Donnerstag, 10. August 2017

25. September 2015; Hoima > Kibale Forest NP

Ja, so ein richtiges Bett, das hat schon was für sich! Auf jeden Fall haben wir hervorragend geschlafen und trennen uns nur widerwillig von unserem Gemach mit dem En-suite-Bad. Doch der Hunger treibt uns in den Speisesaal, wo schon ein reichhaltiges Frühstück auf uns wartet. Rasch und dennoch genussvoll füllen wir unsere Mägen, abermals begleitet von den herzzerreißenden Melodien und schwachsinnigen Dialogen einer Fernseh-Soap, die hier anscheinend rund um die Uhr läuft. Der nebenbei flimmernde Schmachtfetzen aber tut der kulinarischen Qualität des Frühstücks beileibe keinen Abbruch; wir sind derart in die Einverleibung der ersten Mahlzeit des Tages versunken, dass wir darob beinahe etwas Wichtiges vergessen hätten: Jochen sitzt mit uns am Tisch und mampft ebenfalls wohlig in sich rein, als er uns zwischen einem neuen Käffchen und einem Stück Gebäck kundtut, dass er bereits in der Morgendämmerung in Hoima Town gewesen sei, die neue Batterie erhalten und sie auch schon eingebaut hätte. Stimmt, die Batterie, die haben wir über Nacht tatsächlich total aus dem Fokus verloren! Naja, nicht total, eher dachten wir, wir müssten sie bei unserer Abreise noch besorgen und würden wieder eine Menge Zeit dadurch verlieren. Doch Jochen Dank sei, jetzt ist alles in trockenen Tüchern! Da könnten wir eigentlich noch ein wenig länger frühstücken, oder? Nein, Annette drängt und sie hat recht, denn die heutige Tagesetappe ist wieder eine reine Fahrstrecke, nicht abartig weit, aber dennoch nicht zu unterschätzen. Also fügen wir uns den Gegebenheiten, den bekannten Unwägbarkeiten eines Fahrtages und machen uns, nach einem letzten Schluck Kaffee und dem eiligen Verstauen unserer Habseligkeiten wieder auf den Weg, der uns in den Kibale Forest führen wird, einem weiteren Highlight der Tour – dem Schimpansen-Tracking.

Die Batterie ist eingebaut!
Wir verlassen Hoima
Es wird wieder ländlich










Überall sind Menschen
unterwegs
Gemüsetransport
Es hat wohl geregnet









Lange plätschert die Fahrt so dahin, ereignislos, aber nicht uninteressant, denn immer wieder kommen wir durch kleine Dörfer und sehen Menschen, die ihrem beschwerlichen Tagwerk nachgehen und trotzdem die Zeit finden, uns freundlich winkend zu grüßen. Die Landschaft ist abwechslungsreich und üppig grün, die Straße, die bereits kurz nach Hoima vom geteerten Zustand in einen „naturbelassenen“ übergeht, ist gut zu befahren und selbst Abschnitte, die von örtlichen Regenfällen etwas matschig sind, bereiten uns keinerlei Probleme. Dann aber, wir durchqueren gerade eine recht hügelige Gegend, in der die Straße wie über hohe Dünenkämme führt – steiler Anstieg nach oben, schmale Kuppe, gleich darauf wieder steil nach unten -, sehen wir das Ungemach förmlich auf uns zukommen: wir erreichen eine Kuppe und können bereits dort erkennen, dass auf dem gegenüberliegenden Anstieg etwas passiert sein muss. Etwas Heftigeres, denn die ganze Straße wird von zahlreichen Fahrzeugen blockiert, die sich allesamt keinen Millimeter bewegen! Oje! Wir tasten uns abwärts, näher an das Geschehen heran. Als wir auf ungefähr gleicher, gegenüberliegener Höhe mit dem Fahrzeug-Kuddelmuddel sind, offenbart sich uns schließlich das ganze Ausmaß des Problems: mitten auf der ansteigenden Strecke, die regendurchnässt und somit ordentlich seifig ist, hat sich ein blauer Pepsi-Laster, beladen mit ausschließlich leeren Getränkekisten, in der Straßenmitte festgefahren und quergestellt, sodass er mit der Schnauze fast in der linken Böschung hängt. Dann muss wohl ein Lkw gekommen sein, ungleich größer und auch schwerer beladen, der versucht hatte, das blaue Gefährt rechts zu umfahren. Dabei wurde diesem jedoch der halbmondförmige Querschnitt der Straße zum Verhängnis; er schlitterte auf dem rutschigen Untergrund haltlos gegen die rechte Böschung, wo er nun in ziemlicher Schräglage lehnt und den Rest der Fahrbahn blockiert. Heilige Scheiße! Es scheint keine Verletzten gegeben zu haben, Gott sei Dank, aber an ein Durchkommen ist hier auch nicht zu denken. Beide Böschungen sind mehrere Meter hoch, steil aufragend, aus von Felsbrocken durchsetztem Lehm, die rechte Böschung reicht dem Lkw bis zur Oberkante der Laderaum-Plane, die linke Böschung ist etwas niedriger, aber dicht mit Gestrüpp bewachsen. Na toll!

Seifiger Untergrund ...
... kann zum Verhängnis werden
LKW klebt an der Böschung









Wir wähnen uns im Geiste bereits fern des Kibale, den wir heute sicher nicht mehr erreichen werden, wenn wir hier Stunden festhängen, sehen uns insgeheim schon nach einem geeigneten Schlafplatz um, während wir uns abschätzend dem Stau nähern. Nein, kein Durchkommen. Frustriert stoppen wir am Ende der Fahrzeugkolonne und machen uns direkt vor Ort ein weiteres Bild, das auch nicht zuversichtlicher ausfällt. Die Straße ist auf unabsehbare Zeit dicht! Resigniert steigen wir aus unseren Autos, hören uns um, erkunden das Gelände zu Fuß, unterhalten uns mit vielen ebenfalls Betroffenen über den Unfallhergang und mögliche Chancen, doch bald weiter zu kommen - es scheint aussichtslos. Dann plötzlich bohrt sich ein durchschnittlich großer Pkw durch die lehmige Lücke auf der, von uns aus gesehen, linken Seite der Böschung, wühlt, gräbt, bohrt, schrappt, spritzt rote Erde in alle Richtungen, gibt schließlich ein entschlossen klingendes Schmatz-Kratz-Schlupp-Geräusch von sich – und hat somit, nicht ganz schadenfrei – die Engstelle erfolgreich passiert. Jochens Augen beginnen zu leuchten. Das können wir auch, scheint sein Blick zu sagen. Ja, vielleicht. Aber wir sind um einiges breiter und kommen zudem von unten! Egal, das versuchen wir – schließlich sind wir mit Land Rovern unterwegs und das sollte alle Negativ-Argumente entkräften! Entschlossen schraubt Jochen unseren Spaten vom Dachpaneel, buddelt an der Böschung, sticht ein paar sperrige Brocken ab, wirft den verdreckten Spaten schließlich ins Auto, setzt sich hinters Steuer und startet den Motor.

Wir begutachten ...
... die Sachlage ...
... von allen Seiten









Will er da jetzt echt durch? Wir sind, gelinde gesagt, etwas erstaunt, Annette aber ist wahrlich fassungslos. Sie hechtet zu Jochen, der schon ordentlich Gas gibt, und versucht ihn von dieser Durchfahrt abzuhalten. Er winkt genervt ab, zitiert Heinz herbei und bittet diesen, ihn durchzuwinken. Okay, Männer unter sich... Heinz jedoch sieht die Sachlage auch eher kritisch und ergibt sich nur zögerlich seiner Verantwortung. Einen Millimeter weiter nach rechts, uih, das ist verdammt eng, jetzt links, geradeaus, schnell wieder rechts gegenlenken, aaah, die Böschung, Vorsicht, rechts ist kein Platz mehr. Zentimeter um Zentimeter kämpft sich Jochen mit Heinz' Hilfe durch das Böschungs-Lkw-Gässchen und landet nach schier endlos scheinenden Minuten tatsächlich unbeschadet oberhalb der Engstelle. Triumphierend steigt er aus, begleitet vom anhaltenden Applaus aller Anwesenden, stapft die Gasse wieder nach unten und fordert nun Annette auf, es ihm gleichzutun.

Jochen zwängt
den zweiten Wagen ...
... mit Heinz’ Hilfe
durch die Engstelle
Wir sind durch










Verständlicherweise und erwartungsgemäß lehnt sie ab, woraufhin sich Jochen achselzuckend in den Wagen der Gattin schwingt und selbigen ebenfalls durch die Engstelle manövriert, begleitet vom besorgten Gequieke Annettes. Aber alles geht gut. Nun ist Jochen natürlich bei allen der große Held, in den noch größere Hoffnungen gesetzt werden. Der Fahrer des gelben Lkw zum Beispiel wanzt sich an Jochen ran, lobt seine Fahrkünste, bewundert die Schönheit und Stärke der Autos und rückt schließlich mit seinem Ansinnen heraus. Er möchte gerne, dass der phantastische Fahrer mit seinem herkulesischen Gefährt alle Super- Kräfte bündelt und ihn von der Böschung wegschleppt. Jochen nickt sofort, ohne lange zu überlegen. Annette ist entsetzt! Mit Händen und Füßen versucht sie ihren wagemutigen Angetrauten von dieser Aktion abzuhalten, doch der schwimmt so hoch auf seiner Erfolgswelle, das ihr Redeschwall nicht fruchtet. Der Lkw-Fahrer, der sich seiner Sache offenbar ganz sicher ist, hat derweil schon mal eine Abschleppkette geholt, die Jochen nun, seine Frau und deren Sorgen ignorierend, an den Haken hängt. Er steigt ins Auto, wirft den Motor an, rangiert sich in Position und beginnt mit aller Entschlossenheit, Gas zu geben. Ein heftiger Ruck geht durch den Landy, der Laster allerdings bewegt sich keinen Millimeter. Aufgeregtes Stimmengewirr setzt jetzt ein. Jeder instruiert jeden, was er zu tun hat, um das Geschleppe zum Erfolg zu führen. Hierbei werden besonders die vielen Menschen gefordert, die über dem Lkw-Aufbau an der rechten Böschung stehen. Ihr müsst dagegendrücken! Wah, ich darf gar nicht daran denken, was passieren könnte, sollte sich der Lkw tatsächlich in Bewegung setzen! Die Drücker und Schieber werden reihenweise das Übergewicht bekommen und die Böschung runterpurzeln, genau in den Spalt zwischen Erdwand und Laster. Und wenn der dann wieder zurückkippt, sind sie alle tot oder zumindest schwer verletzt! Doch bevor ich diese Befürchtung äußern kann, schleppt Jochen schon wieder an. Gott sei Dank abermals ohne Erfolg! Nein, das hat keinen Sinn. Diese Erkenntnis, die Jochen freimütig äußert, ruft bei fast allen Beteiligten, so glaube ich, große Erleichterung hervor. Zumindest Annette ist überglücklich, dass unser Fahrzeug nicht in Stücke gerissen wird, ich bin heilfroh, das drohende Unglück abgewendet zu sehen und die Böschungs-Drücker, die sich ohnehin nur verhalten engagierten, zeigen sich erleichtert, der greifbaren Lebensgefahr entronnen zu sein. Nur Jochen und der Lkw-Fahrer sind schwer frustriert, sehen jedoch die Hoffnungslosigkeit des Unterfangens mehr als deutlich ein, hängen die Kette ab und trösten sich gerade gegenseitig mit technisch-physikalisch erklärenden Worten, als sich unser grüner Landy plötzlich in Bewegung setzt. Erst ganz langsam, dann immer schneller wandert er den Abhang nach unten und dotzt schließlich mit einem satten Rumms auf den Kühlerschild des schrägliegenden Lasters. Annette schreit laut, als unser Wagen losrollt, bevor ihr Kreischen jedoch in Jochens Gehörgänge dringt und er reagieren kann, ist es schon passiert. Landy klebt am Laster! Etwas bedröppelt hechtet Jochen zur Aufprallstelle, winkt aber dann gleich ganz cool ab: alles halb so schlimm, nichts passiert! Annette ist nicht ganz überzeugt, vergewissert sich deshalb persönlich und drängt dann mit aller Macht zum Aufbruch – nicht, dass ihrem Gatten noch mehr heroischer Blödsinn einfällt...

Also klettern wir wieder in unsere Autos, wünschen allen Beteiligten viel Glück und machen uns schleunigst vom Acker – zutiefst erleichtert, dass wir die Unfallstelle erfolgreich passiert und nicht auch noch selbst Schaden an unseren Fahrzeugen erlitten haben. Jochen wurmt zwar immer noch, dass er nicht helfen konnte, doch insgeheim ist er, so glaube ich, über den Ausgang des Intermezzos mindestens ebenso froh wie wir.

Der weitere Weg verläuft nun erst mal relativ ereignislos, unser aller Gemüter kommen wieder zur Ruhe und der Mittags-Hunger meldet sich. Auf einer kleinen, scheinbar einsam gelegenen Anhöhe mit hübschem Blick auf die üppig grüne Landschaft zollen wir dieser Tatsache schließlich Tribut und stoppen für einen kurzen Snack. Doch kaum haben wir Essen und Getränke ausgepackt, raschelt es im Gebüsch unter uns und ein Mann keucht die steile Böschung herauf. Mit lautem Schnaufen kraucht er auf die Straße und schwallt uns mit unverständlichem Gebrabbel voll. Hui, es ist offenbar aber nicht nur die fremde Sprache, die wir nicht verstehen, auch die Artikulation des Typen lässt deutlich zu wünschen übrig: er hat kaum noch Zähne im Mund und sein Atem ist so alkoholschwanger, dass uns fast übel wird. Freundlich nickend lassen wir das Gesülze dennoch über uns ergehen und beeilen uns unauffällig, unsere Lunchpause so schnell wie möglich zu beenden. Als wir wieder in die Autos steigen, lallt uns der Mann ebenso freundlich irgendwas hinterher und winkt zum Abschied so heftig, dass er beinahe das Gleichgewicht verliert und die Böschung hinunterzukugeln droht. Im letzten Moment fängt er sich dann aber doch und hat uns wahrscheinlich schon vergessen, als wir hinter der nächsten Kurve verschwunden sind.

Rastplatz: der Suffkopp
kommt von unten
Wir flüchten schnell
Wahlplakate









Holzhandel
Kleiner Markt
Wir sind eine Attraktion
für die Kinder










Boah, geile Mütze!!!
Kinder beim Markt
Kneipe und Bottle Store









Mit gefüllten Mägen und froh, dem Trunkenbold entronnen zu sein, rollen wir weiter, kaufen unterwegs hier und da noch ein wenig Gemüse ein und erreichen schließlich am frühen Nachmittag das 60.000-Einwohner-Städtchen Fort Portal, wo wir Geld vom örtlichen Kreditinstitut abheben und weitere Einkäufe tätigen. Während Annette und Jochen gerade in einem ziemlich gut sortierten Laden zugange sind und wir anderen untätig auf der Straße rumlungern, gehe ich in mich: mein linker Oberarm ist im Laufe der letzten Tage heftig angeschwollen, pocht schmerzhaft vor sich hin und glüht wie eine Ofenplatte – ein Tsetsestich... Seit heute Morgen ist zwar eine leichte Besserung zu spüren, aber trotzdem, so beschließe ich, könnte ich ja sicherheitshalber mal nach einer Apotheke Ausschau halten. Gesagt, getan. Sondierend trabe ich die Hauptstraße entlang, balanciere über tiefe Abflussgräben, äuge in alle Geschäfte. Nichts. Auch Passanten, die ich frage, können mir nicht weiterhelfen. Ich überquere die stark befahrene Straße und wiederhole die Prozedur auf der anderen Seite. Wieder nichts. Nun ja, es soll offenbar nicht sein und muss eben auch so gehen. Das wird es auch, beruhige ich mich selbst, denn ich hatte lediglich nach einer simplen, entzündungshemmenden Salbe gesucht; falls es entgegen aller persönlichen Empfindungen trotzdem nicht besser werden sollte, lauern ja immer noch genügend „schwerere Geschütze“ in meiner mitgebrachten Apotheke. Versöhnlich tätschle ich meinen heißen, geschwollenen Oberarm, rede ihm gut zu, lege das Projekt ugandische Apotheke ad acta und wechsle erneut die Straßenseite.

Dort packen meine Mitreisenden soeben die erworbenen Fressalien in den Laderaum und mich durchzuckt ein Gedanke, den ich jedoch nicht zu greifen bekomme. Verdammt, irgendetwas wollte ich doch noch – aber was? Wollte ich etwas kaufen? Leicht verwirrt gehe ich in den Laden und mäandere zwischen den Regalen umher, um die Erinnerung zu forcieren. Nein, es war nichts zu essen, nichts zu trinken. Im hintersten Winkel des Ladens, da, wo es besonders dunkel ist und eine Menge Karton herumstehen, fällt es mir dann plötzlich wieder ein! Ich wollte einen leeren Karton besorgen, der, auf der Rücksitzbank installiert, gute Dienste leistet, das sich verbreitende Chaos im Auto in den Griff zu bekommen!!! Wie konnte ich das nur vergessen? Flugs schnappe ich mir den indischen Shopbesitzer und frage ihn, ob er mir einen seiner leeren Kartons abtreten könnte. Der nickt eifrig und fragt mich, wofür ich ihn bräuchte. Ich erkläre ihm kurz, dass das gute Stück zum sogenannten „Büro“ umfunktioniert werden soll und staune nicht schlecht, als der hilfsbereite Herr zu unserem Auto saust, Augenmaß nimmt, wieder hereinstürmt und mir dann zielsicher eine wundervoll stabile, wie maßgeschneiderte Pappschachtel aushändigt. „Ordnung ist wichtig!“, sagt er mit ernster Miene und ich muss mich sehr beherrschen, ihn nicht zu knuddeln. Der Mann versteht mich! Statt ihn zu umarmen, danke ich ihm überschwänglich und verlasse mit meiner Neuerwerbung das Geschäft. „Ah, die Barbara hat sich wieder ein Büro organisiert!“, flaxt Jochen, dem meine Sehnsucht nach einem Mindestmaß an Ordnung wie immer nicht ganz geheuer ist. Da aber auch er davon profitiert, nimmt er meine Marotte klaglos hin und lässt mich die Schachtel grinsend im Wagen verstauen. „So, haben wir dann alles und können los?“

Fort Portal
Können wir! So verlassen wir Fort Portal und machen uns auf den Weg zum Kibale, zur Primate Lodge, wo wir die nächsten beiden Tage zubringen werden. Wohlgemut biegen wir am Stadtrand von Fort Portal, der vorbildlichen Beschilderung folgend, auf eine unbefestigte Straße ab, die Sonne strahlt, doch direkt vor uns dräuen dunkle Wolken, denen wir mit jedem gefahrenen Kilometer immer näher kommen. Und dann, wir sind noch keine 5 Kilometer von Fort Portal entfernt, plöddert es plötzlich los. Es schüttet wie aus Kübeln, man kann kaum noch den Verlauf der Straße erkennen, aber, wieder von einer Sekunde auf die andere, geht das Geschütte in ein sanftes Nieseln über und begleitet uns die nächsten Kilometer, ohne unsere Fahrt weiter zu beeinträchtigen. Doch dann kommt es dicke! Die vormals recht griffige Lehmstraße verbreitert sich mit einem Male auf autobahnähnliche Ausmaße, schwere Baustellenfahrzeuge kehren das Unterste nach oben, der vormals festgefahrene „Belag“ ist völlig zerwühlt und hat, dem Regen sei Dank, eine schmierseifenartige Konsistenz angenommen. Eine Weile geht es flach dahin, und wir schlittern wir relativ kontrolliert durch die Gegend. Dann aber geht es in eine Senke hinab und, naturgemäß, auf der anderen Seite wieder nach oben. Und bereits auf den ersten Metern des Gefälles geraten wir bedenklich ins Trudeln.

Es dräut!
Die Straße schwimmt ...
... und ist so rutschig
wie Schmierseife









Bremsen, lenken, was ist das? Die Autos reagieren auf nichts mehr, die Reifenprofile sind komplett dicht, wir haben Gegenverkehr in Form eines riesigen Lasters, der sich schlingernd die gegenüberliegende Hügelseite herabquält und wir entscheiden, dass wir wohl besser erst mal stehenbleiben und abwarten sollten. Anhalten? Können vor Lachen! Extrem vorsichtig bringen wir unsere Kisten schließlich mit einer Kombination aus Motorbremse und bedachtem Querlenken zum Stehen. Quälend langsam schlittert der Lkw den Gegenhang herunter und wir beobachten das Geschehen mit gespannter Besorgnis. Doch Jochen will nicht länger untätig herumsitzen und steigt aus dem Auto, um eine einigermaßen befahrbare Spur für uns auszumachen, kommt jedoch nicht weit, denn der Schlamm der Straße legt mit jedem Schritt eine neue, klebrig-schwere Erdschicht auf seine Sohlen. Nach 10 Schritten ist er deshalb ungefähr 5 Zentimeter größer und bewegt sich wie Herman Munster. Schimpfend und fluchend storcht er zum Wagen zurück, streift die Lehmschicht so gut es eben geht von seinen Sandalen und hievt sich wieder auf den Fahrersitz. „Keine Chance!“, sagt er frustriert. „Wir warten jetzt ab, bis der Lkw vorbei ist und dann müssen wir es einfach auf gut Glück versuchen.“ Tja, richtig wohl ist uns dabei allen nicht, doch es ist die einzige Möglichkeit, die uns momentan offensteht. Zehn Minuten später ist es dann so weit; der Truck ackert ächzend an uns vorbei, die Fahrbahn ist frei und Jochen wirft den Motor an. „Annette, wir fahren jetzt los. Bleibt ihr so lange stehen, seht euch genau an, welche Strecke wir nehmen kommt dann hinterher.“

Bedächtig steuert Jochen unseren Landy die schmierige Piste talwärts, wir krallen uns in den Sitzpolstern fest, denn es ist deutlich zu spüren, dass wir null Bodenhaftung haben. Wir schlingern, wir driften, wir eiern Meter für Meter nach unten, rutschen aber immer weiter nach rechts und kommen der schlammigen Böschung dabei gefährlich nahe. Dann endlich haben wir den tiefsten Punkt erreicht, gerade mal noch einen knappen Meter von dem Erdwall entfernt. Jochen stoppt aufatmend, kurbelt das Fenster herunter und gibt Annette das Signal für ihren Start. Doch nichts passiert – nur Annettes Arm fuchtelt heftig gestikulierend herum und versucht zu signalisieren, dass sie das Wagnis nicht eingehen will. „Verdammt, wo bin ich denn hier?“, schreit Jochen, schält sich aus dem Wagen und stapft fluchend die Piste zu Annette nach oben.

Dort findet ein großes Palaver statt und man merkt deutlich, dass unsere beiden Freunde am Ende ihrer Nerven sind. Annette, weil sie sich die schlitterige Fahrt einfach nicht zutraut und Jochen, weil er wieder mal übernehmen muss, obwohl er mindestens genau so großen Respekt vor der seifigen Talfahrt hat, wie Annette. Der lautstarke Wortwechsel dient also in diesem Falle, wie übrigens öfter mal, lediglich dem Stressabbau und ist weniger giftig gemeint, als er sich anhört. Trotzdem wohnen wir dem Gezeter etwas unangenehm berührt bei; wir können nicht helfen und wissen, wie anstrengend solche Fahrbedingungen für alle, hauptsächlich aber natürlich für den Fahrer sind. Doch es wird schon gutgehen...

Vorsicht ist geboten!
Das Schlimmste liegt
hinter uns
Ankunft Kibale










Schließlich wuchtet sich Jochen mit erdbeklumpten Sandalen in den Wagen seiner Gattin und startet die Schlitterpartie nach unten. Den Kurs, den er dabei nimmt, ist ein wenig anders als der unsrige – und viel sicherer. Nach ein paar Minuten steht der weiße Landy unfallfrei neben unserem und wir alle sind zutiefst erleichtert! Jochen überlässt daraufhin erneut Annette das Steuer und gemeinsam klettern wir langsam und vorsichtig die vor uns liegende Steigung nach oben. Rauf ist ja oft leichter als runter – das bewahrheitet sich auch hier und bald haben wir die kritische Passage bravourös hinter uns gebracht. Die weitere Strecke hält nun Gott sei Dank keine Herausforderungen dieser Art mehr für uns bereit, nach ein paar Kilometern endet der Bauabschnitt sogar und wir bewegen uns bis zum Camp auf zwar nassem, aber immerhin doch weitestgehend festem Untergrund. Mit schlammbespritzen Autos, aber glücklich, laufen wir schließlich am Nachmittag in der Kibale Primate Lodge ein, wo wir erst mal alle Formalitäten erledigen (mittlerweile wissen wir ja, wie wichtig gewisse Papiere und Stempel sind). Tja, und dann heißt es Abschied nehmen, zumindest kurzfristig: Gabi und Erika haben nämlich in ein Baumhaus für die nächsten zwei Nächte gebucht und freuen sich schon sehr darauf, bei dem stetig niedergehenden Regen ein festes Dach über dem Kopf zu haben; noch dazu ein so exquisites. Hoch oben in den Baumwipfeln nämlich wurden einige Häuschen errichtet, in denen man, praktisch vis a vis mit der Natur, die Nacht verbringen kann und, das ist besonders verlockend, zudem noch die Möglichkeit hat, bis spät in den Abend auf einem kleinen überdachten Balkon zu sitzen und den Geräuschen der Dunkelheit zu lauschen. So zumindest stellt sich Gabi das vor, die ähnliches schon mal in der Chimpanzees Lodge erleben durfte...

Wir übrigen gehen natürlich auch davon aus und beneiden die beiden aufs Heftigste, zumal der Regen in der letzten halben Stunde wieder erklecklich zugelegt hat. Doch es hilft ja nix; Heinz und ich hätten ebenfalls die Möglichkeit gehabt, ein Baumhaus zu buchen, hatten uns aber dagegen entschieden, weil wir einfach gerne campen – sofern das Wetter schön ist. Das ist es gerade definitiv nicht, weshalb wir uns nun besonders schwerer Herzen von unseren beiden Mitreisenden verabschieden und dem Campingplatz zustreben, der auf einer großzügigen Waldlichtung unterhalb der Lodge liegt. Wir suchen uns einen Platz, der möglichst nicht in einer Senke liegt, kramen unsere Regenjacken aus dem Laderaum und starten den Lageraufbau. Hierbei empfiehlt sich, aufgrund des heftigen Regens, erst mal das Gazebo zu errichten, unter dessen großer Plane wir dann die Zelte ohne Wasserzufuhr von oben in Standmodus bringen können, bevor wir sie nach draußen schleppen, einrichten und das Gazebo anschließend als Regenschutz für unsere weiteren abendlichen Aktivitäten nutzen.

Sauwetter!
Bah, ist das ungemütlich! Regenwasser läuft uns in den Nacken, der Boden ist matschig durchtränkt, Annettes und meine Brille laufen ständig an, unsere Schuhe durchfeuchten sich, der Regen lässt nicht nach und wir pendeln ständig zwischen Schwitzen und Frösteln. Dann endlich ist es geschafft: die Zelte stehen, sind eingerichtet, wir sitzen unter der Plane des Gazebos, genießen unseren wohlverdienten Sundowner und kuscheln uns wohlig in all die warmen, trockenen Klamotten, die wir noch greifbar hatten. Prost! Darauf, dass das Leben eben nicht immer ein Ponyhof ist...

Als die Dämmerung hereinbricht, also so wirklich, nicht nur das diffuse Regengedämmere, machen wir uns an die Zubereitung unseres Abendessens – und denken mal wieder neidvoll an Gabi und Erika; die werden heute im Restaurant der Lodge verköstigt und müssen sich um nichts kümmern. Im Gegensatz zu uns. Wir schälen, wir schnibbeln, wir braten, wir aromatisieren – wir essen. Das Spülen verschieben wir auf morgen, keine Lust mehr! Gesättigt pressen wir uns in die klammen Sitzschalen unserer Camping-Klappstühle und beschließen soeben, bald zu Bett zu gehen, natürlich nicht ohne noch ein paar Stoßgebete für besseres Wetter in den regenverhangenen Himmel gesandt zu haben, als es plötzlich lautstark raschelt, zwei Lichtkegel auf uns zu wandern und mit einem Male Gabi und Erika vor uns stehen, um Asyl bittend! Ihr Sky Treetop House wäre eine Frechheit, eine Zumutung, absolut unakzeptabel und alles andere als luxuriös, geschweige denn gemütlich! Kein Balkon, ein Eimerchen für die Notdurft – und das auf gefühlten fünf Quadratmetern – ein Stockbett und somit definitiv nicht das, was sich die beiden erwartet hatten! Enttäuscht sind sie nun den nicht ganz kurzen Weg durch die Dunkelheit zu uns runtergestapft, um wenigstens hier noch ein wenig in den Genuss einer afrikanischen Nacht, gepaart mit relativem Komfort, zu kommen. Wir können es kaum glauben, tun aber natürlich alles erdenklich Mögliche, um es unseren beiden enttäuschten Lodgisten so kommod wie möglich zu machen. Unser eigenes, feuchtes Elend rückt dabei völlig in den Hintergrund. So verbringen wir einen sehr vergnüglichen Abend unter der Gazebo-Plane, auf die der Regen weiterhin ausgiebig herunterprasselt und, als sich unsere Wege wieder trennen, sind mit einem Male wir Camper im Vorteil: WIR nämlich müssen nur zwei, drei Meter durch den nassen Himmelssegen, bevor uns ein trockenes, warmes Schlafsäckchen empfängt, Gabi und Erika hingegen steht der ganze weite Weg in ihr enges Baumhaus, Hinaufklettern inklusive, noch bevor...

Kommt gut heim ihr zwei! Und hoffen wir auf besseres Wetter für morgen. Gute Nacht!



Weitere Impressionen des Tages:


Kleiner Laden
Marktfrauen
Marktfrauen
Mal wieder geteert
Teeplantage bei Fort Portal
Teeplantage bei Fort Portal

Freitag, 9. Juni 2017

24. September 2015; Murchison Falls Nationalpark > Hoima, Kolping Hotel

Nach dieser erholsamen Nacht robben wir erneut wohlgemut aus unseren Stoffhäuschen und beginnen ohne Eile den noch jungen Tag. Frühstücken bei wachsamer Warzenschwein-Präsenz, beim Kaffeetrinken Vögel beobachten, dann zusammenpacken und schließlich gemächlich weiterziehen. Nein, halt, so schnell geht das nicht! Denn Erika, die noch einen abschließenden Toilettengang absolviert hatte, entdeckte auf ihrem Rückweg zu uns ein paar Fledermäuse, die sich nach einer anstrengenden Jagd-Nacht zum Schlafen unter einem der Rondavel-Dächer zum Schlafen abgehängt hatten; und die müssen wir natürlich genauer unter die Lupe nehmen. Vorsichtig schleichen wir uns also zu dem Rondavel, auf das Erika aufgeregt deutet und spähen dann gespannt unter das leicht überstehende Strohdach. Ja, da hängen sie – drei knuffige Fellwürste mit transparenten Öhrchen und rosa Mini-Schnäuzchen und schlafen den Schlaf der Gerechten. Der aber scheint nicht besonders tief zu sein, denn zwei der Fledermäuse robben sofort rückwärts unter das schützende Dach, die dritte weicht zur Seite aus und fühlt sich sichtlich unbehaglich. Na, da wollen wir nicht weiter stören!

Red Chili Camp
Fledertier unter dem Dach
Rotbauchwürger









Hocherfreut über diese trotzdem sehr nette Sichtung, schlichten wir uns nun doch in die Autos und begeben uns auf den Weg, der uns heute in südöstlicher Richtung am Albert-Nil entlang nach Hoima führen soll. Diese Strecke wurde in einem unsere zahlreichen Reiseführer als landschaftlich besonders reizvoll angepriesen, weshalb wir auch hoffen, wenn schon einen reinen Fahrttag, dann zumindest einen unterhaltsamen vor uns zu haben. Die ersten Kilometer, noch innerhalb des Nationalparks, sind recht verbuscht und es gibt deshalb auch nicht viel zu sehen. Bald aber erreichen wir Mubako Gate. Inmitten hohen Grases steht hier eine Schranke und ein kleines Häuschen, offenbar der Rangerpost, ein paar Kinder tollen herum, ansonsten ist weit und breit kein Mensch zu sehen. Tja, über dieses Gate scheinen offenbar nicht allzu viele Leute den Park zu verlassen. Dieser Eindruck bestätigt sich, als  erst nach längerem Rufen der spielenden Kinder endlich ein etwas zerknittert wirkender Park Official herbeieilt, immer noch seinen Hemdkragen richtend, und uns, unseren Eindruck verstärkend, unheilschwanger und sorgenerfüllt anguckt. „Was, HIER, ausgerechnet HIER wollen Sie den Park verlassen?“, sagt sein Gesichtsausdruck. Sein Mund hingegen grüßt uns freundlich, vergewissert sich jedoch mit der entsprechenden Frage, ob er tatsächlich richtig verstanden hat - wobei unsere Antwort wiederum die Befürchtungen des immer noch seinen Hemdkragen entwirrenden Rangers voll bestätigen: Ja, wir wollen HIER raus! Oh, kein Problem, wenn wir die entsprechenden Papiere hätten. Papiere? Klar, wir haben alles!  Unsere Enter-Permits, alle Quittungen über bezahlte Gebühren, Nachweise über absolvierte und bezahlte Übernachtungen. Ooooh, kein Problem, aber das müsse er erst telefonisch abklären. Nach zwei Minuten kommt er wieder und tut uns kund, dass das Telefon nicht funktionieren würde. Mhm, wir haben doch alle Unterlagen? Was muss da telefonisch abgeklärt werden? Und wenn das Telefon nicht geht, dann wird ja wohl eine Funkverbindung bestehen, über die sich alle auszuräumenden Fragen klären lassen, oder? Der arme Ranger, der in Wahrheit kein Problem mit unseren Formalnachweisen zu haben scheint, sondern eher mit dem zu absolvierenden Ausreise-Prozedere, gibt uns notgedrungen, aber verzweifelt seufzend recht. In unserem Beisein wirft er sich ans Funkgerät, aus dem, oh Wunder, eine menschliche Stimme ertönt.

Wir verstehen nicht, was die Stimme unserem Officer genau mitteilt, sehr wohl aber, dass es sich dabei um eine Art Gebrauchsanweisung handelt. Im Sinne von „Guck dir die Quittungen an, dann die Pässe, vergleiche die Passbilder mit den Touris, die live vor dir stehen (was, wenn der arme Ranger auch ein Gesichtserkennungsproblem hat?...), nicke ernst und vielsagend unheilschwanger, nimm die Unterlagen dann mit in dein Office, lasse geraume Zeit verstreichen, komme wieder und lass die weißen Gestalten großzügig ziehen, nicht ohne sie auf die hochoffiziellen Stempel hinzuweisen, die du gerade pflichtbewusst und den Sachverhalt akribisch prüfend, wahllos, aber malerisch und eindrucksvoll auf den präsentierten Unterlagen verteilt hast!“ Schritt für Schritt befolgt unser Ranger die blechern aus dem Funkgerät schallenden Anweisungen, tut, was ihm geheißen und lässt uns schließlich erleichtert durch die Schranke und von dannen ziehen. Wir entschuldigen uns für die entstandenen Umstände, bedanken uns herzlich für sein tatkräftiges Engagement und fahren durch die geöffnete Schranke, flüchten, so schnell es unsere und des Officers Gesichtswahrung zulassen. Meine Güte, hier stößt man immer wieder auf Probleme, die eigentlich gar keine sind, sondern nur entstehen, weil sich jemand überfordert fühlt und, auf Teufel komm raus, nicht die Blöße der Unwissenheit geben möchte. Eigentlich eine international gültige, menschliche Sache, doch hier, im östlichen Afrika, ist das wesentlich stärker ausgeprägt, als bei uns in Europa oder in den südlichen Gefilden des Schwarzen Kontinents. Etwas, an das ich mich anscheinend erst wieder gewöhnen muss...

Unterwegs ...
... auf staubigen Straßen ...
... und durch kleine Dörfer










Glücklich, der komplizierten Pseudo-Bürokratie entronnen zu sein, machen uns wir uns nun auf, die „landschaftlich reizvolle“ Strecke in Angriff zu nehmen. Zunächst führt uns die schmale Fahrspur durch hohes Gras, das sich ab und zu mit kümmerlichen Maisfeldern abwechselt, schwere Lasten tragende Frauen grüßen uns schüchtern, spielende Kinder winken aufgeregt und winzige Siedlungen ziehen an uns vorbei. Dann öffnet sich das Gelände plötzlich wieder und wir erreichen Wanseko, ein kleines Kaff an den Gestaden des Albert Nil, den man aber von dort aus nicht sehen kann.

Rinderherde
Schöne Kontraste
Aloe vera war’s nicht!









Ah, ab hier soll es jetzt, laut Reiseführer, also reizvoll werden! Gespannt rollen wir weiter, Kilometer um Kilometer, allein das Versprechen auf ansprechende Landschaft will sich nicht erfüllen. Verbuschtes Gelände, öde Grasflächen, langgezogene Dörfer mit zahlreichen, abgetakelten Ziegelgebäuden, vermüllte Gräben ziehen an uns vorüber, dann wieder umfängt uns menschenleerer, vom Sand der Straße verstaubter Busch, hin und wieder blockiert eine Zebu-Herde den Weg, ansonsten gibt es nicht viel zu sehen, was unsere Augen erfreuen würde. Hui, wenn diese Strecke als reizvoll bezeichnet wird, wie mag dann wohl die östliche Alternativroute aussehen? Wir wollen es gar nicht wissen, sehen statt dessen zu, die restlichen Kilometer bis Hoima hinter uns zu bringen und versuchen, es uns die verbleibende Strecke so angenehm wie möglich zu machen. Dazu gehört natürlich auch eine Pinkelpause. Und, oh Wunder, kaum sind wir aus den Autos gestiegen und im näheren Busch verschwunden, entdecken Heinz und ich einige Aloen. Heinz' botanisches Interesse an diesen Pflanzen ist natürlich sofort geweckt, meines hingegen bewegt sich heute eher im medizinischen Bereich. Aloen sondern nämlich bei Verletzung ihrer Epidermis ein kühlendes Gel ab und das will ich mir und meinen quälenden Tsetsestichen jetzt zunutze machen – es muss ja nicht unbedingt immer Aloe vera sein. Entschlossen säble ich also ein Stück eines Blattes ab und bestreiche meine juckenden Bisse mit dem leicht grünlichen Saft. Ah, das tut gut! Leider aber nur so lange, bis die im Gel enthaltene Flüssigkeit verdunstet ist. Danach juckt es wie zuvor, ich sehe aus, als ob ich grüne Beulenpest hätte und, zu allem Überfluss, kleben die mit Aloen-Saft behandelten Stellen wie mit Sprühkleber behandelt. Klasse! Seufzend verbringe ich deshalb die nächste halbe Stunde damit, die klebrigen Flecken notdürftig abzuwaschen und besonders hartnäckige Reste wegzurubbeln.

Der Albertsee ...
... verschmilzt fast ...
... mit dem Himmel










Ich befreie mich gerade von den letzten popelähnlichen Wuzeln, als sich plötzlich doch noch ein sehenswerter Anblick vor uns auftut: wir befinden uns auf einer Anhöhe, der Busch lichtet sich und wir haben für einige Kilometer gute Sicht auf die Wasser des Albertsees, die im frühen Nachmittagslichts gar malerisch glitzern. Entzückt stoppen wir und genießen die unerwartete Aussicht, bevor uns erneut das allgegenwärtige Gestrüpp verschluckt. Nun aber ist es nicht mehr weit. Rasch ötteln wir die letzten 50 Kilometer runter und laufen schließlich in Hoima ein. Die kleine Distrikt-Hauptstadt ist nicht wirklich ein Touristenmagnet, zurecht, doch immerhin gibt es hier ein Kolping Hotel, in dem wir heute zu nächtigen gedenken. Bevor wir jedoch dieses Etablissement anlaufen können, müssen wir noch eine kleine Stadtfahrt absolvieren – unser weißer Land Rover hat seit ein paar Tagen ein Problem mit seiner Zusatzbatterie, die für den Kühlschrank zuständig ist, und deshalb müssen wir dringend eine neue besorgen. Und wenn nicht hier, wo dann!? Eine ganze Weile kurven wir vergeblich durch das wuselige Kaff, bis wir schließlich doch auf einen jungen Mann treffen, der angeblich jemanden kennt, der ebenso angeblich weiß, wo man so etwas noch angeblicher bekommt. Doch der zweite Jemand muss nun erst vom ersten Jemand aufgespürt werden, bevor der Handel über die Bühne gehen kann – der junge Mann verspricht, die Flüsterpost-Kette in Gang zu setzen. Das aber kann dauern. Also entschließen wir uns, erst mal im Hotel einzuchecken, uns zu akkomodieren und später nochmal nachzufragen. Gesagt, getan.

Dörfchen wie aus dem
Bilderbuch
Kurz vor Hoima:
Teer!









Nicht so in der Stadt
Sex-Shop?
Ne Klamotten!
Im Hotel









Das Hotel, an dem wir vorhin schon vorbeigefahren waren, liegt an der Hauptstraße am nördlichem Stadtrand und sieht recht einladend aus. Freundlich werden wir dort in Empfang genommen und bekommen kurz darauf unsere Zimmerschlüssel in die Hand gedrückt. Gespannt suchen wir die uns zugeteilten Kemenaten auf, inspizieren diese und sind angetan. Die Zimmer sind sehr einfach, extrem schmucklos und nicht gerade luxuriös, doch alles ist sauber, Toilette und Dusche funktionieren, es gibt Moskitonetze und je eine kleine, mit abgenutzten Plastikmöbeln bestückte Terrasse. Kein Hilton, doch für ugandische Kleinstadtverhältnisse ist das Kolping Hotel durchaus Upper Class. Zufrieden beziehen wir unsere Zimmer, versammeln uns aber gleich darauf wieder im üppig grünen Vorgarten, wo wir uns im Schatten ausladender Bäume gemütlich niederlassen und unsere Ankunft erst mal genießen. Über uns breiten große Bäume ihr Blätterdach aus, spenden angenehmen Schatten und beherbergen sogar einige lautstarke Vögel, die wir schließlich im dichten Grün sogar orten können. Es sind Bindenlärmvögel, die dort oben im Geäst einen Heidenlärm veranstalten, dabei neugierig auf uns herabäugen, aber trotz des Gezeters, das sie veranstalten, wesentlich angenehmere Laute von sich geben als ihre südlichen Kollegen, die Graulärmvögel. Kein missmutig klingendes „Awääääh!“ vertreibt uns also aus unseren Gartenstühlen, sondern eher die Gelüste auf ein kühles Bier nach einem langen Fahrtag. Im Garten vor unseren Bungalows jedoch gibt es keinen Kellnerservice, weshalb wir uns von den lärmenden Federtieren verabschieden und in den Hauptgarten des Hotels wechseln.

Bindenlärmvogel
Unser Bungalow
Garten-Pavillons









Die Sonne scheint gleißend und heiß vom Himmel, weshalb wir uns in den Schatten eines gemauerten Pavillons zurückziehen und des Kellners harren. Kurz darauf erscheint ein freundlicher Bediensteter, nimmt unsere Bestellung auf, wendet sich zum Gehen und dreht sich dann nochmal kurz um. Ein Gewitter sei im Anzug, es würde gleich regnen, ob wir nicht lieber ins Haus gehen wollten. Gewitter? Bis auf ein paar dunklere Wolken und etwas Wind sind uns keine Warnzeichen aufgefallen. Also verneinen wir dankend und wollen unseren Drink deshalb partout im Pavillon serviert bekommen. Der Kellner zuckt die Achseln, eilt von dannen und kehrt zehn Minuten später wieder. Rasch beglückt er uns mit kühlem Bier und entsprechenden Gläsern, verschwindet dann aber auffällig schnell im Hauptgebäude und lässt uns mit unseren Getränken allein. Kurz danach, wir haben noch nicht mal richtig eingeschenkt, dann plöddert mit einem Male ein Regenguss los, der sich gewaschen hat. Der Himmel, der sich von einer Sekunde auf die andere verfinstert hatte, regnet nun auf unseren Pavillon herab, die Riesentropfen erzeugen einen Heidenkrach auf dem Dach, es blitzt, es donnert, es windet und stürmt und treibt dichte Schwaden sprühender Tropfengischt von allen Seiten unter unser nur noch lückenhaft schützendes Dach. Wir jauchzen vor Freude, wohnen dieser Urgewalt der Natur hautnah, aber dennoch behütet bei und genießen die Himmelsdusche, die so schnell vorüber ist, wie sie angefangen hatte.

Es schüttet!
Fröhliche-Dinnerrunde
„Dekoration“









Nach diesem Schauer sind die Temperaturen sehr viel angenehmer, ja fast schon kühl, und wir genießen diesen spürbaren Sturz der Grade, bis auch uns schließlich etwas fröstelt. Jetzt wäre etwas zum Essen recht! Ein Blick auf die Uhr gibt dann auch den Startschuss: es ist fast 18 Uhr, das Restaurant öffnet in Bälde seine Pforten und wir können uns schon mal drauf freuen, während wir uns noch in passende Schale werfen und jeder noch ein Jäckchen zur Vorsicht aus dem Gepäck kramt. Lediglich Jochen verzichtet auf diese erwartungsfrohen Vorbereitungen, zwangsweise, denn er schwingt sich nochmal schnell ins Auto, um in der „Stadt“ die Sache mit der zu erwerbenden Ersatzbatterie abzuklären. Doch als endlich das hoteleigene Buffet für uns Gäste freigegeben wird, ist auch er wieder zur Stelle und gemeinsam entern wir das Speisezimmer. Wir scannen das Speisenangebot, den kargen Gastraum, lassen uns an einem großen Tisch, der uns zugewiesen wied, nieder und sind gespannt, was Jochen zu berichten hat. „Morgen früh kriegen wir eine neue Batterie, doch jetzt lasst uns erst mal essen!“, sagt er, stürmt zum Buffet und lädt sich seinen Teller voll. Recht hat er und verdient hat er es auch! Rasch folgen wir ihm zu den aufgetischten Speisen und bedienen uns ebenfalls. Die Auswahl allerdings fällt schwer, denn es gibt ein wirklich üppiges Angebot diverser Gerichte und Beilagen, die alle appetitlich präsentiert werden und von landestypischer Kost bis hin zu international Bekanntem alle Vorlieben abdecken. Salate, Bratkartoffeln, Kartoffelbrei, Kürbis und anderes Gemüse, Ugali, Hühnchen gebraten, Hühncheneintopf, eine Art Rinder-Gulasch, Nudeln, diverse Nachspeisen, frisches Obst und einiges mehr. Alles, was das Herz begehrt! Hungrig machen wir uns über die äußerst schmackhaften Gerichte her. Als der erste Hunger gestillt ist, fragen wir Jochen abermals nach der zu erwerbenden Batterie. „Kompliziert, viel komplizierter als gedacht, aber ich habe eine feste Zusage für morgen. Es sollte klappen, aber lassen wir uns einfach überraschen. Prost!“ Gut, dann hoffen wir einfach das Beste und genießen unser Abendessen – wobei es durchaus wünschenswert wäre, wenn die Transaktion gelänge und wir dahingehend aller Sorgen enthoben wären. Doch zum jetzigen Zeitpunkt können wir ohnehin nichts mehr bewirken, weshalb wir das leidige Thema Batterie ebenso hoffnungsfroh ausblenden, wie uns Jochen das gerade vormacht.

Kellnerin
Schließlich sind wir alle satt, haben unsere Getränke geleert und sehen uns im Gastraum um. Der ist, das muss man leider konstatieren, recht ungemütlich. An der Wand hängen Bilder und eine Uhr recht zweifelhaften Geschmacks, ansonsten wirkt er steril und lädt nicht zu einenm längeren Aufenthalt ein. Ein Fernsehgerät flimmert und zeigt lautlose (Gott sei Dank) Bilder einer afro-indischen Soap, die heftigste Bollywood-Theatralik aufweist, zwei Eingangstüren stehen offen, es zieht wie Hechtsuppe – und alle anderen anwesenden Gäste starren auf die Displays ihrer Smartphones, den stummen Fernseher, auf ihre Laptops, schaufeln verächtlich schmatzend Essen in sich rein – oder, am fürchterlichsten, tun all das gleichzeitig. Tja, irgendwie fast wie zuhause...

Das wollen wir uns für den Rest des Abends nun wirklich nicht antun und verlassen deshalb zügig das Restaurant, um erneut im Garten Platz zu nehmen und den Tag bei gewitterfrischer Luft, angenehm samtigen Temperaturen und dem Gequake zahlreicher unsichtbarer Frösche ausklingen zu lassen. Zwei Stunden und viele lustige Gespräche später zieht es uns dann doch in unsere Betten, die mit frischen, gemütlich raschelnden Zudecken und Kissen bereits sehnsüchtig auf uns gewartet haben. Gute Nacht!


Weitere Impressionen des Tages:


Fledermaus, in den Baum
geflüchtet
Freundliche Menschen ...
... grüßen uns überall









Mittagspause in der
Kiefernplantage
Hoima
Hoima









Hoima
Hoima
Am Stadtrand









Am Stadtrand
Unser Bettchen
Kiefernplantage