Dienstag, 20. September 2016

12. Oktober 2014; Richtersveld NP, Kokerboomkloof > Goegap NR bei Springbok

Wie kann es sein, dass bestimmte Tage wie im Flug vergehen, bestimmte Nächte mit einem Fingerschnippen vorüber sind, während sich andere wie Kaugummi ziehen und Minuten sich wie Stunden anfühlen? Tja, je schöner und interessanter etwas ist, desto mehr scheint sich die Zeit zu sputen, um sich in weniger angenehmen Lebenslagen dann umso mehr einzuspreizen. Zum Beweis dieser Theorie ist der heutige Tag übrigens wie gemacht...

Bergkette im Richtersveld
Aloe dichotoma
Aloe pillansii












Nach unserer letzten Nacht im Richtersveld krabbeln wir frühmorgens aus den Zelten und versuchen mit größtmöglicher Gemütlichkeit zu frühstücken. Danach beginnen die Aufräum- und Abbauarbeiten, die zwar rasch vonstatten gehen, aber dennoch aufwändiger sind als sonst. Die letzten zweieinhalb Tage und drei Nächte haben wir in aller Ruhe und Beschaulichkeit hier verbracht und uns, wie der Mensch halt so ist, entsprechend ausgebreitet. Schüsseln, Töpfe, Karten, Bücher, Wäsche, Wildkameras, Vogeltränke, Lampen, Klamotten und diverse, seltener gebrauchte Gegenstände haben wir praktisch und griffbereit überall im Camp verteilt. Und all das muss jetzt wieder eingesammelt und an seinem Platz verstaut werden, nichts darf zurückbleiben. Zwar zählt der Lagerabbau nicht zu unseren bevorzugten Tätigkeiten, aber trotzdem wünschten Heinz und ich uns heute, er möge nie ein Ende nehmen. Tut er aber und das auch noch recht zügig. Nachdem wir einen letzten Kontrollblick über die liebgewonnene Campsite haben schweifen lassen, steigen wir wehmütig seufzend in die Autos und verlassen diesen gar gastlichen Ort, der uns die letzten Tage mit allem, was er zu bieten hatte, verwöhnte, um uns anschließend Richtung Helskloof Gate aufzumachen. Eine letzte Galgenfrist, die es auszukosten gilt!

Aloe pillansii
Unser Exil-Gebiet
Wir nähern uns Helskloof












Natürlich meiden wir heute den Domorogh Pass und nehmen stattdessen den Weg über die stattliche Aloe pillansii, deren Anblick nun auch Annette noch genießen soll. Sie tun ihr Bestes, sowohl die Aloe als auch Annette, doch die Pillansii zieht den Kürzeren: Annette ist ziemlich nervös und ihre Gedanken haben fast ausschließlich Raum für die bevorstehende Abfahrt über den Helskloof Pass, der zugegebenermaßen ebenfalls nicht ganz ohne ist. Wir sind voller Verständnis und klettern deshalb nach einer kurzen Besichtigungspause erneut in die Autos, um es hinter uns zu bringen. Bald darauf passieren wir die Hügel unseres kurzen Botanik-Exils und Heinz und ich seufzen vernehmlich und unisono, denn wir könnten unseren Freunden so viele schöne Pflanzen zeigen, ganz schnell, jetzt, da wir genau wissen, wo sie wachsen. Doch das ist wohl der falsche Zeitpunkt, weswegen wir schweren Herzens auf die gestraffte Aasblumen- und Sukkulenten-Führung - und ein Wiedersehen mit den blühenden Bodenschätzen - verzichten. Stattdessen sind wir auf den nun folgenden, rund zehn Kilometern ob der angespannten Situation einfach still, halten uns nur an den Händen und kommunizieren per Fingerdruck und Kopfnicken, wenn wir etwas Besonderes sehen. Viel zu schnell, eine Bestätigung der eingangs genannten Theorie, erreichen wir dann das Plateau vor der Abzweigung zum Helskloof Pass, das allerdings so spektakuläre An- und Ausblicke bietet, dass unser Mini-Konvoi auch ohne Heinz’ und mein Zutun stoppt: zu unseren Füßen erstreckt sich das Oranje-Tal mit malerisch in Violett- und Blautöne getauchten Bergketten, die umliegenden Hügel hingegen sind über und über mit leuchtendroten Aloen überzogen und bilden damit einen sehr reizvollen Kontrast zum diesigen Himmel und den bunten Bergen am Horizont. Dieser Anblick begeistert uns alle. Dass es sich bei den in unzähligen Rotnuancen glühenden Aloen um eine weitere, hochendemische Pflanzenart handelt (Aloe pearsonii), erhöht aber wohl eher nur Heinz’ und meinen Herzschlag spürbar. Egal. An diesem Punkt nimmt jeder einzelne von uns seinen ganz persönlichen Abschied vom Richtersveld, bevor wir uns dann, von unterschiedlichen Gefühlen behaftet, in die Tiefen der Helskloof-Passage nach unten stürzen.

Wohin das Auge blickt:
rote Hänge!
Aloe pearsonii












Jochen, mit Heinz und mir an Bord, tastet sich gefühlvoll den steilen Pfad talwärts, Annette folgt uns mit Ute ohne sichtbares Zögern und bald erreichen wir alle sicher die Talsohle. Annettes Aufatmen ist beinahe hörbar, auch wenn wir erst eine halbe Stunde später, beim endgültigen Verlassen des Richterseld NPs anhalten. Hervorragend hat sie es gemeistert, ihr Debut am Pass! Wie ein Schwamm, zurecht, saugt sie unser Lob auf, doch der Moment der Entspannung und der Freude ihrerseits ist kurz, denn wir müssen weiter.

Was für ein Empfang!
Das „liebliche“ Port Nolloth
Port Nolloth












Phase Zwei unserer Theorie-Bestätigung tritt nun in Kraft und will, bis zu unserer Ankunft im Goegap Nature Reserve, auch nicht mehr enden: während die letzten Stunden wie im Fluge vergangen sind, beginnt nun eine Zeit des Kaugummis par excellence. Von unserem Ausgangspunkt am Fuße des Helskloof Passes bis Alexander Bay punktet noch die unschöne Landschaft, die aber immer wieder neue Entdeckungen oder besonders schwungvolle Kurven bereithält. Kaugummi-Faktor 3,5 auf der bis zwölf reichenden Wrigley-Skala! Alexander Bay nach Port Nolloth, 82 Kilometer, schnurgerade an der nebeligen Küste entlang: Kaugummi-Faktor 4,5. Einkaufen in Port Nolloth: Kaugummi-Faktor 5,0 - immer noch gibt es etwas zu sehen oder zu lästern. Erwerb des Mittagssnacks und das Warten auf Selbigen in Port Nolloth: ganz schrecklich! Annette will Zeit und Geld sparen, weswegen sie unseren Lunch in einem Fisch-Restaurant mit wunderbarer Terrasse ordert - nein, wir nix Terrasse, nur take away, to go, aber mit einer Wartezeit, die sich gewaschen hat. Nach einer heißen, sonnenglühenden Harrerei von über 30 Minuten ist unser Essen dann endlich fertig und wird uns kredenzt - in Styropor-Asietten, auf dem Parkplatz. Die Wrigley-Skala ist auf Anschlag - insbesondere angesichts des verlockenden Blicks auf die einladend schattige, bestuhlte Terrasse! Wir hingegen lassen uns nämlich stattdessen mit unseren kulinarischen „Leckerbissen“ auf zwei Parkbänken an der Uferpromenande nieder und sollen nun, schattenlos, mit Plastik-Spießen bewaffnet in unseren Asietten rumpicken. Super, Wrigley-Skala gesprengt! Doch kaum haben wir uns hingesetzt und unsere Styropor-Behälter geöffnet, sinkt der Kaugummi-Faktor auf Null: ein Riesen-Pulk unterschiedlichster Möwen scheint nur darauf gewartet zu haben, umkreist uns nun laut kreischend zu Luft und zu Boden und immer wieder starten einzelne Vögel einen mutigen Angriff, um ein paarer labberiger Fritten habhaft zu werden. Für Heinz und mich ist das ein großer Spaß; begeistert teilen wir unser Mahl mit den frechen Bettlern und freuen uns über jeden geschnabelten Zugriff. Doch nicht alle unserer Mitreisenden teilen unser Vergnügen. Dass Jochen in derartigen Situationen relativ emotionslos ist, wussten wir und auch, dass Annette gerne mal ängstlich auf Vögel reagiert, die größer als ein Spatz sind. Nun aber sehen wir, dass Ute ebenfalls alles andere als Begeisterung demonstriert. Mit eingezogenem Kopf und schützend hochgezogenen Schultern sitzt sie da, erwehrt sich angewidert der zudringlichen Vögel und gesteht uns, dass sie an Pterophobie leidet - sie ekelt sich vor Federn. Unglaublich, aber wahr! Die Liste möglicher Phobien ist tatsächlich unendlich lange und es gibt offenbar nichts, wovor man sich nicht fürchten kann - die absurdesten Dinge eingeschlossen. Ich hatte zum Beispiel mal eine Kollegin, die litt an einer hochgradigen Koumpounophobie und konnte deshalb nichts tragen oder anfassen, was mit Knöpfen bestückt war. Aufgrund dieser Erfahrung, die mich erstmals und sehr eindrücklich mit Phobien bekannt gemacht hatte, glaube ich Ute sofort, während die anderen etwas zweifelnd dreinschauen. Aber es ist, wie es ist. Heinz und ich stellen unsere Fütterung natürlich sofort ein, was allerdings die Sachlage nicht allzu maßgeblich beeinflusst. Die Möwen sind gierig und bleiben weiterhin extrem zudringlich. Doch bald erledigt sich das Problem von selbst; wir haben aufgegessen und können nun weiterfahren.

Port Nolloth, Steinkopf, 90 Kilometer, Kaugummi-Faktor 4,5. Steinkopf, Springbok, 42 Kilometer, Faktor 5,0. Dann, das Goegap Nature Reserve ist schon fast in greifbarer Nähe, wird die Skala beinahe abermals gesprengt: wir kurven nach Springbok Downtown rein, um erneut irgendetwas zu besorgen. Hallo, es ist Sonntag, es ist drei Uhr nachmittags, das ist Zeitverschwendung! Trotzdem nehmen wir den Umweg über die Einkaufsmeile Springboks, um natürlich festzustellen, dass alle Geschäfte geschlossen haben... Schön langsam entwickle auch ich eine Phobie, und zwar die vor sinnigen, besonders aber vor unsinnigen, weil aussichtslosen Einkäufen! Nach einer kleinen Rundfahrt durch Springboks Innenstadt sehen allerdings dann auch Annette und Jochen ein, dass hier nichts mehr zu holen ist und endlich nehmen wir die letzten 17 Kilometer in Angriff. Ich weiß, ich weiß, solche Fahrtage tun meiner Stimmung von Haus aus nicht gut, doch diese unbegreiflichen Zeitverschwendungen in Form einer Extrarunde zum erwartungsgemäß geschlossenen Getränkeladen oder eines minutenraubenden Erwerbs  überflüssigen Mittagessens treiben mich fast in den Wahnsinn! Heinz drückt beruhigend meinen Arm und ich komme langsam wieder von meiner Palme runter, um sie, am Gate von Goegap ankommend, gleich darauf erneut zu erklettern. Mittlerweile nämlich ist es 16.05 Uhr - und das Gate ist geschlossen - seit exakt fünf Minuten! Oh, heiliger Kaugummi, beschere mir Contenance! Doch die Situation rettet sich auf südafrikanische Weise: die Gate-Rangerin, die gerade, unsichtbar für uns, unter ihrem Bürotisch abgetaucht war, kommt wieder zum Vorschein und lässt sich tatsächlich erweichen, das Tor nochmals zu öffnen, die unabdingbare Papierkram-Schlacht auch nach Feierabend in Angriff zu nehmen und uns schließlich, um 16.30 Uhr, mit einem freundlichen Lächeln und guten Aufenthalts-Wünschen einzulassen. Danke, danke, du gute Gate-Fee, das vergess’ ich dir nicht!

Erleichtert und voller Dankbarkeit passieren wir das Gate, das sich laut quietschend hinter uns schließt und tuckern froh, einer unnötigen Übernachtung in Springbok gerade nochmal von der Schippe gehüpft zu sein, zur nahegelegenen Campsite. Bald darauf kommen wir dort an und springen dann jauchzend aus den Autos: wir sind endlich da, der Kaugummi hat ein Ende! Und unser Ankunfts-Jubel weitet sich sogar noch aus: bei einer Kurzinspektion des Platzes stellen wir nämlich fest, dass wir a) alleine sind, b) der Platz schön gelegen, gepflegt, großzügig geschnitten und mit Schattendächern ausgestattet ist und c) über ein riesiges, einladend sauberes Sanitärgebäude verfügt. Letzteres erscheint auf den ersten Blick fast überdimensioniert, doch wenn ich so an De Hoop und den urlaubenden Südafrikaner im Allgemeinen und, ganz besonders, im Speziellen zurückdenke, kann ein Ablution Block an begehrten Ausflugszielen gar nicht groß genug sein. Aber das kann uns ja grade mal so was von egal sein! Begeistert über die sich uns nun darbietende, sehr kommode Gesamtssituation, laden wir erst mal nur Tisch und Stühle vom Dach, öffnen den Kühlschrank, entnehmen ihm fünf verlockend kühle Bierdosen und feiern unsere Ankunft. Mit ausgestreckten Beinen in den Klappsesseln lümmelnd - als wären wir heute noch nicht genug gesessen - genießen wir unseren Sundowner mit der angebrachten Andacht und einer Gelassenheit, die man wohl nur nach einem derartigen Tag empfinden kann, bevor wieder etwas Tatendrang über uns kommt.

Schwitz-taktisch wohl überlegt, bauen wir erst unsere Zelt auf und richten uns häuslich ein, bevor wir dann das Waschgebäude stürmen und uns dort dem Luxus einer Dusche hingeben; ein Vergnügen, auf das wir seit De Hoop verzichten mussten. Und hier haben wir auch noch den ganz besonderen Luxus, dass wir alle gleichzeitig der Körperpflege nachgehen können. Na ja, zumindest theoretisch. In der Praxis allerdings gestaltet sich das schwieriger als erwartet, denn die Duschen funktionieren zwar, haben aber eine Art Heißwasser-Reihenschaltung und wenn nun die Person, die dem Boiler am nächsten ist, die Warmwasserzufuhr auch nur leicht drosselt, wird die nächste in der Reihe quasi schockartig gebrüht, während die dritte endlich auch etwas lauwarmes Wasser abbekommt. Mein Gott, es kann eben nicht alles völlig perfekt sein... Ein bisschen perfekt reicht ja auch schon! Und das ist es. Frisch gereinigt und froh, diesen Fahrtag so gut überstanden zu haben, finden wir uns erneut an unserem Tisch zusammen, lauschen dem Zirpen der Grillen, während wir unser Abendessen zubereiten und quatschen uns anschließend sattgegessen und entspannt in eine sternenblinkende Nacht. Wie gut, dass Springbok zwar die Drehscheibe des südafrikanischen Nordwestens ist, die Gehsteige dort aber so zügig nach oben geklappt werden, dass die Lichter der Stadt unser astrales Vergnügen in keinster Weise schmälern - und Verkehrslärm ist auch nicht zu hören. Fast wie im Richtersveld...


Weitere Impressionen des Tages:

Letzte Aussichten
im Richtersveld
Vor Helskloof
Vor Helskloof










Roter Jochen – rote Aloen
Aloe pearsonii
Aloe pearsonii










Aloen-Hänge
Tylecodon paniculatus
unter Aloen
Blick ins Oranjetal









Cotyledon orbiculata
Asteraceae
Drosanthemum sp.










Acanthopsis disperma
Acanthopsis disperma
Die Zeit des Kaugummis beginnt










Durchs Minengebiet
Abraumhalde größeren Ausmaßes
Hier wohnt man schön...










Sparrige Eukalyptusbäume
Einkaufszentrum












Sandverwehte Straße
Abraumhalde










Küstenstraße nach Port Nolloth
Aloe pearsonii

Mittwoch, 17. August 2016

11. Oktober 2014; Kokerboomkloof, Ausflug zum Tatasberg und weitere Musestunden vor Ort

Eigentlich wollten wir ja heute mal ein wenig länger schlafen, denn es liegt ein ruhiger Tag vor uns - und da kann man sich durchaus ein Mützchen Schlaf mehr gönnen. Aber irgendwie ist uns der Rhythmus der vergangenen zwei Wochen bereits so in Fleisch und Blut übergegangen, dass wir um sieben Uhr schon wieder putzmunter sind und uns am Frühstückstisch versammeln. Also investieren wir die „gewonnene“ Zeit eben in ein ausgedehntes, gemütliches Morgenmahl, das wir richtig zelebrieren. Dann spülen wir ab, räumen gemächlich zusammen und machen uns höchst entspannt auf den kurzen Weg zum Tatasberg, der, quasi in Sichtweite, keine 6 Kilometer vom Kokerboomkloof entfernt liegt.

Am Tatasberg
Weite Sicht
Beruhigende Landschaften













Der Tatasberg zählt mit seinen gut 1000 Metern durchaus zu den höheren Gipfeln des Richtersvelds und stellt, rein geologisch gesehen, eine kleine Besonderheit dar. Er besteht aus einer mächtigen Granitintrusion, die mit ihren zarten 530 Millionen Jahren das Durchschnittsalter der wesentlich älteren Gesteinsaufwerfungen am Rande des Oranje-Richtersveld-Gebietes erheblich senkt. Das klingt nun nicht sonderlich aufregend (außer man ist Geologe), der Live-Anblick dieser relativ jungen Formation allerdings ist unvergleichlich: der Tatasberg zählt zu einer der grandiosesten Mondlandschaften dieses Nationalparks. Ein konisch zulaufender Felsenhaufen, bestehend aus riesigen, rotbraunen, von Wind und Wetter zu bizarren Formen geschliffenen Granitbrocken, einzelne davon größer als ein Hochhaus, ragt majestätisch über seine Umgebung hinaus. Am Fuße seiner Südwestseite beeindrucken gigantische, walbuckelförmige Felsformationen, von denen sich im Laufe der Jahrmillionen, wie Zwiebelschalen, immer wieder meterdicke Schichten abspalteten und zu Boden rutschten. Fährt man ein paar hundert Meter weiter, so landet man auf einem fast brettebenen Felsplateau, übersät von knödelrunden Granitkugeln, das sich in Treppenform gen Tal neigt und einen phantasischen Blick auf eine weite, sandige Senke und sich dahinter liegende Bergketten freigibt. Wir sind nun schon zum dritten Mal hier, wissen deshalb, was uns erwartet, aber trotzdem haut uns es auch diesmal beinahe wieder aus den Socken. Es ist eine Landschaft, die immer gleich und doch jedes Mal anders ist, ein Ort, an dem man sich so klein vorkommt, der aber gleichzeitig derart warme Impulse aussendet, dass man sich hier unendlich geborgen fühlen kann. Und eine Umgebung, die zum Träumen, zum Abschalten, zum Fliegenlassen der Gedanken, zum sich Ausklinken, aber auch zum Erkunden einlädt. Raue, äußerst griffige Granitfelsen lassen einen rasch und sicher nach oben kommen, zahlreiche natürliche Sitzgelegenheiten verzögern den Aufstieg aufs Angenehmste, der Ausblick verändert sich mit fast jedem, trotzdem getanen, weiteren Schritt, man entwindet sich so auf fast unwirkliche Weise der Zeit und landet in einer weichen, umfangenden Daseinsblase, die alles andere nichtig und unwichtig erscheinen lässt.

















Während unsere Freunde schon lange außer Sichtweite sind und Heinz hoch über mir zwischen den Felsen herumturnt, erlebe ich das, was ich gerade beschrieben habe, lasse meine Gedanken dabei fliegen - und frage mich: kann man so etwas ersthaft empfinden? Was ist das? Der Verklärungszwang einer Afrikasüchtigen? Nein, es ist etwas anderes, etwas, das sich schwer erklären lässt, aber versuchen möchte ich es trotzdem: der Hafen, in dem mein Boot liegt, in dem mein Herz vertäut ist, das ist meine Heimat, das Umfeld, in dem ich groß geworden bin, umgeben von den Personen, die mir alles bedeuten. Das ist gleichzusetzen mit Vertrautheit, Sicherheit, Geborgenheit und tiefer Liebe. Wie oft durchfährt mich ein überbordendes Gefühl der Wärme und unlösbaren Verbundenheit, wenn vertraute Kindheits-Gerüche in meine Nase dringen, wenn ich unvermutet die Stimmen meiner liebsten Menschen höre, wenn ich ein blühendes Rapsfeld sehe, einen oberbayrischen Bauernhof mit seinem Blumenschmuck, das Bergpanorama des bayrischen Oberlands, oder mich der heimische Wald mit seinen Geräuschen umfängt, ein Vogel sein Lied schmettert und Erinnerungen wachruft. All das ist für mich wahre Heimat. Doch das östliche und, ganz besonders, das südliche Afrika verkörpern eben eine Art zweiter Heimat für mich. Hier spielen Kindheitserinnerungen natürlich keine Rolle, aber bestimmte Situationen und Landschaften, die Stille und Weite, die Einsamkeit, die einen trotzdem nicht alleine lässt - all das ruft ebenfalls ungemein angenehme, mich samtig umfangende Gefühle hervor. Es ist wie das heimelige Pochen eines geheimnisvollen Herzens, das mich hier in seinen Bann zieht und mit seinem weichen Schlagen mütterlich in die Arme nimmt. Abgefahren, oder? Afrika, die Wiege der Menschheit; vielleicht ist es das, was im hintersten Winkel meiner Ur-Erinnerungen abgespeichert ist, was diese tiefen Regungen in mir hervorruft, vielleicht aber ist es auch die Befriedigung einer Sehnsucht, die zuhause, in Deutschland, keine Erfüllung mehr findet - das unstillbare Verlangen nach Ruhe, bar jeglicher menschenerzeugter Geräusche, nach unendlicher Weite, in der sich mir nichts in den Weg stellt, nach Gerüchen, die keine chemischen Komponenten enthalten, nach Zeit, die von Licht und Dunkelheit bestimmt wird und nicht von unsinnigen Terminen und Zwängen. Ich komme letztendlich zu keiner schlüssigen Erklärung, aber allein die Tatsache, hier sitzen und über so etwas nachdenken zu können, ist mir Erklärung genug!


















Und was mich beruhigt: es ist offenbar kein Dauerzustand einer pathologischen Afrika-Glorifiziererin, sondern eine genauso temporäre Empfindung wie zuhause auch - Annettes lautes Rufen, tief unter mir, reißt mich rüde aus meinen Träumereien, meine mäandernden Gedanken verschwinden so schnell in meinem Hinterkopf, als wären sie mit einer Hochsee-Angel eingeholt worden und ich bin wieder im unverklärten Dasein angekommen. „Barbara, Heinz, wo seid ihr? Wir wollen langsam mal....!“ Aaah, willkommen zurück in der Welt des Termindrucks! Doch hier und heute habe ich echt keine Lust auf sowas und überhöre Annettes Suchanfrage deshalb geflissentlich. Pah, wenn es EINEN Tag gibt, an dem uns nichts, aber auch gar nichts drängt oder verpflichtet, dann ist das heute! Obwohl mich das Gerufe aus meiner ganz persönlichen, kontemplativen Ruhe gerissen hat, die in dieser Situation auch gewiss nicht wiederkehren wird, verweigere ich eine rasche Rückkehr gen Tal, denn ich weiß, dass Heinz (der das Geschrei sicher ebenfalls vernommen hat) noch weniger Lust auf Stress hat. Und wenn er da oben so ausdauernd zugange ist, dann hat bestimmt etwas Interessantes entdeckt. Also stelle ich auf Durchzug, bleibe noch eine ganze Weile sitzen und bewege mich erst dann ganz, ganz langsam nach unten. Hier noch ein schöner Ausblick, dort eine Felsenratte, da drüben eine unbekannte Pflanze... „Barbara, wo wart denn - und wo ist Heinz?“ Vage deute ich nach oben. „Ausgebüxt. Warum, was ist los?“. „Ach, wir sind ja nun lang genug hier, dachten wir, und wollten jetzt langsam wieder zurück“. „Er wird schon kommen, aber was drängt uns denn jetzt so sehr? Hab ich was verpasst?“ „Ne, aber so interessant ist es hier auch nicht und außerdem habt ihr doch bestimmt alle Hunger!“ „Nicht wirklich, aber ich gehe ihn trotzdem mal suchen.“ Dankbar für den Aufschub, drehe ich mich um, verschwinde erneut zwischen den Felsen und klettere Heinz entgegen - denn natürlich weiß ich so ungefähr, wo er ist... Bald darauf treffen wir tatsächlich aufeinander, er strahlt, runzelt aber gleichzeitig die Stirn. „Wollen die scho wieder fahren, oder was soll das G’schrei?“ „Ich hab nix gehört, Schneck!“, zwinkere ich. „Aber was bringt dich so zum Strahlen?“ „Ich hab was gefunden, da oben, bei einer kleinen Höhle!“ Aufgeregt zückt er seine Kamera, wir lassen uns auf einem Felsen nieder und sehen uns gemeinsam seine Bilder an.

Conophytum quaesitum
ssp. quaesitum var. rostratum
Auch kopfüber...
...oder auf ebener Fläche














Nun ist die Vegetation des Tatasbergs nicht gerade reichhaltig, aber Heinz ist es gelungen, einen besonderen Schatz ausfindig zu machen: mehrere Conophyten-Polster, die an einer relativ eng begrenzten Stelle üppig wucherten - und zwar beinahe alle kopfüber in mehr oder weniger waagerechten Felsüberhängen! Ein toller Fund, so toll, dass ich fast nochmal losgehen möchte, um die Pflanzen mit eigenen Augen sehen zu können, aber das wollen wir unseren Freunden dann doch nicht zumuten. Stattdessen machen wir uns langsam, ganz langsam auf den Weg nach unten, natürlich nicht ohne noch hier und da ausgiebig innezuhalten. Eine dreiviertel Stunde kommen wir mit unschuldiger Miene bei unseren Freunden an, die schon voller Ungeduld auf uns warten. „Wo wart ihr denn so lange?“ „Mei, ich hab den Heinz einfach ned gefunden. Aber jetzt sind wir ja da.“ Erleichtert dirigieren uns unsere Reisegenossen zu den Autos - offenbar haben sie Angst, wir könnten noch etwas endecken - und dann treten wir den Rückweg zum Camp an.

Wieder „daheim“: Die Toon
Felsenformation
Der Kokerboomkloof













Dort angekommen, wird erst mal der (von manch einem) ersehnte Lunch eingenommen, bevor sich allgemeine Lethargie breitmacht. Heinz und mich hält es allerdings nicht lange im angenehmen Schatten der Campsite, weshalb wir uns bald schon wieder auf die Pirsch machen. Erst erkunden wir die nähere Umgebung unseres Camps, die durchaus einiges an Blümchen zu bieten hat, dann besuchen wir erneut die Köcherbäume im Kloof, checken unsere Wildkameras, die leider nur ein paar Mal augelöst haben, danach spazieren wir ganz gemächlich zu unserer Site zurück. Mit einem ganz bestimmten Ziel vor Augen: Sundowner einpacken und los zum Felsplateau oberhalb der Campsite, um dort in trauter Zweisamkeit gebührlich den bevorstehenden Abschied vom Richtersveld zu begehen. Gesagt, getan. Mit zwei kühlen Bieren im Gepäck schrauben wir uns gleich darauf wieder nach oben. Zwei Klippspringer beäugen uns neugierig dabei, zeigen keinerlei Scheu und machen nicht mal einen Fluchtversuch, als wir ein paar Meter unter ihnen stehenbleiben, um sie zu fotografieren. Erfreut winken wir den beiden Tieren zu - auch das schreckt sie nicht -, verlassen dann den Fahrweg und kraxeln in die Felsen, um zu unserem Plateau zu gelangen. Oben angelangt, suchen wir uns den Platz mit der schönsten Aussicht, setzen uns nieder und lassen unsere Augen über den Kloof schweifen, dessen Farben in der späten Nachmittagssonne in den schönsten Nuancen zu leuchten beginnen. „Morgen um die Zeit sind wir scho weit weg von hier..“ „Jooo, ich mag ned...“ „Ich a ned! Aber wir kommen ja wieder...“ „Gaaaanz bestimmt!“

Klappspringer-Pärchen
Steinerner Dackel
Riesenmurmeln am Kloof













Wehmütig und zugleich schon wieder voller Vorfreude kuscheln wir uns aneinander und genießen den unvergleichlichen Anblick dieses ebenfalls unvergleichlichen Fleckchens Erde. Als der Sonnenuntergang (viel zu schnell) naht, öffnen wir unsere Bierdosen - unter den irritierten Blicken der Schwalbe, für die wir seit gestern wohl schon zum geräuschlosen Inventar des Plateaus gehört hatten - und prosten uns zu. "Auf nächstes Mal!" "Versprochen!" Dieses Versprechen macht den Abschied tatsächlich leichter, ein wenig zumindest. Trotzdem leert sich das Bier unnötig rasch, viel zu schnell senken sich die Schatten der Dämmerung auf den Kloof und wir sehen uns genötigt, den Rückweg anzutreten. Langsam winden wir uns wieder nach unten - traurig, dass wir uns verabschieden müssen, dankbar, dass wir hier sein durften, aber auch vorfreudig auf unsere letzte Nacht in dieser magischen Umgebung. Sicherlich werden wir den einzigartigen Sternenhimmel nicht die ganze Nacht beobachten und die Stunden der einlullendsten Stille ohnehin verschlafen, aber wir sind immerhin noch hier!

Unsere Reisegenossen haben den Nachmittag mit deutlich weniger pathetischen Gefühlen verbracht, so entnehmen wir zumindest ihren knappen Berichten. Annette hat gewaschen, gelesen und gedöst, Jochen ein ausgedehntes Nickerchen absolviert und Ute vergnügte sich ebenfalls in dem Felsmassiv oberhalb der Campsite. Es ist wohl jeder dem nachgegangen, was für ihn am wichtigsten war - und so verbringen wir einen letzten und sehr entspannten Abend im Richtersveld, bevor uns morgen die Wirklichkeit des vorerst endgültigen Abschiednehmens einholen wird und wir weiterziehen müssen.


Weitere Impressionen des Tages:

Am Tatasberg
Am Tatasberg














Höhle am Tatasberg











Conophytum quaesitum
ssp. quaesitum var. rostratum
Conophytum quaesitum
ssp. quaesitum var. rostratum
Conophytum quaesitum
ssp. quaesitum var. rostratum











Crassula muscosa var. muscosa
Crassula namaquensis
Crassula sp.











Ornithogalum hispidum
Dyerophytum africanum
Pelargonium sp.











Jamesbrittenia glutinosa
Adenolobus gariepensis
Sisyndithe spartea
Felsenratte
Klippspringer
Conophytum quaesitum
ssp. quaesitum var. rostratum