Mittwoch, 25. April 2018

4. Oktober 2015; Kayonza, Women's Opportunity Center > Biharamulo, Boma Guesthouse Campsite

Früh, sehr früh am Morgen werden wir von verhaltenem Gekicher geweckt und strecken verschlafen unsere Köpfe aus dem Zelt. Dort steht schon wieder ein Pulk von Kindern, dieselben wie gestern, begleitet von neugierigen Freunden, die offenbar gespannt auf unser Erwachen gewartet haben. Unser Erscheinen und der freie Blick auf unsere Schlafzimmer, die sich verwunderlicherweise in von uns selbst mitgebrachten Stoffhäuschen befinden, sorgt für große Heiterkeitsausbrüche. Viele kugelrunde Augenpaare beobachten aufgeregt jede unserer Aktionen, die Morgentoilette wird flüsternd und giggelnd kommentiert, das Frühstück höchst interessiert analysiert, den Höhepunkt aber bildet der Abbau unseres Lagers. Die Kinder sind völlig gebannt von unserem Tun – wir sind ein echtes Unterhaltungs-Highlight! Dann aber verschwinden die Kids von einer Sekunde auf die andere, genau wie gestern Abend werden sie von lauten Rufen und Pfiffen ins Tal hinunter beordert und wir wundern uns. Heute ist Sonntag, da wird doch wohl keine Schule sein, oder? Nein, natürlich nicht, dafür aber ist Kirchgang angesagt! Das helle Bimmeln einer Glocke bestätigt wenig später unsere Vermutung.

Touristen-TV am Zaun
Komische Sachen machen
die da ...
Das Tal
der neugierigen Kinder









Begleitet vom Klang des Sonntagsläutens packen wir unsere letzten Habseligkeiten zusammen, lassen einen Abschiedsblick über das malerische Tal schweifen, in dem sich unter der Wärme der höher steigenden Sonne langsam die letzten Nebelschwaden auflösen und machen uns anschließend zügig auf den Weg. Schließlich haben wir heute wieder einen recht üppigen Fahrtag und, zu allem Überfluss, auch noch einen Grenzübertritt vor uns. Wir werden Ruanda verlassen und im Nachbarland Tansania einfallen, wo wir in Biharamulo, einem ehemaligen deutschen Fort zu nächtigen gedenken. Es sind also rund 220 Kilometer, die wir heute zu bewältigen haben. Keine Monsterstrecke, aber auch nicht gerade ums Eck, und so ein Grenzübertritt ist zudem stets ein Faktor, der die geplante Ankunftszeit um Stunden verzögern kann. Also nix wie los!

Unser Lagerplatz
Kleine Beet-Anlage
Nachhaltige Gebäude-
Konstruktionen









Ein einsamer Torwächter öffnet die Pforten des WOC, dann hat uns die Straße wieder. 80 Kilometer sind es bis zur Grenze, 80 Kilometer, auf denen wir relativ langsam vorankommen, die aber wie im Fluge an uns vorüberziehen. Grund dafür ist, dass auch heute wieder unzählige Menschen auf den Straßen zugange sind – sie sind auf dem Weg zur Kirche oder kommen von dort. In langen Prozessionen wandeln sie gemächlichen Schrittes am Straßenrand entlang und stellen einen wahren Augenschmaus dar, denn sie haben allesamt ihren Sonntagsstaat angelegt: die Herren einen Anzug und die Damen farbenfrohe Kleider afrikanischer oder westlicher Art, allenthalben gekrönt von spektakulären Hutkreationen. Ein wundervoller Anblick!

Überall freundliche Menschen
Festlich gekleidet
Auf Kirchgang









Lkw im Graben
Fischteiche
 Zurückhaltende Ladenzeile









Bis zur letzten Minute genieße ich dieses erstaunliche Land Ruanda, das mich so positiv überrascht hat und wo ich gerne noch länger bleiben würde, gleichzeitig jedoch freue ich mich auch wahnsinnig auf den Katavi Nationalpark, der ja einer meiner Lebensträume ist – und nun mal in Tansania liegt. Da aber müssen wir erst mal hinkommen. Der Gedanke an den damit verbundenen Grenzübertritt ruft ein leichtes Gruseln in mir hervor - wird da wieder so ein Chaos herrschen?

Hier wirds schon bunter
Werbung braucht Farbe!
Auf dem Weg zur Grenze









Nein, kein Chaos! Auf beinahe menschenleerer Straße steuern wir den Grenzposten an, der praktischerweise ein One-Stop Borderpost ist; das bedeutet, dass Beamte beider Länder die Reisenden gleichzeitig abfertigen, man also nicht erst hüben aus- und drüben wieder einreisen muss. Das klingt vernünftig und nach raschem Prozedere. Anfangs scheint sich diese Vermutung auch zu bestätigen: vergleichsweise wenige Lkws, ein paar Pkws, kein nennenswerter Publikumsverkehr, und der Grenzposten hat beeindruckende Ausmaße - ein riesiger Parkplatz, diverse Abfertigungsgebäude und ein Grenzzaun, der das Ganze in genehmer Entfernung umgibt. Das hatten wir hier, mitten in der afrikanischen Pampa, nicht erwartet; schon allein aufgrund seiner Lage dürfte Rusumo keiner der geschäftigsten Grenzübergänge des Landes sein.

Dass Geschäftigkeit an diesem Ort tatsächlich ein Fremdwort ist, bekommen wir recht bald am eigenen Leib zu spüren. Wir, als Personen, sind in Minutenschnelle abgefertigt, haben unsere Stempel im Pass, dann aber beginnt die Prozedur mit den Autos. Und da stoßen wir erneut auf, ich nenne es mal vorsichtig, einen Wesenszug, der so manchen Amtspersonen zueigen ist... Besagte Amtsperson sitzt in einem kleinen, verglasten Kabuff mit Schiebefenster und Schlitz, durch den die erforderlichen Papiere angereicht werden können. Jochen und Annette grüßen freundlich und stecken alle Unterlagen, die für den Grenzübertritt der Autos nötig sind, durch den flachen Schlitz in der Verglasung. Der Officer blättert sich im Zeitlupentempo durch den Formularwust, runzelt gestresst die Stirne, stöhnt, um seine Überlastung zu verdeutlichen, dann sieht er unsere Freunde an, wirft einen Blick auf seine Uhr, zuckt bedauernd die Schultern, schließt beherzt das Schiebefenster, stellt ein Closed-Schild auf den Tresen und macht das Kabuff dicht! Dann verlässt er sein Büro, kehrt Minuten später wieder und fängt in aller Seelenruhe an, Stullen aus einer Plastikbox zu pflücken und sie zu verspeisen. Und das demonstrativ, wenn nicht gar provokativ, vor den Augen von uns Einreisewilligen, die wir nur ein paar kleine Stempelchen und eine Unterschrift benötigen würden. Wir sind fassungslos. Allerdings besitzen wir alle genügend Afrika-Erfahrung, um (zumindest in der Theorie) zu wissen, dass es keinen Sinn hat, jetzt ungehalten zu reagieren oder gar zu rebellieren. Jedes Wort wäre ein falsches und würde die Wartezeit nur verlängern. Wir wünschen also lediglich einen guten Appetit und verkrümeln uns, zunächst mal für eine halbe Stunde, bevor wir uns erneut in die Nähe des Schalters trauen. Doch der Beamte hat noch lange nicht fertig: die Hände über dem Bauch gefaltet, flätzt er auf seinem Bürostuhl, sieht Annette und Jochen kurz herausfordernd an, um gleich darauf wieder einen glasigen Entspannungsblick aufzusetzen und durch uns hindurchzustarren. Annette würde ihn am liebsten aus seinem Häuschen ziehen, stellt sich mit verschränkten Armen vor die Scheibe und fixiert den Officer. „Annette, das bringt doch nix.“ Jochen zerrt sie um die Ecke, außer Sichtweite des Grenzers. „Der spinnt! Das macht der doch mit Absicht!“ „Ja, aber irgendwann wird er schon aufgeben. Jetzt komm!“ Widerwillig gibt Annette nach, schöpft jedoch kurz darauf neue Hoffnung, denn ein weiterer Einreiseanwärter, ebenfalls ein deutscher Tourist auf einem Motorrad, steuert bestimmten Schrittes auf das Bürokästchen des pausierenden Beamten zu. „Jetzt muss er doch was machen!“ Denkste – der Neuankömmling wird ebenfalls geflissentlich ignoriert. Und, noch schlimmer, der Neuankömmling ignoriert auch uns, was Annette noch mehr aufregt. „Kann der nicht mal Hallo sagen, der hat doch gehört, dass wir auch deutsch sprechen!?!“ Annette ist so in Rage, dass sie sich momentan über jede Kleinigkeit aufregt, was aber nichts an der Situation ändert. Tja, es gibt Dinge, die kann und muss man nicht verstehen, man muss sie einfach nur geduldig und souverän aussitzen, jede Provokation vermeiden und hoffen, dass es sich bald zum Guten wendet.

Und das tut es in unserem Fall. Nach sage und schreibe fast anderthalb Stunden bequemt sich der Grenzer endlich, seine Tupperbox von unseren Unterlagen zu räumen, seine Stempel zu zücken, sie an den entsprechenden Stellen mit Vehemenz auf die Papiere zu knallen – eine Angelegenheit von weniger als einer Minute -, uns diese mit einer verächtlichen Handbewegung durch den Glasschlitz zurückzuschieben und den nächsten Einreisewilligen mit einem ungeduldigen Zungenschnalzen herbeizuzitieren. „Next. Hello, next! Come on, hurry!“ Manchmal würde man diese Sorte von Menschen, die in Afrikas Beamtenstuben weit verbreitet, aber auch bei uns nicht völlig unbekannt sind, echt am liebsten von ihren Bürohockern zerren und mit ein paar gezielten Tritten zum Arbeiten bewegen. Doch dann würde man genau das erreichen, was die Herrschaften mit ihrem Verhalten herausfordern – nämlich nichts; sie würden einen am ausgestreckten Arm verhungern lassen und dabei noch befriedigt lächeln. Alberne Machtdemonstrationen von Personen, die gerne mehr Macht hätten und das bisschen, das ihnen zugestanden wird, bis an die Grenzen ihres Handlungsspielraums ausreizen, unbefriedigte Zeitgenossen, die ihren Frust an anderen auslassen und glauben, danach würde es ihnen besser gehen. Eigentlich bemitleidenswerte Leute. Aber sie können einen, aller selbstbeschwichtigender Gedanken zum Trotz, zur Weißglut bringen...

Tansania und seine Straßen
Einsamer Radler
Minitaxi-Stopp










Doch wir haben ja nun diese widerspenstige Hürde erfolgreich genommen. Rasch kontrollieren wir noch, ob wir auch wirklich auf ganzer Linie siegreich waren und alle erforderlichen Stempel und Unterschriften in unseren Unterlagen prangen, dann verlassen wir schnellstens diese Grenze, die uns so viel Zeit gekostet hat. Und kaum kurven wir vom Gelände dieses noch recht neu gebauten Borderposts und seiner feinsäuberlich geteerten Zufahrtswege, schon holt uns die Wirklichkeit afrikanischer Straßen wieder ein. Es ist ein krasser Gegensatz zu Ruanda, was uns hier in Tansania empfängt: eine Teerstraße, die nur noch in Ansätzen als solche erkennbar ist, badewannentiefe Schlaglöcher, üppige Müllansammlungen und riesige Staubfontänen, von uns selbst und vom spärlichen Gegenverkehr erzeugt, die uns in rötlichbraune, auf allen Oberflächen haftende Wolken einhüllen. Nach ein paar Kilometern befinden sich auch plötzlich wieder schnaufend-rußende Lkws vor uns, von denen wir nicht wissen, woher sie kommen. An der Grenze hatten wir so viele auf jeden Fall nicht gesehen. Mühevoll überholen wir die stinkenden Riesenkarossen, eine nach der anderen, bis uns Annette anfunkt – ihr Auto macht wieder Probleme. Ne, nicht wahr, oder? Leider doch. Seufzend stoppen wir am Straßenrand und warten auf Annette – während all die soeben mühevoll überholten Stinker erneut an uns vorbeirollen und uns dabei komplett einstauben.

Die Landschaft ist schön ...
... die Straßen ...
... weniger!









Minuten später rumpelt sie herbei und bringt ihr Sorgenkind mit quietschenden Bremsen hinter uns zum Stehen. „Was gibt’s denn schon wieder für ein Problem?“, fragt Jochen mit leicht genervtem Unterton. Doch Annette kann es nicht konkret in Worte fassen. Es ist einfach was komisch, irgendwas stimmt nicht. Als Fahrerin des weißen Landys hat sie natürlich ein gutes Gespür für fahrtechnische Auffälligkeiten an ihrem Transportgerät, aber ihr fehlt die Erfahrung, diese zuordnen zu können. Und so kommt es, wie es kommen muss: „Ich meine, da schlägt was.“ „Ja wie? Vorne? Hinten? Geräuschmäßig oder spürbar? Wieder die Lichtmaschine, so wie am Anfang?“ „Ich kann’s nicht genau sagen. Aber da ist was!“ „Klar! Und was soll ich da jetzt machen? Mann, die Straße ist ultrascheiße, da schlägt schon mal was. Das ist normal!“ Gereizt setzt sich Jochen in Annettes Auto, startet es und lauscht eine Weile. „Ich kann nichts feststellen. Lass uns weiterfahren und melde dich, wenn du mit was Konkretem aufwarten kannst!“ Tief durchatmend klettern wir erneut in unsere fahrbaren Untersätze und setzen den Weg fort, begleitet von einem unguten Bauchgefühl. Wenn Annette meint, es stimmt was nicht, dann hat sie sicher recht. Leider aber müssen wir das Problem wohl tatsächlich auf uns zukommen lassen, um es eingrenzen und etwas dagegen unternehmen zu können. Heilig's Blechle, möge dieser Kelch bitte an uns vorübergehen und uns, wenn schon, dann bitte nicht ausgerechnet im Katavi ereilen. Doch anscheinend haben wir Glück. Auf den nächsten 50 Kilometern bleibt alles im Lot, Annettes Wagen läuft wie ein Glöckchen, schnurrt wie ein Kätzchen auf der immer besser werdenden Straße und Annette wird übermütig. Sie überholt uns, winkt fröhlich aus dem Fenster und gibt Gas - natürlich im Rahmen der Geschwindigkeitsbegrenzung.

Das jedoch sieht ein Officer der Verkehrsüberwachung offenbar anders. Im Gebüsch nahezu unsichtbar verborgen, hält er seine Radarpistole mit integrierter Videokamera auf den vorbeirollenden Verkehr und pickt sich Annette heraus. 80 Stundenkilometer innerhalb der Ortschaft! Per Funk wird diese Geschwindigkeitsübertretung stante pede an einen polizeilichen Straßenposten im nächsten Kaff, das den schönen Namen Lusahunga trägt, gemeldet und als wir dort ankommen, befindet sich Annette schon in den Fängen der örtlichen Polizei. „Was iss'n jetzt schon wieder?“ „Die haben mich geblitzt, ich bin aber sicher nicht zu schnell gefahren! Achtzig statt fünfzig. Ich bin doch nicht doof!“ Jochen wendet sich an den Polizeibeamten, der ihm den Sachverhalt nochmal geduldig erklärt. Es ist so, wie es ist und es gibt sogar einen Videobeweis. Jochen will sich gerade resigniert der Amtsgewalt fügen, als Annette wie elektrisiert hochfährt. Ein Videobeweis! Den will sie sehen! Sie insistiert so lange, bis der Officer tatsächlich seinen Video-Kollegen herbeiruft, der bald vor Ort eintrifft und selbstsicher sein Filmchen präsentiert. Da, achtzig Stundenkilometer! „Ja, mag sein. Aber da ist weit und breit kein Haus zu sehen! Und da, da, da vorne sieht man deutlich das Ortsschild! Ha, sag ich doch, das war außerhalb der Ortschaft, und da darf man achtzig fahren!“ Ungläubig starrt der leitende Beamte auf den Monitor, sieht sich den Film nochmal an und nochmal, während der Officer, der Annette gefilmt und der Geschwindigkeitsüberschreitung bezichtigt hatte, immer kleiner wird. „Sie können weiterfahren. Hier handelt es sich um ein bedauerliches Missverständnis. Entschuldigung und gute Fahrt.“ Stramm schlägt der Vorgesetzte seine Hacken zusammen, legt die Hand grüßend an seinen Mützenschild und tritt beiseite, um uns ungehindert aus der Parkbucht fahren zu lassen. Hurtig machen wir uns aus dem Staub und sind richtig froh. Annette, weil sie auf bravouröse Art ihre Unschuld beweisen konnte, der Rest unserer Truppe, weil wir endlich den aufdringlichen Erdnuss- und Honigverkäufern entrinnen können, die uns seit Beginn der Diskussion mit „einzigartigen“ Angeboten penetriert hatten, und wir alle zusammen, weil wir den Anschiss nicht mehr mitbekommen müssen, den der Oberbulle nun wahrscheinlich seinem Video-Beamten verpasst. Mit welcher Begründung auch immer... Entweder war das ein abgekartetes Spiel, man pickt sich generell solvent aussehende Verkehrsteilnehmer heraus und versucht diese, mit dem Argument Videobeweis finanziell über den Tisch zu ziehen. Oder der Filmemacher geht krumme Wege auf eigene Faust. Doch wie dem auch sei: heute wird er eingeseift, entweder für seine Dummheit oder aber für seine unerlaubte Abzocke.

Nun ja, uns soll das egal sein. Hauptsache, wir mussten keine ungerechtfertigte Strafe bezahlen, das Auto macht keine Zicken und wir erreichen möglichst bald unseren heutigen Übernachtungsort, der wirklich in einem extrem entlegenen Winkel Tansanias liegt. Umso erstaunlicher ist die Straße, auf der wir die letzten sechzig, siebzig Kilometer diesem Ziel zustreben. In Lusahunga biegen wir auf der einzig sichtbaren Kreuzung links ab, rollen vorschriftsmäßig langsam aus dem Kaff, das innerorts vorwiegend mit staubigen, von kleinen Schlaglöchern durchsetzten Straßen aufwartet und landen kurz darauf auf einem vorbildlich gepflegten Teerband, das sich nahezu schnurgerade Richtung Norden durch die Landschaft fräst. Mhm, ist die Straße in so gutem Zustand, weil sie wenig befahren und somit geschont wird, oder ist sie neu? Das ist schon irgendwie seltsam: viele Hauptverkehrsachsen in Tansania sind grottenschlecht, strotzen vor Schlaglöchern und der Teerbelag hat sich weitestgehend in Luft aufgelöst. Und ausgerechnet hier, im tansanischen Outback, finden wir so eine Musterstraße vor. Doch nicht nur das ist komisch – die ganze Gegend versprüht eine merkwürdig anmutende Atmosphäre. Lange rollen wir durch eine nahezu menschenleere Landschaft, was einem in Tansania selten widerfährt, dann stoßen wir auf eine Ansiedlung namens Rubondo Village, die so gar nichts Dörfliches an sich hat. In Reih und Glied stehen hier die Häuser, die weniger Gebäuden denn Containern gleichen. Ist das ein Retortendorf, die Wohneinheit einer Garnison oder gar ein Flüchtlingscamp? Wir erblicken nichts, was diese untypische Ansiedlung näher erklären würde, und auch meine Recherchen, die ich später zuhause starte, bringen keine neuen Erkenntnisse.

Blick auf Biharamulo
Im Innenhof der Boma
Wandelgang auf der Mauer









Nur eines wissen wir sicher: es ist nicht besonders anheimelnd hier! Deshalb sind wir froh, als wir Rubondo Village hinter uns gebracht haben und bald darauf in belebtere und damit vertraute Umgebung eintauchen – wir haben Biharamulo erreicht, eine afrikanische Kleinstadt, wie wir sie kennen. Viele Menschen, kleine, windschiefe Hüttchen und gemauerte Häuser mit bunten, aber heruntergekommenen Fassaden. Männer sitzen unter Bäumen und diskutieren über mehr oder weniger wichtige Dinge, Frauen balancieren unterschiedlichste Güter auf dem Kopf und Kinder winken uns freudig erregt hinterher. Alles wirkt völlig normal, doch auch Biharamulo hat mit einer Besonderheit aufzuwarten, die allerdings wesentlich weniger gespenstisch ist, als das Containerdorf Rubondo – ein ehemaliges deutsches Fort. The Old German Boma thront etwas oberhalb der Stadt, hat auch schon bessere Zeiten gesehen, wird aber immer noch genutzt. Das Fort wurde Anfang des 20. Jahrhunderts von deutschen Schutztruppen erbaut, um das Land Tansania, das damals Deutsch-Ostafrika hieß und Teil des deutschen Protektorats war, vor Fremdzugriffen zu schützen und dauerhaft zu befrieden. Na ja, so zumindest wurde das damals verargumentiert... Dreizehn Jahre nach Fertigstellung des Forts allerdings endete die deutsche Herrschaft, die sogenannte Schutzeinrichtung wurde verlassen und eine wechselvolle Geschichte, die ich leider nicht in allen Einzelheiten nachvollziehen kann, begann. Heute wird die German Boma, die zwar etwas mitgenommen aussieht, aber immer noch vergleichsweise proper dasteht, als Tagungsstätte mit besonderem Charme, als Gästehaus und Campingplatz genutzt. Und auch wir wollen heute hier übernachten. Gespannt rollen wir mit unseren Autos durch das massive Holztor der Boma, melden uns an der Rezeption vorschriftsmäßig an, bauen unsere Zelt im Innenhof auf frisch-grünem Rasen auf und lassen dann das ungewohnte Ambiente zunächst bei einem Ankunftsgetränk auf uns wirken, bevor wir uns anschließend ein bisschen umblicken.

Im Inneren der Boma
Deutsches Siegel
Krächzender Schildrabe









In der Schule war Geschichte nicht gerade mein Lieblingsfach, aber ein historisches Zeitdokument wie diese Boma mit eigenen Augen sehen und ihren Geist in mich aufsaugen zu können, hat schon etwas. Dicke Gemäuer beherbergen großzügige Räumlichkeiten mit knarrenden Holzböden, nahezu feudale Treppenaufgänge führen ins obere Stockwerk, an den Wänden hängen gerahmte Dokumente in deutscher Sprache, der Innenhof ist komplett abgeschottet vom Leben außerhalb der ihn umgebenden Mauern, auf denen ein schmaler Wandelgang, von kleinen Zinnen geschützt, rund um das gesamte Gelände führt. Damals gingen hier Angehörige der Schutztruppen Patrouille, heute kann man da oben einen kleinen Abendspaziergang unternehmen, der durchaus eine malerische, wenn nicht gar romantische Komponente beinhaltet. Eine faszinierende, befremdliche und doch von einem merkwürdigen Geborgenheitsgefühl geprägte Atmosphäre umfängt uns hier. So krächzt ein Schildrabenpärchen auf einer Eckzinne sein unmelodisches Lied in die beginnende Dämmerung, unterstreicht den leicht morbiden Charme dieses Ortes auf bezaubernde Weise, läutet für uns den Abschluss eines Tages ein, der mitnichten ein spektakulärer, aber dennoch ein aufregender und ereignisreicher gewesen ist. Nach einem opulenten Abendessen und entspannten Gesprächen, deren Wiederklang von den historischen Gemäuern dezent, aber hörbar hallend zurückgeworfen wird, begeben wir uns schließlich ins Bett und hoffen, es möge keiner von uns schnarchen, denn auch dieses Geräusch würde, hier im Inneren der Boma, deutlich verstärkt...


Weitere Impressionen des Tages:

Ladenzeile in Ruanda
Eine Straße wie geleckt
Rechts oder links?









Reisfelder
Vor der Grenze
Durstlöscher-Paradies









Straßenleben in Tansania
Frauen tragen schwer
Geschulterter Laden









German Boma
German Boma
German Boma

Mittwoch, 28. März 2018

3. Oktober 2015: Bugombe Gateway Camp > Ruanda, Kigali > Kayonza, Women's Opportunity Center

Der Platz der vielen kleinen Vögel beglückt uns auch heute Morgen nicht: in der Nacht hat es immer wieder geregnet, alle Ausrüstungsgegenstände sind feucht, tiefe Wolken ziehen über den See und die Temperaturen sind eher frisch. Immerhin gönnt uns der Regen eine Pause, in der wir rasch frühstücken und packen können, bevor wir diesen zwar gastlichen, aber gerade ziemlich unwirtlichen Ort verlassen. Vor unserer Abfahrt vergewissern wir uns natürlich, dass das in der Rinne aufgeschichtete Bauholz noch vorhanden und stabil gestapelt und nicht dem strömenden Regen zum Opfer gefallen ist, dann rollen wir rumpelnd über den Behelfssteg, winken den freundlichen Angestellten einen letzten Gruß zu und hangeln uns anschließend am Seeufer zurück, bis wir den steilen Anstieg nach Kabale erreichen.

Lake Bunyonyi im Dunst
Der Nebel wird dichter
Strömender Regen









Ich rücke mich im Auto zurecht, um noch ein paar Abschiedsblicke auf den wolkenverhangenen See werfen zu können, aber nicht mal das ist mir vergönnt – es fängt schon wieder an zu regnen. Ach ne! Nun ist ja ein Land Rover Defender an und für sich ein super Auto, doch er hat ein paar, na ja, sagen wir mal, Mankos, die gerade an kühlen Tagen mit hoher Luftfeuchtigkeit und strömendem Regen besonders augenscheinlich zutage treten: die Scheiben laufen sofort an, obwohl es bei allen Türritzen eiskalt hereinzieht und die Scheibenwischer, die sich wie ein arthritischer Greis im Zeitlupentempo über die Frontscheibe bewegen, werden der Regenmenge nicht Herr. Also sehe ich nicht nur wenig, sondern nichts! Nun ja, egal. Mit beschlagenen Scheiben kämpfen wir uns die etwas rutschige Straße nach oben und kommen schließlich wohlbehalten in Kabale an. Die Stadt, die schon gestern, als das Wetter noch besser war, nicht besonders einladend wirkte, verströmt heute ein nahezu abstoßendes Flair. Ungeteerte Straßen werden von rasch fließenden Bächlein geflutet, die Häuserfronten sehen noch verkommener aus, Menschen eilen missmutig durch den Schlamm und in vielen Shops sitzen in Decken gehüllte Dienstleister, die heute vergeblich auf Kundschaft zu warten scheinen – jeder will nur möglichst schnell ins Trockene und verschiebt seine Besorgungen auf einen Tag mit besserem Wetter.

Kabale im Regen
Kein gutes Geschäfts-Wetter
Überall fließen Bächlein









Auch wir hätten gerne trockenere Bedingungen zum Fahren, wenngleich unsere Tagesstrecke heute keine sehr weite ist: wir wollen nach Kigali und dort auf unserem Weg nach Tansania im Rwanda Youth Hostel Zwischenstation machen. Doch die Fahrerei mit hechelnden Scheibenwischern und vernebelten Scheiben ist eben trotzdem nicht sehr prickelnd. Doch wenig später hat das Wetter ein gewisses Einsehen mit uns. Es nieselt nur noch hin und wieder und die Temperaturen steigen leicht, was die beschlagenen Fenster im Wagen sofort zum Aufklaren bringt. Und nun sehen wir auch, dass wir uns in wunderschöner Landschaft bewegen. Unglaublich grüne Reisfelder, die sogar in diesem fahlen, sonnenlosen Licht förmlich glühen, leuchten uns entgegen, die streng geometrischen Formen der landwirtschaftlichen Nutzflächen verleihen der Gegend einen ganz besonderen Reiz, der durch die unterschiedlichen Grüntöne der Reispflanzen zusätzlich unterstützt wird. Ich schwelge gerade in diesen subtilen Farbnunancen und den Strukturen der wogenden Reishalme, als plötzlich der Verkehr zu- und der landschaftliche Reiz wieder abnimmt.

Wolkenverhangen
Nahe der ruandischen Grenze
Frisches Grün der Felder









Ei, wir nähern uns der ugandisch-ruandischen Grenze! Wenige Kilometer später sind wir da, in Gatunga, dem Ort unseres geplanten Grenzübertritts. Die Ausreise ist, wie nicht anders erwartet, völlig unproblematisch – kurz aussteigen, Kontrolle, Stempel in den Pass und Tschüss. Doch dann, auf den paar hundert Metern im Niemandsland zwischen Uganda und Ruanda, offenbart sich das Chaos einer afrikanischen Grenze, wie ich es erst wenige Male erlebt habe! Unzählige Pkws und Lkws stauen sich in mehreren Reihen nebeneinander, der aus Ruanda kommende Gegenverkehr drückt ohne Rücksicht auf Verluste in die wartende Kolonne, die Fahrzeuge verkeilen sich förmlich ineinander, nichts scheint mehr zu gehen, ein schier unlösbares Gewirr aus Blechkarossen schiebt sich vor uns ineinander und unterschiedlich uniformierte Beamte provozieren noch mehr Kuddelmuddel, indem sie mit Waffen und blanken Fäusten auf die Kühlerhauben der wartenden Fahrzeuge eindreschen. Go, go! Ja, wohin denn? Es ist ein heilloses Durcheinander und ich frage mich, wie lange wir wohl brauchen werden, um da wieder rauszukommen. Wenn überhaupt...

Millimeter für Millimeter schiebt sich die Blechlawine gen Grenze, im Zeitlupentempo geht es voran, die Grenzbeamten schreien aggressiv, schlagen auf Autos ein und beschimpfen die Fahrer. Es dauert eine gefühlte Ewigkeit, bis wir endlich ein Gelände erreichen, auf dem eine Art Parkplatz erkennbar ist und kleine Hüttchen sichtbar werden, die zur ruandischen Grenzabfertigung gehören könnten. Erleichtert quetschen wir uns auf einen freien Stellplatz und sondieren die Lage: tatsächlich, es ist der ruandische Grenzposten – Gott sei Dank! Rasch teilen wir uns in zwei Parteien auf. Gabi, Erika, Heinz und ich, stolze Besitzer eines Ostafrika-Visums, müssen nur uns selbst über die Grenze bringen. Annette und Jochen hingegen haben auch die zwei Autos auf legal korrekte Weise von Uganda nach Ruanda zu verfrachten. Also gehen erst wir „Fußgänger“, während Annette und Jochen bei den Fahrzeugen bleiben.

Ah, ne, Scheiße, es regnet schon wieder! Rasch flüchten wir unter eines der winzigen Dächlein der ruandischen Immigration – die Gebäude erinnern eher an kleine, holzgezimmerte Fahrkartenbuden auf dem Jahrmarkt oder an Reihenplumpsklos, denn an offizielle Beamtenstuben. Es geht trotzdem erstaunlich rasch voran: nach einer Viertelstunde sind wir dran, legen unsere Pässe auf die Theke, das unter heftigen Mühen erworbene Ostafrika-Visum wird kurz inspiziert, abgestempelt – und schon sind wir abgefertigt! Glücklich, das Grenzprozedere so problemlos hinter uns gebracht zu haben, schieben wir uns auf den Parkplatz zurück, postieren uns neben den Autos und schicken Annette und Jochen los. Die beiden brauchen natürlich länger, aber auch sie sind nach einer halben Stunde wieder da. Fertig? Fertig! Nichts wie weg von hier! Rasch klettern wir in unsere Autos und wollen nur noch weiter. Doch etwa hundert Meter Stau liegen noch vor uns, ein Stau, ein Blechgekeile, das sich nicht groß von dem vor der Grenze unterscheidet. Nur in einem Punkt. Es rascher voran. Hoffnungsfroh stauen wir uns so gen Ruanda und sind dem Desaster schon fast entronnen, als ein martialisch bewaffneter Uniformierter mit der Faust auf unsere Kühlerhaube schlägt, zum Fenster kommt und mit geschwollenen Halsadern zu uns reinplärrt. „Bolla, bolla, get out of your car! Bolla, bolla, immediately!“ Was will der von uns? Hektisch winkt der Beamte. „Bolla, get out!“ Verunsichert steigen wir aus. Kaum sind wir draussen, wird uns sekundenkurz ein digitales Fieberthermometer ans Ohr gehalten, einem nach dem anderen, von mehreren Beamten. Die Aktion jedoch ist wohl eher pro forma, denn es piept nicht und es wird keine Anzeige abgelesen. Dennoch werden wir zufrieden abgenickt und weitergewunken. „Go, you can go!“ Bolla? Ach, der meinte EBOL(L)A! Puh, da muss man auch erst mal draufkommen!

Hüben wie drüben: Wolken
Regenschutz
Was ist hier anders?









Hurtig entfernen wir uns aus dem Dunstkreis des finsteren Beamten, der schon die nächsten Bolla-zu-Prüfenden anschreit, schlichten uns erneut in die Autos und flüchten Richtung Kigali. Erstaunlich schnell haben wir den Grenzstau hinter uns gelassen und rollen nun auf ruhiger Landstraße dahin. Dort bietet sich uns das typische Bild: Pkws, Lkws, schwer beladene Radfahrer – aber irgendwas ist trotzdem anders. Ich komme jedoch nicht drauf, so sehr ich auch nachdenke und analysiere. Erst, als wir das zweite oder dritte Dorf passiert haben, fällt es mir wie Schuppen von den Augen: es ist unglaublich sauber hier! Nirgendwo liegt Müll in den Straßengräben, es flattern keine Plastiktüten im Gebüsch, und nicht mal die üblichen Zuckerrohrfasern, die von eifrigen Kauern und Knusperern überall sonst achtlos ausgespuckt werden, sind zu sehen. Ich bin erstaunt. Dann aber erinnere ich mich, im Vorfeld dieser Tour etwas im Reiseführer gelesen zu haben, was diese verblüffende Sauberkeit erklärt. In Ruanda gibt es seit mehreren Jahren ein striktes Plastiktütenverbot. Anfangs wurde dieses Verbot von vielen für undurchführbar gehalten, doch die Ruander setzten es erfolgreich durch, indem sie konsequent  Alternativen anboten. Supermärkte und andere Geschäfte wurden dazu angehalten, ihren Kunden Papiertüten zur Verfügung zu stellen, die das selbe oder sogar weniger als Plastiktüten kosteten. Weiterhin arbeitete die Umweltbehörde mit vielen Frauengruppen zusammen, die Beutel aus Baumwollstoff herstellten und diese überall zu günstigen Preisen verkauften. Aufklärungskampagnen in Funk, Fernsehen und in Schulen sorgten für die Verbreitung des nötigen Basiswissens und Verständnisses bei der Bevölkerung. Das durchdachte Konzept war so effektiv, dass Ruanda nun seit vielen Jahren tatsächlich plastiktütenfrei ist. Und ja, es werden sogar bei einreisenden Personen Gepäckkontrollen durchgeführt; finden die Grenzer Plastiktüten, werden diese sofort konfisziert und entsorgt! Das hatte ich in der Tat beinahe wieder vergessen, aber jetzt, da wir durch dieses wie geleckt wirkende Land rollen, fällt es mir natürlich wieder ein. Und nachträglich fährt mir noch ein leichter Schrecken in die Glieder, denn unsere Fahrzeuge sind voll mit Plastiktüten – gesammelte Einkaufsbeutel, die wir als Mülltüten nutzen, Plastiksackerl, in denen ich meine Klamotten verstaut habe und Tüten, die unsere erworbenen Souvenir-Schätze vor Staub und Feuchtigkeit schützen. Da hatten wir ja richtig Glück, dass der Bolla-Typ nicht gleichzeitig als Plastik-Wauwau unterwegs war; der hätte uns sicher aufs Übelste auseinandergenommen!

Frauen kommen vom Feld
Bananentransport
Werbung für Gorilla-Tracking
in Ruanda









Doch es ist nicht nur das Plastiktüten-Verbot, das Ruanda in dieser Gepflegtheit glänzen lässt, es gibt noch eine andere Besonderheit, die absolut bemerkenswert ist: in unseren Breiten organisieren Umweltschutzorganisationen ja ein- oder zweimal im Jahr sogenannte Ramadamas, bei denen die interessierte und willige Bevölkerung dazu aufgerufen wird, Wald und Flur nach Müll abzusuchen und von diesem zu befreien. In Ruanda heißt eben jenes Pendant zum Ramadama Umuganda, was übersetzt gegenseitige Hilfe, Zusammenhalt bedeutet. Umuganda jedoch wird nicht nur zweimal pro Jahr praktiziert, sondern an jedem letzten Samstag im Monat. Und es nehmen nicht nur ein paar „Umwelt-Spinner“ daran teil, es gehört für die ganze Bevölkerung zum guten Ton, sich nach den jeweiligen persönlichen Möglichkeiten einzubringen und tatkräftig mit anzupacken. Umuganda, gemeinschaftliches Großreinemachen – eine fantastische Sache, die das Land in einladender Sauberkeit erstrahlen lässt, der Umwelt zugute kommt, die Menschen stolz macht und somit auch hilft, das immer noch präsente Trauma des über 20 Jahre zurückliegenden Völkermordes zu bewältigen. Freude am Dasein durch ein selbst geschaffenes, gepflegtes Umfeld, Wertschätzung für sich selbst und seine Mitmenschen; ein Konzept, das augenscheinlich hervorragend funktioniert! Ich bin, gelinde gesagt, begeistert und spätestens jetzt gespannt wie ein Flitzebogen, ob das in einer Großstadt wie Kigali genauso ernsthaft umgesetzt wird, wie auf dem Land.

Vororte von Kigali
Reisfelder zu Füßen der Stadt
Skyline von Kigali










Und ich muss nicht lange warten. Kurz vor Mittag erreichen wir die Hauptstadt Ruandas, die wir schon lange vorher mit einer imposanten Skyline auf einer Hügelkette vor uns thronen sehen. Wir durchfahren immer dichter besiedelte Vororte, der Verkehr nimmt zu, wir schrauben uns nach oben, dieser Millionenstadt entgegen, tauchen in sie ein, doch das bereits gewonnene Bild bleibt bestehen. Es ist sauber, gepflegt, geordnet, der Verkehr, obwohl dicht, fließt in äußerst geregelten Bahnen über perfekt geteerte Straßen, man sieht keine Spur von Chaos, hört kein Hupen, jeder hält sich in höchst zivilisierter Weise an die Verkehrsregeln und man könnte wirklich denken, man sei in einer nordeuropäischen Großstadt gelandet, die gerade fieberhaft nach dem Verkehrsteilnehmer des Jahres sucht, um ihn anschließend mit einer Million Euro zu belohnen. Unglaublich für eine Stadt dieser Größe und noch unglaublicher für eine afrikanische Großstadt! Und dann die Ampeln: über den Stadtautobahnen verrichten keine schnöden Rot-Gelb-Grün-Verkehrslichter ihren Dienst, sondern High-Tech-Leuchten, die sekundengenau anzeigen, wie lange noch Rot ist oder wann die grüne Phase endet. Ich bin geflasht!

Brunnen beim
Convention Centre
Traumhafte Verkehrslage!
High-Tech-Ampeln









Staunend kurven wir durch Kigali, auf der Suche nach einem Supermarkt und können uns dergestalt davon überzeugen, dass dieser traumhafte Verkehrszustand in der Tat die Regel für die ganze Stadt darstellt. Im Supermarkt geht die Überprüfung des im Reiseführer Gelesenen weiter – und natürlich werden wir nicht enttäuscht. Zur Verstauung unserer Waren werden uns Papiertüten gereicht und auf dem Parkplatz des Konsumtempels herrscht geleckte Sauberkeit. Kein Chipstütchen flattert durch den Wind, kein Kaugummi klebt am Boden, kein Mülleimer quillt über, und die einsame Kippe, die im Eingangsbereich über den Teer kullert, stellt den Gipfel der Verunreinigung dieses Geländes dar. So sauber ist es nicht mal bei uns, denke ich mir überrascht, lese beinahe automatisch den Zigarettenstummel auf und entsorge ihn fachgerecht. Eine derartige Ordnung und Sauberkeit ist wirklich höchst ansteckend.

Tankstelle

Bus- und Taxibahnhof









Nach unserem Supermarktbesuch, wir haben uns redlich bemüht, kein Stäubchen zu hinterlassen, machen wir uns nun auf die Suche nach dem Rwanda Youth Hostel, wo wir heute eigentlich nächtigen wollen. Doch bereits auf der kurzen Fahrt zu diesem Etablissement beginnen wir zu diskutieren, ob es nicht besser wäre, noch weiterzufahren, schließlich ist es gerade mal ein Uhr mittags und der Tag noch jung. Und so sauber und geordnet Kigali auch ist, ein Nachtquartier in weniger urbaner Umgebung würde uns allen besser gefallen. Nun aber sind wir schon auf dem Weg zum Youth Hostel, also können wir dieses zumindest noch in Augenschein nehmen und dort eventuell sogar eine Alternativ-Bleibe auf dem Weg nach Tansania erfragen. Gesagt, getan. Das Youth Hostel, auf dessen Gelände man auch campen kann, liegt in einer ruhigen Seitenstraße, eine kleine, und wie nicht anders zu erwarten, feine, gepflegte Unterkunftsmöglichkeit in zentraler Lage, die von Reisenden aller Altersgruppen offenbar gerne frequentiert wird. Man hätte auch noch ein Plätzchen für uns frei und wir würden dieses ohne Zögern annehmen – einladend grüner Rasen, gepflegte Sanitäranlagen und eine vertrauenerweckende Umgebung – wenn es, wie gesagt, nicht noch so früh am Tage wäre. Man ist uns nicht gram, als wir uns nach einer Alternative erkundigen, im Gegenteil, und legt uns freundlich einen Ort ans Herz, der, keine 90 Kilometer von hier entfernt, auf unserer direkten Route nach Tansania liegt – das Women's Opportunity Center nahe Kayonza. Noch können wir uns keine genaue Vorstellung von dem, was uns da erwartet, machen, aber nach kurzer Beratung beschließen wir, es uns einfach mal anzusehen. Freundlich grüßend verabschieden wir uns von den zuvorkommenden Angestellten des Youth Hostels und machen uns gespannt auf den Weg, der uns, Richtung Nordosten, durch viele kleinere und größere Dörfer führt.

Getränketransport
Straße mit Fußgängerspur










Ein Erlebnis der besonderen Art, wie sich bald herausstellt, denn es ist Samstag, der erste Samstag im Monat. Somit erstrahlt das ganze Land im Glanze des erst vor einer Woche durchgeführten Umuganda und, noch viel beeindruckender, es scheint heute Markttag zu sein. Die gesamte Landbevölkerung ist auf den Beinen, Frauen balancieren Waren auf dem Kopf, Kinder sausen spielend um ihre Mütter herum und Männer steuern vorsichtig Eselskarren und beladene Pferde durch die gut gelaunte Menschenmenge. Und überall wird uns freundlich-fröhlich zugewunken, nirgendwo ist Feindschaft zu spüren und, was das Sympathischste ist, nichts wirkt auch nur andeutungsweise aufgesetzt. Eine Freundlichkeit, der man in vielen afrikanischen Ländern begegnen kann, doch hier, in Ruanda, wo sich vor 21 Jahren Unvorstellbares ereignete, ist das etwas, was mich besonders tief berührt.

Im April 1994 begann in diesem Land eine fast hundert Tage dauernde Zeitspanne, in der Dinge geschahen, die in der Menschheitsgeschichte zwar nicht einzigartig sind, in dieser Brutalität und Effizienz aber dennoch eine gewisse Sonderstellung einnehmen. Angehörige der ruandischen Hutu-Mehrheit meuchelten in diesem kurzen Zeitraum nahezu 75 Prozent der ebenfalls in Ruanda ansässigen Tutsi-Minderheit, aber auch Angehörige ihres eigenen Stammes, die sich den Tutsi gegenüber zu liberal präsentierten – 500 000 bis eine Million Menschen verloren so auf grausamste Weise ihr Leben; wie viele es jedoch exakt waren, kann keiner so genau sagen. Ein dreimonatiges Blutbad, ein Völkermord, ein Leid der Menschen, das minütlich durch die Presse ging, das fast niemandem verborgen blieb, das schließlich sogar mehrfach verfilmt wurde. In diesem Wissen, diesem Bewusstsein kam auch ich hierher und bin nun umso fassungsloser, im positiven Sinne, Ruanda und seine Menschen so vorzufinden.

Nie im Leben hätte ich mit einer derartig positiven Energie gerechnet, die das ganze, vor kurzem noch so gebeutelte Land durchströmt und überall spürbar ist! Beeindruckend und, im momentanen Zustand, beispielhaft. Dennoch kann ich es nicht wirklich glauben, dass das von Bestand ist; zu viele Beispiele auf der ganzen Welt erzählen andere Geschichten, halten andere Entwicklungen parat. Was also, wenn die ruandische Bevölkerung immer noch so traumatisiert ist, dass der alte Hass, die alte Feindschaft nur unter den Nachwirkungen dieser schlimmen Ereignisse begraben liegen, nicht aber ausgemerzt wurden? Was, wenn es sich lediglich um eine positive, aber temporäre Art von Schockstarre handelt? Was, wenn auch jetzt, wie schon beim Genozid vermutet, in- und ausländische, an den Menschen vordergründig nicht interessierte Machthaber ihre Finger im Spiel haben und im Verborgenen schon lange wieder ihre schändlichen Fäden spinnen? Es wäre, wie gesagt, nichts Neues im ewigen Reigen der gegenseitigen Ressentiments und Grausamkeiten unter Menschen.

Ziegelrundhäuser im
Opportunity Center
Teil der Beetanlagen
Unsere Campsite









Ja, ich bin eher ein Pessimist denn ein Optimist, ich gebe es zu! Aber ich bin auch schon viel zu lange auf dieser Welt, unter meinesgleichen, und beobachte alles, was um mich herum passiert – zu genau, um mir noch großes Vertrauen in das Gute im Menschen bewahrt zu haben. Doch ich hoffe. Ich hoffe für diese sympathischen, motivierten Ruander, dass all das, was ich hier sehe, von Dauer sein und der positive Geist das Böse besiegen möge. Das wünsche ich mir umso mehr, als wir Kayonza und, kurz darauf, das von den Hostel-Angestellten empfohlene Opportunity Center erreichen und uns dort freundlich Einlass gewährt wird. Das riesige Gelände, von Klinkermauern und Zäunen begrenzt, liegt an einer Hügelflanke über einem ländlichen Tal, organisch gerundete, luftige Ziegelbauten schmiegen sich in Kreisform um ein eher nur spürbares denn sichtbares Zentrum, freischwebende Dachkonstruktionen beschatten die Gebäude, dazwischen sieht man liebevoll gepflegte Beete, bestückt mit zahlreichen Schildchen. Ein Angestellter hört sich unser Ansinnen an, nickt, eilt von dannen und holt den Manager herbei, der uns uns sofort auf ein spaziöses Campingareal lotst, nicht ohne uns, ganz nebenbei, über diese wirklich augenfällige Einrichtung zu informieren. Nebenbei und ganz unaufdringlich, aber mit der Option, dass er gerne mehr erzählen würde, sofern wir denn interessiert wären. Ja, das sind wir! Doch bevor wir mit weiteren Informationen „behelligt“ würden, sagt er, sollten wir uns doch erst mal bequem einrichten. Und das tun wir. Auf einer großzügigen Fläche, die am unteren Ende des abfallenden Gesamtareals liegt, mit Blick auf ein dörflich besiedeltes Tal, bauen wir unsere Zelte auf und genießen erst mal die Sicht. Beziehungsweise - man genießt die Sicht auf uns. Während wir nämlich unser Lager errichten, eilen zahlreiche Kinder aus dem Tal herauf, um uns aufgeregt dabei zu beobachten.

Neugierige Kinder

Foto bitte! Oder doch nicht?









Wir scheinen eine wirkliche Sensation zu sein! Die Kinder hangeln sich am Zaun des Opportunity Centers entlang, kichern, giggeln, versuchen schüchternen Kontakt aufzunehmen, wenden sich aber immer wieder verschämt ab, wenn dieser zustande kommt. Lange versuchen Heinz und ich, Vertrauen zu den neugierigen Kids aufzubauen, was uns schließlich zumindest partiell gelingt. Radebrechend, mit Händen und Füßen, unterhalten wir uns mit den Kleinen, als plötzlich energische Pfiffe aus dem Talgrund erschallen. Wie die Pfeile flitzen die Kinder folgsam von dannen, obwohl sie so gerne geblieben wären. Wir winken ihnen, erstaunt über so viel Gehorsam, hinterher.

Okay, dann kann ich ja jetzt duschen gehen, ohne was zu verpassen! Ich schultere meine Utensilien und stapfe zu den etwas entfernt liegenden Sanitär-Einrichtungen, als mir der Manager wieder über den Weg läuft. „Aah, Sie wollen duschen gehen. Sie wissen, wo die Ablution Blocks sind?“ „Ja, vielen Dank. Aber Sie hatten vorhin versprochen, noch etwas über diese Einrichtung hier zu erzählen. Hätten Sie jetzt Zeit dazu?“ „Natürlich, sehr gerne!“ Und schon legt er los. Eine Flut von Informationen prasselt auf mich herab, er führt mich auf dem Gelände herum, erklärt, erläutert, beschreibt – und entschuldigt sich dabei immer wieder, mich vom Duschen abzuhalten. Doch ich bin so gefesselt von seinen Ausführungen, dass es mir völlig egal ist, ob ich heute noch zur Körperpflege komme oder nicht. Fasziniert lauschend wackle ich ihm hinterher: also, das Women's Opportunity Center wurde 2013 eröffnet, es erstreckt sich über eine Fläche von über 2 Hektar, ist einem Dorf nachempfunden und bietet jährlich bis zu 300 Frauen die Möglichkeit, sich in Sachen Landwirtschaft und anderen Tätigkeiten des Broterwerbs weiterzubilden. Auf einer Schulungsfarm lernen sie alles, was man wissen muss, um der Subsistenzwirtschaft erfolgreich zu entrinnen und erfahren ganz nebenbei, was Nachhaltigkeit bedeutet. Das Women's Opportunity Center selbst ist nämlich ein Musterbeispiel an Nachhaltigkeit: gebaut wurde es mit rund einer halben Million Ziegeln, die hiesige Arbeiter per Hand selbst herstellten und dazu Lehm aus einem benachbarten Tal verwendeten. Die runde Konstruktion der Gebäude mit den durchbrochenen Wänden und freischwebenden Dächern hat zudem diverse Vorteile. Sie sind in sich so stabil, dass auf Stützpfeiler verzichtet werden konnte, die durchbrochenen Mauern sorgen für angenehmen Lichteinfall und wirken wie eine natürliche Klimaanlage, die Dächer sind dergestalt geformt und ausgerichtet, dass sie ein Maximum an Regenwasser auffangen und anschließend in zwei unterirdische 40 000-Liter-Zisternen leiten können. Ein Teil des Wasser wird dann mittels Solarpumpen in einen Wasserturm verbracht, mit einem UV-Filtersystem gereinigt und trinkbar gemacht und versorgt so das ganze WOC; Überschuss wird verkauft. Um trotzdem Wasser zu sparen, hat man Komposttoiletten installiert, deren Inhalt wiederum zu Dünger verarbeitet wird, der auf der Schulungsfarm für höhere Erträge und im Verkauf für zusätzliche Einkünfte sorgt. Und Wasser, das zum Waschen, Duschen oder Abspülen verwendet wurde, wird sofort wieder in den Kreislauf eingebracht – als Gießwasser. Mir schwirrt der Kopf, ich kann gar nicht alles behalten, was mir erzählt wird, aber ich bin schwer beeindruckt. Der Manager platzt vor Stolz, als ich meine Begeisterung äußere und ihm gestehe, dass ich mir solche Projekte auch für Deutschland wünschen würde. „Es bedeutet mir viel, wenn Menschen wie Sie, die aus reichen Ländern kommen, so etwas sagen und ich spüre, dass es ernst gemeint ist! Aber jetzt gehen Sie bitte duschen, es wird Abend und kühl. Nicht, dass Sie sich noch erkälten!“ Diese simple Fürsorge berührt mich so sehr, dass ich fast feuchte Augen bekomme; rasch schüttle ich dem väterlichen Herrn die Hand, danke ihm herzlich für seine Privatführung und leiste dann augenblicklich seiner Aufforderung Folge.

Kommunikation am Zaun
Beim Abendessen ...
... im Restaurant









Frisch geduscht kehre ich so wenig später zu meinen Freunden zurück, mit dem guten Gefühl, wieder sauber zu sein und gleichzeitig für Gießwasser gesorgt zu haben... „Barbara, die haben ein Restaurant hier und wir haben uns dort angemeldet. Mach dich fertig, wir wollen gleich los!“ So also findet ein ereignisreicher und höchst interessanter Tag ein gemütliches Ende: wir müssen nicht mehr selbst kochen, sondern lassen uns stattdessen verwöhnen und ich habe zudem Gelegenheit, ein bisschen was von meinen neuen Erkenntnissen zu erzählen, die von den anderen ebenso fasziniert aufgenommen werden und uns das Dinner doppelt unvergesslich machen. Eine gute Entscheidung, hierher gekommen zu sein! Zu vorgerückter Stunde schließlich verlassen wir das Restaurant, dessen einzige Gäste wir heute Abend waren und streben unseren Zelten zu, in die wir uns alsbald verkriechen, denn es ist echt frisch. Nicht, dass wir uns noch erkälten...


Weitere Impressionen des Tages:

Zurück über den Graben
Lake Bunyonyi
Lake Bunyonyi










Das Bird’s Nest
Kabale bei Regen
Kabale bei Regen










Kabale bei Regenn
Kabale bei Regen
Kabale bei Regenn









Juhu, Sonne!
Es ist unglaublich sauber!
Felder










Kigali Skyline
In Kigali
In Kigali









In Kigali
Convention Centre
So was gibt’s hier auch!