Freitag, 8. Januar 2016

26./27. September 2014; Anreise München > Kapstadt, Kairos Lodge, World of Birds

„Du weißt, dass die eigentlichen Entdeckungsreisen nicht im Kennenlernen neuer Landstriche bestehen, sondern darin, etwas mit anderen Augen zu sehen, oder?“, fragt Marcel Proust mit hintergründigem Blick. „Natürlich, mein Lieber!“, entgegnet John Steinbeck lächelnd. „Jede Reise ist wie ein eigenständiges Wesen; keine gleicht der anderen.“ „Genau! Und nur törichte Menschen suchen im Urlaub das große Erlebnis; ein geglückter Urlaub hingegen besteht aus lauter netten Kleinigkeiten!“, gibt nun auch Jennifer Ward ihren Senf dazu. Da kräht es aus dem Off: „Ihr und euer salbungsvolles Gelaber! Ich sag da ja nur: Jeder Mensch braucht dann und wann ein bisschen Wüste! Und jetzt lasst die beiden endlich losfahren, sonst wird das nie was mit dem Reisebericht.“ „Sven Hedin, warum musst du immer so profan sein - und die Sache trotzdem genau auf den Punkt bringen?“ Kopfschüttelnd sehen die Drei den Schweden an. Der freut sich wie ein Schnitzel und dreht sich zu uns um. „Jetzt packt euer Zeug und haut ab. Ihr tut so oder so das Richtige, auch, wenn das nicht jeder versteht. Genießt es und kommt mit vielen neuen Erlebnissen zurück; ich bin gespannt, sie zu hören! Denn wie sagte unser alter Kumpel Matthias Claudius schon anno dunnemals? Wenn jemand eine Reise tut, dann kann er was erzählen. Los, los und nehmt mir den Claudius beim Wort!“

Heinz und ich sehen uns voller Vorfreude an und starten, begleitet von diesem fiktiven Gespräch vierer kluger Köpfe, zu unserer neuen Tour, die uns genau dorthin führen wird, wo wir im letzten südafrikanischen Herbst auch schon waren - in die Sukkulenten-Karoo. Heuer jedoch besuchen wir diese Region zu einer ganz anderen Jahreszeit - im Frühling der südlichen Hemisphäre - und das macht diese Reise besonders spannend. Wie immer werden wir dabei natürlich mit unseren Freunden Annette und Jochen losziehen. Die Zwei sind ebenso afrikaverrückt wie wir, stehen zwar mehr auf Großwild, lieben aber auch Pflanzen. Und die Liebe zur Natur, zum schwarzen Kontinent und den „netten Kleinigkeiten“, die man Tag für Tag entdecken kann, teilen wir gleichermaßen. Da weiß man, was man hat - das perfekte Reiseteam! „Na, na, na!? Es gibt kein sichereres Mittel festzustellen, ob man einen Menschen mag oder nicht, als mit ihm auf Reisen zu gehen!“, so piesackt uns Mark Twain, das kleine Flüsterteufelchen, jedoch seit Wochen. „Annette und Jochen kennt ihr schon lange, gut, geschenkt. Aber vergesst mir die Ute nicht!“ Ja, Mark hat leider recht, denn besagte Ute, die sich in letzter Minute in unsere Tour eingeklinkt hatte, ist tatsächlich unsere einzige und größte Sorge. Wir kennen sie nicht, sie kennt uns nicht. Das allein würde uns eigentlich wenig bekümmern, schließlich sind wir durchaus gesellschaftskompatibel. Viel mehr ist es jedoch der Zweck, das recht spezielle Wesen unserer Reise, die sich so sehr auf unser Steckenpferd, die Sukkulenten konzentriert. Für uns sind diese Bodenschätzchen wunderschön, hoch interessant und zutiefst aufregend. Klassische Safaritouristen hingegen fühlen sich in der Regel sehr schnell gelangweilt, wollen Wildlife, große Tiere, Jagdszenen, Action. Etwas, was auf unserer Tour in dieser Form nicht zu erwarten ist. Und davor haben Heinz und ich Angst: ein uns unbekannter Mensch mit an Bord, ein Mensch, der nach ein paar Stunden oder Tagen gelangweilt oder enttäuscht ist, ein Mensch, der uns mit seiner Erwartungshaltung unter Druck setzt und uns so die Reise verleidet. Annette hat zwar vorgesorgt und Ute deutlich auf den ungewöhnlichen Charakter unserer Tour hingewiesen. Doch Ute akzepierte das und blieb dabei: sie kommt mit. So also fliegen Heinz und ich am 26. September, einem kühlen Freitag, aus München los, voller Vorfreude und zuversichtlich, haben aber auch ein gutes Quäntchen an Bedenken und Zweifeln mit im Gepäck. Diese Sorgen jedoch haben wir ganz zu unterst in die Taschen geschlichtet und warten nun gespannt und, soweit möglich, vorurteilsfrei auf ein Kennenlernen mit Ute, das nun nicht mehr fern ist. Nach einem völlig unspektakulären Flug mit der BA kommen wir schließlich am nächsten Tag in Kapstadt an, wo uns Annette freudestrahlend vom Flughafen abholt. Schnell ist all unser Gepäck im Auto verstaut und wir machen uns auf den Weg nach Hout Bay, wo wir die nächsten zwei Nächte in einem kleinen privaten Bungalow der Kairos Lodge verbringen werden - das Oatlands wollten wir uns nach den Erfahrungen der letzten Tour nicht mehr antun... Bevor wir allerdings unser Quartier in Augenschein nehmen können, müssen wir es erst mal finden. Jochen, der noch anderweitig unterwegs ist, hat Annette genau aufgeschrieben, wie sie vom Flughafen dort hin kommt - männergenau. In diesen Notizen aber fehlen leider ein paar wichtige Turns, sodass wir, ganz auf Jochens Beschreibung vertrauend, schließlich doch völlig falsch abbiegen und, um wieder rauszufinden, eine unfreiwillige Sightseeingtour absolvieren. Heinz und ich haben kein Problem damit, ein wenig durch Kapstadt zu kurven, doch Annette, die das Auto steuert, flucht und schimpft. Wir beschließen deshalb, Jochens Wegbeschreibung einfach ad acta zu legen und uns auf diverse Wegweiser und unsere bescheidenen Ortskenntnisse zu verlassen. Und siehste, schon sind wir auf dem richtigen Weg. Trotz dieser kleinen Irrfahrt durch Kapstadt - die wir Jochen natürlich verschweigen - kommen wir am frühen Nachmittag zielsicher an, fast so, als wären wir Einheimische.

Kairos Lodge Innenhof
Ausblick von der Veranda
Der Pool










Hui, ist das schön hier! Ein kleines, recht privat wirkendes Anwesen, ein paar Hunde, Sonnenschein, üppig blühende Leucospermum-Büsche, zahlreiche Nektarvögel, ein urgemütlicher Bungalow - und Jochen heißen uns willkommen. Voller Freude begrüßen, umarmen wir uns, richten uns ein und lassen dann den Urlaub beginnen; in dieser sehr heimeligen Unterkunft, bei einem Empfangsgetränk auf der hölzernen Terrasse, von der aus man einen wunderschönen Blick auf die Berge des Kaplands und den gepflegten Garten des Anwesens hat. Schneck, wir sind da, wir haben Urlaub!

Leucospermum
Der üppig-grüne Garten
Nektarvogel










Gerade prosten wir uns alle zu, als Ute über die Holztreppe zu uns heraufgespurtet kommt - und ich finde sie sofort sympathisch. Natürlich sind die ersten Minuten unserer Bekanntschaft noch etwas verhalten, abtastend, aber nach einer Weile lockert sich die Stimmung sichtlich. Ganz besonders, als Ute, vom Klo kommend und ich, zum Klo gehend, uns begegnen und sie mich anspricht - auf ihre Bedenken hinsichtlich dieser Tour. Frei von der Leber weg schildert sie ihre Sorgen, die sich eher im persönlichen, denn im routentechnischen Bereich bewegen: zwei alte Freunde von Annette und Jochen (also Heinz und ich), zwei pflanzenverrückte Platzhirschen, wir Vier als soziale Einheit, sie als quasi „Fremde“, als Fremdkörper, als fünftes Rad am Wagen. Im Gegenzug schütte nun ich ihr, begeistert von ihrer Offenheit, mein Herz aus und alles ist im Lot. Wir müssen uns keine Sorgen machen, wir verstehen uns und, das Wichtigste, wir sind beide Freunde klarer und klärender Worte - eine hervorragende Basis für unsere gemeinsame Zeit in Südafrika!














Und um das in der Praxis auszutesten, haben wir nun gleich eine erste Gelegenheit: nicht weit von unserer Unterkunft entfernt liegt nämlich die „World of Birds“, ein riesiger Vogelpark, der zu den größeren Sehenswürdigkeiten Hout Bays, ja, sogar Kapstadts zählen soll. Heinz und ich wollten da gerne hin, allerdings, und das macht mich etwas sauer, haben wir uns mal wieder total vertrödelt: um 17 Uhr macht der Park zu und, als wir losmarschieren, ist es bereits halb vier. Deshalb nehmen wir den kürzesten Weg, der in nördlicher Richtung über den Disa River führt. Dort gibt es keine Brücke, aber die Einheimischen - so sagt zumindest unser Gastgeber vom Kairos - gehen immer an dieser Furt über die Felsen. Nach zehn Minuten Fußmarsch stehen wir tatsächlich an besagter Furt, die so seicht gar nicht ist. Ein paar algenschleimige Unterwassersteine und diverse Trockenfelsen, die, um von einem zum anderen zu kommen, spagatartige Hüpfer erfordern, bilden den Weg über den munter gluckernden Fluss. Ute nimmt die Hürde, ohne mit der Wimper zu zucken, unsere Männer hechten hinterher - Heinz hilft mir dabei gentlemanlike über die Felsen - und alle sind drüben, allein Annette panikt ein wenig. Heinz und Jochen reden ihr gut zu, leisten jede erdenkliche Hilfestellung und schließlich hat auch Annette die Flussüberquerung trockenen Fußes und heilen Leibes hinter sich gebracht. Wir robben die Böschung nach oben und erreichen, eine Stunde vor Schließung des Vogelparks, dessen Eingang. Na, das lohnt sich ja richtig! Im Eiltempo zahlen wir Eintritt und sausen los, um wenigstens ein bisschen was zu sehen.



























Doch bereits nach der Besichtigung der ersten Volieren bin ich über unser knappes Zeitfenster gar nicht mehr so traurig, denn die World of Birds hält nicht, was sie versprochen hatte - zumindest in meinen Augen. Im Internet hatte alles so gut geklungen: über 3.000 Vögel und andere Kleintiere, einzigartig präsentiert in mehr als hundert naturnah gestalteten, teilweise begehbaren Volieren, die sich auf einer Fläche von über vier Hektar verteilen. Die reinen Zahlen möchte ich nicht anzweifeln, doch die „Präsentation“ der Tiere lässt durchaus zu wünschen übrig. Naturnah ist hier gar nix! Die Volieren sind zusammengenagelte Hasengitter-Verschläge, dekoriert mit abgenagten, entlaubten Ästen, zerschlissenen Kletterseilen und anscheinend unvermeidlichen Zierelementen wie pseudoantiken Amphoren und lieblos gepflegten Pflanzgefäßen; die Vögel, gerade die größeren, haben viel zu wenig Platz zum Fliegen, und alles in allem wirkt die Anlage doch recht traurig. Ich will niemandem Unrecht tun: man erkennt schon, dass sich hier „gekümmert“ wird, dass ein Möglichstes getan wird, um den Tieren ein gutes Umfeld zu bieten, doch ich hatte mir das Ganze dennoch deutlich schöner und großzügiger vorgestellt. Gerade, weil sich die World of Birds als größter Vogelpark Afrikas anpreist, dessen Motto besser nicht klingen könnte: „Indem wir Wildtiere in die Stadt gebracht haben und damit Menschen und Tiere einander näherbringen, fördern wir den Respekt und das Verständnis für die Natur. So kann die Wertschätzung für Gottes wunderbare Schöpfungen in ihrer Vielfältigkeit von allen geteilt werden.“ Hehre Ziele, mangelhafte Umsetzung, würde ich da mal sagen. Vielleicht aber doch nicht so mangelhaft, wenn man die zunehmende Entfremdung des Menschen von der Natur in Betracht zieht - da kann es nicht schaden, einen Vogel mal „in echt“ zu sehen und ihn später, „in echt-echt“, wiederzuerkennen... Mein Ding war es, so oder so gesehen, aber trotzdem nicht - trotz der unleugbar hübschen Vogelfotos, die wir innerhalb der knappen Besuchsstunde geschossen haben - unseren, die Gitter wegsoftenden Zooms sei Dank!



























Nun aber werden wir aus dem Park hinauskomplimentiert, Besuchsende ist eben Besuchsende, und, weil in der vergangenen Stunde jeder da unterwegs war, wo es ihm eben interessant erschien, treffen wir am Ausgang erstmals wieder zusammen. Dort stellen wir fest, dass sich unser aller Begeisterung für die „World of Birds“ in Grenzen hält und somit keiner über die Kürze des Besuchs traurig ist. Darüber sind wir uns einig - nicht aber über den Rückweg zum Kairos. Annette fand die Flussquerung so schrecklich, dass sie gerne über die reguläre Brücke gehen möchte - was wir anderen so gar nicht einsehen, schließlich bedeutet das einen Umweg von mehreren Kilometern, einen Umweg entlang stark befahrener, todlangweiliger Teerstraßen. Ne, nicht mit uns, wir streiken! Notgedrungen und nur sehr ungern fügt sich Annette der Mehrheit. Doch mit der Hilfe von Heinz und Jochen schafft auch sie es abermals heil über den Disa River und eine viertel Stunde später sind wir zurück im Kairos, wo wir einen gemütlichen Abend einläuten. Ein bisschen Sundowner trinken, Zeitung lesen, im Internet surfen, von der Terrasse starren und ratschen.














Zwischendurch verschwinde ich allerdings kurz im Schlafzimmer, um mich endlich mal umzuziehen und mein Gepäck zu inspizieren. Selbiges war mir am Flughafen, als es vom Rollband kam, irgendwie „anders“ vorgekommen: es sah zwar völlig intakt und auch unberührt aus, aber dennoch war da etwas, etwas Unbenennbares, was meine Alarmglocken schrillen ließ. Als ich es jetzt öffne, d. h. die mehrfache Klebeband-Umwicklung entferne, das TSA-Schloss aufsperre und den Reißverschluss aufziehe, manifestieren sich meine diffusen Ahnungen - da war jemand dran! Ganz obenauf nämlich liegt ein Zettel vom deutschen Zoll in München, auf dem mir kundgetan wird, dass meine Reisetasche aus amtlichen Gründen geöffnet und Gefahrengut in Form von zehn Feuerzeugen konfisziert wurde. Spinnen die? Acht Feuerzeuge steckten in der offen zugänglichen Seitentasche und nur zwei davon in meiner im Gepäck befindlichen Waschtasche. Und jedes Jahr packe ich eine größere Anzahl von Feuerzeugen ein, denn wir machen ja Campingurlaub und brauchen die Teile, die leider alle naslang Beine kriegen, permanent. Noch nie hat das den Zoll gestört! Diesmal aber schon. Bei der Durchsuchung wurde das Oberste äußerst uncharmant zuunterst gekehrt, das „Gefahrengut“ entnommen, der Zettel beigelegt und die Tasche danach gewissenhaft wieder verschlossen - und zwar so, dass alles nahezu unverändert erschien. Auf der einen Seite ja löblich, aber trotzdem: warum? Robbe ich etwa während des Fluges in den Frachtraum und sprenge anschließend die Maschine mit Hilfe von zehn popeligen Feuerzeugen noch höher in die Luft oder setze sie in Brand, fünf der gefährlichen Flammenwerfer in jeder Hand? Hände hoch, ich brenn euch alle nieder!?

Ach, egal! Kopfschüttelnd nehme ich den Verlust zur Kenntnis, lege ihn ad acta, werfe mich in frische Klamotten und begebe mich wieder auf die Terrasse, um mit meiner „Crew“ dem Sonnenuntergang beizuwohnen. Der ist, weil er auf der anderen Seite des Hauses stattfindet, natürlich wenig spektakulär, dafür aber wird es schnell zapfig kalt und wir ziehen uns ins Innere unserer Behausung zurück, wo wir uns der Zubereitung des Abendessens und der Besprechung der Pläne für morgen widmen. Wobei es nicht viel zu besprechen gibt: Ute hat eine Township-Tour gebucht und wird sich in aller Frühe auf eigene Faust mit dem öffentlichen Bus auf den Weg zum Sammelpunkt machen, während wir Vier dem Botanischen Garten von Kirstenbosch einen Besuch abstatten wollen. Alles klar, oder? Entspannt und voller Vorfreude also genießen wir unser Abendessen, schwatzen noch ein wenig und begeben uns dann in unsere Schlafgemächer. Heinz und ich, rechtschaffen müde von der Anreise, kuscheln uns wohlig in unser luxuriöses Doppelbett, lassen die vergangenen Stunden revue passieren, plaudern kurz über unsere positiven Eindrücke bezüglich der „Gruppendynamik“ und schlafen schließlich zufrieden und erschöpft ein - einem neuen Tag, drei kommenden Wochen entgegen, die gut zu werden versprechen.

Reiseroute September/Oktober 2014

27.09.2014 – Ankunft in Kapstadt; Kairos, Hout Bay; World of Birds
28.09.2014 – Kapstadt: Besuch des Kirstenbosch National Botancial Garden
29.09.2014 – Kapstadt > Tankwa Karoo NP; Perdekloof
30.09.2014 – Kapstadt > Tankwa Karoo NP; Perdekloof
01.10.2014 – Tankwa Karoo NP > Vanrhynsdorp, Vanrhynsdorp Caravan Park
02.10.2014 – Vanrynsdorp > Knersvlakte > Namaqua NP, Koringkorrel
03.10.2014 – Namaqua NP, Rundfahrt im Park; Koringkorrel
04.10.2014 – Namaqua NP, Koringkorrel > Skilpad Rest Camp
05.10.2014 – Namaqua NP, Wanderung in der Umgebung; Skilpad Rest Camp
06.10.2014 – Namaqua NP > Richtersveld NP, Potjiespram
07.10.2014 – Richtersveld NP, Potjiespram > De Hoop
08.10.2014 – Richtersveld NP, Ausflug Helskloof Pass; De Hoop
09.10.2014 – Richtersveld NP, De Hoop > Kokerboomkloof
10.10.2014 – Richtersveld NP, Wanderung in der Umgebung; Kokerboomkloof
11.10.2014 – Richtersveld NP, Ausflug in die Umgebung; Kokerboomkloof
12.10.2014 – Richtersveld NP, Kokerboomkloof > Springbok, Goegap NR
13.10.2014 – Springbok, Goegap NR, Wanderung im Nature Reserve
14.10.2014 – Springbok, Goegap NR > Augrabies Falls NP
15.10.2014 – Augrabies Falls NP; Rundfahrt im Park
16.10.2014 – Augrabies Falls NP; Erholungs- und Packtag
17.10.2014 – Augrabies Falls NP > Upington, Heimflug


Montag, 11. Mai 2015

8. April 2013; Elephant Inn, Musina > Johannesburg, Heimflug

Sehr früh schon stehen wir heute auf und treffen uns zum Frühstück im Restaurant. Der Stress von gestern ist lang schon vergessen, und so können wir das Mahl in trautem Kreis auch richtig genießen. Naja, teilweise. Denn Heinz ist am ganzen Körper zerstochen. Und das waren keine Mücken! Bettwanzen? Flöhe? Es juckt höllisch und hält wochenlang vor, mir hingegen, dem Insektenziel schlechthin, fehlt nichts. Armer Schneck! Trotzdem erfreuen wir uns, teils kratzend, teils wohlig, an würzigem Rührei, krossem Toast, kleinen Würstchen und heißem Filterkaffee. Mit dieser Unterlage packen sich auch die restlichen Sachen heiterer Stimmung ins Gepäck und gut gelaunt verlassen wir schließlich diesen mittelgastlichen Ort, um uns auf den Weg nach Johannesburg zu machen.

Die Fahrt verläuft ereignislos, garniert mit der erwarteten Langeweile, aber das Wissen, dass es die letzte Etappe in diesem Urlaub ist, macht die langen Kilometer erträglich. Und so kommen wir schließlich ganz relaxed und mehr als pünktlich am Flughafen an. Der Abschied von Annette und Jochen fällt, in Ermangelung eines kostenfreien Parkplatzes, entsprechend kurz aus - sie entlassen uns kurz und schmerzlos in der Drop-Off-Zone, wir drücken uns ganz fest zum Abschied - und schon fahren sie wieder ihrer Wege. Heinz und ich entern den Flughafen, suchen unseren Schalter und haben Glück: der Check-In hat soeben eröffnet, wir sind sofort dran, werden unser Gepäck los und können so unbelastet losstarten. Ab ins Einkaufsparadies O. R. Tambo International! Und der Shopping-Bereich hat wirklich wieder einiges zu bieten: wir durchstreifen Klamottenläden, Buchgeschäfte, liebäugeln mit dem Biltongstand und landen schließlich im „Out of Africa“. Heinz fühlt sich souvenirtechnisch immer noch leicht unbefriedigt und stöbert deshalb genüsslich in dieser Fundgrube afrikanischen Kunsthandwerks, ich hingegen bin restlos glücklich und assistiere deshalb nur beratend bei der Auswahl des passenden Andenkens. Mit Lurchi im Arm tappere ich Heinz hinterher und freue mich, als er tatsächlich etwas Schönes findet. Es ist eine minimalistisch-abstrakte Maske aus Holz. Auf einem Plexiglassockel montiert, zwinkert sie uns nahezu unwiderstehlich zu und verzieht dabei ihren Mund zu einem Sternanis-Lächeln. Allein der Preis macht eine leicht trockene Kehle, weshalb Schneck bei einem weiteren Rundgang nochmal in sich gehen muss... Wieder tappere ich ihm hinterher und bemerke dabei, dass Lurchi eine gewisse Unruhe erzeugt. Diverse Touristen, ebenfalls auf der Suche nach einem Andenken, sehen die riesige Perlenechse und gehen offenbar davon aus, ich hätte sie hier im Laden erworben. Hui, da fliegen die Köpfe suchend hin und her, ein Regal nach dem anderen wird abgeflitzt, ab und zu ein Verkäufer befragt und dabei hektisch auf Lurchi gedeutet. Ratloses Schulterzucken und Kopfschütteln ist das Ergebnis, logisch, und sichtliche Enttäuschung macht sich auf so manchem Gesicht breit. Tut mir leid, Leute, aber Lurchi ist einzigartig - und mein! Liebevoll drücke ich das stabile Kerlchen an mich und folge Heinz, der mittlerweile einen Entschluss gefasst hat, zum Maskenregal. Und so erhält unsere Beziehung Zuwachs: Anismund wird uns nach Hause begleiten! Beglückt klemmt sich Heinz die ausdrucksstarke Maske, gut verpackt, unter den Arm und wir machen uns auf den Weg zu einer Lounge, um den Rest der Wartezeit bei einem kühlen Getränk zu verbringen.

Lurchi erregt dabei weiterhin Aufsehen: die Verkäuferin eines Juwelierladens ruft erregt ihre Kollegen vor die Tür, eine vorbeieilende Touristin bremst abrupt und fragt, mit Blick auf die Echse, „From Out of Africa?“, bevor sie enttäuscht weitersaust, der Kellner in der Lounge erkundigt sich augenzwinkernd, ob Lurchi auch was trinken möchte, und, als wir schließlich boarden, kümmert sich die Stewardess rührend um eine sichere Unterbringung der Echse. Lurchi ist wirklich etwas Besonderes! Doch diese fast freundschaftliche Zuwendung ist nicht allen unserer mitreisenden Souvenirs vergönnt: nach einem entspannten Nachtflug erreichen wir Istanbul Airport, schleusen uns durch die Transit-Checks, bis wir schließlich am Röntgen und einem besonders übellaunigen Beamten scheitern. Der Typ mit der unbeweglichen Miene und der schwarzen Haarbürste über der Oberlippe entdeckt die zwei Blechgeckos in Heinz’ Handgepäck und befindet sie als absolutes Sicherheitsrisiko... „Sharp, dangerous, no transport in hand luggage!“, tut er uns kund, indem er seine ebenfalls bürstenartigen Augenbrauen unheilverkündend zusammenzieht. Hallo, wir kommen aus Johannesburg, hatten diese „Waffe“" mit zehn Stunden an Bord, keiner ist zu Schaden gekommen, der Pilot erfreut sich weiterhin seines Lebens und niemand hängt mit durchschnittener Kehle auf der Tragfläche! Dem Beamten jedoch geht das Argument sonstwo vorbei. „Too sharp, too dangerous, absolutely no transport in hand luggage!“, wandelt der Finsterling sein gebetsmühlenartig wiederholtes Sätzchen ab. Ja, ja, verstanden, aber was nun? „Go chief officer“", bedeutet er uns mit einer ruckartigen Kopfbewegung, „He tell you!“ Tja, und der osmanische Chefzollmann, der nicht besser gelaunt ist, verkündet uns Selbiges. Unsere Blechgeckos dürfen nicht mit an Bord, basta! Alternative: einreisen und die Waffen-Tiere ins Fluggepäck umbetten. Genau! Wir sind durchgecheckt, die Zeit ist ohnehin knapp,also besteht auch keine Chance, unsere zimbabwischen Blechandenken durch die Kontrolle zu bringen. Zornig pfeffern wir die zwei Tierchen in den nächstbesten Abfalleimer, machen daraufhin einen neuen Versuch beim Röntgenzöllner - und kommen diesmal tatsächlich ohne Beanstandung durch. Obwohl der Bürstenbart die ganze Zeit auf Lurchi starrt... Untersteh dich, du Arsch! Der Verlust der Blechechsen ist zu verschmerzen, aber Lurchi nimmst du mir nicht weg! Der Arsch untersteht sich. Und wir treten die letzte Etappe einer wunderschönen, erlebnisreichen, erfüllenden Reise an - nach Hause, mit neuen Plänen, Träumen und Wünschen im Kopf. Sternstundentage liegen hinter uns, weitere erwarten uns - nächstes Jahr! Ganz sicher!


Unsere Schätze



7. April 2013, Hwange NP, Main Camp (ZIM) > Musina, Elephant Inn (RSA)

Nein, nein, nein! Die Sonne geht auf, die Vögel beginnen zu zwitschern, die Grillen zirpen und der Bäume Laub wogt leise raschelnd im morgendlichen Wind. Morgen früh werden wir das nicht mehr hören können, in unserem Bungalow mit Bett, Bad und betoniertem Boden. Denn heute liegt eine besonders lange, immens uninteressante, extrem beschissene Strecke vor uns - doppelt rot-markiert im Urlaubs-Kalender! Unsere üblicherweise fließenden und aufeinander abgestimmten Arbeitsabläufe beim Lagerabbau scheinen deshalb etwas zu stocken. Trotzdem aber sind wir irgendwann doch fertig und verlassen extrem schwerer Herzen Main Camp, den Hwange Nationalpark und somit auch das letzte bisschen wirklichen Urlaubs hinter uns. Pah, schon sind wir auf Pad! Kilometer um Kilometer brettern wir dahin, die Landschaft zieht vorüber und, obwohl sie eigentlich schön ist, können wir sie nicht wirklich genießen. Und unsere Ankunft in Bulawayo holt uns dann in die Wirklichkeit, in die Welt der Menschen zurück. Bulawayo! Eine Stadt, die man immer auf den in-flight-Monitoren diverser Airlines sehen kann, die man normalerweise nicht besucht, deren Name aber dennoch einen gewissen Grad der Freude verheißt: erscheint Bulawayo auf dem Monitor, ist man bald da! Wir jedoch sind bald weg – zurück in einer anderen Welt - die zweitgrößte Stadt Zimbabwes macht uns das nachdrücklich klar. 1,5 Millionen Einwohner, aus der Ferne mit beeindruckender Skyline, beim Reinfahren dann doch ein bisschen anders. Rund zehn Prozent der Bevölkerung, gefühlt, sind mit hochglanzpolierten Luxuskarossen, made in Germany, unterwegs, dazwischen ein paar, nicht minder gewienerte Japaner. Die restlichen Einwohner hingegen, ebenfalls gefühlt, lungern auf den Straßen herum. Sie sitzen an Ampeln und lesen Zeitung, unterhalten sich, stillen ihre Kinder, bieten Obst und Gemüse feil - auf Korbsesseln, Obstkisten, ineinandergesteckten Kartons sitzend, aber auch stehend, auf dem Trottoir liegend. Aus dieser Nähe sehen auch die vormals so modern wirkenden Gebäude lange nicht mehr wirklich beeindruckend aus: heruntergekommene Hochhäuser mit verwahrloster Fassade, zweifelhafter Statik und noch zweifelhafterem Erhaltungszustand stehen nun vor uns. Ein Rummelplatz zieht an uns vorüber - Mini-Riesenrad, Karussell, Achterbahn, allesamt lebensgefährlich verrostet... Diese ganze Riesen-Stadt verbreitet ein Flair vergangener Pracht, ein Flair, das man normalerweise nur aus kommunismus-dominierten Staaten kennt. Verwaschene Fassaden, brüchiger Beton, brachliegende Einrichtungen, behelfsmäßige Märkte, mittellose Menschen, Langeweile, Not, Verzweiflung - geboren aus einem allgemeinen Mangel, manifestiert durch spezifische Machtherrschaft.

Frommer Wunsch...
Wir nähern uns Bulawayo
Berufsverkehr










Rostiger Rummel
Treffen der Bauarbeiter
Zeitunglesen an der Ampel










Schrecklich. Besonders schrecklich aber, wenn man diese Angst, diese ohnmächtige Wut, eins zu eins demonstriert bekommt: wir verlassen Bulawayo und folgen dabei einem Pick-Up, dessen Ladefläche, voll besetzt mit Passagieren, über viele Kilometer vor uns her holpert. Die Leute sind allesamt gut gelaunt, feixen, schneiden freundliche Grimassen und winken uns zu. Wir blödeln zurück und alles scheint gut. Bis zu dem Zeitpunkt, an dem ich den Fehler begehe, den Pick-Up samt seiner Passagiere zu fotografieren. Sofort schlägt die vormals gute Laune in Aggression um: die Gesichter verfinstern sich schlagartig, man droht uns mit Fäusten und macht andere, sehr eindeutige Gesten. Irrigerweise war ich davon ausgegangen, der vorangegangene Kontakt, wenn auch nur gestisch, hätte mir eine Lizenz zum Fotografieren erteilt - doch weit gefehlt! Irgend etwas habe ich da wohl missverstanden; oder aber die Leute auf der Ladefläche... Natürlich versuche ich nun, mich zu entschuldigen, so gut das eben geht, doch es kommt nicht an, findet keine Gnade. Die Gesten der erbosten Passagiere werden immer bedrohlicher: Gewehr anlegen und abdrücken, Kehle durchschneiden, Faustschläge und ähnliches. Uns wird ganz anders. Was, wenn uns der Pick-Up von der Straße drängt? Wir sind schließlich schon wieder in The Middle Of Nowhere und niemand könnte uns zu Hilfe kommen! Doch das Ganze geht glimpflich aus, die Zornigen biegen, ebenfalls in The Middle Of Nowhere, plötzlich links ab und wir dürfen unbehelligt weiterfahren. Puh, das war eine echt ungute Situation!

Das Kopf-und-Kragen-Foto
Typische Felsformation
Bushaltestelle










Etwas bedröppelt und gleichzeitig zutiefst erleichtert, stellen wir die Fotografiererei auf den nächsten, langen Kilometern sicherheitshalber weitestgehend ein. Was auch nicht schwer fällt, denn es gibt wenig Interessantes zu sehen; allenfalls die markanten Felsformationen, die uns zeigen, dass wir gerade auf Höhe des Matopos Nationalparks dahinbrausen und ein paar Hügelflanken, die von unglaublich dichten Euphorbien-Wäldern bewachsen sind. Mann, so ein Fahrtag geht echt an die Nieren - und die Nerven! Es ist nun schon mehr als High Noon, wir haben zirka die Hälfte der Tagesstrecke hinter uns, als sich ein weiteres Organ meldet: der Magen. Wir haben tierisch Hunger und steuern deshalb das nächstgelegene Kaff, das eine Stillung dieses Bedürfnisses möglich machen könnte, an. Gwanda heißt der Ort der Wahl. Wir müssen nicht mal ins Zentrum fahren, sondern finden, direkt an der Hauptstrasse gelegen, ein Einkaufszentrum inklusive der üblichen Fast-Food-Etablissements, die anscheinend auf der ganzen Welt untrennbar mit Malls verknüpft sind. Wir rangieren also auf den Parkplatz und fühlen uns gleich wieder unwohl: die Geschäfte haben offensichtlich fast alle geschlossen, Jugendliche in abgerissenen Westklamotten lungern zuhauf herum, konsumieren undefinierbare Getränke und seltsam riechende Rauchwaren - und sehen uns neugierig an. Neugierig auf eine Art und Weise, die schwer einschätzbar ist... Deshalb machen wir mal wieder einen auf Arbeitsteilung: Annette sondiert das dürftige Angebot, nimmt unsere Bestellungen entgegen (Pommes mit Burger bzw. Chicken Wings oder Chicken Wings bzw. Burger mit Pommes), dann nimmt sie Jochen als Begleitschutz mit, während Heinz und ich beim Auto bleiben. Ereignislos verstreichen die Minuten, bevor unsere Freunde wiederkehren. Lustlos verzehren wir anschließend das mitgebrachte Essen, machen die Motorhaube zum Stehtisch, bringen es hinter uns. Der vorletzte Schluck Cola rinnt meine Kehle hinab und eigentlich könnten wir uns jetzt wieder auf den Weg machen. Wäre da nicht das leidige Blasenproblem... Und Zimbabwe ist nicht Südafrika oder Namibia, wo man einfach mal unterwegs anhalten und unbehelligt strullern kann. Nein! Hier sind immer und überall Menschen unterwegs. Wie aus dem Nichts tauchen sie selbst da auf, wo man denkt, alleine zu sein. Das wollen wir, zumindest wir Frauen, nicht riskieren.

Entschlossen mache ich mich deshalb auf die Suche nach dem Mall-Klo und werde tatsächlich fündig: zwei Türen nebeneinander, mit Männchen- und Weibchen-Symbol gekennzeichnet, verkünden das erfolgreiche Ende meines kurzen Orientierungsgangs und ich schicke mich gerade an, die Pforte der Erleichterung zu öffnen, als ich merke, dass eben das nicht geht. Verschlossen? Oder eine klemmende Tür? Ich teste das gerade aus, als mich eine weibliche Hand grob am Oberarm packt - es ist eine Security-Dame, die mich gestreng anweist, nicht an dieser Tür zu rütteln! Aber ich muss doch aufs Klo! Das ist dem Sicherheitsdragoner allerdings egal - an dieser Tür wird nicht gerüttelt, komme, was da wolle! Klo, ich brauche ein Klo, bitte! Der Dragoner zeigt sich nachgiebig und deutet mit seinem Schlagstock quer über den Innenhof der Mall: „Try there!“ Zu Befehl, Frau Gummiknüppel! Rasch, sehr rasch, entschwinde ich aus dem Dunstkreis der ungnädigen Amazone und strebe in die von ihrem Gummiknüttel angedeutete Richtung. Tatsächlich, hier gibt es noch ein Klo - und es ist in Betrieb! Ein sehr höflicher Herr bittet mich herein, versichert mir, dass alles frisch gesäubert sei, sperrt mir eine Kabine auf und zieht sich dann rücksichtsvoll zurück. Haaahh, wie gut das tut! Erleichtert komme ich vom Pott zurück, will mich bedanken - als ich zum Bezahlen aufgefordert werde: „500 Zimbabwean Dollars, please!“ Zimbabwean Dollars? Die Währung existiert doch gar nicht mehr! Aber der Klomann besteht darauf, alternativ auf südafrikanischen Rand - der US-Dollar-Schein, den ich ihm stattdessen anbiete, wird rundweg abgewiesen! Hilfe, wo bin ich hier gelandet? Im ganzen Land ist der US-Dollar offizielles Zahlungsmittel (sogar im kleinsten Supermarkt) - aber der Klomann will Zimbabwe-Dollar oder Rand. Diese Logik verstehe ich nicht und die verlangte Währung habe ich leider auch nicht griffbereit. Was nun? Des Klomannes Dienstleistung habe ich nun bereits in Anspruch genommen und kann mein Tun auch nicht mehr rückgängig machen. Hah, Annette muss ja auch noch austreten und sie muss jetzt, wohl oder übel, die Finanzlücke füllen! Ich bringe das mit der nachfolgenden und letztendlich bezahlenden Freundin dem Klomann nahe - und er glaubt mir, er vertraut mir! Folglich lässt er mich ziehen und ich bin heilfroh, denn ich hatte ernste Bedenken, er würde die Dame mit dem Gummiknüppel zuhilfe rufen - auf diese Konfrontation war ich nun nicht scharf! So aber darf ich ungeschoren und in doppeltem Sinne erleichtert von dannen ziehen.

Beim Parkplatz angekommen, instruiere ich Annette über die Lage des Klos und den zu entrichtenden Obulus und sie schreitet zur Verrichtung, während wir anderen weiter das Auto bewachen. Kurz darauf, Annette ist noch nicht zurück, kurvt ein gepflegter Kleinwagen in die freie Parklücke neben uns. Eine junge Frau steigt aus und macht Besorgungen im Fast-Food-Etablissement, der Fahrer hingegen bleibt sitzen und mustert uns und unser Auto neugierig. Dann lässt er das Fenster herunter, lehnt sich lässig aus der Öffnung, rückt seine Sonnenbrille zurecht, schmatzt, einen Anfang suchend, auf seinem Kaugummi herum - und ich denke mir: „Was für ein arroganter Depp!“ Trotzdem grüße ich ihn freundlich, bevor ich mich wieder abwende. Das war der Startschuss: der coole Macker grüßt ebenso freundlich zurück und steigt erst mal mit den üblichen Fragen ein - woher, wohin, gefällt es euch, etcetera. Dabei merken wir, dass wir durchaus auf einer Wellenlänge liegen - ein hoch interessantes, aber auch hoch brisantes Gespräch entwickelt sich. Es geht, natürlich, um die politischen Verhältnisse in Zimbabwe: er ist erstaunt, was ich alles weiß – ich bin erstaunt, was ich alles noch nicht weiß. Immer näher rücken wir zusammen und tuscheln verschwörerisch. Seine mittlerweile zurückgekehrte Freundin findet das nicht so klasse; nicht aber, weil sie eifersüchtig ist, sondern weil sie Angst hat. Als schließlich ein weiteres Auto nahe bei uns einparkt, wird es auch ihm zu gefährlich und wir verabschieden uns mit demonstrativ unverfänglichen Worten und einem Augenzwinkern voneinander. Jetzt erst merke ich, dass mein Herz richtig schnell klopft; vor Aufregung, mal wieder was aus dem zimbabwischen Nähkästchen erfahren zu haben, aber auch vor Anspannung. Die Themen, über die wir uns gerade unterhalten haben, waren durchaus nicht für jedermanns Ohren bestimmt und könnten, hätte jemand mitgehört, durchaus Probleme aufwerfen - für uns beide. Unvorstellbar, wenn man sich das verinnerlicht! Wenn ich in München in der Öffentlichkeit mit irgend jemandem über Angela Merkel nebst den Pros und Contras ihrer Politik quatsche, so ist das völlig legal und hat mit Sicherheit keine restriktiven Konsequenzen. Hier aber ist das anders; über das zimbabwische Staatsoberhaupt sind derlei Gespräche nicht erwünscht und werden, wenn auch unter anderem Namen, einem erfundenen Deckmäntelchen, durchaus geahndet, sollten sie vom Falschen (oder sollte ich besser "Richtigen" sagen), gehört werden. Das haben dieses Land, diese Menschen einfach nicht verdient! Es wird jedoch, auf absehbare Zeit gesehen, nichts Besseres nachkommen, im Gegenteil. Der greise Robert nämlich hat eine bedeutende jüngere, nicht minder machthungrige Gattin namens Grace, die ihre Klauen schon ausgefahren hat. Nomen est omen? Graceland, sage ich da nur...

Kopfschüttelnd, mein Herz ist noch immer in der Adrenalin-Liga zugange, wende ich mich nun wieder unseren Belangen zu und schlürfe den Rest meines Getränks geräuschvoll durch den Strohhalm, als Annette wieder auftaucht. „Na, Klo gefunden und alles bezahlt?“ „Ja, gefunden, aber er wollte kein Geld, weil du so herrlich erleichtert rauskamst und man sich zudem auf dein Wort verlassen kann!“ „Ne, oder?!“ „Doch! Ich musste ihm das Geld förmlich aufdrängen - und soll dir liebe Grüße ausrichten!“ Ach, ihr herzlichen, gequälten Zimbabwer, ihr habt wahrlich Besseres verdient! Soll ich jetzt froh sein, dass wir in diesem Land auf die Schlussgerade gehen oder soll ich darüber traurig sein? Beides! Wir verlassen ein Land voller liebenswerter, freundlicher, offener, hilfsbereiter, engagierter Menschen, aber auch eines, dessen Politik genau diese Menschen bestraft, im Stich lässt, benachteiligt und verarscht - auf dass es den wenigen, die was zu sagen haben, maximal gut geht. Homo homini lupus - der Mensch im Besonderen, aber auch im Allgemeinen, ist meist ein selbstbedachtes Arschloch! Wobei der echte Wolf - ein wirklich soziales Rudeltier - dabei zu Unrecht beschimpft wird. Doch bedauerlicherweise habe ich, genau diesen Menschen-Aspekt betreffend, auch in Kleinen, besonders „wölfische“ Erfahrungen gemacht: je näher sich Menschen, Volksgruppen und Hautfarben gegen Andersartige und Unterdrückende, als Ausgebeutete und Unterdrückte, näherstehen sollten und dies nach außen hin übrigens auch gerne bekunden, desto selektiver und brutaler wird ihr gegenseitiger Umgang miteinander. Hey, brotha, hey sista, dreifach gegebener Handschlag! Wir Schwarzen sind alle Brüder und Schwestern? Gegen die Ausbeutung der Weißen!? Ja? Nein! Die Geschichte hat, zugegeben, grausame Kapriolen geschlagen, doch viele der auch heute noch führenden Schwarzen sind genauso brutale und rücksichtslos gegen ihresgleichen, wie früher die so geächteten Kolonialist. Hey, brotha Mugabe, mach dich mal locker und sei deinen Brüdern ein Bruder - kein Kain - sondern ein wahrer Bruder! Leider, so fürchte ich, werden meine Wünsche nicht fruchten - zumal auch die gierige Gattin Mugabes bereits ihre Klauen nach den verbleibenden Reichtümern des geknechteten Landes ausgestreckt hat...

Sehr zweischneidiger Gefühle setzen nun auch wir unseren Weg fort und streben der Grenze nach Südafrika zu. Es sind noch viele, langweilige Kilometer, aber schließlich erreichen wir am späten Nachmittag doch noch den Grenzübergang, der sich weiaus monströser präsentiert, als ich ihn in Erinnerung hatte: in kilometerlangen Schlangen stauen sich die Trucks, unzählige Autos stehen auf unübersichtlichen Parkplätzen und noch mehr Fußgänger wuseln auf dem Gelände der wohl größten Grenzstation des Landes herum. Genervt suchen wir einen Abstellplatz fürs Auto, checken ein letztes Mal unsere Dokumente und beten, dass alles ohne Probleme über die Bühne gehen möge. Ja, wird schon werden, aber wo müssen wir denn eigentlich hin? Ah, da! Ein riesiges Armeezelt, ein Emigrations-Schild, eine lange Schlange von Leuten. Hier sollten wir richtig sein! Folglich platzieren wir uns am Ende der Warteschlange, bekommen aber sehr bald „Hintermänner“, die sich ebenfalls unsicher sind und uns die gleichen Fragen stellen, wie wir, Sekunden zuvor, den vor uns Stehenden. Jetzt antworten wir, obwohl wir uns noch immer nicht sicher sind... Na, das kann ja heiter werden, wenn hier jeder so überzeugt ist wie wir. Trotzdem vertrauen wir auf unser Bauchgefühl und werden, eine gute Stunde später, tatsächlich belohnt: wir dürfen ausreisen! Obwohl Jochen den ganzen Vorgang beinahe noch gefährdet hätte, indem er sich bei seiner zuständigen Grenzbeamtin leutselig erkundigte, ob dieses Zelt eine Behelfslösung sei. „Behelfslösung??? Das ist ein großer Grenzübergang! Behelfslösung - nicht im Geringsten, was denken Sie!?„ Pass her, Stempel rein und der Nächste bitte! Danach folgt der Zoll fürs Auto, die Einreise nach Südafrika, abermals der Zoll fürs Auto... Wah, was sind wir froh und erleichtert, endlich uns und unser Fahrzeug korrekt aus Zimbabwe raus und in Südafrika drin zu haben!

Nun müssen wir nur noch nach Musina, das Kaff durchqueren und etwas außerhalb unser Nachtquartier finden - das Elephant Inn. Es ist schon dunkel, als wir endlich da sind. Puh, das ist ja lauschig hier! Direkt vor dem Rezeptionsgebäude befindet sich eine riesige, viel frequentierte Tankstelle und die noch mehr frequentierte Hauptstraße führt in zirka 400 Metern Entfernung am Elephant Inn vorbei. Egal! Einchecken, essen, packen, schlafen. So ist unser Plan. Annette springt also mitsamt den Buchungsunterlagen wohlgemut an die Rezeption, während wir das muntere Treiben an der Tanke beobachten. Wir beobachten und beobachten - allein Annette kehrt nicht wieder. Jungs, bleibt ihr da, ich schau mal nach dem Rechten! Ohje! An der Rezeption angekommen, treffe ich auf eine weinende Annette, die mit den Händen rudert und immer wieder auf ihre Ausdrucke von booking.com hämmert. Annette, was ist los? „Die haben unsere Buchung angeblich nicht bekommen. Hier ist nix frei, bezahlt aber hab ich schon! Ich dreh durch!“ „Ruhig, ruhig, wir kriegen das! Ich sag erst mal den Jungs Bescheid, dann komm ich sofort wieder!“ Gesagt, getan - Jochen und Heinz können es nicht fassen - und ich eile wieder zurück. Schließlich erzielen wir tatsächlich eine Einigung: wir bekommen einen Bungalow, wie gebucht, und ein Zimmer, eine Kategorie unter unserer Buchung, aber immerhin!

Ja, immerhin, kann man da nur sagen - besser als gar nichts! Trotz dieser haarscharf glimpflichen Lösung aber ist die Stimmung sehr angespannt: Jochen, der den ganzen Tag am Steuer saß, macht Annette Vorwürfe wegen der Buchung, Annette ist fix und fertig, obwohl doch jetzt alles soweit unter Dach und Fach ist, Heinz und mir graut’s vor der Packerei und wir alle haben die Schnauze voll und - riesigen Hunger. Erst aber müssen wir uns auf die ungleichen Quartiere verteilen; da Heinz und ich morgen abreisen werden und somit noch packen müssen, bekommen wir den großzügiger geschnittenen Bungalow zugestanden, während unsere Freunde, die noch ein paar Tage im Lande bleiben, mit dem kleineren Zimmer vorlieb nehmen. Okay, das wäre geregelt. Rasch laden wir das Nötigste ab und beratschlagen dann über das bevorstehende Dinner. Jochen und Annette, wir fallen schier vom Glauben ab, wollen allen Ernstes etwas Selbstgekochtes auf den Tisch bringen! Hier, mit einem Restaurant vor der Tür, nach einem solchen Fahrtag, an unserem letzten gemeinsamen Abend?!? Heinz und ich streiken - WIR gehen ins Restaurant – kommt ihr mit oder lasst es! Schließlich gehen wir doch alle zusammen ins Lokal: wir platzieren uns auf der Open-Air-Veranda neben der Tankstelle, ordern und lassen es uns anschließend voller Wonne schmecken. Alles wäre jetzt gut, schwelte nicht noch in jedem einzelnen von uns der bekannte Fahrtags-Groll: satt und (noch) zufrieden, wollen wir zahlen. Die Bedienung bringt die Rechnung, wir legen das Geld nebst Trinkgeld auf den Tisch, die Bedienung verschwindet, kommt nicht wieder. Wo ist das Problem? Tja, offenbar haben wir völlig verschiedene Vorstellungen, was ein angemessenes Trinkgeld anbelangt - die Mücken, die uns während der sinnlosen Wartezeit wie wahnsinnig zerbeißen, freuen sich darüber… Heinz allerdings, der immer Geduldige und Verständnisvolle, macht plötzlich, völlig genervt, kurzen Prozess: „Wir gehen jetzt! Ich verzichte auf alles, was ihr mir noch schuldet, aber wir gehen jetzt, JETZT!“, stellt er klar, kratzt sich an den zerstochenen Beinen, erhebt sich und sieht unsere Freunde auffordernd an. Die schauen zwar ziemlich erstaunt, erheben sich aber ohne Widerworte und folgen uns zum Bungalow.

Somit hat sich auch dieses Kapitel erledigt, Gott sei Dank! Aber ein weiteres steht bevor – und das bringt mich jetzt fast zum Ausflippen: wir sind zurück an unserem Bungalow, das Auto parkt mit der Ladeöffnung vom Haus weg, Heinz und ich picken unser persönliches Equipment deshalb im Halbdunkeln aus dem Auto und schleppen es auf völlig unnötigen Umwegen zu unserer Unterkunft, sagen aber nichts, denn die Stimmung ist ohnehin schon ausreichend gereizt. Erst recht, weil Jochen und Annette biertrinkend und rauchend auf unserer Veranda herumfläzen, im Weg umgehen und auch noch lustige Kommentare vom Stapel lassen. Das bringt mich so in Rage, dass ich all meine Sachen auf die Terrasse pfeffere, statt sie gleich reinzutragen - direkt vor die entspannt ausgestreckten Füße unserer Freunde. Kann hier mal jemand helfen oder wenigstens die Schnauze halten? Nur um des lieben Friedens Willen behalte ich meinen Groll für mich und schleppe mit zusammengebissenen Zähnen weiter. Schließlich ist die Veranda voll, das Auto von unseren Habseligkeiten befreit und Annette und Jochen gehen, uns eine gute Nacht wünschend. Ja, ihr mich auch - äh, euch auch! Endlich allein, stehen Heinz und ich vor einem Riesenhaufen abgeladener Gegenstände, die jetzt in unser Gepäck geschlichtet werden müssen. Zuerst aber muss alles von der mückenverseuchten Terrasse in den Bungalow – das betreffend, hatte das Gefläze unserer beiden Freundes wohl doch was Gutes... Um nun die zu erwartende Mozzie-Invasion ins Schlafzimmer zu verhindern, schalten wir sämtliche Lampen aus und transferieren das Zeug bei völliger Dunkelheit nach drinnen. Dann schließen wir die Tür, knipsen die Lichter erleichtert wieder an und pressen anschließend unsere Siebensachen in Rucksack und Reisetasche. Nach einer Stunde, wir schwitzen wie blöd, ist alles weitestgehend verstaut. Schluss für heute? Ja!!! Heinz geht duschen und wäscht sich den Schweiß dieser Packaktion als erster vom Leib, während ich nochmal was aus meiner Reisetasche zerre, was ich morgen brauche und vergessen hatte - es ist, klar, ganz unten! Wah, ich könnte echt ausrasten! Dann endlich bin auch ich fertig, in doppeltem Sinne, und Heinz kommt aus der Dusche – mit bekümmerter Miene: „Schneck, der Abfluss funktioniert ned, da steht die Brühe bis zum Rand.“ Na, auch schon egal! Notdürftig und unter der Verwendung von möglichst wenig Wasser, versuche ich nun, mich in der überschwemmten Dusche einigermaßen reisetauglich zu reinigen, während Heinz die Mücken jagt, die natürlich doch mit ins Zimmer gekommen sind.

Erst hatten wir ja gedacht, wir könnten uns das sparen, aber eine Inspektion der bereitgestellten Moskitonetze überzeugte uns vom Gegenteil: handtellergroße Löcher und notdürftig verklebte Risse sind kein wirklicher Schutz... Als ich dann frisch geduscht aus dem Bad komme, hat Schneck die (hoffentlich) letzte Mücke erledigt - und meine Stimmung ist auch wieder besser. Versöhnt mit dem langen Fahrtag, der nichtsdestotrotz ganz interessant war, versöhnt mit dem nicht sehr gepflegten Elephant Inn und der leidigen Packaktion, setzen wir uns mit einem Gute-Nacht-Bier auf die Terrasse - in langen Hosen mückensicher verpackt - und lauschen dem Verkehrslärm der naheliegenden Straße. Es hat doch alles auch eine gute Seite: so fällt der Abschied wenigsten leichter!


Weitere Impressionen des Tages:

Auf dem Weg nach Bulawayo
Hauptstraße
Wegweiser










Schnell noch eingekauft
Bei Rot über die Ampel
Warten auf Kunden










Alles ist vergittert
Wegweiser
Kleiner Stadtpark










Minishop
Hauptstraße
Familienpicknik










Andenkenmarkt
Da wollen wir nicht hin!
Da auch nicht!










Tankstelle
Pläuschchen an der Tanke
Familienspaziergang










Wir verlassen Bulawayo
Mitfahrgelegenheit?
Handkarren










Suburb von Bulawayo
Suburb von Bulawayo
Suburb von Bulawayo










Industrie
Euphorbienwald