch ein wenig Tee und knabbern Kekse, bevor wir aufbrechen. Noch ist der Fahrtwind kühl und erfrischend, doch die Strecke zum Mahango Gate ist kurz und als wir dort ankommen, ist die Sonne schon wieder ganz am Horizont erschienen. Ein neuer, schwül-heißer Tag beginnt und trotz der frühen Stunde ist auf den ersten Kilometern nicht viel los, der Park wirkt wie ausgestorben. Wir biegen zu einer kleinen Lagune ab, an der sich in weiter Ferne zahlreiche Wasservögel tummeln. Eine Paviangruppe hängt geradezu lasziv in einem abgestorbenen Baum herum, nur die Kleinsten turnen schon voller Energie. Eine Weile beobachten wir die Affen bei ihrem wohligen Morgensonnenbad, dann fahren wir auf den Hauptweg zurück.











In ziemlicher Nähe kreisen dort einige Geier, Aasgeruch hängt in der Luft, aber egal welchen Weg wir nehmen, wir kommen der Sache nicht näher. Dafür entdecken wir unzählige Tausendfüßler beachtlicher Größe, die wir uns im Schutz unserer Autos näher ansehen. Schön sind sie, wie braun-schwarze, glänzende Bleistifte, mit sich in Wellen bewegenden, kastanienfarbenen Beinchen. Auch ein Spähtrupp tiefschwarzer Matabele-Ameisen ist schon unterwegs, ihre Chitinpanzer blitzen wie frisch poliert im Morgenlicht. Hinter uns ist inzwischen ein weiteres Auto herangefahren, der Fahrer will wissen, was wir da gesichtet haben. „We are here for birding!“, tut er unsere Millipeden verächtlich ab und fährt mit seiner Truppe ungerührt weiter. Na dann viel Spaß, ihr Scheuklappen-Ornithologen. Ich kann ja spezielle Interessen gut verstehen, aber wenn man derart fixiert ist, entgeht einem doch so einiges. Zum Beispiel der idyllische Seerosenteich, an dessen Ufer ganze Felder winzigen Rainfarns wachsen, sich prachtvolle Schmetterlinge und schillernde Libellen tummeln. Oder die mächtigen Baobabs, die nicht nur Laub tragen, sondern auch in voller Blüte stehen. Über all diese kleinen Beobachtungen verfliegt die Zeit und wir müssen schön langsam wieder Richtung Camp. Auf dem Rückweg zeigen sich auf einmal auch größere Tiere: eine Zebraherde, Pukus, einige Hartebeests und zu Patricias Entzücken auch die ersten Elefanten dieses Urlaubs.












Zufrieden kehren wir in voller Mittagshitze ins Lager zurück. Jetzt eine Dusche, danach ausgiebig Frühstücken und dann weiter! Doch die Dusche geht immer noch nicht… Klebrig füllen wir unsere Mägen und bauen danach ab. Jürg kann’s nicht glauben und testet abermals den Wasserhahn – er läuft! Leider etwas zu spät, denn wir müssen nun wirklich los. Kurz noch die Hände gewaschen, ein Schwapps kühles Wasser ins Gesicht und schon sind wir wieder on the road. Kilometer um Kilometer zieht sich die Strecke durch den menschenleeren östlichen Teil des Caprivi, die Augen haben wenig Abwechslung, nur die sich mehrenden Wolken verändern sich permanent. Nette Schäfchenwolken platten sich auf der Unterseite zunehmend ab, formieren sich zu hoch aufragenden Türmen und zeigen damit deutlich ihr Gewitterpotential. Minütlich wird es bedeckter, die Luft knistert förmlich, aber uns erwischt glücklicherweise nur ein kleiner Ausläufer eines mächtigen Gewitters. Glücklicherweise, denn das Dachfenster des grünen Landys ist undicht und muss erst noch abgeklebt werden. Der kurze Regenschauer dringt nicht ins Auto, bringt aber auch keine Abkühlung, im Gegenteil. Die Straße dampft und dunstet schwülfeuchte Schwaden aus, die uns den Schweiß auf die Stirne treiben.

Obwohl schon seit mindestens einer Stunde Elefanten-Warnschilder am Straßenrand zu sehen sind und sich auch die Droppings der Dickhäuter mehren – erspäht haben wir noch keinen einzigen der Rüsselträger. Doch plötzlich, als wir ein kleines Sumpfgebiet überqueren, da sehen wir sie: zwei Caprivi-Elefanten, die zum Trinken durch hohes Schilf vorsichtig ans Wasser kommen. Begeistert sind die zwei Bullen nicht von uns stoppenden Menschen, aber die Distanz scheint doch groß genug, so dass sie sich schließlich ganz aus dem Schilf wagen. Eine ganze Weile beobachten wir die trinkenden und badenden Elefanten, freuen uns an dem zahlreichen Federvieh, das die Wasseroberfläche der Tümpel und umliegenden Bäume bevölkert: Witwenpfeifgänse, Ibisse, Klaffschnäbel, Jacanas und ein Schreiseeadler, der immer wieder seinen charakteristischen Ruf ertönen läßt. Ein richtiges Paradies ist das hier, direkt an der Straße!

Doch Letztere ruft schon wieder, wir trennen uns von Klein-Eden und erreichen nachmittags Camp Kwando, unser heutiges Nachtquartier. Während Annette eincheckt, vertreiben wir uns die Zeit mit der Beobachtung eines kleinen Wildbienenschwarms, der gerade emsig Waben auf einem Blatt baut. Winzig sind diese Bienchen, aber durch das Zoom erscheinen sie wie großköpfige Aliens. Bald kehrt Annette zurück – angemeldet sind wir, aber leider ist es für die vorgesehene Sundownerfahrt auf dem Kwando schon zu spät. Schade, da haben wir uns wohl vertrödelt! Eine Sonnenaufgangsfahrt morgen Früh ist uns auch nicht vergönnt, denn das campeigene Boot ist bereits verplant. Nun ja, jetzt suchen wir uns erst mal ein Plätzchen für unsere Zelte, dann sehen wir weiter.

Wir biegen vom Parkplatz Richtung Campground und sind nicht wirklich angetan von dem, was wir da sehen: der an sich große, schattige Platz ist rappelvoll und wir finden gerade noch so ein Fleckchen, das für unsere fünf Zelte ausreicht. Doch was soll’s, es ist ja nur für eine Nacht. Unter den beobachtenden Augen zahlreicher Nachbarn befreien wir den Rasengrund von stacheligen Akazienzweigen, errichten unser Lager und möchten dann gerne duschen. Doch Schicht-Showern ist angesagt, denn für all die Menschen hier gibt es nur je zwei Männlein- und zwei Weiblein-duschen und die sind natürlich alle besetzt. Annette und ich beobachten das relativ weit entfernte Waschhaus und stürmen los, als die Damenabteilung zwei frisch gewaschene Frauen ausspuckt. Beim Öffnen der Tür des Reinigungstempels klingt uns geschäftiges Rauschen entgegen: besetzt! Aber jetzt sind wir schon mal da, also warten wir vor Ort. Mann, das dauert! Apropos Mann: aus der durch einen Vorhang abgetrennten Zweierduschkabine tönt eindeutig eine Männerstimme hervor. Aha?! Nach zwanzig langen Minuten endlich wird das Wasser abgestellt, die Herrschaften trocknen, cremen, plaudern angeregt, in aller Seelenruhe, lassen sich Zeit, bis schließlich doch noch der Vorhang aufgeht. Und tatsächlich, eine Frau und ein Mann, die uns frisch geduscht freundlich zunicken. „Hello Ladies“, sage ich, „did you enjoy the Ladies’ shower?“ „Uch, Ladies? Oh, so sorry, we didn’t see a sign.“ Sprechen es und rauschen zur Tür hinaus, auf der deutlich sichtbar ein sehr eindeutiges Schild prangt. Nun aber nix wie unter die Dusche, bevor die nächsten Damen, die sich bereits dem Waschhaus nähern, noch an uns vorbeizischen und wir wieder warten müssen.












Ach, ist das herrlich; endlich nicht mehr kleben! Taufrisch wie der junge Morgen kehren wir zu unserem Platz zurück. Jürg, Tommi, Jochen und Sven genießen den lauen Abend im kleinen Pool gleich nebenan und wir, der Rest der Truppe, machen uns langsam an die Zubereitung des Abendessens – heute gibt es Bobotie, einen südafrikanischen Hackfleisch-Auflauf. Heinz, der gerne kocht und immer offen für neue Gerichte ist, schnibbelt, rührt und brutzelt voller Hingabe. Dass laut Rezept ein ganzes Päckchen Rosinen in die Hackfleischmasse gemengt werden soll, dämpft allerdings seine Vorfreude ein wenig, denn auf Früchte in pikantem Essen steht er so gar nicht. Dennoch tut er, wenn auch sehr skeptisch, was das Rezept sagt und bald wandert der Auflauf im Potije ins Lagerfeuer. Während das Bobotie langsam vor sich hin gart, diskutieren wir in kompletter Runde das Programm für morgen Vormittag. Eigentlich war ja ein Dorfschulbesuch vorgesehen, aber bis auf Jürg und Annette verspürt keiner so rechte Lust darauf. Jochens Vorschlag, doch den nahe gelegenen Mudumu NP statt dessen zu besuchen, wird vom Rest der Truppe begeistert angenommen – der optimale Ausgleich für die entgangene Bootsfahrt! Alle sind zufrieden – und hungrig.

Gerade rechtzeitig ist der Auflauf fertig und wir stürzen uns freudig auf das herrlich duftende Essen. Auch Heinz kostet ganz vorsichtig und ist entgegen seiner Erwartungen über die Maßen angetan; das muss zuhause sofort nachgekocht werden! Genüßlich lassen wir uns die Köstlichkeit schmecken und es könnte der perfekte Abend sein, würden nicht schön langsam die Mücken recht zudringlich. Also gehe zum Zelt, um mein Repellent zu holen, widerwillig, denn eigentlich möchte ich nicht schon wieder etwas Klebriges auf der Haut haben. Ich will gerade den Reißverschluss öffnen, als mir direkt über dem Zelteingang ein kleiner dunkler Fleck auffällt. Bei näherem Hinsehen entpuppt er sich als Spinne, die sich auch gerade ihr Dinner munden lässt. Schlaff hängt eine rötliche Raupe zwischen ihren Kieferzangen, wird bis auf den letzten Tropfen ausgesaugt. Die Augen der Spinne leuchten im Licht meiner Taschenlampe wie zwei funkelnde Steinchen – sie läßt sich nicht im geringsten bei ihrer Mahlzeit stören. Vorsichtig ziehe ich den Reißverschluss auf, greife mir die Mückenschmiere und gleich noch meine Kamera. Ich rufe die anderen herbei und gemeinsam leuchten wir den geduldigen Achtbeiner so aus, dass jedem von uns ein gutes Foto ohne zu harten Schattenwurf gelingt und ich muss wieder mal feststellen, dass mich solche „Kleinigkeiten“ zunehmend begeistern. Beglückt schicke ich mich an, meine Kamera wieder zu verstauen, als Patricia mich fragt, ob ich eigentlich auch den Frosch in der Damendusche gesehen hätte. Frosch? Nein, ich habe keinen gesehen. Aber kein Wunder, bin ich doch ohne Brille blind wie ein Maulwurf. Ob der wohl noch da ist? Auch Sven ist sofort Feuer und Flamme und wir ziehen zu dritt los.

Patricia und ich checken die Lage im Damenwaschhaus, aus dem uns gerade wieder ein Pärchen entgegenkommt, kamerabewaffnet weisen sie uns auf den Frosch hin. Aha, das hat sich also schon herum gesprochen. Und da sitzt er, ganz hinten im Eck, bräunlich mit sandfarbenen Flecken und roten Beinchen. Auch er läßt sich geduldig ablichten. So, dann können wir ja jetzt wieder zurück gehen. Aber nein, halt, wenn ich schon da bin, dann geh ich gleich noch auf’s Klo. Ich sitze gerade auf dem Topf, Patricia und Sven haben mich für mein Bedürfnis alleine gelassen, als jemand das Waschhaus betritt. Schritte klacken über den Fliesenboden, bleiben vor meiner Tür stehen, gehen wieder zurück. Dann ruft eine Frauenstimme: „No, wait, there’s still somebody in here.“ Ah, kombiniere ich, da will wohl noch jemand den Frosch fotografieren und informiere die Stimme, dass sie ruhig hereinkommen könnten, es würde mich nicht stören. Keine Reaktion, keine Antwort. Komisch. Als ich fertig bin und die Klotüre öffne, sehe ich eine junge Schwarze mit verschränkten Armen vor den Waschbecken stehen. Sie ist extrem auffällig geschminkt, steckt in einem hautengen, knappen Kleidchen und gewagten Plateau-Highheels. Statt meinen Gruß zu erwidern, sieht sie mich nur feindselig an. Vor der Tür warten zwei junge Herren, die keine Kamera dabei haben und auch nicht aussehen, als wollten sie fotografieren. Sie ignorieren ebenfalls meinen Abendgruß. Kaum habe ich das Waschhaus verlassen, stürmen die beiden hinein, die Eingangstüre wird mit einem vernehmlichen Klack von innen verriegelt. Na dann viel Spaß und vergeßt die Kondome nicht!

Zurück am Platz erzähle ich von meinem Erlebnis und auch die anderen finden das ganze reichlich befremdlich. Zumal eine halbe Stunde später die Lady alleine an uns vorbeistöckelt und Richtung Campground-Ausgang verschwindet. Die beiden Herren sind nirgendwo zu sehen. Es geht uns ja nichts an, macht aber den Platz nicht unbedingt sympathischer... Trotzdem oder gerade deswegen lassen wir den Abend noch gemütlich plauschend ausklingen, bevor wir müde in die Federn kriechen und uns von den Fröschen den nahen Kwando in den Schlaf quaken lassen.

11. November 2009 - Camp Kwando > Mudumu NP > Chobe NP/Ihaha

Kurz vor Sonnenaufgang schälen wir uns alle aus den Zelten, frühstücken schnell, räumen die Zelte aus, dann machen Jochen, Tommi, Sven, Patricia, Heinz und ich uns auf den Weg in den Mudumu NP. Jürg und Annette werden für ihren Schulbesuch erst gegen 8 Uhr abgeholt und sind bis dahin für den Lagerabbau zuständig. Kein schlechtes Gefühl – unterwegs zum Morning Drive ohne später noch groß rumräumen zu müssen. Gegen 7.00 Uhr kurven wir durch die Parkeingangsschranke und kommen kurz darauf im Rangercamp an, wo wir gerne unseren Tagesbesuch anmelden möchten. Doch das Büro ist verschlossen, niemand zu sehen. Wir vertrauen auf den tuckernden Lärm unserer Landys bei der Ankunft, der sicher einen Ranger aus Morpheus Armen gerissen hat. Inzwischen sehen wir uns etwas um. Das umzäunte Ranger Camp ist von frisch austreibenden Mopanebüschen umgeben, aus denen bereits zu dieser frühen Stunde infernalischer Lärm hervorsirrt. Das müssen abertausende von Zikaden sein! Ihr Gesang bringt das Trommelfell auf einer Frequenz zum Vibrieren, die fast schmerzhaft ist. Die Meerkatzen allerdings, die sich neugierig turnend in einem höheren Baum herumtreiben, scheint das nicht zu stören, bringen aber dafür Tommis Adrenalinspiegel für Sekunden auf Hochtouren. Er sieht den langen Schwanz eines Affen aus dem Laub hängen und hält den grauen Schlauch für das hintere Ende eines Leoparden. Doch als er sich flugs die Augen reibt, stellt er seinen Irrtum fest – das wären erstaunlich viele und zudem noch extrem agile Raubkatzen. Schade, das wär’s jetzt gewesen!

Dafür aber nähert sich federnden Schrittes ein khakigewandeter Parkangestellter, der sich auch die Augen reibt – ein wenig schlaftrunken – als er die Tür zum Office aufschließt. Jochen verschwindet mit ihm im Büro, während wir weiter das Gelände inspizieren. Heinz stiefelt auf einmal zielstrebig los, auf die andere Seite des umzäunten Platzes. Seine scharfen Augen haben etwas erspäht, was so recht nach seinem Geschmack ist: einen Gelbschnabeltoko, der immer wieder fütternderweise eine Bruthöhle anfliegt. Heinz findet den mit Schlamm zugemauerten Spalt und legt sich auf die Lauer, doch der Toko mißtraut der Situation und stellt seine Anflüge ein. Um den Vogel nicht weiter zu stören, schießt Heinz nur noch schnell ein Dokumentarfoto und entfernt sich dann rücksichtsvoll. Zurück am Office zeigt er mir ganz begeistert das Bild von dem kunstvoll zugemauerten Spalt. Auf dem kleinen Display der Kamera sieht man Baumrinde, einen gleichfarbigen Saum und – als ich näher hineinzoome – ein kugelrundes gelbes Auge, das durch den Schlitz späht! Super, Heinz hat, ohne es zu merken, die Tokomama erwischt, die voller Sorge um ihren Nachwuchs und den ausbleibenden Versorger einen Blick riskiert hat. Ein echtes Highlight, das nicht nur einen Vogelfreund wie Heinz in Begeisterung versetzt – da tut nicht mal die leichte Unschärfe des Bildes der Freude Abbruch.

Inzwischen sind auch die Anmeldeformalitäten erledigt und wir starten unseren Gamedrive. Gleich hinter der Ausfahrt des Rangercamps durchqueren wir ein Areal dichten Mopanes, in dem das Gesirre der Zikaden erneut zu unglaublicher Lautstärke anschwillt. Wenn die dann wenigstens brav in ihren Büschen sitzen bleiben würden! Doch unser Auto schreckt sie auf und mit vernehmlichem Schnarren fliegen sie ziellos hoch; einige durchqueren unseren Landy, bei einem Fenster rein, beim anderen wieder raus. Doch eine findet den Weg nach draußen nicht mehr und verfängt sich in der Sonnenblende hinter meinem Rücken. Brrr, ist die groß! Aufgeregt surrt das 8-Zentimeter-Teil unter der Sonnenblende herum und ich mit meiner mittelschweren Insektophobie fühle mich akut bedroht, so dass Jochen mich retten muss. Gott, bin ich erleichtert, als das Monster endlich wieder draußen ist! Vorsichtshalber kurble ich mein Fenster hoch, bis wir durch den Mopane durch sind. Das nützt zwar nicht viel, wenn alle anderen offen sind, aber ich fühle mich sicherer.

Kaum haben wir das Gestrüpp verlassen – eine offene Fläche tut sich vor uns auf – schnellt unser aller Adrenalinspiegel hoch: Wildhunde! Wir können es kaum fassen, dass wir die seltenen Caniden ausgerechnet hier zur sehen bekommen. Aber sie sind da, sieben an der Zahl und starren uns an, als könnten sie unsere Anwesenheit auch kaum fassen. Nach einem kurzen Moment der Unentschlossenheit nehmen sie ihre Pfoten unter den Arm und verschwinden gemächlich, aber zielstrebig im Dickicht. Wahnsinn, Wildhunde! Ein Erlebnis der ganz besonderen Art. Zweimal erst in meinem Afrika-Reiseleben war mir das vergönnt. Das erste Mal 1993, als mein damaliger Freund Hans und ich auf einsamer Morgenpirsch im Krüger NP ein großes Rudel beinahe eine Stunde lang begleiteten – mit dem Auto auf der Gravel Road. Die Hunde waren damals fast in „Streichelnähe“ und ließen uns völlig ungestört an ihrem Treiben teilhaben, bevor sie die Straße und damit uns verließen. Das zweite Mal liefen meiner Freundin Ute und mir ein noch größeres Rudel im Hwange NP in Simbabwe über den Weg – sieben Jahre später.

Ganz beglückt setzen wir unsere Pirsch fort, durch zauberhafte Landschaft, vorbei an kleinen Lagunen, bis wir kurz darauf erneut auf die Hunde stoßen, die sofort erkennen, dass sie wohl den falschen Fluchtweg gewählt haben. Diesmal reagieren sie schneller und, schwupp, sind sie wieder verschwunden. Allein dafür hat sich der Mudumu-Besuch schon gelohnt, aber der kleine Parkt hält noch mehr für uns bereit. Beim nächsten Stopp, am Ufer eines kleinen Sees, finden wir weitere Kleinodien der Natur zu unseren Füßen: zitronengelbe, krausblütige Seerosen, smaragdgrün schillernde Käfer, zartblaue Commelina-Blüten und schon wieder ein paar Millipeden, die hier noch größer sind als im Mahango. Einer der Tausendfüßer, die man immer kurz nach einem Regen zu Gesicht bekommt, ist am hinteren Ende verletzt und aus dem leicht eingedellten Chitinpanzer quillt bräunliche Flüssigkeit, die in regelmäßigen Abständen Blasen wirft – es ist offenbar Atemluft, die durch die verletzte Stelle entweicht. Hoffentlich überlebt er das; er macht zwar einen ganz munteren Eindruck, doch die Ameisen haben seine Schwachstelle schon ausgemacht und werden schön langsam zudringlich.











Nach dieser hochinteressanten Fußexkursion schwingen wir uns wieder in die Autos, aber die Route führt nun weg vom Wasser und recht viel mehr als Busch und vereinzelte Hippo-Abdrücke im feuchten Sand sind nicht zu sehen. Also drehen wir um, wieder am Wasser entlang, wo sich Hagedasch-Ibisse, Nilgänse und Waffenkibitze tummeln, zurück Richtung Rangerstation. Achtung, Fenster zu, vorbei am Zikadenmopane und am Camp, bis wir auf der drüberen Seite in völlig andersartiger, trockenerer Umgebung landen. Zwei Hornraben flüchten schwerfälligen Schrittes vor unseren Autos, bis sich sich doch zum Kraftakt eines schnellen Kurzfluges entschließen, ein Widahmännchen mit langen Schwanzfedern segelt an uns vorüber und wir legen einen weiteren Stopp an einem riesigen Termitenhügel ein, der offenbar nicht mehr von seinen Baumeistern bewohnt wird. Dafür hat ein anderes Lebewesen hier Wohnung bezogen, deutlich erkennbar am beachtlichen Eingangsloch. Wir überlegen, was für ein Tier das wohl sein könnte. Heinz fühlt sich durch den intensiven Geruch des wilden Salbeis (Mensch, der riecht doch gut!), der hier überall wuchert, an Raubtiere erinnert. Vielleicht ein Honigdachs? Doch bald ist das Rätsel gelöst, denn ich finde in der näheren Umgebung den schwarz-weiß gebänderten Stachel eines Porcupines. Ja, Stachelschweine können auch ganz schön streng riechen! Nachdem ich nicht unbedingt auf dem Höhlendach des Nagers herum klettern möchte, widme ich mich der Inspektion der umliegenden Gefilde. Da gibt es unter anderem unzählige Libellen, die mein Interesse fesseln und auf die ich nun fotografische Jagd mache. Was gar nicht so einfach ist, denn wenn sich mal eines der Insekten niederläßt, dann meist auf der Spitze eines Halmes oder einer Ähre. Und die wogen sachte im Wind – sachte für das Auge aus der Entfernung, jedoch wild wackelnd für den Autofokus bei ausgefahrenem Zoom...











Bevor wir uns auch schon wieder für die Rückfahrt bereit machen müssen – wir wollten uns so um 11 Uhr in Camp Kwando treffen – gelingen mir doch noch ein paar ganz gute Bilder, die wohl Einzug in meine Libellen-Galerie halten werden. Bald sind wir wieder am Rangercamp, wo wir unsere Wildhundsichtung melden. Gerade sind auch zwei Safariguides nebst Gästen dort vorgefahren, die gleich allesamt ob unserer Schilderung in höchste Erregung geraten. Wenn sie da nicht mal ein bisschen spät dran sind! Trotzdem beschreiben wir genau die zwei Wildhund-Plätze und wünschen viel Glück. Pünktlich um 11 Uhr erreichen wir Camp Kwando, Annette und Jürg sind Minuten vor uns von ihrem Schulbesuch zurück gekommen und sind voll neuer Eindrücke. Annette hört gar nicht mehr auf zu berichten, von den Kindern, die für sie gesungen haben, von den Gesprächen mit Rektor und Lehrkräften, von der Klassenzusammensetzung und, und, und. Wir kommen lange nicht zu Wort, aber als wir schließlich doch von unserem Gamedrive und den Wildhunden berichten können, freut sie sich sehr für uns und bedauert gar ein bisschen, nicht dabei gewesen zu sein. Jürg, der die ganze Zeit still vor sich hin gestrahlt hat, freut sich nicht minder über unsere Sichtung, noch mehr aber über seinen Kontakt zur einheimischen Bevölkerung, den er auf unserer letztjährigen Tour schon so sehr vermisst hatte. Während er uns eine phantastische Aufnahme vom Gesang der Kinder präsentiert, geht am nahen Pool mittlerweile die Post ab. Ein zotteliger Hund, vor Sand und Schlamm starrend, springt aufgeregt um das blaue Becken. Sein Herrchen, im Pool sitzend, lockt den Köter mit süßen Worten und Sven stellt es die Nackenhaare auf, als das Vieh mit einem lauten Platsch neben Herrchen landet. Mei, ist das fein, wie sich das klare Wasser trübt und die langen Zottelhaare wie Tang in den Wellen Wogen! „Und da war ich gestern drin!“, ekelt sich Sven, völlig zu recht, denn die Töle hat im Pool wirklich nichts zu suchen. Es wird nun echt Zeit, dass wir das merkwürdige Camp verlassen.

Schnell noch abgespült, die restlichen Sachen eingepackt und wir sind wieder unterwegs Richtung Grenzübergang. In Katima Mulilo tanken wir beide Fahrzeuge nochmal voll und erledigen letzte Einkäufe vor der Chobe-Moremi-Tour im örtlichen Superspar. Es ist unsäglich heiß, am Parkplatz leiern halbwüchsige Jungs ihre nahezu unverständlichen Bettelsprüche mechanisch herunter und wir schwitzen in der prallen Sonne. Wie heiß aber muss es erst den zahlreichen „Weihnachtsmännern“ sein, Angestellte des Supermarktes, die, angetan mit roten Nikolausmützen aus Plüsch Kunden zu vorweihnachtlichen Käufen animieren sollen. Weihnachtliche Gefühle sind ohnehin nicht so meins, aber unter diesen Temperatur-Umständen käme nicht mal ein Funke davon auf. Das ganze wirkt etwas grotesk, aber naja, bei uns daheim wird ja auch schon lange vor dem Fest der Feste die feierliche Laune durch allerlei Beiwerk angekurbelt – nur ist es da halt viel kälter...

Mit frischen, kühlen Softdrinks in der Hand verlassen wir schließlich leichten Herzens den Supermarktparkplatz und erreichen kurz darauf den namibischen Grenzposten. Wir präsentieren alle vorhandenen Unterlagen, der Officer ist so weit zufrieden, aber leider kann er die Schranke nicht für uns öffnen, denn ein Papier fehlt doch: die namibische Einfuhrbescheinigung für den weißen Landy von Just done it – er hat eine südafrikanische Zulassung. Bereits bei der Übergabe wurde die Bescheinigung von Jochen als fehlend bemängelt, vom Vermieter jedoch als unwichtig abgetan – klar, er hatte sie wohl vom letzten Mieter nicht eingefordert. Jetzt haben wir das Problem, bei dem der Officer offensichtlich gerne ein Auge zudrücken würde. Leider aber steht er unter der Beobachtung von mehreren Kollegen, die gelangweilt am Schlagbaum herumlungern und genau zusehen, was hier passiert. Derart unter Zugzwang bleibt ihm nicht viel anderes, als den korrekten Weg zu gehen. Tommi, der Fahrer des weißen Landys muss das fehlende Papier pro forma für 300 Nam-Dollar im benachbarten Verwaltungsgebäude besorgen. Jochen und Tommi nehmen diesen Gang gemeinsam auf sich, wir hingegen verbringen die nächste Stunde hoffend vor der Grenzschranke. Gerade ergehen wir uns in der wenig erheiternden Vorstellung, wie es wohl wäre, hier nächtigen zu müssen, als die beiden mit der gekauften Bescheinigung aus dem Bürokratiesumpf entsteigen und wir endlich passieren dürfen.

Also nix wie durch, bevor noch etwas zu Bemängelndes gefunden wird, über die Chobe-Brücke drüber, bis zur botswanischen Grenze. Hier geht alles reibungslos vonstatten, wir werfen schnell noch einen ungläubigen Blick auf das fast trockene Chobebett hinter dem Grenzzaun, bevor wir die botswanische Schranke hinter uns lassen. Ein paar geteerte Kilometer noch, dann geht es links ab zum Ngoma Gate. Die recht sandige Zufahrt zur River Front ist aufgrund der vergangenen Regenfälle sehr kompakt und richtig gut zu fahren. Tiertechnisch hingegen ist wenig geboten – roter Sand, dürre Büsche und ein paar Paviane. Erst als wir gegen 18 Uhr am dürren Rinnsal Chobe ankommen, präsentiert sich der Nationalpark wie gewohnt. Einige Giraffen, hier ein Elefant, da ein paar Büffel und sogar zwei Hyänen. Es ist schön, wieder hier zu sein, aber genießen können wir das zum jetzigen Zeitpunkt nicht so richtig, denn es dämmert schon leicht und Eile ist angesagt – Ihaha ist noch 22 Kilometer entfernt.











Um 19 Uhr passieren wir bei völliger Dunkelheit das Campgate, das mittlerweile nicht mehr besetzt ist. Kein Problem, dann melden wir uns halt morgen an. Ohne weitere Verzögerung steuern wir unseren gebuchten Platz an, Site 10, ganz hinten links. Schon in Höhe von Platz 9 schwant uns Böses, denn auf unserem Platz brennt Licht. Und Tatsache – ein südafrikanisches Ehepaar mit großem Camper hat sich hier häuslich niedergelassen. Die beiden Okkupanten kommen uns zögerlich und mit sichtlich abwehrender Körperhaltung entgegen. Wir steigen aus den Autos, um die Sache zu klären, doch unsere Chancen stehen schlecht, denn es ist bereits 19 Uhr, also eine Stunde nach offizieller Anreise-Deadline. Wenn ein reservierter Platz bis 18 Uhr nicht eingenommen wird, kann er anderweitig vergeben werden. Allerdings sieht das Camp der beiden Südafrikaner sehr wohnlich aus, was die Vermutung nahelegt, dass sie schon deutlich länger als eine Stunde hier stehen. Wir sind alle erschöpft von einem langen Tag und ein wenig gereizt ob der Situation, besonders Tommi. Ohne Begrüßung oder einleitende Worte geht er verbal auf die beiden los. Er ist tierisch in Rage und auch Annette läßt ihren geballten Frust auf die zwei niederregnen. Die Südafrikaner stellen sofort auf stur, die Möglichkeit einer sachlichen Klärung oder gütlichen Einigung ist so nicht mehr gegeben. Auch ich bin sauer, schließlich erlebe ich nicht zum ersten Mal, dass ein von uns reservierter Platz von anderen besetzt wurde, aber so kommen wir halt auch nicht weiter. Jochen und ich machen uns deshalb kurzerhand auf den Weg ins ein paar Kilometer entfernte Rangercamp.

Doch so weit müssen wir gar nicht fahren: in Höhe des Waschhauses sichten wir einen offiziellen Wagen, halten daneben an und informieren den Ranger, dass wir ein Problem mit einer Reservierung hätten. Ob es dabei um Platz 10 ginge, fragt der Knabe, doch das hatten wir noch gar nicht erwähnt! So, so, da ist also wahrscheinlich tatsächlich etwas unter der Hand gelaufen. Dennoch begleitet uns der Ranger bereitwillig zur den Südafrikanern, angeblich um die Sache zu klären. Beim Gespräch sind wir leider nicht erwünscht, aus der Entfernung aber sehen wir, dass das Ehepaar ganz sicher keine Reservierungsbestätigung vorzeigt; wenn sie denn überhaupt eingefordert wurde. Nach einer Weile kommt der Ranger zurück und erklärt, da wäre leider etwas blöd gelaufen bei unserer Reservierung, die Südafrikaner aber stünden schon seit zwei Tagen hier und alles wäre rechtens. Unsere Frage, ob die beiden denn eine Reservierung hätten vorweisen können, ignoriert er geflissentlich. Tja, damit müssen wir wohl oder übel leben, brauchen jetzt aber ganz dringend einen Ersatzplatz. Wir bekommen Platz 3 offeriert, hier könnten wir unsere zwei gebuchten Nächte bleiben oder aber auf der Reservesite, allerdings mit der Option, morgen, nach Abreise der beiden Südafrikaner auf unseren Platz 10 zu ziehen. Ach nö, bitte nicht umziehen, wenn wir schon mal zwei Nächte an einem Ort sind! Doch Platz 3, den wir bereits kennen, ist leider keine Alternative, denn er ist definitiv zu klein für unsere 5 Zelte. Also lassen wir uns doch den Reserveplatz zeigen, der am anderen Ende des Camps liegt, direkt am Ufer des Chobe. Er sieht eigentlich ganz gut aus und sogar der nächste Wasserhahn ist in akzeptabler Nähe. Wir beschließen deshalb, für beide Nächte hier unsere Zelte aufzuschlagen, halten uns aber die Möglichkeit offen, doch eventuell auf Site 10 umziehen zu dürfen, sollten sich noch Schwachstellen herauskristallisieren.

Der Ranger zieht zufrieden ab und wir parken die Autos an der trockenen Uferkante, um den Platz zu erleuchten. Und schon offenbart sich das erste Manko: Aus dem scheinbar trockenen Chobebett entsteigen Myriaden von Insekten, angelockt durch unsere Scheinwerfer. Es sind keine Mücken – da ginge ja noch – sondern viel viel größeres Kroppzeug und das in einer Dichte, wie ich es noch nie erlebt habe! Überall brummt, surrt und krabbelt es; im Gesicht, in den Ohren, in der Nase, dem Kragen, unter T-Shirt und Hose. Wedelnd und um uns schlagend bauen wir die Zelte auf, immer wieder quiekt jemand und hüpft flüchtend über den Platz. Als ich die Matten und Schlafsäcke eilig ins Zelt pfeffere, mag ich mir gar nicht genauer ausmalen, was da jetzt alles mit hinein geflogen ist. Oh mein Gott – ich will hier weg – und sicher nicht nur ich! Doch es hilft nichts, wir müssen das Beste daraus machen und zudem noch die Tische aufbauen, Kisten ausladen, was kochen und essen. Wir schleppen das ganze Zeug ein paar Meter weiter nach oben, an den Kochplatz von Site 1, weil uns da die Insektenplage etwas weniger heftig vorkommt. Doch es ist immer noch unsäglich...

Vor einigen Jahren war ich auf Ayurveda-Urlaub in Indien; in meinem kleinen Öko-Bungalow erschienen pünktlich zur Dunkelheit hunderte von Käfern, Ameisen und diverses Flatterzeug, von denen sich des Morgens ein Gutteil tot in meinem Bett wiederfand. Ich war völlig fertig und wollte nach zwei Tagen wieder abreisen. Von einem Moment auf den anderen aber, als ob es Klick gemacht hätte, fand ich mich damit ab und genoß meinen Aufenthalt – übrigens als einziger Gast der Bungalow-Anlage. Zum Abschied nach drei Wochen bekam ich vom Manager Blumen überreicht, gekrönt von der aufschlussreichen Erklärung, es hätte noch nie jemand so lange hier ausgehalten. Damals dachte ich, es wäre mit das Heftigste, was man insektentechnisch erleben könne, aber unsere Reservesite toppt das um ein Vielfaches.

Doch auch jetzt macht es irgendwie Klick und ich merke, wie Ekel und Panik von mir abfallen. Heinz drückt seine Ungläubigkeit über die Chitin-Invasion mit einem prägnanten „Ah, leck!“ aus, nimmt das ganze aber ansonsten mit stoischer Ruhe, worüber ich unglaublich froh bin, gepaart mit ein wenig Stolz auf meinen Liebsten. Annette in ihrer Rolle als Gastgeberin hingegen ist fix und fertig, den Tränen nahe und krallt sich wortlos an einer Dose Bier fest, deren Öffnung sie sorgfältig mit dem Finger zuhält. Das allerdings wäre nicht nötig, denn das Kroppzeug hier ist viel zu groß, um in eine Bierdose kriechen zu können...

Heinz, gelassen und hungrig, nimmt das Heft in die Hand und beginnt in aller Seelenruhe mit den Kochvorbereitungen. Jürg und ich gehen ihm zur Hand, mehr oder weniger im Blindflug, sprich fast ohne Beleuchtung, denn eine Lichtquelle zöge einfach zu viele Insekten an. Das hat aber auch eine gute Seite; im diffusen Mondlicht sehen wir wenigsten nicht so genau, was wir da an Proteinen mitschnibbeln und -kochen. Schließlich servieren wir unsere Nudel-Tomatensaucen-Chitin-Kreation und beginnen schweigend zu essen – nur nicht zu oft den Mund öffnen! Die Pasta alla Ihaha schmeckt wirklich hervorragend, insbesondere wenn man nicht über die Zutaten im einzelnen nachdenkt. Annette ist zutiefst erleichtert, dass wir alle die Situation so gut gelaunt hinnehmen und fasst sich allmählich wieder. So leicht lassen wir uns eben nicht aus der Bahn werfen.

Heinz hat mittlerweile sogar anscheinend richtig Gefallen an unseren Krabbelgästen gefunden und fingert immer wieder begeistert an riesigen Stabheuschrecken, Zikaden und Gottesanbeterinnen herum. Gerne würde er mir ihre Schönheit nahebringen, im wahrsten Sinne des Wortes. Und zugegeben, sie sind schön, aber ich mag sie einfach nicht auf der Haut sitzen haben. Zu einer 10-Zentimeter-Gottesanbeterin lasse ich mich noch überreden, quasi als Angsttherapie, aber mehr verkrafte ich heute nicht. Auch nicht die Monsterzikade, die bei unserem Aufbruch ins Bett noch schnell auf dem Tisch landet. Wir stülpen ein Weinglas über sie – es ist fast zu klein – achten darauf, dass sie durch die Ritzen des Tisches genügend Luft bekommt und halten sie so für's morgige Fotoshooting fest. Dann kämpfen wir uns durch die insektenschwangere Luft zu unseren Zelten. Stirnlampen aus, Reißverschluss auf, schnell rein und alles wieder dichtmachen! Jetzt können wir die Lampen wieder anschalten, unsere Matten aufblasen und ohne Sorge lauschen, wie unsere Zeltwand von lichtgeilen Insekten attackiert wird. Nachdem wir auch noch alle ungebetenen Gäste aus dem Inneren unserer Behausung entfernt haben – sooo viele sind es gar nicht – kuscheln wir uns aneinander, bequatschen leise den vergangenen Tag und schlafen bald erlebnissatt ein.

Freitag, 30. Oktober 2009

Kurzchillen in Südtirol 3

Samstag, 3. Oktober 2009

Ach, welch wohlig Nachtruh liegt hinter mir, gestützt von meiner getunten Gartenliege, umfangen von Daunen, die sich noch immer da befinden, wo sie gestern Abend beim Schlafengehen auch waren. OK, ich will nicht übertreiben: ich habe gut geschlafen, Punkt. Immerhin! Geweckt werde ich vom Gekruschle Monis, die schon ihre Schilddrüsentablette geschluckt hat und nun mit den Hufen scharrt, weil sie sich schon so auf’s Frühstück freut. Gemächlich schäle ich mich aus dem Bett – das Bad ist ohnehin gerade besetzt – und freue mich auf einen neuen Tag. Chrissie kommt kurz darauf frisch geduscht aus dem Bad, ich übernehme die nächste Schicht und Moni flitzt schon mal los. Herrjeh, das ist ja schon fast Stress hier! Nach meiner Morgentoilette werfe ich mich in meine Klamotten und nun schreiten auch Chrissie und ich hinab in den Frühstücksraum. Moni mampft schon eifrig und unsere Mitgäste sitzen heute auch noch plauschend an ihrem Tisch. Unser „Guten Morgen“ schallt in den Raum und wird höflich, aber irgendwie recht distanziert erwidert. Wir sind offenbar noch nicht in den Inner Circle der Innergatter Gästevolez vorgedrungen. Während wir die von Anneliese übrigens ganz hervorragend bestückte Kaffeetafel kahlessen, werden wir Zeugen typischer Frühstücksraum-Blabla-Gespräche, bei denen sofort die Besserwisser- und Vielschwafler-Hierarchien klar werden. Unsere Augenbrauen wandern mal rauf, mal runter, die Mundwinkel zucken immer wieder verdächtig, aber alles in allem benehmen wir uns vorbildlich: wir lästern nicht, wir flüstern nicht und versinken auch nicht unter dem Tisch vor Lachen. Nein, man kann uns definitiv nichts vorwerfen. Trotzdem scheinen die „Normal-Gäscht“ unsere Andersartigkeit zu wittern und bald verlassen sie mit einem knappen „Scheena Dog no“ die Frühstücksstube. Wir hingegen zelebrieren die erste Mahlzeit des Tages in aller Ausführlichkeit: mit der Tasse auf den Balkon, wieder rein, ein neues Semmelchen streichen und noch ein Tässchen mit Aussicht genießen...

Zwischendrin muss ich mal kurz auf’s Zimmer hoch und begegne auf dem Rückweg einer der Gäschtinnen, die voll gerüstet mit Wadlstrümpf, Bundhose und kariertem Multifunktionshemd aus ihrem Zimmer gestapft kommt. „Ah,“ sag ich, betont leutselig „wo geht’s denn heut hinauf?“ „Wir machen heute den Dingskogel über’n Blasteig gleich droben beim Sowiesoabzweig. Nix großes, nur ein paar Stunden.“, tönt die Gäschtin. „Und wo geht’s ihr heut rauf?“ „Wir gehen nicht,“ provoziere ich sie, „wir fahren lieber. Wir sind zum Chillen da, gehen das Ganze gemütlich an und wollen eigentlich nur ein paar Tage entspannt rumhängen.“ Mit einem sehr zitronigen Lächeln wünscht sie uns viel Spaß beim – äh – Rumhängen und trampelt die Treppe hinunter, nicht ohne noch ein vernehmliches „Tstststs“ von sich zu geben. Werden wir haben, gute Frau, aber apropos Zitrone, erst mal müssen wir die Vertretungs-Annelies ausquetschen, wo sich gut rumhängen lässt. Kurz vor dem Einschlafen hatten wir gestern abend noch die Idee geboren, den heutigen Tag auf einer richtigen Alm verbringen zu wollen und zwar auf einer, die mit dem Auto zu erreichen ist. Auch Anneliese findet unsere Frage sichtlich eigenartig, gibt uns aber bereitwillig Tipps. Es gibt eine Alm auf unserer, der Ostseite des Tals, zu der man keinen Meter zu Fuß gehen muss und eine auf der Westseite, die eine Viertelstunde leichten Fußmarsches erfordert. Ganz eben ginge es da hin, sagt Anneliese, ein Kind der Steilhänge Südtirols...

Bei noch ein paar Tassen Tee und Kaffee erwägen wir die Vor- und Nachteile der Empfehlungen, können uns aber nicht letztendlich entscheiden. So beschließen wir, erst mal talwärts zu fahren und von dort aus die Sonnensituation der beiden Talseiten in Augenschein zu nehmen. Außerdem hatten wir noch die dekadente Idee, eine Flasche Prosecco zum Begießen unseres Mädls-Wochenendes zu erstehen. Aber zunächst müssen wir das Auto vom Parkplatz bekommen. Als wir gestern Abend aus Meran zurückkamen, wehte ein sehr starker Wind, der den Walnussbaum derart beutelte, dass ein wahrer Regen von Nüssen auf Chrissies Auto niederzugehen drohte. So wurden wir gebeten, das Auto nach unserem Dorfbesuch besser auf Annelieses Parkplatz abzustellen, der sich noch weiter unten befindet. Die Ausparkerei auf dem engen und steilen Hofgelände ist gar nicht so einfach, vor allen Dingen mit einem Heckantrieb. Der Motor jault, die Reifen drehen hilfesuchend auf dem unebenen, kiesigen Untergrund, aber nach mehrmaligem Rangieren, dem beliebten Kupplung-Gas-Handbremsen-Spaß, sind wir aus der Hofeinfahrt raus und juckeln runter ins Tal. Im Supermarkt erwerben wir eine Flasche Prickelwasser und begutachten den Sonnenstand. Der Osthang liegt noch völlig im Schatten, die Wiesen und Wälder der Westseite hingegen präsentieren sich schon in schmeichelndem Sonnenlicht. Somit ist unsere Entscheidung gefallen und wir steuern den Naserhof an, der knapp vierhundert Höhenmeter über dem Talboden liegt. Eine sehr schmale, kurvenreiche Straße windet sich durch Wald und Weiden, vorbei an einsamen Berghöfen, hinauf, der Sonne entgegen. Der Teer geht in Schotter über und bald darauf erreichen wir einen winzigen Parkplatz, von dem aus wir uns nun zu Fuß auf den Weg machen. Eben, hat sie gesagt, die Anneliese! Doch hier ist nichts eben: langsam, aber stetig zieht sich der Forstweg bergauf. Wir amüsieren uns schnaufend über die unterschiedlichen Interpretationen des Wortes „eben“ und deren noch unterschiedlichere lokale Bedeutungen. Aber klar, wenn man an einem Ort aufwächst, wo die Wiese hinter dem Haus wie eine senkrechte grüne Wand vor einem aufragt, dann ist dieser Weg in der Tat vergleichsweise eben. Doch tatsächlich, nach der vorhergesagten Viertelstunde erreichen wir den Naserhof. Vielleicht sind wir doch nicht so unsportlich oder die gute Anneliese hat vorab gleich ein paar Schlaffiminuten draufgerechnet. Egal. Nicht ganz so egal: ein paar Autos auf dem hofeigenen Parkplatz zeigen deutlich, dass wir auch weiterfahren hätten können. Doch was soll’s, wir sind ja jetzt da. Ein hübscher Berghof aus dunkelbraunem Holz, mit üppigen Blumen vor den Fenstern und Hirschgeweihen unter dem Giebel drückt sich in einen waldigen Hang, eine sonnige Terrasse, an deren Rand etliche Liegestühle platziert sind, empfängt uns. Schnurstracks steuern wir, mit der Pulle unter dem Arm, auf die Liegen zu und machen es uns gemütlich. Herrlich, von hier aus kann man bis Meran sehen, den Blick schweifen lassen und im wahrsten Sinne des Wortes herumhängen.












Hier oben merke ich zum ersten Mal richtig, wie sehr mich die Enge des Tals einschnürt, bedrückt. Gut, gestern waren wir in Meran, da ist das Tal auch luftiger und weiter, aber der Blick wird trotzdem durch Häuser und die umliegenden Berge gestoppt. Jetzt sieht man den Horizont! Blinzelnd behalte ich diesen im Auge, kuschle mich in meine sonnengeküßte Liege und atme befreit durch. Alle drei liegen wir da wie die Flundern und genießen die Sonne, die Weite, die Ruhe. Moni hievt sich nach einer Weile wieder aus der Liege, weil sie auf die Toilette muss. Höflich fragt sie den Wirt, „ob man denn hier auch auf’s Klo gehen könne.“ „Ja,“ entgegnet dieser finster und mißgelaunt, „auf’s Klo gehen kann man bei uns auch!“ Trotz Monis eiligem Versprechen, wir würden schon noch was bestellen, wird der Knabe nicht freundlicher. Was haben wir jetzt schon wieder falsch gemacht? Zugegeben, der Naserhof ist keine klassische Alm, die von einer „Zenzi“ betrieben wird, sondern ein durchaus gastronomischer Betrieb, ein klassisches Geheimtipps-Ausflugsziel, eine rustikale Jausenstation. Geld wird hier durch Gäste-Umsatz gemacht. So weit, so gut. WIR sind mit einer mitgebrachten Prosecco-Pulle unter dem Arm zielstrebig über die Terrasse gelatscht, haben geradezu invasorisch drei Liegen in Beschlag genommen, machen keinerlei konsumtechnische Anstalten und wollen dann auch noch die Sanitäranlagen mit mitgebrachtem, fremderworbenem Urin entweihen. Nicht die korrekte, feine englische Art und sicher ein Grund, unfreundlich zu reagieren. Oder war es eher Monis Frage? Da kommen drei Stadttussen, die sich hier breitmachen und auch noch blöd fragen, ob man denn dieserorts auf ein Klo gehen könne. Im Klartext übersetzt, interpretiert: „Da, wo wir herkommen, gibt es ja sowas wie Toiletten. Obwohl wir vermuten, dass man bei euch eher hinter den nächsten Busch bieselt, fragen wir doch mal sicherheitshalber an.“ Vielleicht hat der Wirt es auch so verstanden... Wir hingegen meinten es weder so noch so! Trotzdem haben wir hier offenbar erst mal verschissen. Um bei der Fäkalsprache zu bleiben: der Typ schaut uns mit dem Arsch nicht mehr an. Und da wir hier sowieso nur „rumhängen“ und sonst nichts zu tun haben, machen wir es uns zur Tages-Aufgabe, die Sache wieder geradezubiegen, nicht ohne unser eigen Wohl in den Vordergrund zu stellen. So also dösen wir weiter provokant in unseren Liegen, Moni klettert ein bisschen hinter der Hütte umher, Chrissie besucht ein Pony, das unterhalb der Terrasse auf einer tischtennisplattengroßen, ebenen Fläche steht und sie zur Begrüßung ziegenartig anmeckert, anstatt zu wiehern und ich inspiziere die Hofumgebung. Schließlich finden wir bei unseren Liegen wieder zusammen und haben Durst.












Unsere Prosecco-Pulle haben wir nach dem Grantel-Anfall des Wirtes gleich mal verschwinden lassen; diese nun zu öffnen, wäre die blanke Provokation. Deshalb schreiten wir aus praktischen Gründen zur von Moni bereits versprochenen Bestellung. Und ich, die „Diplomatie-Königin“ schlechthin bin die Auserwählte, den Miesgelaunten um diese Dienstleistung bitten zu dürfen. Ohne viel Schleimerei und schmeichelnden Federlesens ordere ich bestimmten aber höflichen Tones die Getränke: „Entschuldigung, könnten wir bitte drei Radler haben?“ Da ist alles drin; kein aktives Fordern, sondern defensives Bitten nebst Flehen um Gnade, ein Anflug weiblichen Zweifelns durch den Konjunktiv und, vor allen Dingen, keine direkte Anrede. Obwohl es in der Bergwelt eher üblich ist, sich zu duzen, wage ich selbiges in dieser zarten Annäherungsphase nicht, aber auch ein „Sie“ scheint mir nicht geeignet, zu viel Distanz zu erzeugen. Der Wirt grunzt bestätigend und ich schäme mich fast für meine berechnenden Worte; aber sie scheinen ihre Wirkung zu tun, denn kurz darauf bekommen wir unsere Radler ohne großes Murren direkt an die Liegen serviert. Die Übergabe ist ein wenig ruppig und er meidet jeglichen Blickkontakt. „Mei, danke, ist das ein Service“, bedanke ich mich und nach diesem ersten „Sieg“ fallen wir chillsüchtig und mit neu erworbener Rumhäng-Berechtigung wieder in unsere Liegen zurück. Mit fortschreitender Tageszeit laufen immer mehr Gäste auf dem Naserhof ein: eine Wandergruppe, die ihre recht früh beendete Tagestour hier feucht, sehr feucht, ausklingen läßt – Bauarbeiter, die in abartiger Geschwindigkeit von der sicher 150 Höhenmeter unter uns liegenden Baustelle den steilen Hang heraufgegemst kommen – ein ziemlich betagtes Ehepaar mit Walking-Stöcken, das alle Anwesenden bereitwillig und mit krächzender Stimme informiert, sie wären „von ganz unten“ losmarschiert – ein nicht ganz so betagtes Paar; sie sehr füllig mit erbärmlich dick angelaufenen Krautstampferbeinen in Kompressionsstrümpfen, der dazugehörige Gatte ist die Hälfte von ihr und superagil. Sie trinkt Schnäpse, er nippt an einer Apfelschorle.

Und mit all diesen erwähnten, aber auch den anderen, hier nicht belästerten Gästen plauscht unser Wirt bereitwillig im Rahmen seiner Plauderfähigkeiten – nur nicht mit uns. Aber warte, wir kochen dich schon noch weich, du Zwiderwurz! Bevor wir jedoch zur nächsten Sympathie-Gewinnungs-Phase (SGP) schreiten, lauschen wir interessiert. Da wird über das Wetter gesprochen, das für diese Jahreszeit wohl außergewöhnlich warm ist: normalerweise könne man dieserzeit nicht im T-Shirt hier rumlaufen. Merkst was, Wirt? Wenn Engel reisen... Doch was bei allen Gesprächsthemen auffällt ist, dass sich zeitlich vergleichend unterhalten wird: letztes Jahr, wie immer, war ja meistens anders, ihr wißt ja aus den Jahren davor, servus, bis nächstes Jahr, ja, nächstes Mal aber nicht im Oktober, sondern schon im August, usw. Mein Gott, das sind allesamt Stammgäste, Wiederkehrer! Und wir, die absoluten Neulinge, liegen hier einfach untätig und genießend herum! Es wird Zeit für Phase II! Genug haben wir gelauscht und unverschämterweise die Sonne nebst Aussicht genossen, jetzt haben wir Hunger. Wir nehmen mit unseren geleerten Radlerhumpen an einem der Terrassentische Platz, wälzen die Speisekarte und harren geduldig der Erhörung unserer Wünsche durch den Wirt. Der hat uns genau gesehen, tut aber geflissentlich so, als hätte er das nicht. Nach einer Viertelstunde des Wartens saust er demonstrativ mit abgewendetem Blick an unserem Tisch vorbei, doch gnadenlos wir er von uns angesprochen: „Entschuldigung, dürften wir bitte was bestellen?“ (Auf bayrisch klingt das alles viel netter, sympathischer; aber das schreibt sich originalgetreu nur schwerlich und verstehen werden es auch nur die wenigsten.) Er nickt kurz, rauscht an uns vorbei, verschwindet, taucht wieder auf, nimmt einen Umweg über einen anderen Tisch, plauscht, landet schließlich doch bei uns. Holla die Waldfee! Schon hat er unsere Bestellung aufgenommen und kaum fünf Minuten später haben wir das Gewünschte auf dem Tisch, sogar Chrissies Sonderwunsch – Hauswurst mit Brot statt Kartoffelsalat. Wir alle drei übrigens haben Hauswurst geordert; diese ist beachtlich feststoffig, feuerrot und ohne emulgierenden Senf nicht ganz so magenfreundlich. Der Senf übrigens ist aus München, wie wir: ein erneutes Merkst-was, Wirt? Der Kartoffelsalat hingegen ist perfekt: speckige Erdäpfel, ein gerüttelt Maß an Salz-Zucker-Essig-Dressing, kleine rote Paprikaschnirpsel und ein Topping aus almgarteneigenem Schnittlauch! Mein Lob für den Salat – SGP II – wird beim Abservieren genervt schnaubend abgetan. Doch wir haben dich, du Wirt! Bevor wir allerdings zur Königsdisziplin – SPG III – schreiten, lassen wir uns, die Wurst verdauend, wieder in unsere Liegestühle zurückfallen und die genießen die letzten Sonnenstrahlen.












Viel zu schnell wandert der wärmende Planet in hohem Bogen über den Himmel, gerade noch stand der zentrale Sonnenkreis voll vor dem blauen Hintergrund – Minuten später wird der äußere Strahlenradius bereits von den Westgipfeln des Passeiertals angeschnitten und es wird merklich kühler. Bereits unsere Fleecejacken über der Brust zusammenraffend, werden wir Zeugen eines weiteren, sehr interessanten Plausches: „Oh mei,“ beklagt sich der Wirt bei einer größeren Gästeschar „jetzt geht die schwere Zeit los, wenn das Törggelen anfängt. Da kommen auch noch abends Gäste!“ Unvorstellbar, unzumutbar! Gäste, die eine typisch südtirolerische, jahreszeitabhängige Brotzeitkomposition erfahren, genießen und bezahlen wollen, erdreisten sich, das erst abends, als Ausklang des Tages in Anspruch zu nehmen! Unser Mitgefühl ist beim armen Wirt, dennoch müssen wir ihn jetzt auch noch mit unserem ureigensten Anliegen behelligen: wir möchten gerne zahlen, bevor die Sonne weg ist und wir noch mehr hören müssen. SGP III nicht aus den Augen verlierend, bitte ich den leidgeprüften Gastronomen um Begleichung unserer Außenstände. Und? „Trinken die Damen no a Schnapsei?“ (Auch er vermeidet die direkte Anrede...) Jawohl, SGP III vollzogen, pares inter pares, wir sind an Bord – zumindest an der Reling der Stammgäste angelangt! Prost! Großzügig wird der spendable Gastwirt entlohnt und wir begeben uns auf den „weiten“ Weg zu unserer Karosse, nicht ohne nochmal das Pony zu besuchen. Der arme Vierbeiner freut sich unbändig über unseren Besuch und gibt Laut: das kleine Pferdchen meckert wie eine Ziege; es scheint nicht unter seinesgleichen aufgewachsen zu sein! Oh, armes Kleines! Das Pony hat einen beachtlichen Unterbiss, seine ebene Standfläche ist winzig, ohne Bewuchs, links, rechts, dahinter geht es steil bergab und alles fressbar Grüne ist Ampfer.












Wir verabschieden uns von dem bemitleidenswerten Steilwand-Geschöpf (Hufe und Skelett-Stand waren erstaunlicherweise OK, laut Moni) und traben zu unserem Auto. Fast „eben“ geht’s hinunter, wir steigen ein und poltern die Schotterpiste talwärts. Kurz vor der Mündung auf die geteerte Straße werden wir von einem Pkw ausgebremst, der übervorsichtig die ganzen restlichen Höhenmeter vor uns hereiert. Und wer sitzt drin? Das recht betagte Ehepaar, das angeblich von „ganz unten“ hochmarschiert ist und sich dafür bewundern ließ. Wie auch immer, Hut ab, aber wenn’s danach geht, sind wir heute auch erst mal runter, rüber und dann von ganz unten wieder rauf! Und jetzt umgekehrt: ganz runter, rüber und wieder rauf zum Innergatterhof, besinnen, wärmer anziehen, wieder runter, essen gehen. Die Wahl im Ort ist begrenzt und wir wagen uns bequemlichkeitshalber erneut in die Braugaststätte mit der Anmach-Gasse. Letztere bleibt uns heute erspart, denn in der Gaststube, die rechts vor der Pfeif-Meile abgeht, ist heute noch ein Tisch für uns zu finden. Wir speisen fürstlich, nahezu unbehelligt von jeglichem Gassenvolk, allein der Barfüßer strebt, heute in Socken und Schuhen, hinter der Bar hervor und erkundigt sich, ob es mir heute wärmer wäre. Ja, das ist es, allein schon meine Nase glüht vor Sonnenbrand, so sehr, dass ich gefühlt eine mittlere Kleinstadt damit beheizen könnte! Abgespeist und angebrannt kehren wir auf den Innergatterhof zurück, Frau PP ist auch wieder von ihrem Familientreffen da, freut sich, dass dem so ist, der Hof noch steht und wir gut Sonne abbekommen haben. Wir freuen uns auch: über den wunderbaren Tag in der Sonne, die Weite unserer Blicke, die hemmungslosen Lästereien, die wir unzensiert zelebrieren durften. Darüber, dass wir einfach nur wir sein konnten, nichts tun mussten, keine Pflichten hatten und vielleicht auch ein paar Sorgen gedanklich von der Sonne, dem Wohlgefühl beim wirklichen Rumhängen und einem kniggetechnischen Sorgenkind namens Wirt, verlagern bzw. umschichten lassen konnten. Schee war’s heut wieder, unglaublich schee, entspannend, wohltuend! Und der Prosecco ist halt jetzt noch fällig, als Betthupferl...

Freitag, 23. Oktober 2009

Kurzchillen in Südtirol 2

Freitag, 2. Oktober 2009
Meran

Noch nie, ich schwöre, noch NIE habe ich in einem Bett gelegen und mir den Morgen herbei gesehnt. Heute Nacht ist das erste Mal. Die Matratze viel zu weich, das Kissen mehrfach zu groß und außerdem ist da noch der nächtliche Kampf mit dem Leintuch und der darunter liegenden Wolldecke, die sich bei jedem Umdrehen unter mir zu einer zunehmend härteren Wurst rollen. Die Arme aus dem Bett – zu kalt, die Arme wieder unter die Decke – zu warm. Gen Morgen sind dann im Zuge der ganzen Rumwälzerei alle Daunen der Zudecke am Fußende versammelt und obenrum, auch mit Armen unter der Decke, hält die Kälte eines unbeheizten Zimmers in einer Oktobernacht bei mir Einzug. Mehrmals bin ich versucht aufzustehen und das verdammte Bett auseinanderzunehmen. Doch ich will die Mädls nicht stören, die friedlich vor sich hinschnarchen und hin und wieder auch im Schlaf sprechen.

Endlich wird es langsam hell im Zimmer und im Ehebett rappelt, raschelt, knistert, schnauft es – Moni und Chrissie sind wohl auch wach geworden. Die Mädls tappern nacheinander schlaftrunken ins Bad, während ich mit Wonne die schreckliche Liegestatt in ihre Einzelteile zerlege. Kein Wunder, dass ich darin versunken bin! Das Untergestell ist das einer besseren Gartenliege und darauf thronen zwei zammgflackte Matratzen mit null Spannkraft. Eine davon wandert sofort in die Nische hinter meinem bettlichen Kopfende und wenn ich mir noch ein Spannbetttuch bei Frau PP besorgen kann, sieht die Sache sicher schon viel besser aus.

Frisch geduscht und voller Tatendrang schreiten wir in den Frühstücksraum hinunter, wo uns schon eine reich gedeckte Tafel empfängt. Jedes Zimmer hat hier seinen eigenen Tisch – wir scheinen mal wieder die wahren Spätaufsteher zu sein, denn alle anderen Tafeln sind schon abserviert bzw. die Rosenheimer Gäste räumen im Moment unseres Eintretens in die Stube ihr Tischlein gerade selbst ab. Aha!? Wir setzen uns erst mal und eine gut gelaunte Frau PP versorgt uns mit Kaffee, Tee und – auf unsere Tourifragen hin – auch mit Informationen, wo wir was unternehmen könnten. Dass wir mit Wandern so gar nix am Hut haben, kann sie zunächst gar nicht fassen, wartet dann aber professionell mit dem Vorschlag auf, wir könnten doch nach Meran fahren, da wäre heute Markt. Mit dem Auto hin, einen ebenen Stadtbummel machen – genau das Richtige für uns Faulschnecken! Frau Pirpamer liefert uns noch eine präzise Beschreibung, wo man in der großen Stadt Meran am besten parkt. Dann gestehe ich ihr meine Schlafmisere, worüber sie sich königlich amüsiert, vor allen Dingen über meinen Kampf mit der Leintuch-Wolldecken-Wurst. Ich finde es eigentlich nicht so lustig – doch böse sein kann ich ihr auch nicht, so fröhlich, wie sie kichert. Und sie verspricht mir, gleich nachher ein Spannbetttuch auf mein nächliches Unterlagenmonster aufzuziehen. Juhu! Gemütlich frühstücken wir zu Ende, fügen uns den Sitten des Hauses und tragen brav unser Geschirr selbst in die Küche.

Auf dem Küchendiwan liegt wohlig eine Karthäusermieze, bei der Moni sofort hängenbleibt. Chrissie erledigt derweil die Anmeldeformalitäten und wir ratschen ein wenig mit unserer herzigen Wirtin. Witwe sei sie seit kurzem, nach dem Tod ihres Mannes wurde weitestgehend die Viehwirtschaft aufgegeben, die Tochter Anneliese hätte den Stall für Pferde umgebaut und verdiene nun ein Zubrot mit Einstellpferden. Den Grund, warum sie selbst heute Morgen Lockenwickler auf dem Kopf trägt, erklärt sie uns auch: Morgen früh müssten wir mit ihrer Tochter vorlieb nehmen, denn sie sei auf einem Verwandtschaftstreffen im Ötztal. Verwandtschaft vom Mann, fügt sie erklärend hinzu. Sie sei ja seit seinem Tod kaum noch aus dem Haus, unter Leute gegangen, aber das Leben müsse weitergehen und dieses Treffen wäre eine schöne Gelegenheit. Große Lust hätte sie trotzdem nicht, aber, tiefer Seufzer, sie müsse ja mal wieder unter Menschen. Richtig wohl ist ihr bei dem Gedanken, ihre „Gäscht“ ihrer Tochter anzuvertrauen offenbar nicht, aber wir versichern ihr, wir würden es schon überleben und Anneliese mache ihren Job sicher ganz hervorragend. Wir sind so oder so in guten Händen, aber Frau Pirpamers Herzlichkeit und rührende Offenheit ist ganz besonders sympathisch. Nur zögernd beenden wir unseren Plausch, Moni bugsiert schweren Herzens die Kuschelmieze von ihrem Schoß und wir gehen rauf in unser Zimmer, um uns optisch für Meran zu präparieren.

Stadtfein besteigen wir das Auto und Chrissie kutschiert uns, nach dem wir glücklich von unserem steilen Parkplatz losgekommen sind, ins 16 km entfernte Meran. Kilometer für Kilometer verändert sich die Landschaft, das Tal weitet sich. St. Martin ist ein richtiges Alpendorf, aber je tiefer wir Richtung Stadt hinunterkommen, desto mediterraner wird der Baustil der Häuser. Apfelplantagen mit verlockend rotbäckigen Früchten säumen die Straße, die Erntezeit scheint in vollem Gange, denn überall sieht man Pflücker und mit Obstkisten beladene Minitraktoren. Bald kommen wir in Meran an und finden, dank Frau PPs exakter Wegbeschreibung auch sofort das zentrale Parkhaus. Ganz in der untersten Etage ergattern wir einen der 28 Restplätze, schrauben uns über eine Treppe vier Stockwerke wieder nach oben und sind gleich mitten in der Stadt. Schön ist es hier. Die Sonne scheint, prachtvolle Häuser strahlen Mittelmeerflair aus (obwohl sie nicht rostig sind...), Palmen stehen in vielen Gärten. Wir bummeln eine Straße leicht bergauf und landen auf einem Kirchplatz, auf dem zwei Marktstände ein kunterbuntes, kulinarisches Sortiment darbieten. Auch, wenn das ja noch nicht der eigentliche Markt sein kann, verlockt mich das Angebot zum sofortigen Kauf von vier Päckchen Teigwaren in ausgefallener Form und Färbung: eine Tüte gestreifter Farfalle, die wie Bonbons aussehen als Geburtstagsgeschenk für meine Kollegin Beate, bunte Herzerlnudeln für mein Schneckerl Heinz, 50 cm lange „Schwiegermutterzungen“ für mich und nochmal Farfalle in perfekten deutschlandfarbenen Streifen. Letztere sind ein kleiner Seitenhieb für Heinz, der bald Geburtstag hat und der sich, weil er weiß, dass er mich damit necken kann, einen Südwester-Hut für unseren bevorstehenden Afrika-Urlaub gekauft hat. Wenn schon deutsch-kolonial, denke ich mir boshaft grinsend, dann schon richtig! Moni spendiert uns allen samtig schimmernde, saftige Riesenpfirsiche und anschließend machen wir noch einen Abstecher in die Kirche. Hinter der Eingangstüre sitzt ein devot grüßender Bettler, der auf finanzielle Zuwendungen der Kirchenbesucher hofft. „Buon giorno“, tönt es unablässig aus seinem Mund, doch die christliche Spendierfreude scheint sich bei den zahlreich durch die Tür strömenden Kirchenbesichtigern in Grenzen zu halten. Auch wir zeigen uns knickerig, allein Moni investiert ins Heil, allerdings nicht beim Bettler. Sie stiftet zwei Kerzen, eine für ihre Tochter Pia und eine für ihren neuen Zahnarzt, der, nach langer Suche, sich bereits beim Erstbesuch als „Da-geh-ich-gerne-hin-Doktor“ herausgestellt hat. Ein guter Dentist ist sicher eine Kerze wert!












Danach entfliehen wir Frostbeulen der Kühle der wunderschönen Kirche und fragen uns nach dem Weg zum eigentlichen Markt durch. „Uh“, sagt meine Nudelverkäuferin (für meinen Einkauf kann sie uns als Gegenleistung schon mal sagen, wo die Konkurrenz zu finden ist), „das ist ganz schön weit, mindestens eine Viertelstunde zu Fuß!“ Es würde aber auch ein Bus fahren. Viertelstunde! Pah! Nein, beschließen wir Supersportler, wir gehen zu Fuß. Der Weg führt vorbei an prächtigen Villen, die von mächtigen Platanenbäumen beschattet werden. Zwischen den Villen stehen immer wieder, wie überall in europäischen Städten, 70-er-Jahre Bausünden von abgrundtiefer Häßlichkeit. Gnädig werfen die Platanen ihre Schatten über die abscheulichen Wohnkästen. Mir ist es immer wieder ein Rätsel, wie man für so etwas jemals eine Baugenehmigung bekommen konnte!

Nach 10 Minuten des Fußmarsches, wir befinden uns schon lange in einer Gegend, gehen in eine Richtung, in der wir den Markt nie vermutet hätten, passieren wir eine hübsche Villa, in der ein Dr. Vögele seine Praxis hat. Der Name und eine Hintergrundgeschichte, auf die ich an dieser Stelle nicht näher eingehen möchte, erzeugen bei uns Heiterkeitsausbrüche von einer Albernheit, die man normalerweise nur 14-Jährigen zutraut. Auf jeden Fall wird das Schild fotografisch festgehalten; Passanten sehen uns verwundert an – zu recht – aber es ist einfach zu witzig und so schön, mal wieder richtig albern zu sein! Kichernd setzen wir unseren Weg fort, vorbei am Bahnhof und kurz darauf sind wir am Markt angelangt. Betörende Düfte umschmeicheln unsere Nasen: Käsesorten aller Farben, Formen und Konsistenzen aus ganz Italien, Würste, Speck und Geräuchertes, Obst und Gemüse, Backwerk und Süßkram, soweit das Auge reicht! Wir schlendern erst mal nur mit den Augen genießend durch das verlockende Angebot. Erst wollen wir den ganzen Markt sichten und dann zuschlagen. An die Fressalienmeile schließt sich die Lederabteilung an. Gürtel, Jacken, Taschen, Geldbeutel. Geldbeutel! Schon lange suche ich einen neuen, denn mein alter löst sich schön langsam in seine Bestandteile auf, obwohl ich ihn schon mehrfach geflickt habe. Ich liebe meine alte rote Börse und – da bin ich ganz eigen – die neue muss sowohl in der Farbe als auch bei der Inneneinteilung mit der alten übereinstimmen. Seit zwei Jahren suche ich bereits und noch nie konnte ein Teil meinen Anforderungen entsprechen. Ein bisschen lustlos, weil ich nicht an einen Erfolg glaube, stöbere ich bei zwei Händlern: natürlich Fehlanzeige. Dann halt nicht! Da fällt mir im Weiterschlendern etwas Rotes ins Auge, es schreit mich förmlich an. Wie vom Magneten angezogen steuere ich darauf zu, öffne das rufende Portemonnaie, ein Strahlen geht über mein Gesicht und 30 Sekunden später ist es mein. Die Verkäuferin ist mindestens ebenso überrascht wie ich; sie, weil ich nicht gehandelt habe (aber über 20 Euro für echtes Leder kann man sich nicht beschweren) und ich, weil ich tatsächlich fündig geworden bin. Das kostbare Stück wandert zu meinen Nudeln und ich bin glücklich.

Auf den nächsten Metern ändert sich das Sortiment erneut und wir sind bei den Textilien angelangt. Von kitschigen Dirndln über rustikale Strickjacken, Altdamen-Blusen und windigen Fähnchen gibt es hier alles. Die richtige „Abteilung“ zum Stöbern und Lästern. Doch komisch: der ein oder andere Standlbesitzer zeigt seltsame Räumaktivitäten. Die werden doch nicht schon schließen?!? Minuten später bestätigt sich unser bis dato vager Verdacht, als wir das Gespräch zweier Marktleute mitbekommen. Hier ist um 13.30 Uhr Zapfenstreich. Verdammt, es ist schon 12.45 Uhr und wir wollen doch noch Köstlichkeiten einmarkten! Also beschleunigen wir unseren Schritt, bis wir bald darauf das hintere Ende des riesigen Marktes erreichen, drehen um und gehen auf der anderen Seite der Standlgasse wieder Richtung Fressalien. Moni macht noch einen kurzen Abstecher in die Tiefen eines bereits im Abbau begriffenen Textilstandes und greift nach einem kuschelig aussehenden Nachthemd, das sich beim Entfalten als zirkuszeltgroßer Erotikkiller herausstellt. Stirnrunzelnd will sie es gerade wieder beiseite legen, als der geschäftstüchtige Verkäufer bereits anhebt, sie über die Vorteile dieses wunderbaren Kleidungsstücks zu informieren. Entweder ist der Mann blind, oder sein Verkaufsinstinkt führt ihn über Leichen... Wir flüchten weiter zum nächsten Stand, wo Moni doch noch ein Kleidungsstück ersteht, das um Welten besser zu ihr passt als das Oma-Nachthemd von vorhin: ein hübsches zweifarbiges T-Shirt mit allerlei Applikations- und Bändchen-Raffinessen, das ihre Mutter, so Moni, sicher kurz und bündig als „Hadern“ bezeichnen würde. Also nix wie den Hadern in die Tüte gepackt und weiter zu den kulinarischen Köstlichkeiten.

Die Fressalienhändler haben es noch nicht ganz so eilig mit dem Aufräumen und wir können uns in aller Ruhe noch mit Schinken, Speck und Käse eindecken, natürlich nicht, ohne vor dem Kauf immer auf ein Probierstückerl zu bestehen. Schön langsam reicht es uns dann auch mit unserem Einkaufsbummel und mit mehr oder weniger schwer beladenen Taschen machen wir uns zurück auf den Weg Richtung Innenstadt. Und Durst haben wir! Lange ist kein Lokal in Sicht, aber schließlich, kurz vor dem Erreichen des Stadtkerns, werden wir doch noch fündig: eine, naja, nicht gerade gemütliche Pizzeria, wo man draußen sitzen kann und sicher nicht zum Essensverzehr gezwungen wird. Ächzend lassen wir uns nieder und genießen das kühle Bier, das uns ein semifreundlicher Kellner kredenzt. Der Lärm der Freiheitsstraße in unserem Rücken macht es manchmal fast unmöglich, sich zu unterhalten. Doch wir lassen uns weder den Gerstensaft noch den Tag vermiesen und trinken in Ruhe aus. Als wir zahlen wollen, bemerken wir, dass außer uns keine Gäste mehr da sind, die Tür der Pizzeria geschlossen und die Kellner selbst am essen sind. Nur unwillig folgt der bei der Nahrungsaufnahme gestörte Ober unserem Ansinnen, doch bitte bezahlen zu wollen, aber mei, dann hätte er halt vorher kassieren sollen.












Wir packen unsere Errungenschaften und stürzen uns, nachdem wir einen Stadtplan studiert haben, der keine sehenswerten Punkte mehr aufwies, wieder in unsere Tiefgarage und fahren zurück zum Innergatterhof. Dort angekommen, wirft sich Moni in ihren „Hadern“ und wir stürmen zum Gästebalkon auf der Westseite des Hauses, um noch die letzten Sonnenstrahlen auszukosten. Chrissie und Moni lesen blinzelnd, ich schreibe meine Postkarten und, kaum ist es 17.30 Uhr, verschwindet die Sonne hinter den gegenüberliegenden Bergen und es wird saukalt. Fröstelnd flüchten wir in unser Zimmer, mümmeln uns in kuschelige Jacken und Chrissie schenkt auf dem Balkon schon mal großzügig Bailoni zum Aufwärmen in die Likörgläser. Moni allerdings stolpert beim Betreten des Balkons über ein Tischbein, alle drei Gläser fallen um, rollen vom Tisch und zerschellen auf dem mit Kunstrasen gepolsterten Boden. Was für eine klebrige Sauerei! Wir versuchen, den ärgsten Schaden zu begrenzen, wischen, waschen, tupfen, aber es klebt wie Affenscheiße – vor allen Dingen der Boden. Das können wir leider auch nicht ändern, aber besonders schade ist's halt um den guten Marillenlikör... Moni holt aus dem Frühstückszimmer neue Stamperl und wir kommen doch noch zu unserem Likörchen. Wie in der Opernloge, wenngleich einer klebrigen, sitzen wir da und beobachten den Bruder von Frau PP beim abendlichen Schafefüttern, inspizieren genau die vorbeifahrenden Autos, die sich die steile Bergstraße hinter dem Haus nach oben schrauben. Wir müssen unbedingt noch erkunden, wo die Straße genau hingeht! Aber heute nicht mehr, denn schön langsam rührt sich der Hunger bei uns und wir beschließen, diesmal die Braugaststätte an der Hauptstraße zu besuchen. Eine halbe Stunde später sind wir da und werden von einem etwas befremdlichen Eingangsbereich empfangen. Nach der Eingangstüre geht es rechts in einen Gastraum, in dem aber schon alle Tische besetzt ist. Also müssen wir vorbei an der zentralen Bar, der gegenüber sich mehrere Sitzgelegenheiten befinden – alle mit Blickrichtung auf die Bar. An der Bar und auf diesen Sitzgelegenheiten haben sich einheimische Burschen unterschiedlicher Alterstufen platziert, deren größtes Vergnügen es zu sein scheint, passierende Touristinnen zu begaffen. Und da müssen wir jetzt durch. Es wird lauthals kommentiert und gepfiffen, einigen fallen fast die Augen aus dem Kopf und ein Barfüßiger(!) in kurzen Hosen bietet sich nur zu gerne an, mich zu wärmen, als ich in meine Fleecejacke gehüllt an ihm vorbeirausche. Komisches Lokal!

Doch wenigstens die Speisekarte sieht normal aus und auch die Kellnerin ist nur freundlich. Wir nehmen ein leckeres Mahl zu uns und Moni versucht anschließend, ihre Postkarten zu schreiben. So recht will ihr nichts einfallen und wir ziehen sie deswegen ein bisschen auf. Damit sie in Ruhe schreiben kann, stellen wir ihr die Speisekarte wie einen Paravent auf, aber trotzdem will's mit der Konzentration nicht so richtig klappen. Na gut, beschließen Chrissie und ich, gehen wir halt für ne Weile vor die Tür, machen ein Rauchpäuschen. Ungeschoren schaffen wir Burschenpassage, beim Rausgehen, doch auf dem Rückweg hat man schon auf uns gewartet. Wieder wird gejohlt und gepfiffen und mein Barfüßer versucht sogar seine Wärmversuche in die Tat umzusetzen, indem er mir dreist an den Hintern fasst. In jüngeren Jahren hätte ich ihm wahrscheinlich eine geschallert, aber heutzutage weiß ich, dass es besser ist so zu tun, als hätte man es gar nicht bemerkt. Ein wenig befremdlich allerdings finde ich es schon, schließlich sind wir hier in einem angesehenen Haus und nicht in der versifften Dorfkneipe. Dennoch hat sich unser Opfer gelohnt, denn als wir wieder beim Tisch sind, hat Moni ihre Urlaubspost vollendet. Gemütlich trinken wir noch aus, flitzen geschwinde durch die Anmachgasse, zahlen an der Zentralkasse und fahren mit vollen Bäuchen wieder rauf zu unserem Hof. Auf dem Balkon ist es recht frisch, im Zimmer auch und so kuscheln wir uns kurzerhand unter unsere warmen Daunendecken, um noch ein bisschen zu lesen. Meine Matratze ist tatsächlich mit einem Spannbetttuch bezogen und mein vorsichtiger Liege- und Wendeversuch fühlt sich vielversprechend an! Gute Nacht, du geruhsamer Chill-Tag, der du doch so ereignisreich gewesen bist!

Donnerstag, 8. Oktober 2009

Kurzchillen in Südtirol

Donnerstag, 1. Oktober 2009
München > San Martino in Passiria

Meine langjährige Freundin Moni, ihre Freundin Chrissie und ich haben vor ein paar Wochen beschlossen, ein verlängertes Mädls-Chill-Wochenende einzulegen. Chrissie hat sich um die Unterkunft gekümmert und heute geht es los – nach Südtirol. Moni holt mich ab, wir fahren zu Chrissie, laden das Gepäck in ihren BMW um und machen uns auf den Weg. Bei den Klängen von Simply Red und diesigem Wetter tuckern wir die Salzburger Autobahn entlang, voller Vorfreude auf die kommenden Tage. Die elende Baustelle vor dem Inntaldreieck ist leider noch nicht weitergewandert und wir stehen im Stau. Nur langsam tasten wir uns zur Ausfahrt auf die Innsbrucker Autobahn vor, danach geht es wieder zügig weiter. Kurz vor der Grenze nach Österreich müssen wir an einer Raststätte Halt machen, denn schließlich brauchen wir noch ein Bickerl. Zuerst aber mal ab auf's Klo. Ich bin ja schon seit Ewigkeiten auf keinem Autobahnklo mehr gewesen und staune nicht schlecht, dass hier völlig neue Sitten herrschen. Man muss 50 Cent zahlen, kriegt dafür ein Ticket, darf durch die Schranke und landet schließlich auf einem Picobello-Örtchen mit automatischem Brillenputzgerät, Lichtschrankenwasserhähnen und Sensorhandtuchspendern. Das 50-Cent-Ticket kann man dann, sofern man etwas konsumiert, wieder zu Geld machen. Schlaue Strategie! Wer völlig überteuerte Getränke oder sonstigen Kram kauft, darf kostenlos biesln, die Nur-Biesler löhnen. Allerdings wird das Struller-Billet nicht auf's Bickerl angerechnet... Da wir aber ein Frühstück nachzuholen haben, können auch wir unsere Toiletten-Belege sinnvoll reinvestieren.

Gestärkt bringen wir unser Bickerl vorschriftsmäßig an der Frontscheibe des Autos an und tauchen ab nach Österreich, immer am Inn entlang, rauf auf den Brenner. Sobald man Österreich verläßt und italienischen Boden unter den Reifen hat, verändern auch die ehemals silbrigen Leitplanken ihre Farbe: sie sind rostig. Warum? Geradezu philosophische Gedankengänge bescheren uns schließlich die Lösung für diese nicht zu übersehende Tatsache. Nein, die Italiener sind nicht gschlampert oder wurstig, im Gegenteil. In jedem Dekogeschäft, auf jeder Gartenmesse kann man mannigfaltigen Zierrat in mediterraner Optik erstehen, um seiner Wohnung oder dem vorgelagerten Grün das erträumte südliche Flair zu verpassen. Und 90 Prozent des Atmosphäre erzeugenden Tands sind rostig. Und wenn's nicht von selber rostet, wird’s halt so angemalt. Die Leitplanken also empfangen uns nördliche Gäste gleich mit einer gehörigen Portion Südlichkeit – Urlaubsfeeling ab Grenzübertritt. Wenn das mal nicht touristischer Wohlfühlservice ist! Um das erleben zu dürfen, zahlt man doch auch gerne 8 Euro Maut. In Sterzing, sprich Vipiteno (wir wollen das Italo-Flair ja beibehalten), verlassen wir die Dolce-Vita-Planken und kreiseln uns für 1,10 Euro Maut um das 6000-Einwohner-Kaff in Richtung Jaufen-Pass, Verzeihung, in Richtung Passo di Monte Giovo. In engen Tornantes (Kehren) windet sich ein schmales Sträßlein aus dem Valle Isarco (Eisacktal) den Berg hinauf. Begegnen sich zwei Autos, quetschen sich beide Fahrzeuge an den äußersten Fahrbahnrand, um aneinander vorbei zu kommen. Moni erzählt, dass sie mit ihrem Freund Helmut den Pass im März diesen Jahres schon mal überquert hatte, auf dem Weg zu einem romantischen Wochenende in Venedig. Die Straße war schneefrei, doch zu beiden Seiten der Fahrbahn türmten sich noch die Hinterlassenschaften des Winters. Plötzlich hatten die beiden einen keuchenden Kieslaster vor sich und, wie Männer halt so sind, gab Helmut Gas und überholte den Lkw, ohne sehen zu können, ob wohl Gegenverkehr kommt. Moni erstarrte in ihrem Beifahrersitz und bemerkte nach geglücktem Überholmanöver nur trocken in seine Richtung: „Du hast ja wohl völlig den Arsch offen!“ Auf italienisch hätte das sicher charmanter geklungen... Helmut war völlig schockiert ob der rüden Bemerkung und murmelte die nächsten Serpentinen immer wieder fassungslos vor sich hin. Aber er ist nicht der einzige Popo-aperto, wie wir feststellen. Immer wieder überholen uns motorisierte Biker im Fahrspaß-Delirium an völlig unübersichtlichen Stellen und sogar wir überholen mehrfach: Eigenleistungs-Biker, sprich Radler, die sich den Berg mit hochroten Köpfen und sehnigen Wadln hochquälen. Letztere werden von uns ganz unsportlich in die Arsch-Offen-Kategorie 2 eingeschubladet, auch wenn wir insgeheim den Hut vor dieser Leistung ziehen.













1150 Höhenmeter schrauben wir uns rauf, das rußende Wohnmobil, das seit geraumer Zeit aus dem letzten Loch pfeifend vor uns herkeucht, macht auf den letzten Metern schlapp und wir passieren unbehindert den höchsten Punkt des Passes, lassen die Konsumstation verachtungsvoll links liegen und halten erst ein paar Kilometer weiter unten an einer kleinen Parkbucht. Argwöhnisch hatten wir die ganze Zeit schon das Außenthermometer auf dem Tacho beobachtet: es sank von 22,5 Grad in Sterzing auf jetzt 12 Grad und wir machen uns auf ordentlich Gänsehaut gefasst. Doch es fühlt sich gut an! Frische Luft, Windstille, Sonne, ein paar spärliche Blümchen, ein abschüssiges Bankerl und ein grandioser Ausblick auf die diesigen Südtiroler Berge. Zeit für die ersten Fotos. Jeweils zu zweit quetschen wir uns auf die Bank und versuchen, den Schein unberührter, nur von einer Passstraße zerschnittenen Bergwelt zu wahren, indem wir das Baustellenschild hinter uns geschickt aus dem Bild bannen. Das „Assessorat für öffentlich Arbeiten“, so steht da geschrieben, überholt die Steinschlag- und Lawinenverbauungen. Ich lese laut vor - völlig fasziniert vom Grammatik-Fehler in der Amtsbezeichnung (sorry, Berufskrankheit...), verhasple ich mich und aus dem Steinschlag wird ein Schleimschlag. Das erste Wort, das uns auf ewig an diese Tage erinnern wird, ist geboren. Ach, albern sein ist so schön! Kichernd steigen wir wieder ins Auto und juckeln den Jaufen talwärts. Wir sind schon wieder ziemlich weit unten, als wir in der gefühlten Kehre 289 an einem rammelvollen Parkplatz vorbei kommen. Sekunden später sehen wir den Grund für diese Rastlust: in einer haarnadeligen Tornante hat sich ein Gastwirt niedergelassen, der sein Etablissement sinnigerweise „Kurfenwirt“ getauft hat. Ja, Kurfenwirt mit F, mit einem besonders ausladenden noch dazu! Sicher eine südtirolesische Sprach-Besonderheit... Mich würde ja brennend interessieren, wie viele Menschen den „Virt“ schon auf das orthografische Malheur hingewiesen haben, warum auch der Schildermacher nix gesagt hat oder ob das Wort mit „F“ vielleicht doch eine Dialekt-Eigenheit darstellt. Doch so kurz vor dem Ziel, es ist schon nach 16 Uhr, halten wir uns nicht mit Sprachforschung auf.












Wenig später haben wir das Valle di Passiria erreicht, lassen den ersten Ort, Sankt Leonhard hinter uns und steuern auf Sankt Martin zu. „Sie passieren das Ortsschild, folgen für 313 Meter der Jaufenstraße, dann biegen Sie links in die Jaufenstraße ab, folgen ihr für weitere 898 Meter, dann scharf links und Sie haben ihr Ziel in der Jaufenstraße erreicht.“ So steht es auf dem Ausdruck des Routenplaners geschrieben. Wir passieren das Ortsschild, biegen kurz darauf links ab und landen mitten im Industriegebiet. Also nochmal. Wieder raus auf die Hauptstraße und bei der nächsten Gelegenheit nach links. Innergatterhof steht da auf einem kleinen Schild. Ja, da wollen wir hin! Auffi auf'n Berg, scharf links und schon sind wir da. In weißen Lettern prangt der Name unseres gebuchten Gastgeberhofes auf einer wettergegerbten Holzverkleidung unter dem Giebel des malerischen Hauses, halb verdeckt von einer üppig wuchernden Clematis, umrankt von roten Geranien, gelben Pantoffelblumen, blauen Männertreu und weißen Margeriten. Vorsichtig lenkt Chrissie das Auto die schmale Hofeinfahrt hinunter und parkt es auf einem freien, eben betonierten Stellplatz unter einer Pergola. Wir steigen aus und sehen tausend Sachen auf einmal: Die Pergola wird von Kiwipflanzen schattierend berankt, die schon üppig Früchte tragen, es gibt mindestens 5 Katzen auf dem Hof und ein Stallgebäude, aus dem uns mehrere Haflinger erwartungsvoll entgegenblicken. Oberhalb des Hofes bimmeln Schafe auf der Weide, neben uns fallen Nüsse vom Walnussbaum, Hühner scharren zufrieden in sandigen Kuhlen des ungepflasterten Stallvorplatzes, es gibt noch andere Gäste – laut Autokennzeichen aus Reutlingen und Traunstein. Immer noch schauend, touristisch staunend, bewegen wir uns wie ferngesteuert auf die Eingangstüre des Hofes zu. Diese öffnet sich und eine junge blonde Frau, die sich uns sofort händeschüttelnd als Annelies vorstellt, begrüßt uns herzlich. Wir stellen uns unsererseits vor und werden informiert, dass ja die Mama für die „Gäscht“ zuständig wär. Die Mama wird herbeigerufen und begrüßt uns nicht minder herzlich. Sofort zeigt sie uns unser Zimmer, den Frühstücksraum, klärt uns über die Absperrsitten der Haustür auf und bittet uns bedauernd, unseren ebenen Parkplatz zu räumen, denn hier gäbe es ältere Parkrechte. Fröhlich laden wir unser Gepäck aus, knuffen hier eine Mieze, drücken dort eine Kiwi, Chrissie parkt das Auto unter dem Walnussbaum und wir beziehen unser Zimmer. Gemütlich ist es, mit einem Balkon, der zur Bergseite zeigt, einem En-suite-Bad-WC, einem Doppel- und einem Beistellbett. Wir lassen unser Gepäck fallen und versammeln uns als erstes auf dem Balkon. Chrissie packt drei Kristall-Stamperl und eine Monsterflasche Bailoni aus. Ein Prosit auf unseren Südtiroler Chillout! Steil ragt eine Schafweide hinter unserem Balkon auf, darüber türmen sich meterhohe Fichten, die gerade noch einen Blick auf ein Ecklein Himmel freigeben, eine graue Jungmieze jagt imaginäre Mäuse über einem stillgelegten Brotbackofen, eine Walnuss fällt scheppernd auf Chrissies BMW herab und wir sind angekommen!












Bei der Bettenaufteilung sind wir uns nach dem Bailoni schnell einig, Moni und Chrissie nehmen das Ehebett, ich die Beistellliege im Eck, ausgepackt wird später, jetzt müssen wir erst mal inspizieren und eruieren. Wir suchen die Mama, um zu erfragen, wann es denn Frühstück gäbe. Uuhh, von acht bis halb zehn! Uuha, verdammt früh, aber wir werden es schon hinkriegen. Was wir nicht hingekriegt haben, bis jetzt, ist, uns den Familiennamen der Hofbewohner zu merken. Bierbamer, Pribacher, Pirnpamer oder so? Einmal hat die Mama sich vorgestellt, einmal hat Moni nachgefragt – wir können doch nicht nochmal fragen! Eine Inspektion der näheren Umgebung löst unser Problem. Nebenan im Stallgebäude, ganz frisch renoviert, lugen ein paar Haflinger aus ihrer Box und jede Boxentür ist mit einem Schild gekennzeichnet. Auf der ersten Box links sagt das Schild: Annelies Pirpamer. Also, geht doch! Moni, die eingefleischte Pferdefrau stromert im Stall und dahinter herum, Chrissie, eigentlich nicht weniger eingefleischte Pferdefrau und ich beobachten die Mutterschafe nebst unterschiedlich alten Lämmlein auf der Wiese unter dem Hof. Da ist ein Einzellamm, das gerne in höchsten Bocksprüngen einem Huhn hinterher jagt und vier ganz wackelige kleine, die so unsicher auf ihren knubbeligen Beinchen stehen, dass sie immer wieder umfallen. Ach, ist das schön!

Die Mama Pirpamer, deren Namen wir immer wieder gebetsmühlenartig vor uns hermurmeln, um ihn nie mehr wieder zu vergessen, tritt mit einer Gießkanne bewaffnet vor ihren Hof und beginnt, ihre üppigen Blumen und den Gemüsegarten zu gießen. Wir hinterher. Wir benehmen uns, als hätten wir noch nie einen Gemüsegarten gesehen, noch nie Feigenbäume(!), noch nie Buschbohnen. Mama PP, wie wir sie mittlerweile in Gedanken nennen, lächelt uns gießenderweise an und meint: „Ah, seid ihr schon am Spionieren?“ Gleich aber dreht sie sich wieder um, denn ihre Aufmerksamkeit wird abgelenkt von zwei älteren Herren, die die schmale Teerstraße hinter dem Haus emporkommen. Einer geht stoisch voran und winkt, der andere schreit immer „hoh, hoh“ und folgt in 30 Metern Abstand. Das Hoh-hoh klingt nach Viehtrieb, Kühen, die abends von der Weide nachhause gebracht werden, aber es ist keinerlei Tier zu sehen. „Hoh, hoh“, ruft der hintere. Mama PP winkt zurück und wendet sich wieder zu uns um. „Das ist mein Bruder“ meint sie erklärend, „und der andere hört sehr schlecht!“ Sagt's und kichert. Mei, ist das sympathisch hier! Der Bruder und der Hoh erreichen den Hof, begrüßen uns und werden von Mama PP ins Haus gebeten. Vorher gibt sie uns noch einen Abendtipp: „Was habt ihr denn heut’ noch vor? Ihr wollt sicher Spaß haben. Da ist ein Konzert am Platzl im Ort, geht doch da hin, da ist es sicher lustig!“

Naja, erst mal sind wir hungrig und Chrissie rangiert den heckgetriebenen BMW wieder unter dem Nussbaum hervor, um uns ins Dorf zu kutschieren. Groß ist es ja nicht und wir landen trotzdem, aber eher zufällig, direkt am Platzl. Alles, was wir brauchen ist hier. Ein Parkplatz, ein Supermarkt, eine Wirtschaft, ein paar Geschäfte zum Alibi-Bummeln. Letzteres machen wir zuerst und schlendern ungefähr 50 Meter eine Kopfsteinpflastergasse entlang. Uih, ein Postkartenladen. Nix wie rein und kaufen. Was du heute kannst besorgen... Postkarten gibt es genug, nur Briefmarken sind Mangelware. Moni hat zwei Karten gekauft und bekommt die letzten Marken, ich hab sechs Karten und die Ladeninhaberin ist untröstlich: keine Marken mehr. Sie sei allein im Laden, der Mann unterwegs, aber er käme gleich wieder und dann besorge sie mir neue Marken. Naja, wart' ma halt, wir haben ja Zeit. Nervös lugt die Gattin des absenten Ladenaufpassers immer wieder um's Eck. Nein, er kommt nicht. „Immer, wenn man die Männer braucht, sind sie nicht da!“ entschuldigt sie sich. „Wo gibt es denn die Marken?“ frage ich. Kann ja nicht weit sein, wenn sie verspricht, so schnell wieder da zu sein, sobald der Streungatte wieder da wäre. „Ah, gleich da vorne im Supermarkt, ist nicht weit.“ Nicht nur nicht weit, nein, sondern so nahe, dass ich den Eingang von hier aus sehen kann. Mein Vorschlag, mir selbst meine Marken dort zu holen und mein Angebot, ihr auch noch ein paar mitzubringen, bringt sie richtig in Verlegenheit. Völlig konfus und peinlich berührt lehnt sie mein Angebot ab, bietet mir noch an, ich könne ja später nochmal kommen, dann hätte sie die Marken für mich. Ich kapier’ schön langsam gar nichts mehr; nur das, dass die Leute hier extrem zuvorkommend, freundlich und auf Touris geprägt sind. Und obwohl alle Welt zum Wandern hier ist, erspart man dem Gast jeden überflüssigen Schritt, ohne nachzudenken, dass derjenige im Endeffekt ja, in diesem Falle, 2x 50 Meter zu latschen hätte. Ich versichere der Ladeninhaberin, dass es kein Problem sei, mir die Marken selbst zu besorgen, bedanke mich ganz herzlich bei ihr und wir drei Mädls nehmen Kurs zurück auf den Supermarkt. Eine kurze Inspektionsrunde informiert uns über das Sortiment und schon habe ich, zurück an der Kasse, meine Marken erstanden. Danach nochmal fünf Schritte und wir sitzen im Gasthaus Lamm, dem Mitterwirt.

Eine gemütliche Holzstube umfängt uns, eine Speisekarte mit ausgesuchten Gerichten wird kredenzt und wir sind happy. Chrissie wählt „canederli“ auf Salat. Canederli, welch schönes Wort! Wir sind hier in Südtirol, also auf italienischem Staatsgebiet. Doch wenn man die Kultur, die Landschaft, die Leute hier sieht, versteht man, warum sie nicht zu Italien gehören (wollen). Canederli ist eine sprachliche Konzession an die Zweisprachigkeit der Gegend und bedeutet nichts anderes als „Knödel“, die es in Südtirol in allen möglichen Geschmacksrichtungen, Wärme- und Bratgraden gibt. Canederli! Chrissie bekommt ihre Canederli auf Salat, ich einen Hirschrücken mit gebratenen Canederli und Moni hausgemachte Bergheu-Nudeln mit Graukäse. Fast alles sehr lecker, doch Moni scheint experimentelle Küche bestellt zu haben, denn die Nudeln schmecken, als wäre das Bergheu nebst Kuhfladen und Mutterboden in die Nudeln eingearbeitet worden. Sandig, fad; auch der Graukäse, der auf Geheiß des freundlichen Kellners heftig untergearbeitet wurde, macht's nicht wirklich schmackhafter. Aber satt sind wir danach, auch Moni. Mit gefüllten Canederli-Friedhöfen fällt uns dann auch Mama PPs Konzertvorschlag wieder ein und wir sehen uns draußen vor der Wirtschaft, am Platzl um. Konzert? Das einzige, was wir entdecken, ist eine Kirche nebst Plakat an deren Mauer: Konzert, heute, in der Kirche. Aber die Mama hatte doch gemeint, wir suchen Spaß, wollten es lustig haben. Kirchenkonzert? Egal, wir sind jetzt, um kurz vor neun, eh so bettschwer, dass wir es gerade noch hinauf auf den Innergatterhof, hinein in unser Zimmer, hinaus auf den Balkon, auf einen weiteren Bailoni schaffen. Da sitzen wir nun und alles ist still. Auf einmal hören wir eine Schafglocke: bim-bim-bim-bim-(...)-bimmm-bimmmm-bimmmmm-bimm. Monoton, beharrlich, lange. So lange kann kein Schaf auf diesem steilen Hang auf drei Beinen stehen und sich mit dem vierten kratzen. Da muss ein Bock sein, der für neue Lämmlein sorgt... Grinsend gehen wir zu Bett, 21.15 Uhr. Ein bisschen noch lesen und dann schlafen. So denk ich mir, wenn auch mit leichtem Stirnrunzeln, als ich bis zur Nasenspitze in der Matratze meines Beistellbettes versinke...

Mittwoch, 25. März 2009

Nur noch ein paar Mal schlafen!

Fast nichts ist schöner als schlafen, aber in diesem Falle verkürzt es mir lediglich die Wartezeit. Die Wartezeit, bis mein erstes gedrucktes Buch über meine 2008er-Tour bei mir eintrifft. Vorgestern endlich hatte ich die Layout- und Reinzeichnungsphase abgeschlossen, die ausgewählten Bilder nach Fogra 39L von RGB in CMYK gewandelt, erneut verknüpft, ein Druck-PDF geschrieben und das Machwerk zum Drucker meiner Wahl hochgeladen. Stolze 164 Seiten wird das Buch dick mit matt-kaschiertem Hardcover, 150-Gramm-Bilderdruck-Papier im Innenteil, auf dem an die 350 Fotos zu sehen sein werden. Auflage? Naja, 3 Stück... Ein Exemplar für meinen Freund, eines für meine Eltern, eines für mich. Und all das, damit ich nicht immer den Computer anwerfen muss, wenn ich mir Urlaubsbilder ansehen möchte. Trotz aller Digitalität bin ich halt immer noch eine Analoge! Und so ungefähr soll das Buch mal aussehen: